Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen
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Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg

↑ Robert Wolfgang Wallach, Aus dem Tagebuch eines Kriegsfreiwilligen 1914/15

Abschnitt 11: Vorm Feind

[17-18]
Vorm Feind.

Vorm Feind!
Nun stehen wir Knaben auch in der Reihe
Wo Männer nur, stehen
Die ihr Alles verteid'gen,
Nun sind wir da, wo wir hin gewollt,
Sind im Kampfe, im Krieg.
Nun also müssen wir begreifen,
Daß wen'ge hundert Meter weit,
Menschen mit der Waffe auf uns lauern.
Schon zischen die Granaten über uns,
Schon pfeifen Kugeln um uns her.
Und doch — wir könnens nicht begreifen,
Daß vor uns lauernd steht — der Tod.

„Patrouille gen den Feind, Freiwill'ge vor"!
Gehts durch die Schützenkette hin,
„Gen den Feind!" —
Und mich durchzuckts:
Vielleicht erfahre auf Patrouille ich
Was das „der Feind" für uns bedeutet.
Und kurz:
Ich gehe mit.

Wir kriechen zwischen Rübenäckern hin,
Zu dritt, ein Korporal, ein Kamerad und ich.
Die Waffe um den Hals gehängt.
Mir klopft das Herz wie zum Zerspringen,
Die Augen flimmern mir,
Und wilde Melodien rauschen mir im Ohr.
Und mit den Augen klammr' ich mich
Haltsuchend an die mondbeglänzten Weißen Sohlennägel
Des Korporals, der vor mir kriecht. —
Endlos dünkt mir der Weg,
Wie eine raum- und zeitenlose Ewigkeit. —

Doch plötzlich Halt.
Der Korporal schmiegt sich dem Boden an,
Und winkt mir mit der Hand.
Ich krieche neben ihn
Und vor mir ist ein Pfählewald
Von tausend Drähten wirr versponnen.
Wir sind „am Feind".

Und nun?
Ich lausche auf. —
Mir ist als pulse da vor mir ein neues Leben,
So fremd und kalt
Und doch so menschlich atmend.
Ein Scharren, Laufen, Klopfen ist's.
Hier wie ein Murmeln
Dort wie ein leises Lied! —
Da! -
Unfern blinkt ein kleines Licht kurz auf,
Ein Krach -
Und eine Kugel irrt ins Leere.
Und ich begreife. —
Und der Gedanke schafft sich plötzlich Platz
In meinem wirren Hirn:
Wenn ich nun aufstehn,
Rufen würde —
Ein kurzes Blitzen säh ich vor mir —
Und — „meine" Kugel wäre abgeschossen. —

Der Korporal schaut plötzlich prüfendernst mich an.
Als ob mein Denken er erraten hätte,
Nickt stumm,
Und wendet sich zum Rückweg, —

Und mählig werde wieder ruhig ich.
Wenngleich ein großes Ahnen weiter in mir lebt,
So weiß ich doch
Was das „der Feind". —
Ich bin gleich in der ersten Nacht
„Vorm Feind"
„Am Feind" gewesen.


Frankreich, Oktober 1914.


Empfohlene Zitierweise: „Robert Wolfgang Wallach, Aus dem Tagebuch eines Kriegsfreiwilligen 1914/15, Abschnitt 11: Vorm Feind“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/index.php/de/purl/resolve/subject/qhg/id/134-11> (aufgerufen am 06.05.2026)