Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen

Hessische Biografie

Portrait

Fritz Max Bauer
(1903–1968)

Symbol: Anzeigemodus umschalten Symbol: Anzeigemodus umschalten Symbol: Druckansicht

GND-Nummer

119375664

Bauer, Fritz Max [ID = 819]

* 16.7.1903 Stuttgart, † 30.6.1968 Frankfurt am Main
Dr. jur. – Jurist, Generalstaatsanwalt
Andere Namen | Wirken | Familie | Nachweise | Leben | Zitierweise
Wirken

Werdegang:

  • Seit 1920 Mitglied der SPD, später Leiter des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold in Stuttgart
  • Ab 1921 Studium der Rechtswissenschaft und Volkswissenschaft in München und Tübingen
  • 1924 Bestehen der Ersten Staatsprüfung mit "gut"
  • 1927 rechtswissenschaftliche Promotion in Heidelberg
  • 1928 Bestehen der Zweiten Staatsprüfung mit "gut"
  • 1. April 1930 Richter am Amtsgericht Stuttgart als jüngster Hilfsrichter in Deutschland (Bengsch); Mitbegründer des republiktreuen Republikanischen Richterbundes in Württemberg (Gegenspieler des Deutschen Richterbundes)
  • 23. März 1933 Bauer gerät in polizeiliche "Schutzhaft" und wird bis November 1933 im Konzentrationslager Heuberg bei Ulm inhaftiert (zeitweise zusammen mit seinem langjährigen Freund Kurt Schumacher)
  • 24. Mai 1933 Entlassung aus dem Richterdienst gemäß § 4 des "Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" vom 7. April 1933 (aufgrund rassischer und politischer Gegnerschaft zum Nationalsozialismus)
  • Nach der Entlassung aus der "Schutzhaft" im November 1933 Arbeit in verschiedenen Anwaltsbüros sowie im Widerstand
  • 23. September 1935 Aberkennung der deutschen Staatsbürgerschaft
  • 1935/6 Flucht zu seiner Schwester nach Dänemark, wo er als Vertreter deutscher Textilfirmen tätig ist und Anschluss an sozialdemokratische Kreise findet
  • Frühjahr 1940 nach der deutschen Besetzung von Dänemark zweimalige Inhaftierung Bauers, Freilassung jeweils aufgrund dänischer Intervention
  • 1943 Flucht über den Öresund nach Schweden (nachdem Hinweise über die geplante Deportation der jüdischen Bevölkerung Dänemarks verbreitet wurden, gelingt der Mehrzahl der Juden die Flucht)
  • 1945 Gründung der Zeitschrift "Sozialistische Tribüne" (zusammen mit Willy Brandt)
  • 1945 Rückkehr nach Dänemark
  • 1949 Rückkehr nach Deutschland; Bauer folgt dem Hinweis von Kurt Schumacher und geht nach Niedersachsen
  • 12. April 1949 Landgerichtsdirektor in Braunschweig
  • 1. August 1950 Generalstaatsanwalt beim Oberlandesgericht in Braunschweig
  • März 1952 Prozess gegen Otto Ernst Remer vor dem Landgericht Braunschweig wegen "übler Nachrede und Beschimpfung des Andenkens Verstorbener" (§§ 186, 189 Strafgesetzbuch) mit dem Ergebnis einer Rehabilitierung der meistenteils konservativen Widerstandskämpfer des "20. Juli"
  • 1. April 1956 Generalstaatsanwalt am Oberlandesgericht in Frankfurt am Main (damit zuständig für ganz Hessen)
  • 17. April 1959 Bauer erwirkt die Anerkennung der Zuständigkeit des Landgerichts Frankfurt am Main für die Aburteilung der in Auschwitz und Auschwitz-Birkenau verübten NS-Verbrechen, insbesondere an den Juden Europas
  • 1960 als Folge eigener Ermittlungen erfährt Bauer den Aufenthaltsort des wegen schwerster NS-Verbrechen gesuchten Adolf Eichmann und teilt ihn - den Dienstweg umgehend - dem israelischen Geheimdienst Mossad mit, der den Mitorganisator des Holocaust daraufhin aus Argentinien entführen lässt, bevor ihm vor dem Bezirksgericht Jerusalem der Prozess gemacht wird
  • 20. Dezember 1963 bis 20. August 1965 Auschwitz-Prozess in Frankfurt am Main
  • 22. April 1965 Antrag auf Einleitung einer Voruntersuchung gegen die an der sog. Euthanasiekonferenz vom 23./24. April 1942 in Berlin beteiligten NS-Spitzenjuristen (nach Bauers Tod 1968 wird das Verfahren am 31. März 1970 eingestellt)
Nachweise

Literatur:

Bildquelle:

Internet.

Leben

Als Generalstaatsanwalt in Braunschweig und Frankfurt am Main tritt Fritz Bauer mit Nachdruck für die juristische Aufarbeitung der NS-Vergangenheit ein. Sein Rechtsverständnis steht diesbezüglich unter dem Motto: 'Bewältigung unserer Vergangenheit' heißt Gerichtstag halten über uns selbst, Gerichtstag über die gefährlichen Faktoren in unserer Geschichte, nicht zuletzt alles, was hier inhuman war, woraus sich zugleich ein Bekenntnis zu wahrhaft menschlichen Werten in Vergangenheit und Gegenwart ergibt, wo immer sie gelehrt und verwirklicht wurden und werden. Ich sehe darin nicht, wie ein Teil meiner Kritiker zu meinen scheint, eine Beschmutzung des eigenen Nestes; ich möchte annehmen, das Nest werde dadurch gesäubert (zitiert nach Godau-Schüttke, S. 83).

Im Rahmen des Auschwitz-Prozesses (1963-1965) stehen 22 Angeklagte vor Gericht, und 211 Zeugen werden gehört. Bauer lässt den Prozess akribisch vorbereiten; Zeithistoriker des Instituts für Zeitgeschichte wie Martin Broszat, Hans Buchheim und Helmut Krausnick legen herausragende Gutachten über den NS-Verfolgungsapparat (ebenda) vor, die zur Verurteilung der Täter einen wichtigen Beitrag leisten. Insgesamt besteht Bauers Ziel darin, den Gesamtkomplex des Holocaust zum Gegenstand des Verfahrens [zu] machen, was ihm auch gelang: Mit diesem Prozess gewann die öffentliche Auseinandersetzung mit dem Holocaust eine neue Dimension (Bengsch, S. 134).

Zugleich verficht Bauer den Wiederaufbau einer humanen Rechtsordnung, die einen rationalen Umgang mit dem Strafrecht, eine Humanisierung des Strafvollzugs und Resozialisierung vorsah (ebenda).

Zitierweise
„Bauer, Fritz Max“, in: Hessische Biografie <http://www.lagis-hessen.de/pnd/119375664> (Stand: 12.11.2013)
 
Hessisches Landesamt für Geschichtliche Landeskunde