Hesse in the 19th and 20th Centuries

Die Organisation Escherich in Hessen, 9. Mai 1920
In den frühen Jahren der Weimarer Republik entstanden neben den zeitfreiwilligen Verbänden, die sich oft aus ehemaligen Militärs zusammensetzten, auch Einwohnerwehren. Diese sollten mit der Polizei zusammenarbeiten und Ordnungsdienste übernehmen. Während nach dem Scheitern des Kapp-Putsches fast im gesamten Reich die Einwohnerwehren aufgelöst wurden, blieben sie in Bayern bestehen und wurden weiterhin vom bayrischen Staat unterstützt.
Am 9. Mai 1920 gründete Georg Escherich (1870–1941), der bereits die Leitung über die bayrischen Einwohnerwehren innehatte, in Regensburg die „Organisation Escherich“ („Orgesch“) als Zusammenschluss von Einwohnerwehren. Die offiziellen Ziele der Orgesch waren die Sicherung der Verfassung und die Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung. Dabei sollte ein Putsch von links oder rechts abgewehrt und auf „verfassungsmäßigem Wege die Versöhnung der Volksklassen“ erreicht werden. In der Realität entwickelte sich jedoch eine reichsweit tätige, bewaffnete, völkisch gesinnte und republikfeindliche Selbstschutzorganisation. Nach außen hin wurde betont, sich „nicht mit militärischen Dingen“ zu befassen, dabei war eines der wesentlichen Ziele der Orgesch, militärische Formationen aufzustellen. Waffen, die laut Versailler Vertrag vernichtet oder abgegeben werden mussten, wurden sichergestellt und in zahlreichen illegalen Waffenlagern versteckt. Sozialdemokraten und Juden, gegen die es eine „natürliche Abneigung“ gab, wurden nicht in die Wehren aufgenommen.
Die Führung der Orgesch im Westen Deutschlands lag bei dem ehemaligen Fregattenkapitän und Marburger Geschichtsstudenten Bogislav von Selchow (1877–1943). Selchow plante den Aufbau einer „weißen“ Armee, deren „Kerntruppe“ im Westen das wieder ins Leben gerufene Marburger Studentenkorps bilden sollte. Verschiedene Organisationen schlossen sich zeitweise der Orgesch an, darunter der Jungdeutsche Orden. Die zeitgenössische Opposition sah die Organisation als eine Gefahr für den inneren Frieden des Staates an und befürchtete einen gewaltsamen Umsturz der Verfassung.
Das wiederholte Auffinden illegaler Waffenlager führte schließlich zum Ende der Orgesch. Die Allliierten forderten von der deutschen Regierung die Entwaffnung der Einwohnerwehren und der Zivilbevölkerung. Am 1. November 1920 wurde die Organisation Escherich in Preußen verboten und am 24. Juni 1921 im gesamten Reich als aufgelöst erklärt.
(StF)
- Records
- Bogislav von Selchow, Hundert Tage aus meinem Leben, Leipzig 1936
- Additional Information
- „Frankfurt, 24. August.“, Frankfurter Zeitung Nr. 624 vom 24.8.1920 (eingesehen am 17.12.2025)
- „Bekanntmachung betreffend die Orgesch-Organisation.“, Darmstädter Zeitung Nr. 260 vom 5.11.1920, S. 1405 (eingesehen am 17.12.2025)
- Anfrage des Abgeordneten Kaul, Hessen, 1. Landtag, 1919-1921, Drucksachen, Bd. 3, Darmstadt 1921, Drucksache Nr. 528, [Dig. 52] (eingesehen am 17.12.2025)
- Regierungsantwort auf die Anfrage des Abgeordneten Kaul, Verhandlungen des Landtags des Volksstaates Hessen, 1. Landtag, 1919-1921, Drucksachen, Bd. 3, Darmstadt 1921, Drucksache Nr. 555, [Dig. 74] (eingesehen am 17.12.2025)
- Verhandlungen des Landtags des Volksstaates Hessen, 1. Landtag, 1919-1921, Bd. 3, Darmstadt 1921, 76. Sitzung, 23.11.1920, S. 1970-1980 (eingesehen am 5.1.2026)
- Historisches Lexikon Bayerns: Organisation Escherich (eingesehen am 15.12.2025)
- Wikipedia: Georg Escherich (eingesehen am 15.12.2025)
- Bekanntmachung, betreffend Auflösung der Organisationen Escherich. Vom 24. Juni 1921, Reichs-Gesetzblatt 1921, S. 759 (eingesehen am 15.12.2025)
- Recommended Citation
- „Die Organisation Escherich in Hessen, 9. Mai 1920“, in: Zeitgeschichte in Hessen <https://www.lagis-hessen.de/en/subjects/idrec/sn/edbx/id/7744> (Stand: 22.1.2026)
