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  1. 17.1.1916: Brief Karl Feicks aus Sennelager

↑ Feldpostbrief des Gießener Assistenten Karl Feick, 1916

Abschnitt 1: 17.1.1916: Brief Karl Feicks aus Sennelager

[271-273]
Karl Feick wurde am 29. Dezember 1891 in Darmstadt geboren. Nach der Reifeprüfung am Darmstädter Ludwig-Georgs-Gymnasium 1909 studierte er an der Technischen Hochschule Darmstadt sowie in München und Gießen, wo er Ende 1913 mit einer Arbeit zur Völkerkunde Südamerikas promovierte. Nach dem Gießener Dissertationskatalog war er Assistent am Museum für Völkerkunde, bevor er zum Militärdienst eingezogen wurde. Den hier wiedergegebenen Brief schrieb er am 17. Januar 1916 vom Truppenübungsgelände Sennelager bei Bielefeld und berichtet darin von Kriegserlebnissen aus den Ardennen und Nordfrankreich, wo er während der französischen Septemberoffensive 1916 als Korporal eingesetzt war.
Er fiel am 9. April 1917 an der Aisne in Frankreich. Seine Dissertation wurde posthum mit Datum vom 18. Juni 1917 veröffentlicht.


Sennelager, 17. Januar 1916.

K. und ich waren in derselben Kompagnie lange Zeit nebeneinander herumgelaufen, ohne uns näher kennenzulernen. Eines schönen Sommersonntagnachmittags lag ich im dichten Ardennenwalde und guckte durch das grüne Gewirr von Ästen ins Blaue. Da kam er auf mich zu, bekleidet mit Hose und Stiefeln, und fragte mich, ob ich etwas zu lesen hätte. Ich bot ihm das Verzeichnis von Reclams Universalbibliothek an, was großen Eindruck auf ihn gemacht haben muß, denn von da an waren wir gute Freunde. Damals verbrachten wir den freien Nachmittag mit dem Studium des besondern Verzeichnisses, gingen die uns bekannten Autoren der Reihe nach durch, und ich machte die erfreuliche Wahrnehmung, daß K. in Literatur ziemlich gut beschlagen war. Bald darauf lernte ich ihn auch als flotten Federzeichner kennen, und schließlich waren wir dicke Freunde. Ihn widerte der öde Kommißkram schrecklich an, während ich damals mit Leib und Seele Soldat war. Er dauerte mich immer, wenn er unter der Last schwerer, schmutziger Zementsäcke einherkeuchte, oder, was ihm noch peinlicher war, zusammen mit unangenehmen Kameraden, dicht zusammengepfercht im schmutzigen Unterstand schlafen mußte. Er meldete sich stets freiwillig zu jeder Patrouille, und wir beide haben da draußen in dunkler Nacht zwischen den Fronten manches Abenteuer erlebt, welches unsere Freundschaft immer inniger werden ließ.

Ich erinnere mich einer tollen Nacht, in der uns [S. 272] die Franzosen abzufangen gedachten. Als wir versuchten, durch das französische Drahtverhau durchzukriechen, um einem französischen Horchposten mit Handgranaten auf den Pelz zu rücken, ertönte plötzlich ein Pfiff, einige Raketen platzten über unseren Köpfen und blendeten alles mit grellem Licht, ein wohleingerichtetes Maschinengewehrfeuer schoß wie rasend dicht über unsere Köpfe, sämtliche Posten begannen aus allen Richtungen auf uns zu schießen und selbst die Artillerie setzte uns ein Schrapnell nach dem andern vor die Nase. Im Nu war unsere Patrouille nach allen Richtungen hin zerstoben. Immer zwischen zwei Schrapnellschüssen sprangen wir ein Stück zurück, natürlich dauernd von der Infanterie beschossen, fielen über Stacheldraht, Leichen früher Gefallener, in Granatlöcher und Gräben, kurz, es war ein Gepurzel wie noch nie. Ich war ganz allein, sah niemanden und hörte auch bei dem starken Wind nur das Geknatter der Schüsse. Das Sternbild des Orion gab mir die Richtung. Erschöpft ließ ich mich schließlich in einen Graben fallen, um dort zu warten, bis das Feuer nachgelassen hatte. Da, auf einmal kommt jemand in elegantem Kopfsprung gerade neben mich gepurzelt, fängt furchtbar an zu schimpfen und schließlich riesig zu lachen, als er mich erkennt. Es war mein Freund K. Damals rief er mir im Hagel der Schrapnellgeschoste zu: „Du, ich glaub' doch, daß wir zwei zusammengehören." Wir kamen glücklich zur Stellung zurück und fanden zum Glück auf dem Wege dorthin noch einen verwundeten Kameraden. Manchen schweren Gang haben wir nachher noch zusammen gemacht.

Dann kam die große französische September-Offensive. Todmüde von den Anstrengungen der Schanzarbeiten, über und über bedeckt mit dem weißen Staub des Kreidebodens und halbbetäubt durch die ungeheuren Detonationen der schweren Granaten, lagen wir in den Ruinen unserer zerschossenen Unterstände und warteten sehnsüchtig auf den französischen Sturm. Am Morgen des 25. Septembers, nach siebzigstündigem schweren Trommelfeuer, kamen sie endlich angestürmt, Tausende von blauen Gestalten mit aufgepflanztem Bajonett, alle in der festen Zuversicht, uns bereits tot anzutreffen, um über unsere Leichen hinwegzustürmen und endlich dem Vaterland die Freiheit bringen zu können. — Wenige Minuten später lagen sie fast alle als schrecklich verstümmelte Leichen vor unserem [S. 273] Graben, aus dem der leider sehr schwache, aber um so mutigere Rest der Besatzung ein höllisches Feuer auf die dichten Sturmkolonnen gerichtet hatte.

Dann trat die unheimliche „Ruhe nach dem Sturm" ein. Nur das jämmerliche Geschrei der Verwundeten war zu hören; es dauerte noch bis zum Morgen des folgenden Tages. Endlich konnten wir uns nach den Verwundeten und gefallenen Kameraden neben uns umsehen. Traurige Bilder! Die meisten lagen verschüttet in den eingeschossenen Unterständen, viele gruben wir wieder heraus, teils noch lebend, teils tot. Vergeblich suchte ich meinen Freund und hätte ihn nicht gefunden, wenn nicht ein Kamerad mich aus eine Stelle des Grabens aufmerksam gemacht hätte, die, weil vollständig eingeschossen, sehr gefährlich zu passieren war. Hier hatten die Kameraden auf freiem Feld ohne Deckung dem Sturm getrotzt, während die französischen Maschinengewehre sie der Reihe nach hinstreckten. Aus dem fast völlig verschütteten Eingang eines Unterstandes erschollen Hilferufe. Endlich hatte ich mich hingearbeitet. Vorn lag einer mit gebrochenen Beinen, dahinter saß einer und schlief anscheinend, fiel jedoch, als ich ihn anrührte, tot um; dahinter lag einer im Sterben, und ganz hinten im Dunkeln rief mein Freund meinen Namen mit schwacher Stimme. Die Körper der anderen Kameraden verwehrten mir den Zugang zu ihm. Schließlich gelang mir's, von einer ändern Seite aus vorzudringen, ihn am Koppel zu fassen und herauszuziehen. Die rechte Hand war ganz zerschmettert, die Hand, welche einst die schönsten Zeichnungen gefertigt hatte. Aus der linken Brust quoll ein starker Blutstrom. Ich mußte K., der durch den großen Blutverlust ohnmächtig war, unter den schwierigsten Verhältnissen zum Verbandsplatz schleifen. Aber nicht ein einziges Mal hat er gestöhnt, selbst dann nicht, als ihm von der Hand die Überreste der Finger abgeschnitten wurden. Ich sah ihn dann bis heute nicht mehr. Als einziger überlebender Korporal unseres Zuges durfte ich später Vorschläge zum Eisernen Kreuz machen, und heute hat mir mein Freund mit der linken Hand in einem langen Brief mitgeteilt, daß meine Bitten, ihn mit dem Eisernen Kreuz auszuzeichnen, damals nicht erfolglos waren.


Persons: Feick, Karl
Places: Darmstadt · München · Gießen · Sennelager · Bielefeld · Ardennen · Aisne
Keywords: Georg-Ludwigs-Gymnasium Darmstadt · Technische Hochschule Darmstadt · Handgranaten · Schützengräben · Drahtverhaue · Raketen · Granatlöcher · Stacheldraht · Verwundete · Gefallene · Bajonette · Maschinengewehre · Eisernes Kreuz · Korporale · Feldpost · Feldpostbriefe
Recommended Citation: „Feldpostbrief des Gießener Assistenten Karl Feick, 1916, Abschnitt 1: 17.1.1916: Brief Karl Feicks aus Sennelager“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/en/purl/resolve/subject/qhg/id/68-1> (aufgerufen am 17.07.2019)
 
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