Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen

Historisches Ortslexikon

Landkreis Gießen

Die Bearbeitung der Siedlungen des Landkreises Gießen baut auf einer Reihe grundlegender Veröffentlichungen auf. Zu nennen sind hier vor allem von Lutz Reichardt der Band über Die Siedlungsnamen der Kreise Gießen, Alsfeld und Lauterbach die einschlägige ältere Arbeit von Georg Wilhelm Justin Wagner über Die Wüstungen im Großherzogtum Hessen (Provinz Oberhessen) der Sammelband über den Landkreis Gießen und nicht zuletzt die im Rahmen der Vorarbeiten zum Geschichtlichen Atlas von Hessen entstandenen territorialgeschichtlichen und kirchentopographischen Werke von Wolfgang Müller über Die Althessischen Ämter im Kreise Giessen, Wilhelm Classen über Die kirchliche Organisation Althessens im Mittelalter samt einem Umriss der neuzeitlichen Entwicklung bzw. Gerhard Kleinfeldt und Hans Weirich über Die mittelalterliche Kirchenorganisation im oberhessisch-nassauischen Raum. Neben den einschlägigen Quelleneditionen wurde im Zuge der Materialsammlung auch die archivalische Überlieferung herangezogen.

Karte des Landkreises Gießen mit Gemeinde- und Gemarkungsgrenzen

Kartengrundlage: Hessische Verwaltung für Bodenmanagement und Geoinformation (HVBG)
Kartenbearbeitung: Melanie Müller-Bering, HLGL

Zoom SymbolVollbild

Großer Wert wurde auf die Erarbeitung der topographischen Ortsbeschreibungen gelegt, die, wo möglich, auf Autopsie beruhen. Die Erfassung von älteren Baudenkmälern sieht das Schema des Ortslexikons nicht vor. Hier genügt der Hinweis auf das 2008 von Folkhard Cremer neu aufgelegte Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler (Hessen) von Georg Dehio und auf die vom Landesamt für Denkmalpflege Hessen herausgegebenen Bände der Denkmaltopographie zur Universitätsstadt Gießen, Hungen, Laubach, Lich, Reiskirchen sowie Buseck, Fernwald, Grünberg, Langgöns, Linden, Pohlheim, Rabenau. Für das Stichjahr 1787 wurde auf die Arbeit von Walter Wagner über Das Rhein-Main-Gebiet vor 150 Jahren zurückgegriffen.

Das Bearbeitungsgebiet entspricht dem heutigen Landkreis Gießen, doch lässt sich über die erweiterte Suche nach dem → Altkreis Gießen auch der Zustand des Jahres 1961 rekonstruieren.

Der Landkreis Gießen ist ein geschichtlich uneinheitliches Gebilde, das erst nach der Auflösung des Alten Reiches im Zuge der Vergrößerung des hessischen Territoriums allmählich entstanden ist. Von Beginn der spätmittelalterlichen Territorialisierung an kam dem Raum zunächst eine besondere Bedeutung als südlichem Vorposten der sich ausbildenden Landgrafschaft Hessen gegen das konkurrierende Mainzer Erzstift zu. Die politische Geschichte des Raumes war somit auch ganz wesentlich von den Auseinandersetzungen der beiden Gegenspieler im Spätmittelalter geprägt. Die endgültige Durchsetzung der hessischen Landeshoheit erfolgte in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts unter Landgraf Ludwig dem Friedfertigen. Sie konnte zwar in der Folge gefestigt und ausgebaut werden, doch musste auf Sonderentwicklungen wie die Ganerbschaft des Gerichts im Busecker Tal, die sich aus einem Reichsimmunitätsbezirk entwickelt hatte und auf ihre Lehnbarkeit vom Reich verwies, noch bis 1576 Rücksicht genommen werden. Mit dem Aussterben der Linie Hessen-Marburg entflammte unter den verbliebenen Landgrafschaften Hessen-Kassel und Hessen-Darmstadt eine lang andauernde Auseinandersetzung um das Erbe. Im Friedensschluss von 1648/49 wurden fast alle bis dahin hessisch gewordenen Gebiete der Landgrafschaft Hessen-Darmstadt zugesprochen.

Neben bzw. unterhalb der Landgrafschaft Hessen, später der Landgrafschaften Hessen-Darmstadt und Hessen-Kassel, beanspruchten und behaupteten aus dem Grafhaus Solms die Linien Hohensolms-Lich, Laubach und Braunfels sowie die Grafschaft Nassau-Weilburg, die Deutschordenskommende Schiffenberg sowie die Zisterzienserabtei Arnsburg unterschiedlich große und strukturierte Herrschaftsbereiche. Andere Herrschaftsträger wiederum, wie die Grafen von Gleiberg und Ziegenhain oder die Herren von Münzenberg und Falkenstein gingen noch im Spätmittelalter in den größeren Herrschaften auf.

Zwischen den Landgrafen und den Grafen von Nassau kam es wiederholt zu Teilungsverträgen, so 1585 zur Teilung des „Gemeinen Landes an der Lahn“, wodurch die zuvor gemeinsam beherrschten Orte Großen-Linden, Heuchelheim, und das Gericht Lollar/Kirchberg mit Daubringen, Mainzlar und Ruttershausen, ferner Rodheim-Bieber und Fellingshausen hessisch, Kinzenbach, Wißmar, Launsbach, Odenhausen und Salzböden hingegen nassauisch wurden. 1703 erfolgte eine Teilung des gemeinsamen Hüttenberges: Die Dörfer Allendorf/Lahn, Annerod, Hausen, Lang-Göns, Leihgestern, Kirch-Göns und Pohl-Göns wurden hessisch, Dutenhofen, Dornholzhausen, Groß-Rechtenbach, Hochelheim, Hörnsheim, Lützellinden und Niederkleen hingegen nassauisch.

Mit dem Ende des alten Reiches und der Säkularisation gingen das Kloster Arnsburg an die Solmser Grafenhäuser und die Deutschordenskommende Schiffenberg an den großherzoglich-hessischen Staat über. Bereits 1806 aber fielen die im Gebiet des Kreises Gießen liegenden solmsichen Bezirke an das Großherzogtum Hessen-Darmstadt. 1815 befanden sich somit alle Dörfer und Städte des Kreises im Verband des Großherzogtums, mit Ausnahme von Treis, das zum Kurfürstentum Hessen-Kassel gehörte und den Orten Kinzenbach, Odenhausen und Salzböden, die von Nassau-Weilburg in den neu eingerichteten Kreis Wetzlar und damit in das Königreich Preußen eingegliedert wurden.

1821 entstand der Verwaltungsbezirk Gießen innerhalb der Provinz Oberhessen mit Gießen als Provinzhauptstadt. 1832 wurde der Landkreis Gießen aus den Gemeinden Allendorf a.d. Lumda, Bieber, Fellingshausen, Frankenbach, Gießen (Stadt), Hermannstein, Heuchelheim, Kleinlinden, Königsberg, Krumbach, Naunheim, Rodheim und Waldgirmes gebildet. Zeitgleich entstand der Kreis Grünberg aus insgesamt 64 Gemeinden. Nach verschiedenen Gebietsveränderungen und vorübergehender Auflösung und Eingliederung in den Regierungsbezirk Gießen (1848-1852) bestand dieser bis zu seiner endgültigen Auflösung 1874 und Eingliederung der Gemeinden in die Kreise Gießen und Alsfeld. Von 1841 bis 1848 existierte der Landkreis Hungen, der im Regierungsbezirk Friedberg aufging.

Infolge des preußisch-österreichischen Krieges fielen 1867 die Orte Bieber, Fellingshausen, Frankenbach, Hermannstein, Königsberg, Krumbach, Naunheim, Rodheim und Waldgirmes an Preußen und wurden in der Provinz Hessen-Nassau dem Kreis Biedenkopf (bis 1886 Hinterlandkreis) eingegliedert.

Durch die Auflösung der Kreise Grünberg und Nidda vergrößerte sich der Landkreis Gießen 1874 im Westen und Süden um insgesamt 38 Gemeinden. 1938 kamen zwar durch die Auflösung des Kreises Schotten 7 weitere hinzu, doch schied die Stadt Gießen im Jahr darauf aus dem Kreis aus und wurde zu einem selbständigen Stadtkreis erklärt, der zudem um die eingemeindeten Orte Wieseck, Klein-Linden sowie die Gemarkung der Staatsdomäne Schiffenberg erweitert wurde.

Einschneidende Veränderungen sollte am 1.1.1977 die Bildung des Lahn-Dill-Kreises und der Stadt Lahn aus den hierfür aufgelösten Landkreisen Gießen und Wetzlar sowie dem Dillkreis bringen. Vor allem der Zusammenschluss zur Stadt Lahn aus den fünf Gemeinden Gießen, Wetzlar, Heuchelheim, Lahnau und Wettenberg führte jedoch zu heftigen Protesten und zur baldigen Auflösung am 1. August 1979. Der daraufhin neu gebildete Landkreis Gießen umfasste nun auch die Stadt Gießen und den östlichen Teil des bisherigen Lahn-Dill-Kreises. Der Kreis Gießen besteht heute aus 10 Städten und 8 Gemeinden.

 
Hessisches Landesamt für Geschichtliche Landeskunde