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Hessian Biography

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Portrait

Josef Hörle
(1890–1966)

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GND-ID

1055497781

Hörle, Josef [ID = 17008]

* 7.3.1890 Wiesbaden, † 15.2.1966 Troisdorf, katholisch
Dr. phil. – Lehrer, Gymnasiallehrer, Altphilologe, Historiker
Biographical Text

Vorfahren von Josef Hörle, die bis ins 14. Jahrhundert nachweisbar sind, gelangten aus dem Breitenbacher Grund über Dillenburg in den Westerwald, wo sie über viele Generationen lebten. Großvater Georg (1825–1863) war der erste Lehrer in der neueren Familiengeschichte. Er kam durch den Schuldienst nach Dombach (Taunus) und Hallgarten am Rhein. Vater Hermann (1861–1937) erhielt eine Lehrerstelle in Wiesbaden. Josef, zweitgeborener Sohn, verbrachte seine Kindheit und Jugend in dieser Stadt, in der er das Gymnasium besuchte und 1909 sein Abitur machte. In der Zeit vor und nach der Jahrhundertwende war der junge Mann Zeuge einer vor allem durch den Kurbetrieb verursachten, ungeheuren Expansion. Dieser stand er kritisch gegenüber und schloss sich der Jugendbewegung an.

Josef Hörle war als Katholik Mitglied einer unterprivilegierten Bevölkerungsgruppe. Zeitlebens engagierte er sich in der Kirche, insbesondere in der Sozialarbeit. Sein älterer Bruder Georg Heinrich (1889–1942) wurde der erste Pfarrer in der neu gegründeten katholischen Pfarrei der Frankfurter Industriesiedlung Riederwald, wo er moderne Ansätze des Kirchenlebens umsetzte. In der NS-Zeit wurde er von der Gestapo mehrfach verhört und bedroht. Nachfolger von Hermann Hörle im Riederwald wurde der ebenfalls reformorientierte, spätere Limburger Bischof Wilhelm Kempf.

Von 1909 bis 1914 studierte Josef Hörle in Bonn, Freiburg im Breisgau und München Altphilologie (Altgriechisch und Latein) sowie Französisch für das Lehramt. In Wien promovierte er 1925 bei Professor Edmund Hauler mit einer komplett auf Latein geschriebenen Untersuchung über Cato. Auf dieser basierte seine wichtige Veröffentlichung „Catos Hausbücher: Analyse seiner Schrift De agricultura nebst Wiederherstellung seines Kelterhauses und Gutshofes“, die 1929 bei Schöningh in Paderborn erschien und 1968 beim Verlag Johnson in New York einen Nachdruck erfuhr. Über Cato und die Keltereitechnik der Antike lieferte Hörle in den 1930er Jahren auch mehrere Beiträge für Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft, unter anderem den bis heute als grundlegend angesehenen Artikel „Torcular (Kelterhaus, Kelter)“. (Bd. VI A,2 (1937), Sp. 1727-1747 (mit Zeichnungen).

Hörle war Soldat in beiden Weltkriegen. Im Ersten Weltkrieg war er vier Jahre an der Front und wurde an der Somme, an der Maas und vor Verdun eingesetzt. In der NS-Zeit musste er erneut an die Front, diesmal in den Osten.

Nach dem Krieg konnte er im Spruchkammerverfahren durch Zeugen und aufgrund seines Lebenswandels glaubhaft darstellen, dass er in Hersfeld 1938 als Lehrer dazu gezwungen war, der NSDAP beizutreten, in der er aber keine Funktionen ausübte. So erhielt er nur eine Geldbuße und eine vorübergehende dienstliche Rückstufung. Seine leitende Tätigkeit für den im Allgemeinen unpolitischen Hersfelder „NS-Geschichtsring“ (vormals Hersfelder Geschichtsverein) spielte in diesem Verfahren keine Rolle. Hörles zahlreiche Beiträge in der Zeitschrift des Vereins, der „Stiftsruine“, sowie seine sehr gut besuchten Vorträge widmeten sich ausschließlich fachlichen Themen der Hersfelder Stadt- und Regionalgeschichte. In Hersfeld entstand auch seine neben den Cato-Arbeiten bedeutendste Publikation, die 1949 im Hans-Ott-Verlag erschienene „Geschichte der Hersfelder Stadtkirche“. Die Schrift ging, ergänzt mit neueren Beiträgen, 2019 in die 4. Auflage.

Der Altphilologe Josef Hörle unterrichtete in St. Goarshausen, Feldkirch im Allgäu, St. Blasien im Schwarzwald (bei diesen beiden Stationen auf den dortigen Jesuitengymnasien), Hersfeld sowie zuletzt in seiner Heimatstadt Wiesbaden, der er immer sehr verbunden blieb.

Seine Schüler beschrieben noch nach Jahrzehnten einen unorthodoxen, anschaulichen, aber auch als sehr fordernd empfundenen Unterrichtsstil. Kollegen berichteten von einem stets freundlichen und ausgeglichenen Lehrer, der das Schulleben durch lebendige Vorträge sowie kulturhistorische Exkursionen bereicherte.

Als Historiker zeichnete sich Hörle durch eine fachübergreifende Herangehensweise aus, mit der er in den 1950er Jahren scheinbare Gewissheiten in der nassauischen Geschichtsschreibung in Frage stellte. Insbesondere bezog er neben einer Neubewertung der lateinischen Texte in den Quellen, zu der er mit seinen exzellenten Sprachkenntnissen in der Lage war, geografische Gesichtspunkte der Raumordnung ein, was nach der NS-Zeit in der Wissenschaft lange als „völkisch“ abgelehnt wurde, aber etwa seit dem Jahr 2000 eine Renaissance erlebt hat. Durch seine unkonventionelle Herangehensweise bei der Interpretation verschiedener mittelalterlicher Quellen, vor allem der Gründungsurkunde des Stiftes Gemünden (Westerwald) aus dem Jahr 879, geriet Josef Hörle in den 1950er Jahren in einen „Historikerstreit” mit Hellmuth Gensicke und Wolf-Heino Struck, den Koryphäen der nassauischen Geschichtsschreibung.

Seine neben den Cato-Texten und dem Hersfelder Buch über die Stiftskirche wichtigsten Arbeiten veröffentlichte Hörle im Archiv für mittelrheinische Kirchengeschichte. Große Resonanz fand auch seine Ortsgeschichte „Langendernbach in guten und bösen Tagen“. Durch seine Arbeiten über das Hofhaus in Langendernbach wurde er zum Biografen der Christine von Diez (1571–1637). Christine, die über 30 Jahre im Hofhaus lebte, war das uneheliche Kind der Anna von Sachsen, der Frau von Wilhelm von Oranien, und des Jan Rubens, Vater des berühmten Malers Peter Paul Rubens.

Von bleibendem Wert und in der Gesamtheit unerreicht sind auch die in den 1930er und 1940er Jahren erschienenen 23 Aufsätze in der Zeitschrift „Die Stiftsruine“, Hersfeld.

Josef Hörle heiratete 1931 Katharina „Käthe” Bieroth, die er beim Wandern kennengelernt hatte. Käthe war eine hochgewachsene, selbstbewusste Frau, die den Sport liebte und Tennis spielte – höchst ungewöhnlich für eine Katholikin der damaligen Zeit. Mit Käthe hatte Hörle drei Kinder: Elsbeth (1932–1995), Irmgard (* 1933) und Hildegard (* 1937).

Mit seiner Familie zog der 1955 pensionierte Lehrer im Jahr 1959 nach Troisdorf bei Bonn, wo Käthe familiäre Bindungen hatte. Auch in seinen letzten Jahren führte Josef Hörle seine Forschungsarbeiten rege weiter, unter anderem im Bonner Institut für Antike und Christentum. Für die Kirchengemeinde Troisdorf gestaltete er in gewohnter abwechslungs- und lehrreicher Manier kulturhistorische Ausflüge. Als ihn 1966 ein Hirnschlag ereilte, war er gerade auf dem Weg zu einer Kulturveranstaltung in der Stadthalle Troisdorf.

Peter Eisenburger (18.8.2024)


Bibliography