Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen
Bitte beachten Sie: LAGIS hat eine neue Adresse: lagis.hessen.de. Für eine Übergangszeit stehen Ihnen ausgewählte Module über die bekannte Oberfläche zur Verfügung. Alle anderen sind über die neue Version des Informationssystems zugänglich. Bestehende Permalinks behalten ihre Gültigkeit und leiten bereits jetzt oder nach Abschluss aller Migrationsarbeiten automatisch auf das neue System um.

Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg

↑ Wilhelm Fischmann, Kriegserlebnisse eines Kasselaners, 1915

Abschnitt 11: Nächtliches Vorrücken aus dem Schützengraben

[184-185]

G.C. Mein Tagebuch wird eigentlich ein Nachtbuch. Tags wird bis nachmittags geschlafen und nachts gearbeitet.
Die Nacht vom 7. auf 8. April [1915] war meine schwerste Nacht bis jetzt.
Vormittags lief die Meldung ein, daß der rechte Flügel unserer Stellung, der vom Feinde fast 600 in entfernt liegt, 200 m vorgeschoben werden solle. Alle Reserven wurden dicht hinter der Schützenlinie aufgestellt, die Artillerie stand in Bereitschaft, um uns bei einem etwaigen Sturmangriff der Franzosen zu helfen.
Um ½ 8 Uhr zogen wir in langer Schlangenlinie, je 2 Mann einen spanischen Reiter tragend, der Stellung zu. Es war eine sternenklare, mondlose Nacht, in der viele Meteore fielen. Wir konnten mit unserer Last keinen schmalen Laufgraben benutzen, sondern mußten über freies Feld auf V. zu schreiten. Die ganze, viele Kilometer lange Linie war von deutschen und französischen Leuchtkugeln erhellt, zu unserer Linken blitzten dauernd rote Leuchtkugeln auf, die Artilleriehilfe bedeuten, und schon blitzten die feindlichen Geschütze auf. Wir zählten: eins, zwei, drei ... bis einundzwanzig, ehe wir das Donnern und das Pfeifen hörten. 7 km waren die Geschütze von uns entfernt. Von V. gingen wir nach rechts in die Stellung ebenfalls lautlos übers Feld, die feindlichen Kugeln surrten über uns weg. Es trifft ja doch keine, bei Nacht schießen sie nach dem Horizont und immer zu hoch.
Wir kamen am Schützengraben an, der von Infanterie sehr stark besetzt war. Und nun hieß es: Pioniere vor. Zum Ausführen der Erdarbeiten wurden uns 2 Kompagnien Infanterie mitgegeben, unsere Leute mußten Anleitung geben und Drahthindernisse bauen. Leutnant v. Sch. schickte mich als Patrouille vor. 8 Mann durfte ich mir aussuchen, die unsere Arbeiten sichern sollten. Wir krochen 70 m vor die neu zu bauende Stellung, die 200 m vor unserer alten liegt. Ich befahl ausschwärmen nach links mit 8 Schritt Zwischenraum, Aufpflanzen des Seitengewehrs und verbot streng jegliches Schießen. Als wir ungefähr eine Stunde dort vorn im nassen Grase gelegen hatten, wurde mir plötzlich das Erscheinen einer 3 Mann starken feindlichen Patrouille gemeldet. Ich überzeugte mich selbst davon, daß die Leute kriechend herannahten. Als eine Leuchtkugel hochging, warfen sie sich nieder. Ich verbot den Leuten zu schießen und kroch zurück, um Verstärkung zu holen und Meldung zu erstatten, damit die Arbeiten für einige Minuten eingestellt würden. Wir hatten bis jetzt nur einige Kugeln bekommen, wir durften nicht bemerkt werden! Bei einem Infanterieleutnant erbat ich mir 3 handfeste Leute. Wir wollten die Patrouille bajonettieren. Der Leutnant und ein Vizefeldwebel wollten selbst mit, wir pflanzten alle die Gewehre auf und krochen zu viert (der schneidige Pionier L. als vierter) weitere 200 m vor. Die feindliche Patrouille war jedoch wieder zurück, der Leutnant und der Vizefeldwebel gingen wieder zurück. Ich blieb mit dem Pionier L. dort vorn liegen. Wir wollten unbedingt verhindern, daß wir entdeckt würden. Nach weiteren 10 Minuten krochen auch wir zurück. Aber da mußte ich eine sehr traurige Wahrnehmung machen: meine 8 Mann, die uns decken sollten, waren verschwunden, die ganzen Kompagnien selbst [S. 185] hatten sich infolge falschen Alarms in die alte Stellung zurückgezogen.
Und nun ging ein Infanterieschnellfeuer von den Franzosen aus, daß ich glaubte, meine letzten Minuten seien gekommen. Keine Hilfe weit und breit, kein Mann von uns in der Nähe, es war furchtbar. Eine Leuchtkugel ging hoch. 2 Minuten stand sie mit ihrem Fallschirm blendend über mir, alles taghell erleuchtend. Ich preßte mich an den Boden, meine Pulse hämmerten, ich sehe, wie eine Sternschnuppe fällt, und denke dabei an daheim, daß es nun an ein Abschiednehmen geht. Sssss.. sausen die Salven über uns beide weg. Und da kracht auch schon das erste Schrapnell über mir. Infanteriefeuer ist nicht schlimm, Artillerie ist schrecklich. Eine Viertelstunde haben wir so nebeneinandergekauert gelegen, da ließ das Feuer nach. Nicht einen Mann Verluste haben wir dank der Deckung in den Schützengräben gehabt.
Ich suchte mir meine Patrouille zusammen. Die lag hinter den Schützengräben im Straßengraben. Ich trieb die Leute wieder auf ihre Posten und habe vier bis fünf Stunden völlig durchnäßt dort vorn gelegen. An unserm Mut und unserer Entschlossenheit hing das Schicksal von 1000 Mann. — Ich bin wegen meines Verhaltens heute vom Oberleutnant und sämtlichen Offizieren gelobt worden, L. und H. werden zu Gefreiten befördert. Ich habe für einige Tage Ruhe bekommen. Ich darf in den nächsten Tagen meine Arbeit einteilen wie es mir beliebt, und das freut mich.
Und unserm guten Gott habe ich gedankt, der gnädig seine Hand über mir ausgebreitet hielt. Lt. Sch. gab mir seine alte Uniform und Wäsche, so habe ich trocken bis heute in den Nachmittag hinein ausgeschlafen.


Personen: Fischmann, Wilhelm
Sachbegriffe: Zensur · Artillerie · Sturmangriffe · Franzosen · Drahthindernisse · Spanische Reiter · Meteoriten · Laufgräben · Leuchtkugeln · Schützengräben · Infanterie · Pioniere · Leutnante · Patrouillen · Seitengewehre · Nahkampf · Vizefeldwebel · Infanteriefeuer · Schrapnells · Oberleutnante · Offiziere · Gefreite · Frontabschnitt: Somme · Westfront
Empfohlene Zitierweise: „Wilhelm Fischmann, Kriegserlebnisse eines Kasselaners, 1915, Abschnitt 11: Nächtliches Vorrücken aus dem Schützengraben“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/index.php/de/purl/resolve/subject/qhg/id/164-11> (aufgerufen am 06.05.2026)