Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen
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Hessian World War I Primary Sources

↑ Schulchronik von Berfa, 1914-1918

Abschnitt 2: Nachrichten über die Ereignisse in Berlin

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Am Dienstag heißt die Überschrift in der Zeitung „die Entspannung der Lage“, Eingreifen des Kaisers. Eine Vermittlungsaktion der Mächte soll in Wien und Petersburg eingeleitet werden. Man bemüht sich, den Brand auf seinen Herd zu beschränken. Alles atmet erleichtert auf. Unsere Dorfbewohner gehen ruhig ihrer Arbeit nach. Die meisten denken, die Sache wird schon im Sande verlaufen. Einen Barometer der Kriegslage bilden die beiden Urlauber Kanonier Heinrich Ehrhardt, Sohn des Müllers Ehrhardt, der 4 Wochen Ernteurlaub erhalten hat, und der Dragoner Heinrich Ehrhardt, der ebenfalls auf Urlaub ist. Solange die beiden noch hier sind, scheint die Sache nicht so schlimm zu werden.

Am Mittwoch, den 29. Juli 14, an meinem Geburtstage, zeigt die Zeitung wieder ein ernsteres Gesicht. Die Überschrift lautet: Österreichs Kriegserklärung an Serbien. Deutschland lehnt die Botschafter-Konferenz ab, direkte Einwirkung Berlins bei den Kabinetten – Verschärfung der Lage. So werden wohl die Waffen sprechen müssen.

Am Donnerstag, den 30. Juli, bekommt die Sache schon ein ernsteres Gesicht, die beiden Ernteurlauber sind telegraphisch in ihre Garnisonen zurückbeordert worden, Dragoner Ehrhardt war auf dem Kleeacker, Depesche wurde ihm morgens 10 Uhr gebracht; reiste sofort ab, ebenso der Heinrich Ehrhardt in der Mühle. Seine Mutter ist gestorben. Auf Reklamation erhielt er einen Urlaub von je 4 Wochen im Frühjahr und zur Ernte. Nun mußte er sofort abreisen; sein Vater fuhr ihn zur Bahn, die gewaschenen Hemden nahm er naß aus der Waschbütte mit in den Koffer! Hoffentlich kommt er mit [S. 4] Gottes Hilfe gesund zurück! Nun ist die Stimmung im Dorfe schon nervöser geworden; doch hat wohljeder den Wunsch, es möchte nicht so schlimm werden, wie es aussieht. Am Donnerstag trägt die Zeitung folgende Überschrift: Noch keine Klärung. Rußland mobilisiert an der österreichischen Grenze. Depeschenwechsel zwischen Kaiser und Zar. – Die Verhandlungen zwischen den Kabinetten dauern fort. – Beginn der Feindseligkeit an der Donau. Da es solange dauert bis zur Mobilmachung glauben viele Ortseinwohner, daß die Kriegsgefahr abgewendet wird. So gehen sie am Freitag, den 31. Juli 1914 an ihre Arbeit und mähen das reife Korn gerade wie in 1870. Alles ist so friedlich und doch sind die Gedanken schon beim Krieg und seinen furchtbaren Begleiterscheinungen. So geht es auch mir. Ich mähte ebenfalls an meinem Korn auf dem Schulacker am Bechtelsberg bei der „dicken Buche“. Als die Zeit kam, wo der Briefträger die Post brachte, lief ich ihm entgegen und holte die Zeitung. Die Mäher im Felde fragen: Nun, Herr Lehrer, wie stehts ? und man merkt allen die angstvolle Sorge an. „Wieder verschlechtert hat sich die Lage“, ist meine Antwort. Ich lese ihnen das Wichtigste vor: „Weitere russische Mobilmachungsmaßnahmen. – Einberufung der russischen Reserven. – Ein deutscher Schritt in Petersburg. – Steigende Kriegsgefahr“. Da arbeiten sie mit großem Seufzer weiter. „Es wird wohl los gehen“ ist ihre Meinung. Als wir gegen Abend nach Hause kommen, ist ziemliche Erregung im Dorfe. Der Kaiser hat über Deutschland den Kriegszustand verhängt. Nun gibt’s wohl kaum ein Zurück und doch gibt’s hier noch genug Leute, die da meinen, der Krieg beginne trotzdem nicht. Aus Petersburg ist heute die Nachricht des deutschen Botschafters eingetroffen, daß die allgemeine Mobilmachung der russischen Armee und Flotte befohlen worden ist. Die Einberufung des Reichstages steht bevor. Infolge der russischen Mobilmachung hat der Kaiser Franz Josef die allgemeine Mobilmachung in Österreich-Ungarn angeordnet. Unserm Kaiser wurde bei seiner Rückkehr nach Berlin ein jubelnder Empfang. Die Ankunft des Kaiserpaares vollzog sich in Berlin am Freitag nachmittag unter dem begeisterten Jubel der Bevölkerung, die sich in dichten Scharen versammelt hatte. Der Kaiser grüßte tiefernsten Angesichts ununterbrochen. Ebenso verneigte sich die Kaiserin andauernd vor dem Publikum. Nicht minder lebhaft wurden der Kronprinz und die Kronprinzessin begrüßt. Als der Kaiser gegen 3 Uhr im Schlosse angelangt war, versammelte sich an diesem alsbald eine große Menge. Zunächst hatte der Kaiser mit dem Reichskanzler eine Konferenz. Dann erschien der Monarch auf dem Balkon des Schlosses, stürmisch vom Publikum begrüßt, das sie Nationalhymne anstimmte. Der Monarch dankte und winkte Ruhe und ergriff dann das Wort. Vor der dicht gedrängten Menge hielt er eine Ansprache, in der er es als eine Niedertracht [S. 5] bezeichnete, daß man ihm nach 26 Friedensjahren den Frieden breche, und indem er das deutsche Volks aufrief, zu Gott zu beten, daß Deutschlands gerechter Sache der Sieg zuteil werde.

Die patriotischen Kundgebungen auf dem Lustgarten setzten sich den ganzen Tag nachmittags fort. Um 6.30 erschien der Kaiser, die Kaiserin und Prinz Adalbert an dem Fenster des Rittersaales und wurden stürmisch begrüßt. Der Kaiser richtete eine Ansprache an das Publikum. Seine Worte wurden von Tausenden von Zustimmungsrufen übertönt. Der Kaiser sagte folgendes: Eine schwere Stunde ist heute über Deutschland hereingebrochen. Neider überall zwingen uns zu gerechter Verteidigung. Man drückt uns das Schwert in die Hand. Ich hoffe, daß, wenn es nicht in letzter Stunde meinen Bemühungen gelingt, die Gegner zur Einsicht zu bringen und den Frieden zu erhalten, wir das Schwert mit Gottes Hilfe so führen werden, daß wir es mit Ehren wieder in die Scheide stecken können. Enorme Opfer an Gut und Blut würde ein Krieg vom deutschen Volke erfordern, den Gegnern aber würden wir zeigen, was es heißt, Deutschland anzugreifen. Und nun empfehle ich Euch Gott. Jetzt geht in die Kirche und kniet nieder vor Gott und bittet ihn um Hilfe für unser braves Heer. – Prinz Oskar von Preußen hat sich vermählt – alles Zeichen, daß es kein Zurück mehr gibt.


Recommended Citation: „Schulchronik von Berfa, 1914-1918, Abschnitt 2: Nachrichten über die Ereignisse in Berlin“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/en/purl/resolve/subject/qhg/id/153-2> (aufgerufen am 06.06.2026)