Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen
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Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg

↑ Wilhelm Fischmann, Kriegserlebnisse eines Kasselaners, 1915

Abschnitt 14: Heftiger Beschuss durch französische Artillerie

[186-187, 205-206]

Am 12.4.[1915] mußte ich bis in die Nacht hinein arbeiten, dafür war der heutige warme und klare Dienstag eine Zeit der Ruhe und Entspannung. Im Garten trillern die Finken ihr Lied, Kirsche und Schlehdorn blüht und in Glanz und Glast liegen Park und Schloß. Wir haben den Garten gesäubert, Blumenbeete gegraben und Tulpen und Hyazinthen verpflanzt. Der alte Park soll jetzt geschont, kein Baum und kein Strauch mehr [S. 187] geschlagen werden. Er soll uns an stillen Abenden, wo wir fern von Gewehrgeknatter und Kanonendonner sind, ein Aufenthalt sein, damit wir ausruhen und uns ausspannen können.
Gegen Abend erlebte ich noch eine forcierte Fliegerbeschießung. Kolossale Mengen Schrapnells und Infanteriekugeln sind wohl eine Stunde lang auf den frechen Engländer abgegeben worden, aber der Doppeldecker zog ganz ruhig seine Kreise weiter über uns. Wir wurden sogar durch unsere eigenen Geschosse gefährdet.
Heute abend sind nun auch richtig die ersten Granaten dicht beim Schlosse niedergefallen, er hat gut beobachtet.

[S. 205] G.C. Der heutige 14. April [1915] war wieder ein schwarzer Tag. Ich mußte frühmorgens in Stellung und war nach 1 ½ stündiger Wanderung durch unsern Neukirchener Laufgraben, der jetzt mit den Ziegelsteinen zusammengeschossener Häuser des Dorfes V. tadellos gepflastert ist, im Schützengraben kaum angekommen, als die feindliche Artillerie anfing, unsern Graben mit Granaten zu belegen. Ich muß gestehen, daß ich wohl zum ersten Male auf den Augenblick wartete, der dem Schrecken ein Ende machte. Ich kroch gleich in einen Unterstand, der nicht bombensicher war, wurde von einem Unteroffizier gleich nach einem andern geleitet, der über 4 m unter der Erde lag und knapp für 2 Mann Raum bot.
Zu 9 haben wir uns hier zusammengefunden: 1 Offizierstellvertreter, 3 Unteroffiziere und 5 Mann. Lautlos und geduldig lagen wir hier über und nebeneinander, keiner redete die bangen Stunden ein Wort, wir falteten die Hände. Nur konnten nichts tun als warten; Artilleriefeuer gegenüber ist man wehrlos. Erst am Abend vorher hat es viele Tote und Verwundete gegeben, ich habe mir ihren Anblick erspart. Wer mag von der Kompagnie jetzt derjenige sein?

Wir hören den Knall des Abschusses, das sausende Pfeifen und die Explosion der Granate fast gleichzeitig. Alle sind aus einen Baum neben dem Unterstände gerichtet und alle fallen wenige Meter von uns nieder. Und jedesmal zittert und bebt die Erde, mehrmals springt durch den kolossalen Luftdruck die Tür unseres Unterstandes klirrend auf und fliegt Erde vom Graben und von der Decke. Man sieht ängstlich nach oben. Werden die 4 m Erdreich, die nur schwach abgestützt sind, den Druck ertragen oder wie ein Eisenhammer uns alle 9 Mann erdrücken?
Und wieder dieser Knall, der die Erde erzittern [S. 206] läßt, klirrend fliegt die Tür auf, Erdreich spritzt herein und zugleich gräbt sich ein glühend heißer, scharfer Granatsplitter ins Erdreich der Treppe. Uns trieb's das Blut zum Herzen. Der Offizierstellvertreter kaut am Bart und der Posten, der oben getreu dort in der Nähe ausgeharrt hat, ruft herunter: „Herr Feldwebel, ich kann nicht mehr!" Der Feldwebel gestattete dem bleichen und verstörten Manne, einem alten Landwehrmanne 2. Aufgebots, der in den schweren Kämpfen bei Carency1 sich ausgezeichnet hat, den Eintritt. Auch er brachte einen heißen, großen Splitter mit, der sich dicht bei ihm in die Erde gebohrt hatte. Wahrlich, Infanteriefeuer ist nichts, Artilleriefeuer macht den Kräftigsten zu einem entnervten, schwachen Menschen, man fühlt seine Wehrlosigkeit, seine Ohnmacht!
Zwei Stunden dauerte die forcierte Beschießung, immer folgten 2 bis 3 Schuß, dann war für 5, 10, 15 Minuten Ruhe, aber diese Ruhe ist noch nervenanspanender als die Schüsse selbst. Große Verheerungen waren im Graben angerichtet.
Und jedesmal, wenn so ein paar Schuß gesessen hatten, dann johlten drüben in 100 m Entfernung die Franzosen: „Kamarad! Deutsche Hungerleider, Allemagne in vier Tage kaput, niks zu fresse, Deutsche 75 000 Tote, bald in Berlin!" Was mag denen alles vorerzählt werden, damit ihr Mut, soweit man überhaupt von Mut bei denen reden kann, gehoben wird! Wir stehen im Herzen Frankreichs — und die glauben an Siege.
Unsere Leute antworten nie auf diese Rufe. — Sie antworten jetzt augenblicklich, es ist nachts ½ 12 Uhr, auf ihre Art. Jetzt macht unsere Artillerie ihre Arbeit, ein Schuß dröhnt nach dem anderen her, und unsere Steilfeuergeschütze machen ihr Geschäft noch besser, die sitzen sicher im französischen Schützengraben.
Ob die jetzt auch noch von Sieg träumen? Jetzt haben wir einmal vertauschte Rollen! Zwar hat die schwere französische Artillerie uns heute abend mehrere Tote gebracht, wie soeben gemeldet wird, dafür donnern unsere schon den ganzen Abend, die Zeit der monatelangen Ruhe ist hier vorüber.
Ich war froh, als ich heute vormittag im Schloß ankam, heute hat mich ein Grauen vorm Kriege gepackt.


  1. Carency, französische Gemeinde im Département Pas-de-Calais, etwa 11 km südwestlich von Lens.

Personen: Fischmann, Wilhelm
Orte: Carency · Lens · Berlin
Sachbegriffe: Frontabschnitt: Somme · Westfront · Kanonendonner · Flugzeuge · Fliegerangriffe · Schrapnells · Infanteriefeuer · Engländer · Doppeldecker · Granaten · Laufgräben · Schützengräben · Unteroffiziere · Artilleriefeuer · Offizierstellvertreter · Bärte · Feldwebel · Landwehrmänner · Granatsplitter · Franzosen · Steilfeuergeschütze · Gefallene
Empfohlene Zitierweise: „Wilhelm Fischmann, Kriegserlebnisse eines Kasselaners, 1915, Abschnitt 14: Heftiger Beschuss durch französische Artillerie“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/de/purl/resolve/subject/qhg/id/164-14> (aufgerufen am 05.05.2026)