Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen

Historical Gazetteer

Stadt Kassel

Die Bearbeitung der Siedlungen im Bereich der Stadt Kassel umfasst die Gebiete der kreisfreien Stadt, die heute aus 23 Stadtteilen besteht. Im Rahmen der Neugliederung der 1970er Jahre fanden innerhalb des Stadtgebiets keine Ein- oder Ausgemeindungen statt, so dass der über die → Erweiterte Suche (Auswahlfeld Altkreis) feststellbare Zustand der Stadt Kassel im Stichjahr 1961 (bezogen auf die Gemeinden und Siedlungsplätze mit eigenem Namen) gegenüber dem heutigen nur geringe Abweichungen aufweist. Veränderungen fanden hingegen durch die Umgemeindung von Flurstücken vom Stadt- in den Landkreis Kassel und umgekehrt statt, die in der Regel im Ortslexikon nicht abgebildet werden können.

Stadt Kassel: Karte mit Gemeinde- und Gemarkungsgrenzen

Kartengrundlage: Hessische Verwaltung für Bodenmanagement und Geoinformation (HVBG)
Kartenbearbeitung: Melanie Müller-Bering, HLGL

Die geographische Lage der Stadt Kassel ist durch die Zugehörigkeit zu unterschiedlichen Naturräumen gekennzeichnet. Als Teil der westhessischen Senke wird das sogenannte Kasseler Becken, ein ausgedehnter Talkessel mit weitläufigen Flussniederungen im unteren Fuldatal, im Westen vom Habichtswald, im Nordosten vom Reinhardswald, im Osten vom Kaufunger Wald sowie im Südosten und Süden von der Söhre umrahmt.

Im Kontext der fränkischen Expansion nach Nordhessen ist für die Entwicklung des Kasseler Raumes einerseits seine Grenzlage zu den sächsischen Einflussgebieten im Norden und den thüringischen im Osten, andererseits seine günstige Verkehrslage an einer wichtigen Verbindungsachse von Süden nach Norden hervorzuheben. Das in den frühmittelalterlichen Schriftquellen in der Region vereinzelt greifbare Königsgut wurde von einem 913 erwähnten Königshof am Zusammenfluss von Fulda und Ahna aus verwaltet. Der Reichsgutkomplex tritt nach 1008 deutlich mit der Gründung des Kaufunger Klosters und seiner Übertragung an Kunigunde, die Gattin Kaiser Heinrichs II., in Erscheinung. Herrschaftlich war das Gebiet in der Stauferzeit in die Landgrafschaft Thüringen eingebunden, an die Kassel als Reichslehen fiel. Die Ludowinger errichteten hier eine Burg, gründeten vor 1148 das Stift St. Maria auf dem Ahnaberg, erweiterten die Stadt und bauten sie zur wichtigsten Residenz in Hessen aus. Unter den Landgrafen von Hessen musste Kassel zunächst die Verlagerung der Hauptresidenz nach Marburg hinnehmen. Dennoch wurde die Stadt weiterhin durch landesherrliche Maßnahmen gefördert. Hierzu gehörten der Neubau des Schlosses (1277), die Ansiedlung des Karmeliterordens (1292/93) sowie Ende des 13. Jahrhunderts die Anlage der (Unter-) Neustadt auf dem rechten Fuldaufer, die über eine Brücke angebunden wurde. Mit der Gründung der sogenannten Freiheit erfuhr Kassel um 1330 erneut eine Stadterweiterung um das Doppelte, erreichte damit aber auch seine endgültige Ausdehnung im Mittelalter. Der Ausbau der Martinskirche und die Gründung eines Kollegiatsstifts (1364-66) in diesem Bereich dokumentierten den landesherrlichen Willen, Kassel als Residenz und politisches Zentrum Niederhessens zu nutzen. Hierzu gehörte auch 1384 der Versuch, die ehemals selbständigen Städte Altstadt, Freiheit und Neustadt nach ihrem Zusammenschluss in größere Abhängigkeit zu bringen.

Der landesherrliche Gestaltungswille sowie die Präsenz der Landgrafen und späteren Kurfürsten blieben für die Stadt Kassel bis in die Neuzeit bestimmend. Das Wirtschaftsleben (5 Jahrmärkte, Stapelrecht 1336, Münzstätte 1391, Waage 1404) war weitgehend auf die Bedürfnisse des Hofstaates und des Militärs ausgerichtet. Der Festungskommandant konnte in die Zuständigkeiten des Magistrats eingreifen. Entscheidend für die frühneuzeitliche Entwicklung von Kassel war unter Landgraf Philipp die umfassende Erweiterung des Landgrafenschlosses zu einem bedeutenden Renaissanceschloss in einer kaum einnehmbaren Stadtbefestigung. Mit der parallelen Einrichtung einer Fürstengrablege in der Martinskirche und dem Bruch mit der katholischen Tradition wurde Kassel endgültig zur Residenz- und Hauptstadt der vereinigten hessischen Lande. Mit der Teilung der Landgrafschaft Hessen 1567 wurde diese Rolle jedoch auf die nördliche Teillinie Hessen-Kassel reduziert.

Während bereits 1615 eine „französische“ Gemeinde in der Residenzstadt nachweisbar ist, förderte Landgraf Karl (1670-1730) in besonderem Maße die Zuwanderung von Hugenotten. Für diese ließ er 1688 in Kassel südwestlich der Altstadt, außerhalb der Festungswerke, die Oberneustadt mit der Karlskirche anlegen. Unter Leitung des Architekten Paul R. du Ry wurde die Neustadt mit Wällen befestigt und wurden ferner das Orangerieschloss in der Karlsaue sowie das Herkules-Bauwerk am Abhang des Habichtswaldes errichtet. Allerdings ermöglichte erst die unter Landgraf Friedrich II. nach 1767 erfolgte Niederlegung der veralteten Festungswerke die Verbindung von Alt- und Neustadt. Der Friedrichsplatz mit dem Museum Fridericianum fungierte als Bindeglied zwischen den Städten und der Aue und verknüpfte beide mit dem Bergpark. Unter Landgraf Wilhelm IX., später Kurfürst Wilhelm I. (1785-1806 und 1813-1821), erfolgte eine umfassende Umgestaltung der Wilhelmshöhe als Gesamtkomplex von Schloss und Park.

Die napoleonische Zeit und die Auflösung des Alten Reiches erbrachten für die Landgrafschaft Hessen-Kassel, seit 1803 Kurfürstentum, einschneidende politische Veränderungen. In der Zeit des Königreichs Westphalen (1807-1813) wurde Kassel zwar Hauptstadt eines großen Staats- und Wirtschaftsgebietes, jedoch erfolgte in der kurzen Zeit seiner Existenz keine Neugestaltung der zum Fuldadepartement gehörenden Stadt.

Wie bei der Mehrzahl der Landkreise im Regierungsbezirk Kassel geht die ältere Kreiseinteilung auf das kurhessische Organisationsedikt des Jahres 1821 zurück. Die damals vollzogene Trennung von Justiz und Verwaltung setzte an Stelle der alten Ämter und Gerichte, die noch beide Funktionen vereinigt hatten, Landgerichte und Justizämter als untere Justizbehörden und schuf aus mehreren solcher Gerichtsbezirke den Kreis als Unterbehörde der staatlichen Verwaltung. Die Stadt Kassel – seit 1814 wieder Residenzstadt des Kurfürstentums – gehörte nunmehr als Hauptort zum gleichnamigen, 1821 gebildeten Landkreis (s. Landkreis Kassel). Zu diesem Zeitpunkt bestand sie aus der Alt- und Neustadt, der Unterneustadt sowie der Leipziger, der Frankfurter und der Wilhelmshöher Vorstadt.

In der waldreichen, ansonsten rohstoffarmen, kaufkraftschwachen Region Nordhessen kam die Industrialisierung nur verzögert in Gang. Als Residenzstadt blieb Kassel bis Mitte des 19. Jahrhunderts vom Landesherrn und dessen restaurativer, Gewerbefreiheit unterbindender Politik abhängig. Nach dem Ende des Kurstaates und der Annexion durch das Königreich Preußen 1866 wurde Kassel Hauptstadt der preußischen Provinz Hessen-Nassau, Sitz eines gleichnamigen Regierungsbezirks und zahlreicher Behörden. Vor allem aber profitierte die Stadt von der fortschrittlichen preußischen Wirtschafts- und Gewerbepolitik, in deren Folge die Zahl der Unternehmen sowie die der darin Beschäftigten beträchtlich anstieg. Herausragende Unternehmen waren die Eisengießereien und Maschinenfabriken, darunter die Fa. Henschel und Sohn im Bereich Lokomotivbau. Optische und feinmechanische Fabriken entstanden, die Textilindustrie etablierte sich, später wurden Flugzeugmotorenwerke ansässig. Flankierend begannen infrastrukturelle Verbesserungen zu greifen. Der Eröffnung der ersten Bahnlinie 1848 folgte 1856 die Fertigstellung des Hauptbahnhofs. Die preußische Wasserstraßenpolitik und die Errichtung des Fuldahafens (1895) erschlossen neue Möglichkeiten im Bereich der Schifffahrt.

Mit der Ausgliederung der Stadt aus dem Landkreis Kassel trug man bereits 1867 dem absehbaren Bevölkerungszuwachs der Großstadt Rechnung. In der Folge entstanden im Westen und Süden moderne Villen- bzw. Wohnviertel mit Kur- und Heilanstalten. Das Wachstum und die verbesserten Handlungsspielräume für das Wirtschaftsbürgertum machten die Stadt zum eindeutigen Zentrum in Nordhessen. Die Stadterweiterungen wurden von drei Eingemeindungswellen 1899 (Wehlheiden), 1906 (Bettenhausen, Kirchditmold, Rothenditmold und Wahlershausen) und 1936 (Harleshausen, Niederzwehren, Nordshausen, Oberzwehren, Waldau und Wolfsanger) begleitet.

Die bereits während des Ersten Weltkriegs etablierte Rüstungsproduktion im Kasseler Raum wurde in der NS-Zeit und im Zweiten Weltkrieg forciert, so dass die Stadt einer der wichtigsten Standorte der deutschen Kriegswirtschaft wurde. Dabei kamen ca. 30.000 Zwangsarbeiter zum Einsatz, die in rund 200 Baracken und Lagern untergebracht waren. Die Rüstungskonzentration erklärt die Luftangriffe im Zweiten Weltkrieg, die am 22. Oktober 1943 zur fast völligen Zerstörung der Innenstadt führten. Die Einwohnerzahl ging kriegsbedingt von 216.141 (1939) auf 127.568 (1946) zurück.

Die Jahrzehnte nach dem Krieg waren maßgeblich von Wiederaufbau, Stadterweiterung und ausgedehnter Verkehrsplanung gekennzeichnet. Angesichts der starken Zerstörung des Raumes entschied man sich für eine durchgreifende Modernisierung, die Niederlassung von Oberbehörden, die Übersiedlung der Verwaltung großer Wirtschaftsunternehmungen sowie die planmäßige Heranziehung neuer Industriezweige. Auf diese Weise gelang es in den Nachkriegsjahren, die periphere Lage Kassels im Bundesland Hessen und die Nähe zur Zonengrenze zu kompensieren.

Die Darstellung Stadt Kassel basiert auf dem gedruckt vorliegenden Historischen Ortslexikon für Kurhessen von Heinrich Reimer und auf den im Rahmen der Vorarbeiten zum Geschichtlichen Atlas von Hessen entstandenen Publikationen von Wilhelm Classen, Kirchliche Organisation Althessens und Eisenträger/Krug, Territorialgeschichte der Kasseler Landschaft. Herangezogen wurden außerdem das zweibändige Kassel-Lexikon sowie die Dissertationen von Karl Heinemeyer, Königshöfe und Königsgut im Raum Kassel und Christian Presche, Kassel im Mittelalter.

Die statistischen Angaben zu den Einwohner- und Häuserzahlen sowie der Flächennutzung basieren, sofern nicht anders vermerkt, auf dem Gemeindelexikon für das Königreich Preußen, Provinz Hessen-Nassau sowie der Hessischen Gemeindestatistik.

Großer Wert wurde auf die Erarbeitung der topographischen Ortsbeschreibungen gelegt, die, wo möglich, auf Autopsie beruhen. Die Erfassung von älteren Baudenkmälern sieht das Schema des Ortslexikons nicht vor. Hier genügt der Verweis auf das 2008 von Folkhard Cremer neu aufgelegte Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler (Hessen) von Georg Dehio sowie auf die vom Landesamt für Denkmalpflege Hessen herausgegebenen Bände Kulturdenkmäler in Hessen, Stadt Kassel 1, Kulturdenkmäler in Hessen, Stadt Kassel 2 und Kulturdenkmäler in Hessen, Stadt Kassel 3.

 
Hessisches Landesamt für Geschichtliche Landeskunde