Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen

Historisches Ortslexikon

Landkreis Kassel

Die Bearbeitung der Siedlungen des Landkreises Kassel umfasst mit dem Gebiet der ehemaligen Landkreise → Hofgeismar, → Kassel und → Wolfhagen einen am 1.8.1972 neu gebildeten Verwaltungsbezirk. Der heutige Landkreis Kassel besteht aus 11 Städten, 18 Gemeinden und dem gemeindefreien Gutsbezirk Reinhardswald. Über die → Erweiterte Suche (Auswahlfeld Altkreis) lässt sich der Zustand des Jahres 1961 mit den sogenannten Altkreisen Hofgeismar, Kassel und Wolfhagen rekonstruieren.

Kassel: Karte mit Gemeinde- und Gemarkungsgrenzen

Kartengrundlage: Hessische Verwaltung für Bodenmanagement und Geoinformation (HVBG)
Kartenbearbeitung: Melanie Müller-Bering, HLGL

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Der Landkreis trägt seinen Namen von der Stadt Kassel, die zwar Sitz der Kreisverwaltung ist, aber nicht zum Kreisgebiet gehört. Grob strukturiert wird das Gebiet von den durchfließenden Flüssen, der Diemel im Nordwesten, der Weser im Nordosten sowie der Fulda im Süden. Ausgedehnte Waldbezirke befinden sich vor allem im Osten (Gutsbezirk Reinhardswald) und im Süden (Söhrewald).

Aus historischer Sicht lassen sich für den Raum des späteren Kreisgebiets unterschiedliche Phasen festhalten. Zunächst ist im Kontext der fränkischen Expansion nach Nordhessen seine Grenzlage zu den sächsischen Einflussgebieten im Norden und den thüringischen im Osten sowie die günstige Verkehrslage an einer wichtigen Verbindungsachse von Süden nach Norden hervorzuheben. Die seit dem Ende des 10. Jahrhunderts erfolgten Klostergründungen in Hasungen, Helmarshausen, Kaufungen, Lippoldsberg, Merxhausen und Gottsbüren dokumentieren bei der Gestaltung des Raumes sowohl königliche Präsenz als auch konkurrierende herrschaftliche Ansprüche. In der Stauferzeit waren am nachhaltigsten die Landgrafen von Thüringen bestrebt, das Gebiet in ihren Herrschaftskomplex zu integrieren. Für die weitere Entwicklung ist kennzeichnend, dass sich deren Nachfolger, die Landgrafen von Hessen, in der Auseinandersetzung gegen andere Herrschaften, namentlich die Kurfürstentümer Mainz und Köln, das Hochstift Paderborn sowie das Herzogtum Braunschweig, im Spätmittelalter nahezu im gesamten späteren Kreisgebiet durchzusetzen vermochten und eine weitgehend einheitliche Ämterbildung vornehmen konnten. Dabei genoss die Residenzstadt Kassel frühzeitig besondere Aufmerksamkeit innerhalb der Landgrafschaft und erlangte überregionale Zentralität.

Die napoleonische Zeit und die Auflösung des Alten Reiches erbrachten für die Landgrafschaft Hessen-Kassel, seit 1803 Kurfürstentum, einschneidende politische Veränderungen. 1807-1813 gehörte der Raum vorübergehend zum Königreich Westphalen. Wie bei der Mehrzahl der Landkreise im Regierungsbezirk Kassel geht die ältere Kreiseinteilung auf das kurhessische Organisationsedikt des Jahres 1821 zurück. Die damals vollzogene Trennung von Justiz und Verwaltung setzte an Stelle der alten Ämter und Gerichte, die noch beide Funktionen vereinigt hatten, Landgerichte und Justizämter als untere Justizbehörden und schuf aus mehreren solcher Gerichtsbezirke den Kreis als Unterbehörde der staatlichen Verwaltung. Der Kreis Kassel wurde aus den Ämtern Ahna, Waldau, Wilhelmshöhe und Teilen der Ämter Grebenstein und Großalmerode gebildet. Die Stadt Kassel – seit 1814 wieder Residenzstadt des Kurfürstentums – gehörte als Hauptort bis zu ihrer Ausgliederung im Jahre 1867 ebenfalls zu diesem Kreis (→ Stadt Kassel). Der Kreis Hofgeismar wurde 1821 aus den Ämtern Carlshafen, Grebenstein, Hofgeismar, Sababurg sowie Teilen von Zierenberg gebildet. Die Ämter Volkmarsen, Wolfhagen, sowie Teile von Naumburg und Zierenberg wurden wiederum zum Kreis Wolfhagen zusammengefügt. Mit der Annexion des Kurfürstentums Hessen 1866 durch das Königreich Preußen wurden die drei Kreise Hofgeismar, Kassel und Wolfhagen dem Regierungsbezirk Kassel in der Provinz Hessen-Nassau eingegliedert. Abgesehen von der kurz darauf erfolgten Ausgliederung der Stadt Kassel bestanden sie bis zu ihrer Zusammenlegung 1972 im Wesentlichen unverändert fort.

Die Industrialisierung fasste in den Städten des späteren Kreisgebietes nur langsam Fuß. Bis heute sind im Landkreis Kassel Forst- und Landwirtschaft strukturprägend. Die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg war bis 1989 in starkem Maße von der Deutschen Teilung und der dadurch bedingten Zonenrandlage des Kreisgebiets geprägt. Gewachsene Verbindungen vor allem in den thüringischen Raum wurden durch die innerdeutsche Grenze getrennt.

Geschichtlich betrachtet umfasst der heutige Landkreis Kassel einen großflächigen, waldreichen Raum, der in dieser Form erst im Zuge der Gebietsreform 1972 entstanden ist. Dabei wurde insofern an ältere, historisch gewachsene Raumeinheiten angeknüpft, als durch die spätmittelalterlichen Territorialisierung unter den Landgrafen von Hessen eine vergleichsweise einheitliche Strukturierung des Gebietes erfolgte. Die politisch bedingten Verwaltungsumstrukturierungen des 19. und 20. Jahrhunderts erbrachten hingegen einschneidende Veränderungen, von denen die Ausgliederung der expandierenden Großstadt Kassel die nachhaltigste war.

Die Darstellung basiert auf dem gedruckt vorliegenden Historischen Ortslexikon für Kurhessen von Heinrich Reimer sowie den älteren territorialgeschichtlichen und kirchentopographischen Atlasarbeiten von Eisenträger/Krug, Territorialgeschichte der Kasseler Landschaft, Schroeder-Petersen, Die Ämter Wolfhagen und Zierenberg, K. Günther, Territorialgeschichte der Landschaft zwischen Diemel und Oberweser vom 12. bis zum 16. Jahrhundert und Wilhelm Classen, Kirchliche Organisation Althessens.

Den statistischen Angaben zu den Einwohner- und Häuserzahlen sowie der Flächennutzung liegen, sofern nicht anders vermerkt, das Gemeindelexikon für das Königreich Preußen, Provinz Hessen-Nassau sowie die Hessische Gemeindestatistik zugrunde.

Großer Wert wurde auf die Erarbeitung der topographischen Ortsbeschreibungen gelegt, die, wo möglich, auf Autopsie beruhen. Die Erfassung von älteren Baudenkmälern sieht das Schema des Ortslexikons hingegen nicht vor. Hier genügt der Verweis auf das 2008 von Folkhard Cremer neu aufgelegte Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler (Hessen) von Georg Dehio, den von Gottfried Ganßauge (u.a.) bearbeiteten Band über die Bau- und Kunstdenkmäler im Regierungsbezirk Cassel N.F. 1: Kreis Wolfhagen sowie auf die vom Landesamt für Denkmalpflege Hessen herausgegebenen Bände Kulturdenkmäler in Hessen, Kreis Kassel 1 (Altkreis Hofgeismar), Kulturdenkmäler in Hessen, Kreis Kassel 2 (Altkreis Kassel).

 
Hessisches Landesamt für Geschichtliche Landeskunde