Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen

Historisches Ortslexikon

Landkreis Offenbach

Die Bearbeitung der Siedlungen des Landkreises Offenbach umfasst die Gebiete des zum 1. Januar 1977 neu gebildeten Kreises, der in diesem Zusammenhang um die Gemeinden Nieder-Roden, Ober-Roden und Urberach aus dem Landkreis Darmstadt-Dieburg vergrößert wurde. Der Landkreis Offenbach besteht heute aus 10 Städten und 3 Gemeinden. Entspricht das Bearbeitungsgebiet somit dem heutigen Landkreis, so lässt sich über die → Erweiterte Suche (Auswahlfeld Altkreis) der Zustand des Jahres 1961 mit dem sogenannten → Altkreis Offenbach rekonstruieren, der noch die Städte Steinheim am Main und Klein-Auheim umfasste, die bereits 1974 in die Stadt Hanau im Main-Kinzig-Kreis eingegliedert wurden.

Offenbach: Karte mit Gemeinde- und Gemarkungsgrenzen

Kartengrundlage: Hessische Verwaltung für Bodenmanagement und Geoinformation (HVBG)
Kartenbearbeitung: Melanie Müller-Bering, HLGL

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Das Kreisgebiet in der unteren Mainebene ist geographisch und letztlich auch historisch gesehen durch eine Ost-West-Teilung gekennzeichnet, die von dem Koberstadt genannten Höhenrücken, einem Nordausläufer des Odenwaldes südöstlich von Langen, markiert wird. Westlich dieser Linie liegt das fruchtbare Gebiet der Dreieich mit ausgedehnten Laubwäldern, östlich sind zur Mainsenke hin im Rodgau eher karge Böden mit Nadelwaldbestand auf Sandböden zu finden. Das Gebiet wird im Norden und Osten vom Main natürlich begrenzt. Die wichtigsten Bachläufe sind der Rodau-Bach und die Bieber, die beide in den Main münden. Die Landschaft wurde durch zivilisatorische Eingriffe in der Moderne stark verändert.

Bereits in den ersten Regierungsjahren Kaiser Domitians (81-96) gelangten Teile des Gebietes unter römische Herrschaft, was in der Folge im Rahmen des Limesausbaus zur Errichtung von Römerkastellen in Hainstadt und Seligenstadt führte. Das Land geriet nach dem Alemanneneinfall von 259/260 vorübergehend unter alemannischen Einfluss, bevor mit der Eingliederung in das Fränkische Reich im 6. Jahrhundert eine in den Schriftquellen zunächst kaum greifbare Neustrukturierung beginnt. Erst ab der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts spiegelt sich die Einbindung in das Frankenreich durch Übertragungsvorgänge an die Reichsklöster Fulda (u.a. Hainstadt, Lämmerspiel) und Lorsch (u.a. Klein-Welzheim, Mainflingen, Mark Langen). In Seligenstadt gründete Einhard, der Biograph und enge Vertraute Karls des Großen, im Bereich von Besitzungen, die Kaiser Ludwig der Fromme zur Verfügung gestellt hatte, nach 828 eine Abtei mit romanischer Basilika.

Der Westen des späteren Kreisgebietes gehörte aufgrund seines Waldreichtums zum Reichsforst Dreieich (später Dreieicher Wildbann), einem ausgedehnten, ursprünglich wohl zusammenhängenden Reichsgutbezirk zwischen den Pfalzorten Frankfurt und Trebur, in dessen Verwaltungsmittelpunkt auf Burg Hayn (heute Dreieichenhain) ein Reichsvogt residierte. Die Vergabe von Besitztiteln aus diesem Raum an Reichsministerialen führte seit dem Hochmittelalter zur Auflösung des Reichsgutes, da die Amtsträger ihrerseits die Erblichkeit ihrer Ämter und Weiterleitung des Besitzes an die Nachkommen anstrebten. So gelang den Reichsministerialen von Hagen-Münzenberg die Errichtung einer umfangreichen Herrschaft aus ehemaligem Reichsgut, die Götzenhain, Offenthal, Langen, Egelsbach und andere Ländereien umfasste. Mit ihrem Aussterben 1255 fiel der Komplex zu fünf Sechsteln an die Herren von Bolanden-Falkenstein, ein Sechstel (Amt Babenhausen) an die Herren von Hanau (bis 1736).

Nach 1418 erfolgte mit dem Übergang des Falkensteiner Erbes an die Grafen von Isenburg ein neuer Abschnitt in der Entwicklung des Raumes. Trotz Aufteilung in verschiedene Linien in der frühen Neuzeit konnte das westliche Kreisgebiet von den Grafen von Isenburg im Wesentlichen gehalten werden und fiel erst 1816 das Großherzogtum Hessen-Darmstadt.

Dem Mainzer Erzstift gelang wiederum im Osten am Untermain mit dem Erwerb der Schirmvogtei über die Abtei Seligenstadt bereits 1063 der Zugriff auf eine wichtige Position. Durch eine zielstrebige Territorialpolitik kamen seit dem 13. Jahrhundert mit Froschhausen, Klein-Welzheim, Mainflingen und Zellhausen weitere hinzu. Konkurrenten waren im östlichen Kreisgebiet vor allem die Herren von Hainhausen, die sich seit dem 12. Jahrhundert Eppstein nannten und von Steinheim aus ein Amt ausbildeten, das 1425 für 38.000 Rheinische Gulden für das Erzstift erworben werden konnte.

Kleinere Herrschaftsträger wie die Herren bzw. Grafen von Frankenstein und Schönborn spielten im späteren Kreisgebiet eine untergeordnete Rolle. Trotz vereinzelter aus dem katzenelnbogischen Erbe herrührender Ansprüche konnten sich die Landgrafen von Hessen-Darmstadt erst mit dem Ende des Alten Reiches in diesem Raum festsetzen.

Im Rahmen der Säkularisierung und Mediatisierung im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation wurde unter dem Protektorat Napoleons das Staatenwesen Anfang des 19. Jahrhunderts neu strukturiert. Bereits 1803 erhielt die Landgrafschaft Hessen-Darmstadt, seit 1806 Großherzogtum, im Zuge des Reichsdeputationshauptschlusses als Entschädigung für den Verlust der linksrheinischen Gebiete von Hanau-Lichtenberg die nahegelegenen rechtsrheinischen Teile aus dem zerschlagenen kurmainzischen Territorium, wozu die mainzischen Orte an der Rodau und am Main gehörten. 1806 kam der Frankenstein´sche Ort Messenhausen hinzu, 1810 fielen Teile des ehemals hanauischen Amtes Babenhausen an das Großherzogtum. Aus dem 1806 gegründeten Fürstentum Isenburg-Birstein kamen 1816 die Gebiete des Oberamtes Offenbach an Hessen. Zugleich kam auch das Gräflich Schönborn´sche Amt Heusenstamm hinzu.

Es bereitete der hessisch-darmstädtischen Landesregierung ganz offensichtlich Schwierigkeiten, dem von unterschiedlichen historischen und konfessionellen Entwicklungen geprägten Raum neue Verwaltungsstrukturen zu geben. 1821 wurden mit Offenbach, Seligenstadt und Langen drei Landratsbezirke eingerichtet, die sich an den alten Herrschaftsstrukturen orientierten. Während der Landratsbezirk Offenbach im Wesentlichen der Herrschaft Isenburg entsprach, umfasste der Landratsbezirk Seligenstadt die linksmainischen Besitzungen von Kurmainz sowie Teile des Amtes Babenberg. Der Landratsbezirk Langen setzte sich wiederum aus zwei nicht zusammenhängenden Teilen der Ämter Kelsterbach, Darmstadt, Dieburg und Schaafheim zusammen. Parallel zu den Landratsbezirken wurden eigene Landgerichtsbezirke gebildet, Justiz und Verwaltung waren fortan getrennt.

Der Landkreis Offenbach wurde 1832 aus den Landratsbezirken Offenbach und Seligenstadt sowie aus den östlichen Teilen des Landratsbezirks Langen gebildet. Von 1848 bis 1852 wurde er vorübergehend aufgelöst und die Gemeinden in den neugebildeten Regierungsbezirk Darmstadt eingegliedert. Die Wiedergründung erfolgte 1852 in veränderter Form und erbrachte eine Ausweitung nach Westen: Langen und Egelsbach kamen aus dem Kreis Groß-Gerau hinzu, während die Orte Babenhausen, Eppertshausen, Hergershausen, Messenhausen, Münster, Nieder-Roden, Ober-Roden, Sickingen und Urberach dem Kreis Dieburg eingegliedert wurden. 1866 wurde das vormals kurhessische Rumpenheim dem Kreis Offenbach zugeschlagen, 1874 folgte Steinbach aus dem Kreis Vilbel (bis 1947).

Die Bildung des selbstständigen Stadtkreises Offenbach 1938 erfolgte unter Einbeziehung der Vororte Bieber, Bürgel (bereits 1908 eingegliedert) und Rumpenheim (1942). Zugleich kam Zeppelinheim mit seinem Flughafengelände als neue Gemarkung hinzu. Die Neustrukturierung trug der Industrialisierung sowie dem starken Bevölkerungszuwachs der Großstadt seit der Mitte des 19. Jahrhunderts Rechnung. In der für den Landkreis namengebenden Stadt Offenbach ist somit nicht der gewachsene Mittelpunkt zu sehen, der Sitz der Kreisverwaltung wurde 2002 von Offenbach nach Dietzenbach verlegt.

Der heutige Landkreis Offenbach umfasst somit historisch betrachtet eine Kleinlandschaft, die durch unterschiedliche Zugehörigkeiten von Beginn der spätmittelalterlichen Territorialisierung des Raumes an über zahlreiche Verwaltungsumstrukturierungen vom 19. bis ins 20. Jahrhundert hinein beträchtliche Veränderungen erfahren hat. Heute gehört ein Teil des Flughafens Frankfurt am Main zum westlichen Kreisgebiet, das somit in besonderem Maße durch den für das gesamte Rhein-Main-Gebiet charakteristischen Wandel von einer Agrar- zur Industrieregion geprägt ist.

Für die Bearbeitung des Landkreises Offenbach wurden als grundlegende Werke das Hessische Ortsnamenbuch, Wagner, Wüstungen im Großherzogthum Hessen, Provinz Starkenburg, von Karl Nahrgang Stadt- und Landkreis Offenbach und Landkreis Offenbach, ferner der im Rahmen der Vorarbeiten zum Geschichtlichen Atlas von Hessen entstandene Band Demandt, Kirchenorganisation sowie die Arbeiten von Günther Hoch, Territorialgeschichte der östlichen Dreieich und Regina Schäfer, Herren von Eppstein verwendet. Für die mainzischen Gebietsanteile wurde außerdem Günter Christ, Erzstift und Territorium Mainz, in: Handbuch der Mainzer Kirchengeschichte, Bd. 2, S. 120-143, herangezogen.

Für die Angaben zum Stichjahr 1787 wurde auf die Arbeit von Walter Wagner über Das Rhein-Main-Gebiet vor 150 Jahren zurückgegriffen, für die folgende Zeit auf das Historische Gemeindeverzeichnis für Hessen sowie auf das Historische Ortsverzeichnis Großherzogtum und Volksstaat Hessen. Für die am Ende des alten Reiches zeitweise bayrischen Orte wurde die Arbeit von Günter Christ, Grundzüge der Verwaltung des Mainzer Oberstifts und des Dalbergstaates herangezogen. Neben den einschlägigen Quelleneditionen wurde im Zuge der Materialsammlung in begrenztem Maße auch die archivalische Überlieferung berücksichtigt.

Großer Wert wurde auf die Erarbeitung der topographischen Ortsbeschreibungen gelegt, die, wo möglich, auf Autopsie beruhen. Die Erfassung von älteren Baudenkmälern sieht das Schema des Ortslexikons nicht vor. Hier genügt der Verweis auf das 2008 von Folkhard Cremer neu aufgelegte Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler (Hessen) von Georg Dehio, auf den vom Landesamt für Denkmalpflege Hessen herausgegebenen Band Kulturdenkmäler in Hessen, Landkreis Offenbach sowie auf den in der Reihe Kunstdenkmäler im Großherzogthum Hessen erschienenen Band Kreis Offenbach.

Die statistischen Angaben zu den Einwohner- und Häuserzahlen sowie der Flächennutzung wurden, sofern nicht anders vermerkt, der Hessischen Gemeindestatistik und dem Werk Das Großherzogthum Hessen von Philipp Alexander Ferdinand Walther entnommen.

 
Hessisches Landesamt für Geschichtliche Landeskunde