Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen

Historisches Ortslexikon



Stadt Wiesbaden



Die Bearbeitung der Siedlungen der Stadt Wiesbaden umfasst die Gebiete der zum 1. Januar 1977 gebildeten kreisfreien Stadt. Im Rahmen dieser Neugliederung wurden die Gemeinden Auringen, Breckenheim, Delkenheim, Medenbach, Naurod und Nordenstadt aus dem Main-Taunus-Kreis in die kreisfreie Stadt Wiesbaden eingegliedert, die heute aus 26 Ortsbezirken besteht.

Wiesbaden: Karte mit Gemeinde- und Gemarkungsgrenzen

Kartengrundlage: Hessische Verwaltung für Bodenmanagement und Geoinformation (HVBG)
Kartenbearbeitung: Melanie Müller-Bering, HLGL

Die geographische Lage Wiesbadens am Südrand des Taunuskamms bzw. westlich des Main-Taunus-Vorlandes sowie im Becken des Rheins ist durch günstige naturräumliche Gegebenheiten gekennzeichnet. Die klimatischen Vorzüge der Region, die fruchtbaren Lößboden, das Vorhandensein heißer Thermalquellen und die strategisch vorteilhafte Verkehrslage am Strom zogen eine frühzeitige Besiedlung nach sich, die sich in archäologischen Funden von der älteren Steinzeit an spiegelt.

Eine erkennbar strukturierte Erschließung des heutigen Stadtgebietes erfolgte unter römischer Herrschaft spätestens im 1. Jahrhundert n. Chr., als Wiesbaden die Funktion eines Vorortes für das auf der anderen Rheinseite liegende Legionslager Mainz zukam und es somit das Hinterland des Limes bildete. Zahlreiche Kastelle auf dem Heidenberg, eine Lager- und Zivilsiedlung sowie Thermenanlagen haben in der in dieser Zeit nicht ummauerten Stadt Spuren hinterlassen. In der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts erhielt Wiesbaden mit dem Ausbau als Mainzer Brückenkopf erneut einen – allerdings unvollendet gebliebenen – Befestigungsbau (sogenannte Heidenmauer).

Nach dem Ende der römischen Herrschaft fand die Besiedlung des Raumes mit dem Übergang an die Alamannen im 4. und 5. Jahrhundert eine Fortsetzung, wobei die romanisierte Bevölkerung offensichtlich durchweg an christlich geprägten Bestattungstraditionen festhielt. Im Frühmittelalter wurde Wiesbaden Mittelpunkt eines königlichen Fiskalbezirks im Königssundergau, der sich rechts des Rheins und Mains etwa von der Walluf bis zum Schwarzbach (damals Kriftel) erstreckte. Seit der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts gelang es den Grafen von Nassau, in Wiesbaden Fuß zu fassen, indem sie zunächst den königlichen Fronhof und das Patronat über die Mauritiuskirche als Reichslehen erwarben. Dem gegen Ende des 13. Jahrhunderts durch König Adolf von Nassau gegründeten Klosters Klarenthal vor den Toren der Stadt sollte die Rolle eines Hauskloster bzw. einer Grablege zukommen.

Hauptrivalen der Nassauer im Ringen um die Territorialherrschaft waren die Herren von Eppstein, die sich im östlichen Teil des ehemaligen Reichsgutkomplexes, namentlich über das Landgericht Mechtildshausen, maßgeblichen Einfluss sichern konnten. Daneben hatten zahlreiche Mainzer Klöster und Stifte ebenfalls Besitz in Wiesbaden.

Die weitere historische Entwicklung war jedoch nicht zielstrebig auf Wiesbaden als Zentrum ausgerichtet. Die Nähe zu Mainz bzw. Frankfurt sowie die periphere Lage innerhalb der walramischen Grafschaft Nassau-Idstein hemmten entscheidend seine Entfaltung, so dass die Stadt trotz günstiger Voraussetzungen bis weit in die Neuzeit nicht über den Status einer Territorialstadt hinauskam. Konsequenzen sollte allerdings die Entscheidung aus dem Jahre 1744 haben, als Fürst Karl von Nassau-Usingen Biebrich zur Residenz und Wiesbaden zum Regierungssitz der vereinigten Gebiete erhob.

Die napoleonische Zeit und die Auflösung des Alten Reiches erbrachten dem Hause Nassau, das seit 1806 ein gemeinsam mit Nassau-Weilburg regiertes Herzogtum Nassau bildete, große Gebietszugewinne, zum Amt Wiesbaden kam jedoch nur das ehemalige mainzische Frauenstein hinzu. Weitaus wichtiger war hingegen, dass Wiesbaden Hauptstadt des neu erhobenen Herzogtums wurde, durch ambitionierte Bauprojekte (Altes Kurhaus 1810) an Attraktivität gewann und im Laufe des 19. Jahrhunderts einen rapiden Bevölkerungsanstieg verzeichnete. 1816 bestand das Amt Wiesbaden aus 16 Amtsortschaften, den Gemeinden bzw. Städten Wiesbaden, Auringen, Biebrich, Bierstadt, Clarenthal, Dotzheim, Erbenheim, Georgenborn, Hessloch, Kloppenheim, Mosbach, Nauroth, Rambach, Schierstein, Sonnenborn sowie Frauenstein. 1835 erfolgte die Verlegung der Residenz von Biebrich nach Wiesbaden in das neu errichtete Stadtschloss. Weitere Repräsentativbauten (Katholische Bonifatiuskirche, Marktkirche, Rathaus, Villenviertel um die Altstadt, Ringstraßen mit großzügiger Bebauung, neues königliches Hoftheater, Kaiser-Friedrich-Bad) entstanden seit dieser Zeit. Auf die mittelalterliche Bebauung wurde in diesem Zusammenhang keine Rücksicht genommen. Durch die umfassenden Baumaßnahmen versuchte man einerseits, dem durch die Industrialisierung entlang des Rheins hervorgerufenen Bevölkerungswachstum im Rhein-Main-Gebiet gerecht zu werden, andererseits die Lebensqualität Wiesbadens als Bäder- und Kurstadt aufzuwerten.

Als Folge der Niederlage im preußisch-österreichischen Kriege 1866, an dem Kurhessen und das Herzogtum Nassau auf Seiten Österreichs teilgenommen hatten, verlor auch Nassau seine Selbstständigkeit. Die zugehörigen Gebiete gelangten als Teile des Regierungsbezirks Wiesbaden in der neugebildeten Provinz Hessen-Nassau unter preußische Staatlichkeit. Am 22.2.1867 entstanden die Kreisfreie Stadt Wiesbaden aus dem Stadtbezirk Wiesbaden und der Landkreis Wiesbaden (Main-Kreis). Letzterer wurde aus 50 Gemeinden der Ämter Höchst, Hochheim und Wiesbaden sowie dem ehemaligen großherzoglich-hessischen Ortsbezirk Rödelheim gebildet. Daraus wurden 1886 21 Gemeinden in den neugebildeten Kreis Höchst ausgegliedert. Nach weiteren Gebietsverlusten 1926 – die Gemeinden Biebrich a. Rh., Schierstein und Sonnenberg kamen bereits in diesem Jahr an den Stadtkreis – wurde der Landkreis Wiesbaden schließlich 1928 aufgelöst und seine Gemeinden in den Main-Taunus-Kreis bzw. ebenfalls in den Stadtkreis Wiesbaden (Bierstadt, Dotzheim, Erbenheim, Frauenstein, Georgenborn, Heßloch, Igstadt, Kloppenheim und Rambach) überführt.

Im Vergleich zu Mainz und Frankfurt erlitt Wiesbaden zwar geringere Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg, dennoch waren weite Bereiche der Innenstadt sowie die Industrieanlagen der Vororte von Luftangriffen betroffen. 1945 wurde Wiesbaden Landeshauptstadt des Landes Hessen und um die ehemals mainzischen Orte Amöneburg, Kastel sowie Kostheim mit expandierender Industrie erweitert.

Für die Bearbeitung der Stadt Wiesbaden wurde neben den älteren Werken von Vogel, Beschreibung und Adolf Bach, Siedlungsnamen des Taunusgebiets das im Rahmen der Vorarbeiten zum Geschichtlichen Atlas von Hessen entstandene kirchentopographische Werk von Gerhard Kleinfeldt und Hans Weirich über Die mittelalterliche Kirchenorganisation im oberhessisch-nassauischen Raum zugrunde gelegt. Herangezogen wurden ferner Monsees, Inschriften Wiesbaden, Gockel, Karolingische Königshöfe, die Regesten Herrschaft Wiesbaden, Schäfer, Herren von Eppstein, sowie die Geschichte der Stadt Wiesbaden.

Neben den einschlägigen Quelleneditionen wurde im Zuge der Materialsammlung in begrenztem Maße auch die archivalische Überlieferung berücksichtigt.

Großer Wert wurde auf die Erarbeitung der topographischen Ortsbeschreibungen gelegt, die, wo möglich, auf Autopsie beruhen. Die Erfassung von älteren Baudenkmälern sieht das Schema des Ortslexikons nicht vor. Hier genügt der Verweis auf das 2008 von Folkhard Cremer neu aufgelegte Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler (Hessen) von Georg Dehio, sowie auf die vom Landesamt für Denkmalpflege Hessen herausgegebenen Bände Denkmaltopographie Wiesbaden 1 und Denkmaltopographie Wiesbaden 2.

Für die Angaben zum Stichjahr 1787 wurde auf die Arbeit von Walter Wagner über Das Rhein-Main-Gebiet vor 150 Jahren zurückgegriffen, die Angaben zu den Verwaltungszugehörigkeiten im 19. und 20. Jahrhundert basieren auf der Auswertung von A. J. Weidenbach, Nassauische Territorien unmittelbar vor der französischen Revolution bis 1866, in: Annalen des Vereins für Nassauische Altertumskunde und Geschichtsforschung 10 (1870), S. 253-360, sowie dem Historischen Gemeindeverzeichnis für Hessen. Die statistischen Angaben zu den Einwohner- und Häuserzahlen sowie der Flächennutzung wurden, sofern nicht anders vermerkt, dem Gemeindelexikon für das Königreich Preußen, Provinz Hessen-Nassau sowie der Hessischen Gemeindestatistik entnommen.

 
Hessisches Landesamt für Geschichtliche Landeskunde