Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen
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Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg

↑ Wilhelm Fischmann, Kriegserlebnisse eines Kasselaners, 1915

Abschnitt 13: Kriegstote und Verwundete, Kriegsgedicht

[186]

Ich bin noch einmal wieder fortgeschickt worden, um Stellungen beim Nachbardorf P. aufzunehmen. Und hierbei hatte ich Gelegenheit, einen neuen Friedhof zu sehen, der mich bewegt hat. Da ist in der Mitte des Ortes ein stiller Platz, den alte Linden umschatten. Ein altes eisernes Kreuz steht unter den Bäumen, und der Christus dran glänzt golden in der Abendsonne. Das ist der Friedhof der gefallenen Kameraden, die vor L. und V. verbluteten. Weiße kunstvoll geschnittene Holzkreuze, die Freunde und Kameraden ihnen aufs Grab gesetzt haben, nennen uns noch die Namen derer, die ihr junges Leben dem Vaterlande gegeben haben. Wie lange wird's dauern, dann sind die Namen verwittert und die Kreuze zerfallen. — Aber mit liebevolleren Händen werden keine Gräber gepflegt wie diese, Primeln und Veilchen und Tulpen blühen in bunten Farben drauf, junge Lorbeerbüsche sind dazwischen gepflanzt.

Es ist einem eigen zu Mute, wenn man an schlichten, blumenbesäten Kriegergräbern steht. Ich sah viele auf dem Friedhof an der zusammen geschossenen Kirche in V., auf dem Waldfriedhof in A., auf Feldern und in Wäldern. Aber nirgends hat's mich so gepackt wie am stillen Herrgottseckle in P. —

Heute sind in dem Abschnitt, in dem ich zu arbeiten habe, 4 Mann schwerverwundet und einer von einer Granate zerrissen. Ich bin heute nicht in Stellung gegangen, es hat so sein sollen. Der Tote wird morgen auf einem anderen Erdenfleck ins Grab gelegt; am Rande des Schützengrabens schaufeln sie ihm heute sein Grab neben vielen ändern. Da ist eins, das von Granaten-Ausbläsern umrahmt ist. Auch auf ihm blühen Primeln und Veilchen. Junge Rosenstöcke haben sie jetzt darauf gepflanzt.

Heute abend bin ich mit einem Kameraden noch einmal durchs stille Dorf gegangen. Frieden war heute in mir und tiefer Frieden in der stillen frühlingsatmenden Natur. Kein einziger Schuß war zu hören, die Soldaten saßen, ihr Pfeifchen schmauchend, vor den Türen der zerschossenen Häuser, die Bäume standen still hoch in den goldenen Abend-Himmel hinein, nur der Glockenklang vom angeschossenen Kirchturm, der fehlte uns in diesem friedlichen, schönen Bild. Wie immer haben wir uns von daheim erzählt. Unsere Schritte hallten in den einsamen Gassen, und als die silbernen Sterne am Himmel aufzogen, sind wir heim zum Schloß. — Heimweh hab ich heut empfunden, es war uns wie daheim so friedlich und still, — wann, Friede, wirst du uns beschieden sein?

12. 4. 1915. Morgens um 5 Uhr kommt W. in unser Zimmer mit der Meldung, daß ihm in dieser Nacht aus seiner Gruppe (Infanteristen) ein Mann schwerverwundet und ein Mann von einer Granate zerrissen wurde. Es war das alles unter seinen Augen geschehen. Die Nacht noch hat er die Überreste dieses Gefallenen zur letzten Ruhe bestattet.

Und nun soll noch ein Gedichtchen aus unserer Armee-Zeitung, von der Gräfin Rittberg-Dresden, verfaßt, hier ausgezeichnet werden, da dieser Abschnitt meines Tagebuchs heimflattert.

Meine Mutter hat geweint,
Als ich zog ins Feld.
Mutter, Gottes Sonne scheint
Auf der ganzen Welt!
Ob Dein Sohn Dir wiederkehrt,
Bangen sollst Du nicht,
Hast's mich selber ja gelehrt:
Jung', tu Deine Pflicht!

Weint mein Weib die Augen rot:
Stirbst Du, sterb ich mit!
Schatz, das arme bißchen Tod
Trennt uns beide nit!
Weißt ja, daß ich lieb Dich hab,
Mag, was will, geschehn.
Deutsche Treue bis zum Grab
Und — auf Wiedersehn!

Jauchzt mein Knäblein: Kehr zurück
Aus dem lust'gen Krieg! —
Kämpfen geh ich um Dein Glück,
Bete, Kind, um Sieg.
Und wenn ich den Heimatherd
Nimmer sehen kann,
Halt mir Deine Mutter wert,
Werd ein deutscher Mann!

Gläubig rief das Vaterland
Seinen Sohn zur Wehr,
Gab in unsre starke Hand
Sein Gedeihn und Ehr:
Liebes Deutschland, trautest gut!
Stehn in Ost und West
Bis zum letzten Tropfen
Blut Wache, treu und fest!


Personen: Fischmann, Wilhelm · Rittberg, Charlotte von
Orte: Dresden
Sachbegriffe: Frontabschnitt: Somme · Westfront · Soldatenfriedhöfe · Soldatengräber · Verwundete · Granaten · Gefallene · Schützengräben · Heimweh · Friedenssehnsucht · Kriegsgedichte
Empfohlene Zitierweise: „Wilhelm Fischmann, Kriegserlebnisse eines Kasselaners, 1915, Abschnitt 13: Kriegstote und Verwundete, Kriegsgedicht“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/index.php/de/purl/resolve/subject/qhg/id/164-13> (aufgerufen am 05.05.2026)