Hessen im 19. und 20. Jahrhundert

Volksentscheid „gegen die Versklavung des Deutschen Volkes“, 22. Dezember 1929
Da sich die 1924 im Dawes-Plan geregelten Reparationszahlungen Deutschlands als zu hoch erwiesen, erarbeitete 1929 ein in Paris tagender Ausschuss unter der Leitung des amerikanischen Wirtschaftsexperten Owen D. Young (1874–1962) eine Neuregelung der Zahlungsverpflichtungen des Deutschen Reichs. Dieser sogenannte Young-Plan sah vor, dass eine Reparationsschuld in Höhe von 36 Milliarden Reichsmark verzinst bis zum Jahr 1988 zurückgezahlt werden musste. Im Gegenzug verpflichteten sich die Alliierten unter anderem zur vorzeitigen Räumung des Rheinlandes (einschließlich der bayerischen Pfalz) bis zum 30. Juni 1930. Ferner sollte die deutsche Souveränität wieder hergestellt, die Reichsbank und Reichsbahn aus der bestehenden alliierten Kontrolle entlassen werden und die jährlichen Zahlungsraten sinken.
Kritik in der Öffentlichkeit gab es vor allem an der langen Laufzeit sowie der Gesamthöhe der Zahlungen. Besonders die rechten Parteien lehnten den Plan ab, den sie als finanzielle und politische „Versklavung“ Deutschlands und Anerkennung der „Kriegsschuld“ ansahen. Der Industrielle Alfred Hugenberg (1865–1951), Vorsitzender der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP), gründete deshalb im Juni 1929 den „Reichsausschuss für das deutsche Volksbegehren gegen den Young-Plan und die Kriegsschuldlüge“, in dem auch Adolf Hitler (1889–1945) mitwirkte, um gegen den Plan vorzugehen.
Da in der Weimarer Verfassung die direkte Beteiligung der Wahlberechtigten an politischen Entscheidungen über Volksbegehren und Volksentscheid ermöglicht wurde, sollte auf diese Weise über das von dem Reichsausschuss vorgelegte „Freiheitsgesetz“ abgestimmt werden, das nicht nur den Young-Plan ablehnte, sondern der These der deutschen Kriegsschuld widersprach, auf eine umfassende Revision des Versailler Vertrages hinauslief und den Mitgliedern der Reichsregierung Landesverrat unterstellte. Trotz eines massiven Propagandafeldzuges der rechten Parteien unterzeichneten nur 10,02 % der Stimmberechtigten im Oktober 1929 das Volksbegehren. Damit konnte nur knapp die erforderliche Mindestbeteiligung von 10 % für die anschließende Abhaltung eines Volksentscheids erreicht werden. Der eigentliche Volksentscheid am 22. Dezember 1929 scheiterte deutlich, da nur 13,8 % der Wahlberechtigten für das „Freiheitsgesetz“ stimmten. Für einen Erfolg wäre die absolute Mehrheit aller Stimmberechtigten nötig gewesen, nicht nur die der abgegebenen Stimmen.
(KU/StF)
- Belege
- Bundeszentrale für politische Bildung bpb: Dossier Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg: Der Untergang der Weimarer Republik: Zwischen Festigung und Gefährdung 1924–1929 (eingesehen am 22.12.2020)
- Friedrich Heymann (Hrsg.), Der Young-Plan. Der Schlußbericht der Pariser Sachverständigen-Konferenz im amtlichen Wortlaut; dazu eine Einleitung über seine Entstehung und Bedeutung, 4. Aufl., Frankfurt am Main 1929
- „Entwurf eines Gesetzes gegen die Versklavung des Deutschen Volkes“, in: Doris Pfleiderer, Volksbegehren und Volksentscheid gegen den Youngplan, in: Archivnachrichten 35, 2007, S. 47
- Weiterführende Informationen
- „Große öffentliche Kundgebung“, Kasseler Neueste Nachrichten Nr. 242 vom 14.10.1929, 2. Beilage, S. 2 (eingesehen am 12.8.2026)
- „Die deutsche Jugend und das Volksbegehren.“, Fuldaer Zeitung Nr. 244 vom 20.10.1929 (eingesehen am 12.8.2026)
- „Aufruf!“, Schlüchterner Zeitung Nr. 127 vom 22.10.1929 (eingesehen am 12.8.2026)
- „Fernbleiben!“, Fuldaer Zeitung Nr. 290 vom 15.12.1929 (eingesehen am 12.8.2026)
- „Geht zum Volksentscheid!“, Kasseler neueste Nachrichten Nr. 300 vom 21./22.12.1929, 1. Beilage, S. 4 (eingesehen am 12.8.2026)
- „Zum Volksentscheid.“, Fuldaer Anzeiger Nr. 299 vom 21.12.1929 (eingesehen am 14.8.2026)
- „Dr. Bang gegen den Youngplan“, Darmstädter Zeitung Nr. 224 vom 25.9.1929 [Dig. 933] (eingesehen am 14.8.2026)
- „Volksbegehren zum Gesetz gegen die Versklavung des Deutschen Volkes.“, HStAD, G 12 A, 19/7, S. 5-6 (eingesehen am 13.8.2026)
- „Ruhiger Verlauf des Volksentscheids“, Hanauer Anzeiger Nr. 300 vom 23.12.1929, S. 1 (eingesehen am 14.8.2026)
- „Das Ergebnis des Volksentscheid“, Frankfurter Zeitung Nr. 954 vom 23.12.1929, Morgenblatt (eingesehen am 14.8.2026)
- Wikipedia: Volksentscheid gegen den Young-Plan (eingesehen am 31.5.2018)
- Empfohlene Zitierweise
- „Volksentscheid „gegen die Versklavung des Deutschen Volkes“, 22. Dezember 1929“, in: Zeitgeschichte in Hessen <https://www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/edbx/id/2243> (Stand: 17.8.2026)
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