Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen

Burgen, Schlösser, Herrenhäuser

Schloss Marburg

262 m über NN
Gemarkung Marburg, Gemeinde Marburg, Landkreis Marburg-Biedenkopf
Basisdaten | Geschichte | Bau und Baugeschichte | Burgtyp | Nachweise | Zitierweise | Indizes

Das Landgrafenschloss befindet sich auf einer nach Norden, Osten und Süden steil abfallenden Kuppe über der Stadt Marburg. Erstmals urkundlich erwähnt im Jahr 1138/1139 existierte wohl bereits im 10. Jahrhundert auf dem heutigen Schlossberg eine durch die Gisonen oder die Grafen von Gleiberg errichtete Burganlage in Holzbauweise. Nachdem die Marburg mit dem gisonischen Erbe an die Landgrafen Thüringen gefallen waren, bauten diese die Anlage sukzessive aus. Seit 1267 war die Marburg mit Unterbrechungen schließlich Residenz der Landgrafen von Hessen, die die Burg im Verlauf des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit zur repräsentativen Schlossanlage umbauten. Beim Landgrafenschloss handelt es sich um einen aus einer Burganlage entstandenen mehrflügeligen Bau mit Wohn- und Wirtschaftsgebäuden Gebäuden unterschiedlicher Zeitstellung. Erhalten sind insbesondere die Kernburg des Hoch- und Spätmittelalters im Nordwesten der Schlossanlage sowie die Schlosskapelle nahe dem Torbau im Südosten. Darüber hinaus existieren Reste der 1701 erbauten großen Bastion sowie Teile eines Flankenturms, der Kasematten und Mauern (16. bis 18. Jahrhundert) im westlichen Vorfeld.

Basisdaten

Weitere Namen:

  • Marburg
  • Burg Marburg
  • Landgrafenschloss Marburg

Historische Namensformen:

  • Marburg, de (1138/1139) [Wisplinghoff, Siegburg 1 Nr. 43]
  • Martburgensis moneta (1194)
  • Marcborch (1227)
  • Marhpurc (1233)

Ortstyp:

Burg; Schloss

Bezeichnung der Siedlung:

Lagebezug:

77 km südwestlich von Kassel gelegen

Lage:

Auf der nach Norden zum engen Marbachtal steil abfallenden Kuppe des Schlossberges, eines mächtigen Buntsandsteinfelsens, befindet sich hoch über der Stadt das aus einer Burg (Anfang des 11. Jahrhundert) hervorgegangene Landgrafenschloss. Burg- und Schlossanlage lagen strategisch günstig zwischen mehreren Fernhandelsstraßen (u. a. Weinstraße und Köln-Leipziger-Straße) sowie über einer Lahnfurt.

Geschichte

Burggeschichte:

Erstmals urkundliche, allerdings nur indirekte Erwähnung findet die Burg 1138/1139, als ein ludowingischer Ministeriale mit der Herkunftsbezeichnung »Ludewicus de Marburg« genannt wird. Während des Konfliktes mit dem Erzbistum Mainz, das mit dem benachbarten Amöneburg ein wichtiges lokales Herrschaftszentrum besaß, stellte die Marburg im 12. und 13. Jahrhundert für die Thüringer Landgrafen einen bedeutenden Stützpunkt dar. 1529 fand auf Veranlassung Landgraf Philipps auf dem Schloss das Marburger Religionsgespräch statt, das namhafte protestantische Theologen, darunter Luther und Zwingli zusammenführte. Der Versuch einer Verständigung in den differierenden Glaubensfragen scheiterte jedoch an der Kernfrage des Abendmahls. Im sogenannten Hessenkrieg in der Schlussphase des Dreißigjährigen Krieges wurden Stadt und Schloss durch hessen-kasselsche Truppen unter General von Geiso (1645/46) belagert und erobert. Im Gegenzug kam es 1647 zur Belagerung und Einnahme der Stadt durch kaiserliche Truppen unter Melander, wobei das Schloss allerdings nicht eingenommen werden konnte. Im Siebenjährigen Krieg wechselte die Besatzung des zur modernen Festung ausgebauten Schlosses häufig. Nach Kriegsende ließ Landgraf Friedrich II. die Festungswerke schleifen. 1807 wurden die letzten Befestigungswerke des Schlosses gesprengt, das bis 1867 als Strafanstalt diente. Schon Ende des 17. Jahrhunderts war auf dem Marburger Schloss eine Garnison stationiert, die seit 1815 nur mehr als Wachmannschaft für das zum Zuchthaus umgewandelte Schloss eingesetzt wurde.

Ersterwähnung:

1138/1139

Besitzgeschichte:

Seit 1241 stand die Marburg faktisch, seit 1263 rechtmäßig im Besitz des hessischen Landgrafenhauses, das in dieser Zeit von Sophie von Brabant und ihrem Sohn, dem späteren Landgrafen Heinrich I. begründet wurde. 1311 wird Bischof Ludwig von Münster für seinen Verzicht auf die niederhessische Erbschaft seines Bruders, Landgraf Johanns, unter anderem mit Burg, Amt und Stadt Marburg abgefunden. 1388 trägt Landgraf Hermann Papst Urban VI. Burg und Stadt Marburg zu Lehen auf.

Funktion:

Neben seiner bis ins 17. Jahrhundert währenden Nutzung als Residenz der Landgrafen von Thüringen und später der Landgrafen von Hessen beherbergte das Schloss eine Garnison (Ende des 17. Jahrhundert), zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein Gefängnis, diente nach 1869 als Staatsarchiv sowie ab 1938 als Universitätsarchiv. Seit dem Jahr 1974 wird das Landgrafenschloss als Universitätsmuseum der Philipps-Universität Marburg genutzt.

Sonstiges:

Ein Vorgängerbau der Grafen Werner bzw. Giso aus dem 11. Jahrhundert, vermutlich (Lützelburg) oder Kassenburg, befindet sich auf der nördlich des Schlossberges jenseits der Ketzerbach gelegenen Anhöhe Augustenruhe.

Bau und Baugeschichte

Baugeschichte:

Bereits zu Beginn des 10. Jahrhunderts befindet sich auf dem Schlossberg vermutlich eine Höhenburg in Holzbauweise. Wahrscheinlich Anfang des 11. Jahrhunderts wird eventuell durch die Gisonen oder die Grafen von Gleiberg im Bereich des Burgbergs ein verputztes Steingebäude (Festes Haus) errichtet. Dieser erste Steinbau wird um 1140 von den Landgrafen von Thüringen, die 1122 das gisonische Erbe in Oberhessen antreten, einem Umbau in einen Wohnturm auf quadratischem Grundriss unterzogen. Zu jener Zeit dürfte der Wohnturm auch mit einer insbesondere an seiner Nord-, West- und Südseite mächtigen polygonalen Umfassungsmauer umgeben worden sein. In der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts (um 1180/90) wird die Umfassungsmauer der Burganlage infolge der Erweiterung der Marktsiedlung unterhalb der Burg mit der Stadtmauer verbunden. Etwa im Jahr 1220 entsteht im nordöstlich Bereich der Burganlage ein als Bergfried genutzter schlanker Turm zur Sicherung des östlichen Teils der Burg, hier insbesondere des Torbereichs und des Anschlusses der Ringmauer an die Stadtbefestigung. Darüber hinaus erfolgt zu dieser Zeit auch der Umbau des quadratischen Wohnturms im Westen. In den gleichen Zeitraum fällt die Erweiterung oder Erneuerung (möglicherweise einer Vorburg) der Bebauung des Burgbergs in östlicher Richtung, bis auf die Höhe des heutigen sogenannten Wilhelmsbaus. Ein zweistöckiges Gebäude in Massivbauweise mit unbekannter Nutzung wird im Zuge der zuvor genannten Maßnahmen im Bereich der nördlichen Stadtmauer errichtet. Um das Jahr 1230/1240 wird die städtische Siedlung unterhalb der Burg nach Westen ausgeweitet, die Stadtmauer abermals an den westlichen Bereich der Burganlage angeschlossen. Um 1250 wird auf dem südlichen Abschnitt der Umfassungsmauer ein zweigeschossiger Saalbau erbaut. Von 1267 an ist Marburg mit einigen Unterbrechungen Residenz der hessischen Landgrafen. In dieser Zeit erfährt die Burganlage Erweiterungen in ein repräsentatives Fürstenschloss: so werden der viergeschossige Süd-Flügel (sogennanter Landgrafenbau) mit Palas und Schlosskapelle (1288 geweiht) sowie der dreistöckige Nord-Flügel mit großem und kleinen Saal (vollendet 1292/1300) erbaut. Mit der Bautätigkeit im Bereich der Kernburg gehen in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts sowohl die Anlage eines Zwingers als auch der Bau/Ausbau der westlichen Vorburg einher. Unmittelbar südlich unterhalb des Schlosses lässt man ebenfalls am Ausgang des 13. Jahrhunderts eine stattliche Stützmauer aus Bogensegmenten aufrichten, daneben wird der Schlossbau auf einen Sockel gestellt, durch den dieser erhöht und gleichzeitig die Wirkung des Schlosses als repräsentativer Schlossbau verdeutlicht wird. Während der Regierungszeit Wilhelms III., Landgraf von Oberhessen, erfolgen weitere tiefgreifende Umbauten. So wird der Westfassade des Landgrafenbaus zwischen 1471 und 1486 der West-Flügel (sogennanter Frauenbau), Wohntrakt der Landgräfin Anna, angefügt, West- und Südtor erfahren Erweiterungen und ein Marstall wird im nördlichen Bereich der Schlossanlage erbaut. In dieser Phase kommt es auch zur Errichtung des sogenannten Wilhelmsbaus (1492/98), eines dreigeschossigen Saal- und Wohnbaus, der an der Stelle des 1220 erbauten sogenannten Neuen Bergfrieds angelegt wird und auf Teilen der bogenförmigen Stützmauer aufsitzt. Zudem wird das Schloss Ende des 15. Jahrhunderts nach Plänen Hans Jakobs von Ettlingen und Mitte des 16. Jahrhunderts durch Ebert Baldewein mit Befestigungssystemen (1776 und 1809/11 abgebrochen) erweitert. So schließt sich an den bereits 1474 erfolgten Ausbau des Halsgrabens die Errichtung eines ersten Batterieturms (ab 1478), des sog. Hexenturms, im nördlichen Teil der Vorburg. In der Zeit Landgraf Philipps des Großmütigen verliert Marburg seine Funktion als eine der landgräflichen Hauptresidenzen. Dementsprechend finden in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts kaum noch bauliche Veränderungen am Marburger Schloss statt. An der Südwestecke der Vorburg kommt es zwischen 1521 und 1523 allerdings zur Anlage eines großen Batterieturms, der aber schon gegen Ende des 16. Jahrhunderts mit Ausnahme geringer Reste wieder abgebrochen wird. Nach der testamentarisch von Philipp I. verfügten Aufteilung der Landgrafschaft unter seinen Söhnen im Jahr 1567 fällt Oberhessen mit Marburg und der Festung Gießen an Ludwig, der als Ludwig IV. von Hessen-Marburg Marburg zu seiner Residenz macht. In diesem Zusammenhang wird 1572 nach Plänen des Baumeisters Ebert Baldewein südlich der Schlosskapelle die Rentkammer erbaut und sowohl das Zeughaus als auch der Marstall (1575) renoviert. Nachdem Marburg 1604 an Landgraf Moritz von Hessen-Kassel fällt, erhält die Schlossanlage endgültig den Status einer Nebenresidenz. Entsprechend werden nur noch kleinere Umbaumaßnahmen getätigt, etwa am Frauen- und Küchenbau, sowie an einigen Wirtschaftsbauten (1605/1606 und 1631). Bedeutsame Veränderungen am Marburger Landgrafenschloss sind nochmals im Zeitraum von 1700 bis 1740 zu verzeichnen, als dort Festungsanlagen errichtet werden, die aber bereits am Ausgang des 18. Jahrhunderts auf Geheiß Landgraf Friedrichs II. von Hessen-Kassel wieder beseitigt werden. Nach 1800 verändert man die Geschosshöhen zahlreicher Schlossbauten, was insbesondere auf die nunmehrige Nutzung der Anlage als Gefängnis (ab 1809) zurückzuführen ist. 1890 werden alle Dachstühle und Dächer im Bereich des Schlosses ausgewechselt und durch Stahldächer ersetzt. Nochmalige Umbaumaßnahmen erfolgen zwischen 1924 und 1932 und zuletzt 1976 im Kontext der Unterbringung des Universitätsmuseum im Landgrafenschloss. Im Zeitraum von 1866 bis 1884, von 1924 bis 1932 und von 1980 bis 2000 werden mehrfach umfangreiche Erneuerungsarbeiten an der Schlossanlage durchgeführt.

Baubeschreibung:

Der Hauptzugang zum Schloss führt vermutlich von Westen kommend an der Südseite des eigentlichen Schlossbergs entlang, um dann durch das Osttor die Hauptburg zu erreichen. In die Vorburg gelangt man durch ein tunnelartiges Burgtor, das ehemals Bestandteil eines Torhauses vom Ende des 15. Jahrhunderts gewesen ist und sich in die südlich unterhalb des Schlosses befindliche stattliche Stützmauer vom Ende des 13. Jahrhunderts einfügt. Westlich der eigentlichen Schlossanlage befinden sich in der Vorburg mit dem Marstall und dem Zeughaus ehemalige landgräfliche Wirtschaftsbauten sowie das im 17. Jahrhundert erbaute sogennante Kommandantenhaus. Im östlichen Bereich des Schlossberges steht der dreigeschossige sog. Wilhelmsbau (1492/98) unter Krüppelwalmdach, der bereits seit 1625/1626 über eine Galerie mit dem Kernschloss verbunden war. Der südliche Teil des Kernschlosses setzt sich aus dem viergeschossigen Südflügel und der Schlosskapelle zusammen. Teilweise besteht der Südflügel aus dem ehemaligen landgräflichen Wohnbau und aus Resten des zweigeschossigen Palas (Mitte des 13. Jahrhunderts) und ist mit einem Erker über Konsole sowie einem großen dreiteiligen Maßwerkfenster versehen. Der Schlosskapelle nach Süden vorgelagert ist die 1572 nach Plänen von Ebert Baldewein erbaute Rentkammer, ein zweigeschossiger Quaderbau in Traufenstellung mit Giebelgeschoss im Renaissance-Stil. Hauptbestandteil des Westflügels ist der in den Jahren 1486 und 1487 errichtete zweistöckige Frauenbau mit hohen Geschossen. Nördlich des Burghofes steht auf älteren Fundamenten der große, um 1300 durch Landgraf Heinrich I. von Hessen errichtete Saalbau (sog. Nordflügel), bestehend aus aus zwei Hauptgeschossen über hohem Keller. Durch ihre Lage an einem Steilhang des Schlossberges sind die Nord-und Westfassade des Saalbaus mit starken Wandpfeilern verstärkt, die ab Höhe des Dachgesims mit achteckigen Türmchen samt welschen Hauben abschließen. Im Innern des Nordflügels liegen im mit Lanzettfenstern versehenen ersten Geschoss der sog. kleine Fürstensaal in der westlichen und der sog. Waldecker Saal in der östlichen Hälfte. Das gesamte Obergeschoss des nördlichen Saalbaus nimmt der große Saal, heute vor allem als Fürstensaal bezeichnet, ein, der aus künstlerischer bzw. kunsthistorischer Sicht einen der bedeutendsten Räumlichkeiten des Landgrafenschlosses darstellt und mit 482m² zu den größten profanen Innenräumen gotischen Stils zählt. Unmittelbar in östlicher Richtung lehnt sich an den Nordflügel der dreigeschossige, in Massivbauweise gefertigte ehemalige Küchenbau, das sogenannte Leutehaus, an, das möglicherweise auf Mauerresten des 11. Jahrhunderts gründet und über einen Keller des 14. Jahrhunderts verfügt.

Erhaltungszustand:

Ein Tor (Mitte des 13. Jahrhunderts) mit der Außenseite im Norden, das vermutlich Teil einer Vorburg war, ist an der Rückseite des Renaissancetors zur Nordterrasse erhalten. Bis in die heutige Zeit bewahrt blieb vor allem die Kernburg hoch- und spätmittelalterlicher Zeitstellung im Nordwesten der Schlossanlage sowie die Schlosskapelle nahe dem Torbau im Südosten. Erhalten sind darüber hinaus unter anderem Reste der 1701 erbauten großen Bastion sowie Teile eines Flankenturms, Kasematten und Mauern des 16. bis 18. Jahrhunderts im westlichen Vorfeld.

Grabungen und Funde:

Bei Ausgrabungsarbeiten im Jahr 1989 wurde der um 1140 erbaute Wohnturm auf quadratischem Grundriss (in Teilen bis 8 m hoch erhalten) und die Reste von dessen mächtiger polygonaler Umfassungsmauer freigelegt.

Nachweise

Literatur:

Zitierweise
„Schloss Marburg, Gemeinde Marburg“, in: Burgen, Schlösser, Herrenhäuser <https://www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/bg/id/53401420125> (Stand: 29.10.2014)
 
Hessisches Landesamt für Geschichtliche Landeskunde