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Historisches Ortslexikon

Main-Kinzig-Kreis

Die Bearbeitung der Siedlungen des Main-Kinzig-Kreises umfasst mit dem Gebiet der ehemaligen Landkreise → Gelnhausen, → Hanau und → Schlüchtern sowie der kreisfreien Stadt → Hanau einen vergleichsweise großen, am 1.7.1974 neu gebildeten Verwaltungsbezirk. Gleichzeitig wurden die Gemeinden Klein-Auheim und die Stadt Steinheim am Main aus dem Landkreis Offenbach in die Stadt Hanau eingegliedert. Die Stadt Bergen-Enkheim wechselte am 1.1.1977 in die kreisfreie Stadt Frankfurt am Main über.

Main-Kinzig-Kreis: Karte mit Gemeinde- und Gemarkungsgrenzen

Kartengrundlage: Hessische Verwaltung für Bodenmanagement und Geoinformation (HVBG)
Kartenbearbeitung: Melanie Müller-Bering, HLGL

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Der heutige Main-Kinzig-Kreis besteht aus 12 Städten und 17 Gemeinden. Über die Erweiterte Suche (Auswahlfeld Altkreis) lässt sich der Zustand des Jahres 1961 mit den sogenannten Altkreisen Gelnhausen, Hanau und Schlüchtern sowie der kreisfreien Stadt Hanau rekonstruieren.

Der Landkreis trägt seinen Namen von den beiden verkehrstechnisch wichtigen Flüssen, die seine Landschaft strukturieren. Während der Nebenfluss Kinzig das Kreisgebiet nahezu vollständig von Nordosten nach Südwesten mittig durchfließt, bildet der Verlauf des Mains im Südwesten seine Grenze. Die Landschaft um die Kinzig ist von Ausläufern des Vogelsberges, des Spessarts sowie der westlichen Rhön durchzogen. Zu den wichtigsten Städten gehören Hanau, Gelnhausen und Schlüchtern. Die Entwicklung im Südwesten ist auf das Ballungszentrum Rhein-Main-Gebiet ausgerichtet, wodurch dieser Raum durch eine großstädtische Prägung mit hoher Bevölkerungsdichte gekennzeichnet ist. Norden und Osten sind hingegen von zahlreichen bewaldeten Gebieten (u.a. Gutsbezirk Spessart, Büdinger Wald) durchzogen und weisen eine weitaus geringere Bevölkerungsdichte auf. Dem Übergewicht Hanau im Südwesten versuchte man 2005 durch die Verlegung der Kreisverwaltung von Hanau nach Gelnhausen zu begegnen.

In römischer Zeit markierten die Kastelle Marköbel, Langendiebach, Rückingen, Neuwirtshaus und Großkrotzenburg den östlichen Limesverlauf vom Südrand der Wetterau bis zum Main. Das Land geriet nach dem Alemanneneinfall von 259/260 vorübergehend unter alemannischen Einfluss, bevor mit der Eingliederung in das Fränkische Reich im 6. Jahrhundert eine in den Schriftquellen zunächst kaum greifbare Neustrukturierung beginnt. Erst ab der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts spiegelt sich die Einbindung in die Strukturen des Frankenreichs durch Übertragungsvorgänge an die Reichsklöster Fulda und Hersfeld. Die kirchenorganisatorische Erschließung erfolgte von der Erzdiözese Mainz, dem Hochstift Fulda und vom Bistum Würzburg aus. Lange Zeit nahm das Ende des 10. Jahrhunderts im oberen Kinzigtal gegründete Benediktinerkloster Schlüchtern eine bedeutende Stellung in diesem Raum ein, in dem divergierende Interessen weltlicher und kirchlicher Mächte aufeinander stießen.

Die intensive Einbindung der Wetterau und des Rhein-Main-Gebiets in die Strukturen des Reiches hat in staufischer Zeit vor allem im Ausbau der Königspfalz in Gelnhausen ihren Niederschlag gefunden. Nach dem Rückzug der Zentralgewalt aus diesem Raum bildeten im Spätmittelalter das Erzstift Mainz (Burgjoß, Orb), das Hochstift Fulda (Gerichte Salmünster, Ulmbach, Steinau und Herolz), die Grafen von Hanau, das Dynastengeschlecht Isenburg (als Erben der Herren von Büdingen) und die Grafen von Rieneck die größten Territorialhoheiten aus. Daneben konnten sich niederadlige Geschlechter – etwa die von Hutten und Thüngen als Nachfolger der Herren von Steckelsberg – bis in die Frühneuzeit halten.

Bis zu ihrer Auflösung 1815 bestand die Grafschaft Isenburg (seit 1744 Fürstentum) ohne wesentliche territoriale Veränderungen unter wechselnden Familienzweigen fort und beherrschte nördliche und westliche Teile des späteren Kreisgebietes. Die Herrschaft Rieneck gelangte nach dem Aussterben der Grafen 1559 wiederum an das Kurfürstentum Mainz, das somit weite Teile im Osten beherrschte. Das Gebiet des 1642 in männlicher Linie erloschenen Grafenhauses Hanau-Münzenberg ging zunächst an die Grafenlinie Hanau-Lichtenberg über. Deren Aussterben führte schließlich 1736 zu einschneidenden Veränderungen bezüglich der Machtverhältnisse, denn mit dem Ausgreifen der Landgrafen von Hessen traten neue Akteure im Raum auf. Der Hausvertrag von 1643 sah vor, dass die Grafschaft Hanau-Münzenberg an die Landgrafschaft Hessen-Kassel, Hanau-Lichtenberg wiederum an Hessen-Darmstadt fallen sollte. Einen Sonderfall bildete wiederum die Reichsstadt Gelnhausen, die zwar ihren Status als freie Reichsstadt mühsam behaupten konnte, seit dem 14. Jahrhundert aber faktisch durchgängig verpfändet war.

Die napoleonische Zeit und die Auflösung des Alten Reiches erbrachten für das spätere Kreisgebiet einschneidende politische Veränderungen mit neuen, z.T. rasch wechselnden politischen Zuschnitten. Die Grafschaft Hanau wurde im Kurfürstentum Hessen für die Jahre 1803-1806 zum Fürstentum und gelangte mit der Auflösung des Kurstaates unter französische Verwaltung. Die ehemals kurmainzischen Gebiete aus der Amtsvogtei Steinheim fielen mit dem Reichsdeputationshauptschluss 1803 an Hessen-Darmstadt und gehörten bis 1974 zum Landkreis Offenbach. Die übrigen mainzischen Besitzungen wurden dem Fürstentum Aschaffenburg zugeschlagen, bevor sie 1810 Teil des neugebildeten, mehr als das gesamte später Kreisgebiet umfassenden Großherzogtums Frankfurt (größtenteils Departement Hanau, aber auch Aschaffenburg und Fulda) wurden, das aber nur bis 1812/13 bestand. Während die ehemals mainzischen Gebiete hiervon im Osten des Kreisgebiets schließlich an das Königreich Bayern gelangten, erhielt das restituierte Kurfürstentum Hessen 1815 neben seinen aus der hanauischen Erbschaft stammenden Gebieten auch die des nunmehr aufgelösten Fürstentums Isenburg.

Die ältere Kreiseinteilung in der kurhessischen Provinz Hanau, die aus der ehemaligen Grafschaft Hanau, dem fuldischen Amt Salmünster und den fürstlich und gräflichen Hoheitsämtern (Birstein, Langenselbold, Wächtersbach und Meerholz) gebildet wurde, geht auf das Organisationsedikt des Jahres 1821 zurück und sah vier Kreise vor. Die damals vollzogene Trennung von Justiz und Verwaltung hatte an Stelle der alten Ämter und Gerichte, die noch beide Funktionen vereinigt hatten, Landgerichte und Justizämter als untere Justizbehörden eingerichtet und aus mehreren solcher Gerichtsbezirke den Kreis als Unterbehörde der staatlichen Verwaltung geschaffen. Der Kreis Gelnhausen entstand aus den Ämtern Bieber, Gelnhausen, Langenselbold und Meerholz. 1830 kam ein Großteil der Gemeinden aus dem aufgelösten Kreis Salmünster hinzu, ein kleinerer Teil wurde dem 1821 aus den Ämtern Schwarzenfels und Steinau gebildeten Kreis Schlüchtern zugeschlagen. Der Landkreis Hanau entstand wiederum aus den Landgericht Hanau sowie den Ämtern Bergen, Dorheim und Windecken.

1866/67 wurden die Landkreise Gelnhausen, Hanau und Schlüchtern dem Regierungsbezirk Kassel in der preußischen Provinz Hessen-Nassau eingegliedert. Zugleich wurde der Kreis Gelnhausen durch den größten Teil des ehemaligen Landgerichtsbezirks Orb erweitert, der vom Königreich Bayern an Preußen abgegeben wurde. 1886 wurde die Stadt Hanau dem gleichnamigen Landkreis ausgegliedert und zum selbständigen Stadtkreis erklärt. Seitdem bestanden die drei Landkreise Gelnhausen, Hanau und Schlüchtern sowie kreisfreie Stadt Hanau bis zur Gebietsreform 1974 nahezu unverändert. Von Zerstörungen im 2. Weltkrieg war vor allem Hanau betroffen, das fast 90 Prozent seiner Bausubstanz verlor.

Geschichtlich betrachtet ist der Main-Kinzig-Kreis ein heterogenes Gebilde, das erst im Zuge der Gebietsreform 1974 entstanden ist. Dabei konnte nur teilweise an ältere, historisch gewachsene Raumeinheiten angeknüpft werden. Der heutige Main-Kinzig-Kreis umfasst somit eine großflächige Landschaft, die durch unterschiedliche Zugehörigkeiten von Beginn der spätmittelalterlichen Territorialisierung des Raumes an über zahlreiche Verwaltungsumstrukturierungen vom 19. bis ins 20. Jahrhundert hinein beträchtliche Veränderungen erfahren hat.

Die Darstellung basiert auf dem gedruckt vorliegenden Historischen Ortslexikon für Kurhessen von H. Reimer sowie den territorialgeschichtlichen und kirchentopographischen Arbeiten von Philippi, Territorialgeschichte Grafschaft Büdingen, Hofemann, Reichsabtei Fulda, Dietrich, Landes-Verfaßung in dem Hanauischen und Kleinfeldt, Kirchenorganisation. Für die Erschließung der Kirchenorganisation wurden zudem die Arbeiten von Josef Leinweber Leinweber, Hochstift Fulda und Leinweber, Kirchliche Organisation mit herangezogen. Die Entwicklung der Fürsten- und Grafenhäuser ließ sich auf der Grundlage des 3. Bandes des Handbuches der hessischen Geschichte Ritter, Grafen und Fürsten - weltliche Herrschaften im hessischen Raum ca. 900 – 1806 nachzeichnen. Für die Geschichte der sehr zahlreichen Mühlen im Kreisgebiet war die Arbeit von Klein, Geschichte des Mühlenwesens hilfreich.

Für das Stichjahr 1787 wurde auf die Arbeit von Walter Wagner über Das Rhein-Main-Gebiet vor 150 Jahren zurückgegriffen, für die Zeit des Großherzogtums Frankfurt auf Winkopp, Versuch einer topographisch-statistischen Beschreibung des Großherzogthums Frankfurt. Die Angaben zu Orten des Großherzogtums Hessen im Jahr 1854 wurden dem Werk von Walther, Großherzogthum Hessen entnommen. Die weiteren statistischen Angaben zu den Einwohner- und Häuserzahlen sowie der Flächennutzung basieren, sofern nicht anders vermerkt, auf dem Gemeindelexikon für das Königreich Preußen, Provinz Hessen-Nassau sowie der Hessischen Gemeindestatistik.

Großer Wert wurde auf die Erarbeitung der topographischen Ortsbeschreibungen gelegt, die, wo möglich, auf Autopsie beruhen. Die Erfassung von älteren Baudenkmälern sieht das Schema des Ortslexikons nicht vor. Hier genügt der Verweis auf das 2008 von Folkhard Cremer neu aufgelegte Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler (Hessen) von Georg Dehio sowie auf die bislang vom Landesamt für Denkmalpflege Hessen herausgegebenen Bände Kulturdenkmäler in Hessen, Main-Kinzig-Kreis, 2,1, Kulturdenkmäler in Hessen, Main-Kinzig-Kreis, 2,2 und Kulturdenkmäler in Hessen, Stadt Hanau.

 
Hessisches Landesamt für Geschichtliche Landeskunde