Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen
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Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg

↑ Karl Rühl, Auszug und erste Kriegswochen des Landwehr-Infanterie-Regiment Nr. 116 aus Darmstadt und Gießen, 1914

Abschnitt 11: Erneute Kämpfe während des Rückzugs

[22-24]
II. Kämpfe um die Festigung der neuen Lage.
(15. bis 30. September 1914.)

Der Rückmarsch geht bei Regenwetter von statten; zum ersten Male sind Engländer und Franzosen auf der Verfolgung, um die vermeintlich völlig geschlagenen deutschen Heere zu vernichten und die Rheinlinie zu erreichen. Die vom Gegner beabsichtigte Umfassung gelingt nicht: er greift ins Leere, Artillerie und Infanterie speit ihm aus eilig ausgehobenen Feldstellungen Feuer entgegen.

Am 11. 9. erreicht das Regiment Le Fresne, wo Stab, I., 9. und 10. Komp. Ortsbiwak beziehen, der Rest des Regiments bleibt in Moivre. Am 12. wird der Marsch über Poix - Somme-Vesle - La Croix-en-Champagne (zwei Stunden Rast) über Somme-Tourbe - Laval nach Wargemoulin fortgesetzt, wo wiederum Ortsbiwak bezogen wird. Am 13.9. 1.30 nachm. wird alarmiert, weil der Gegner nachdrängt, und der Marsch über Virginy - Massiges nach Ripont fortgesetzt, wo die gesamte Brigade gedrängt unterkommt. Am 14. 9. marschiert das Regiment über die Höhe nördlich Ripont nach Gratreuil. Die Verpflegung war mangels Feldküchen dürftig, die Mannschaften daher recht erschöpft.

An diesem Tage ist die von der O.H.L. vorgesehene neue Linie erreicht. Es gilt nunmehr, die Heere herumzuwerfen und den Vormarsch der Franzosen aufzuhalten. Westlich der Champagne tobt schon die furchtbare Schlacht an der Aisne, die Frankreichs kurzen Siegestaumel jäh zum Erwachen bringt. Die Rückzugsbewegung der deutschen Heere, deren Vernichtung man in sichere Aussicht gestellt hatte, kommt zum Stehen, zäher Widerstand prallt den Verfolgern entgegen. Eine Schlachtenfolge großen Stils entwickelt sich. Bei der 4. Armee sind es im wesentlichen Einzelkämpfe, welche die neue strategische Lage kennzeichnen.

Am 15.9. 1.00 vorm. wird das Regiment alarmiert. Abmarsch 2.00 vorm. in Reihenfolge III., II., I. über Fontaine - Rouvroy nach der Straßengabel 1.5 km südwestl. Cernay-en-Dormois, woselbst Aufstellung genommen wird. Das Regiment steht der 15. R.D. zur Verfügung. Von 7.00 vorm. ab liegt die Straße und das Gelände westlich davon unter heftigem Artilleriefeuer. II. und I. nehmen 11.30 vorm. Aufstellung nördlich der bewaldeten Höhe, westlich Höhe 155 (La Justice), etwa 1,8 km südwestl. Cernay. III. bleibt an der Straßengabel. 3.30 nachm. [S. 23] wird bei einem Erkundungsgang der Regiments-Führer, Oberstlt. Krause, schwer verwundet, der stellvertr. Regts.Adj., Lt. Vogt, fällt. Major Müller übernimmt die Führung des Regiments. Um 4.00 nachm. wird er von einer Abteilung Res. Feld. Art. 15 dringend um Hilfe gebeten, weil deren rechte Flanke von vorgehender französischer Infanterie bedroht wird. Sofort wird die gerade eben von Bertrix eingetroffene 6. Komp. zum Schutze der Artillerie eingesetzt, der Rest des Bataillons nachgezogen. Die 5. Komp. verlängert die bald im Gefecht stehende 6. Komp. nach rechts, 7. und 8. Komp. bleiben in zweiter Linie hinter den Flügeln. Die Stärke des Gegners von ein bis zwei Bataillonen veranlaßt auch den Einsatz von 7. und 8. Komp. I. wird herangezogen und verlängert mit 2. und 3. Komp. die Schützenlinie mit dem Befehl, die 191 (später Ehrenberg) nordwestlich vorgelagerte Höhe, die später Tellerberg genannt wurde, zu nehmen. Der Befehl wird ohne wesentliche Verluste ausgeführt. Bald darauf werden 1. und 4. Komp. in II. eingeschoben und nehmen am Angriff teil. Von der genommenen Stellung wird starke feindliche Infanterie mit Erfolg bekämpft. Im weiteren Verlauf des Gefechts und Fortschreiten des Angriffs erhält das Regiment aus Richtung Minaucourt (rechte Flanke) starkes Artilleriefeuer, aus der Etangschlucht störendes und verlustbringendes Infanterieflankenfeuer. Trotzdem geht es rüstig vorwärts, auf 191 zu. Gegen Abend suchen von Massiges aus starke französische Kräfte den rechten Flügel zu umfassen, das flankierende Feuer der Artillerie wird stärker, Unterstützungen für die geschwächten Bataillone treffen nicht ein. Das zur Verfügung der Brigade stehende III. kann nicht rechtzeitig erreicht werden, weil es — offenbar ohne dem Regiment zu melden — seinen Standort verlassen hat. I. und II. sehen sich daher unter dem starken Druck des Gegners gezwungen, in die Gräben am Osthang von Punkt 199 zurückzugehen. II. wird nördl. der Höhe in der Nacht gesammelt und besetzt den Westhang der Etangschlucht, I. hält und verstärkt die Gräben auf 199. Im Gefecht des Tages fielen von Offizieren: Lt. Vogt, Lt. Winkler, Lt. Bär, Off.- Stellv. Hofmann, Off.-Stellv. Throm. Verwundet wurden Hptm. Laubis, Lt. Meyer, sämtlich II. Von Unteroffizieren und Mannschaften des I. und II. fielen 34, vermißt 56, (nahezu alle gefallen, wie später nach Erstürmung von Höhe 191 festgestellt wurde), verwundet 180. III. hatte 2 Tote und 12 Verwundete. Am Abend des 15. 9. verfügt das II. außer dem Führer, Major Müller, und dem am 10.9. zum Adjutanten ernannten Lt. Rühl über keine Offiziere mehr. Die Kompagnien werden von Vizefeldwebeln geführt. Am 16.9. 10.00 vorm. wird I. durch III. [S. 24] auf Höhe 199 abgelöst, II. verbleibt in seiner Stellung. I. wird rechts des II. rückwärts gestaffelt, im Grunde nördlich der Chausson-Ferme aufgestellt. 7.30 nachm. rückt das Regiment auf Befehl der 15. R.D. nach Höhe 155 (la Justice), um die 22. Inf.Brig. des VI. A.K. abzulösen. III. bezieht die Stellung westlich Punkt 150 an der Straße Cernay - Ville-sur - Tourbe (Briketterie), l. die Stellung an der Ostecke der bewaldeten Kuppe, westlich der Höhe 155, II. verbleibt in Reserve am Nordhang der bewaldeten Kuppe (Sargdeckel) westlich 155 (Kreuzhügel). Am 18. 9. übernimmt Lt. Schäfer die Führung des II., wird dem R. 17 unterstellt und löst ein Batl. dieses Regiments westlich Höhe 199 ab. Am 20.9. 7-" nachm. trifft die Meldung ein, daß feindliche Schützen gegen den rechten Flügel des 1l. vorgehen. Die in Reserve liegende 5. Komp. wird in die Feuerlinie geschickt; vorgetriebene Kundschafter stellen jedoch fest, daß das Vorgelände vom Feinde frei ist. Trotzdem entwickelt sich gegen 12.00 nachts ein lebhaftes Feuergefecht, ein Angriff erfolgt jedoch nicht.


Personen: Rühl, Karl · Krause, Oberleutnant · Vogt, Leutnant · Müller, Major · Winkler, Leutnant · Bär, Leutnant · Hofmann, Offizierstellvertreter · Throm, Offizierstellvertreter · Laubis, Hauptmann · Meyer, Leutnant · Rühl, Leutnant · Schäfer, Leutnant
Orte: Le Fresne · Moivre · Poix · Somme-Vesle · La-Croix-en-Champagne · Somme-Tourbe · Laval · Wargemoulin · Virginy · Massiges · Ripont · Gatreuil · Champagne · Aisne (Fluss) · Fontaine · Rouvroy · Cernay-en-Dormois · Bertrix · Minaucourt
Sachbegriffe: Landwehr-Infanterie-Regiment Nr. 116 · Marneschlacht · Truppenrückmarsch · Engländer · Franzosen · Artillerie · Infanterie · Truppenverpflegung · Feldküchen · Oberste Heeresleitung · 15. Reserve-Division · Reserve-Feldartillerie-Regiment Nr. 15 · Offiziere · Unteroffiziere · Gefallene · Verwundete · Vermißte · Vizefeldwebel · 22. Infanterie-Brigade · VI. Armeekorps
Empfohlene Zitierweise: „Karl Rühl, Auszug und erste Kriegswochen des Landwehr-Infanterie-Regiment Nr. 116 aus Darmstadt und Gießen, 1914, Abschnitt 11: Erneute Kämpfe während des Rückzugs“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/index.php/de/purl/resolve/subject/qhg/id/112-11> (aufgerufen am 08.05.2026)