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Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg

↑ Johannes Struckmann, Mobilmachung und erste Kriegswochen des Thüringischen Ulanen-Regiments Nr. 6 aus Hanau

Abschnitt 11: Abschnitt 11

[65] Im Kloster hinter Habay la Neuve machten wir Mittagsrast. Die Hitze war unerträglich. Es wurde abgekocht. Die Posten bekamen Regenschirme von den Klosterfrauen gegen die Sonne, wir lagerten an der Gartenmauer. Patrouille Valentiner stieß zu uns, so daß wir nunmehr 3 Patrouillen und etwa 35 Reiter waren. Nach Absendung der Meldung mit dem bisherigen Erkundigungsergebnis hielten wir drei Kriegsrat wie Indianerhäuptlinge. Wir beschlossen, abends über Etalle vorzustoßen und zu sehen, wo stärkere feindliche Kavallerie läge. Ich ließ noch mit Drahtscheren einen Weg durch all die vielen Drahtzäune im weiten Bogen um Habay la Neuve schneiden, da wir nachts nicht durch dieses umheimliche Städtchen reiten wollten. Um 7 Uhr abends ging es los. Nach 2 Stunden kamen wir von hinten an Etalle ran. Mein Bruder vorn bei der Spitze; es dämmerte schon stark. Am Dorfeingang stutzte er dicht vor einer Barrikade. Ich brüllte: „Attackier doch", galoppiere zu ihm vor, da schießt es auch schon hinter der Barrikade. Die letzten Galoppsprünge, rann an die Barrikade, Mitte ich, rechts mein Bruder, links Valentiner, Pistolen auf die Posten abgeschossen. Menschen stürzen aus Len Häusern, schießen, die 30 Reiter von hinten dringen vor, schießen. Hemds-ärmellange Feuerstrahle aus Floberts, 10, 15, 20 Kürassiere stürzen ran, schreien, schießen und schießen. Ein wüstes Chaos, zwei fletschende und blutgierige Parteien durch eine breite Möbel- und Wagenbarrikade getrennt! Da ist nichts zu machen. Ich brülle: „Kehrt marsch", sehe ein Pferd am Boden. Ein Ulan springt hoch: „Ich bin verwundet". „Am Steigbügel sesthalten" und los geht's als letzter von der feuerspeienden Barrikade weg. Rechts und links ein Kandarenzügel, so habe ich aus mancher Springkonkurrenz meinen „Ursus" kaum halten können. Nach 50 Meter um die Ecke und in Sicherheit. Hier kam schon mein Bruder mit Schützen an. Aber es hatte keinen Wert, wir wußten, was wir erkunden sollten und mußten froh sein, mit blauem Auge davongekommen zu sein. Das blaue Auge war die tote „Wala", der Ulan war nicht verwundet, sondern „nur stark erschrocken". Er kam zum Einjährigen aus den starken „Oberhaupt". Wir machen uns dünne. Marschrichtung fand ich leicht mit Hilfe des Polarsterns um die Dörfer herum auf den nachmittags ausgeschnittenen Umgehungswegen. Es war ein endloser Marsch, unheimlich und langsam. In Arlon wußten wir unsere Infanterie. Als der erste Schuß uns entgegenpfiff, sangen wir „Heil dir im Siegerkranz" und fanden bald Stallung und Quartier, Telephon zur Weitergabe der Meldung und tiefen Schlaf nach dem heißen Tag mit 60 Kilometer Ritt und einer nicht ganz harmlosen Feuertaufe".


Personen: Struckmann, Johannes
Sachbegriffe: Thüringisches Ulanen-Regiment Nr. 6 · Ulanen-Regiment Nr. 6
Empfohlene Zitierweise: „Johannes Struckmann, Mobilmachung und erste Kriegswochen des Thüringischen Ulanen-Regiments Nr. 6 aus Hanau, Abschnitt 11: Abschnitt 11“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/de/purl/resolve/subject/qhg/id/91-11> (aufgerufen am 05.05.2026)