Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen

Hessische Biografie

Portrait

Bernhard Görge
(1890–1947)

Symbol: Anzeigemodus umschalten Symbol: Anzeigemodus umschalten Symbol: Druckansicht

Weitere Informationen

GND-Nummer

125237731

Görge, Bernhard [ID = 6247]

* 18.12.1890 Stadtallendorf, † 29.6.1947 Stadtallendorf, Begräbnisort: Stadtallendorf, katholisch
Lic. theol. – Theologe, Priester, Pfarrer
Andere Namen | Wirken | Familie | Nachweise | Leben | Zitierweise
Wirken

Werdegang:

  • Volksschule in Allendorf, Lateinschule Amöneburg, Abitur auf dem Königlichen Gymnasium Fulda
  • 1910-1914 Studium der Theologie in Fulda, 25.7.1914 Weihe zum katholischen Priester
  • Seit August 1914 im Ersten Weltkrieg als Militärkrankenwärter und Militärpfarrer in Lüdenscheid
  • Nach Kriegsende Kaplan in Dernbach/Rhön und Marburg
  • 1921 theologische Studien in Münster, Abschluss mit dem Lizentiat der Theologie
  • Kaplanstellen in Kassel und Naumburg
  • Seit 1927 Pfarrer in Obernkirchen, Bremerhaven-Aumund und schließlich (ab 1935) in Bremerhaven-Lehe
  • 1937 erstmals in Konflikt mit dem NS-Regime wegen systemkritischer Äußerungen
  • 2.11.1944 Verhaftung durch die Gestapo und Inhaftierung im KZ Hamburg-Fuhlsbüttel
  • April 1945 Evakuierung mit den anderen Gefangenen von Fuhlsbüttel nach Kiel, dort Befreiung durch britische Truppen am 4.5.1945
  • Rückkehr in seine Gemeinde in Bremerhaven-Lehe
  • Während eines Heimaturlaubs in (Stadt-)Allendorf an den schweren gesundheitlichen Folgen der Haftzeit am 29.6.1947 verstorben.
Nachweise

Literatur:

Bildquelle:

Schmitt, Arnold: Pfarrer Bernhard Görge, ein mutiger Bekenner in gefährlicher Zeit, 2010.

Leben

Der im oberhessischen Allendorf (dem heutigen Stadtallendorf) geborene katholische Geistliche Bernhard Görge wurde wegen „staatsabträgliche Äußerungen, die er während der Ausübung seiner Seelsorgerischen Tätigkeit gemacht habe", am 2. November 1944 von der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) verhaftet. Bis Mitte April 1945 saß er in Einzelhaft im Gestapo-Gefängnis Hamburg-Fuhlsbüttel ein. Als das Gefängnis wegen der herannahenden alliierten Truppen geräumt wurde, musste er noch die Strapazen eines viertägigen Evakuierungsmarsches nach Kiel auf sich nehmen, wo er Mitte Mai 1945 von britischen Truppen befreit wurde. Nach weiteren drei Wochen kam Pfarrer Görge „fast bis zum Skelett abgemagert" in seine Pfarrgemeinde Bremerhaven-Lehe zurück. Am 29.6.1947 starb er während eines Genesungsurlaubs in seinem Heimatort in Hessen.

Bernhard Görge entstammte einer Bauernfamilie im ländlich strukturierten Allendorf, wo er am 18.12.1890 geboren wurde. Allendorf war, bis auf eine evangelische und wenige jüdische Familien, fast rein katholisch geprägt. Er besuchte nach der Volksschule die „Lateinschule" auf der Amöneburg und anschließend das „Königliche Gymnasium" zu Fulda. Von 1910 bis 1914 studierte er in Fulda Theologie und wurde am 25. 7.1914 zum Priester geweiht. Im Ersten Weltkrieg wurde er ab August 1914 zuerst als Militärkrankenwärter und anschließend als Militärpfarrer in Lüdenscheid eingesetzt. Während dieser Jahre widmete er sich mehrere Semester theologischen und philosophischen Studien an der Universität Münster.

In der Nachkriegszeit wirkte Bernhard Görge zuerst als Kaplan in Dernbach/Rhön und danach in Marburg. Seit dem Sommer 1921 besuchte er für ein weiteres Jahr die Universität Münster. Sein Studium schloss er mit der Prüfungsarbeit ‚Der paulinische Glaubensbegriff' und dem Diplom „Lizentiat der Theologie", einer Vorstufe des Doktorgrades, ab. Es folgten weitere Stationen als Kaplan in Kassel und Naumburg, bis er im Jahre 1927 seine erste Pfarrstelle antreten konnte. Bernhard Görge wechselte zur St. Josefs-Gemeinde nach Obernkirchen im Schaumburger Land, wo er bis zum Jahre 1932 blieb. Weitere Stationen waren Bremerhaven-Aumund (bis 1935) und anschließend Bremerhaven-Lehe. Zum Wechsel an die Wesermündung kam es, weil das Schaumburger Land bei der Neuordnung der Diözesen im Jahre 1930 von der Diözese Fulda nach Hildesheim wechselte, womit auch die Gemeinde Bernhard Görges zum Bistum Hildesheim gehörte. Die Herz-Jesu-Gemeinde an der Wesermündung war eine noch junge Gemeinde, deren mächtige Kirche erst im Jahre 1911 erbaut worden war. Zu betreuen waren aber neben der Kernpfarrei auch ein großer Landbezirk, ein Gefängnis, ein Gefangenenlager, ein Arbeitsdienstlager, ein Landjahrheim und Militäreinheiten. Bernhard Görge ging mit großem Engagement in seiner neuen Gemeinde voran. Er belebte das Gemeindeleben durch feierliche Gestaltung der Gottesdienste und lebendigen Ausbau der Vereine. Mit großer Energie verfolgte er neue Bauprojekte.

Bereits 1937 kam Pfarrer Bernhard Görge zum ersten Mal mit den Nationalsozialisten in Konflikt. Im Oktober 1936 soll er sich im Religionsunterricht positiv über den letzten Reichskanzler vor Hitler, den 1934 im "Röhmputsch" ermordeten General Schleicher, geäußert haben, wovon ein Schüler seinem Vater berichtete. Ein Ermittlungsverfahren wurde in Gang gesetzt, das die Oberstaatsanwaltschaft Hannover im April 1937 mit der Feststellung abschloss, dass die Äußerungen Görges den Eindruck erweckten, General Schleicher könne zu Unrecht erschossen worden sein. Damit habe Bernhard Görge gegen Persönlichkeiten des Staates oder der NSDAP hetzen wollen: Hierbei ist aber zu berücksichtigen, dass der Beschuldigte als politischer Hetzer noch nicht hervorgetreten ist. Ich beabsichtige deshalb, das Verfahren einzustellen, zumal es auch nicht wünschenswert erscheint, dass die Vorgänge, die zum Tode Schleichers geführt hatten, in einer Verhandlung erörtert würden, so der Oberstaatsanwalt.

Am 18. Juni 1944 kam es zum ersten Bombenangriff auf Bremerhaven, wobei zwei Brandkanister das Kirchengewölbe in Lehe durchschlugen, die Kirche aber nicht entzündeten. Am 18. September 1944 folgte der schwerste Angriff, bei dem die ganze Stadt in Flammen stand und mehr als 90% der Häuser zerstört wurden. Die Stadtverwaltung verfügte darum die Schließung der Leher Kirche zwecks Aufnahme von Möbeln. Soldaten waren schon gekommen, um die Bänke wegzuräumen. Pfarrer Görge aber verweigerte die Räumung der Kirche: „es gäbe ja noch freie Kino- und Schulräume". Erst durch eine schriftliche Erklärung des Oberbürgermeisters fügte er sich dieser Räumung. Am 4. November 1944 schrieb der Kaplan der Herz-Jesu-Gemeinde, Wilhelm Machens, an das Generalvikariat in Hildesheim: Leider muss ich Ihnen die traurige Mitteilung machen, dass Herr Pfarrer Görge am 2. November von der Staatspolizei in Haft genommen und nach Hamburg überführt ist. Auf Anfrage des Generalvikariats antwortete die Gestapo-Leitstelle Hamburg, dass Pfarrer

Bernhard Görge sich seit dem 3.11. in Polizeihaft befände. Es werde wegen staatsabträglicher Äußerungen, die er während der Ausübung seiner seelsorgerischen Tätigkeit gemacht habe, gegen ihn ermittelt. In den nächsten Wochen und Monaten folgte ein reger Schriftverkehr. Das Generalvikariat nahm mit Prälat Wintermann von der Hamburger St. Marienkirche Kontakt auf, der sich vor Ort mit der Gestapo und Pfarrer Görge in Verbindung setzen und einen geeigneten Rechtsbeistand hinzuziehen sollte. Ende November berichtete Prälat Wintermann, dass er bei der Gestapo gewesen sei: Es wird Ihnen bekannt sein, dass kaum Auskunft gegeben wird, solange die Untersuchung noch nicht abgeschlossen ist. Dieses Mal hielt der Beamte sich nicht so zurück, wie er es sonst schon tat. Ich darf Ihnen mitteilen, dass Herr Pastor Görge sich gegen das Heimtückegesetz vergangen hat und zwar in nicht unerheblicher Weise. Die Annahme, dass die „Voruntersuchung" kurz vor dem Abschluss stünde, bewahrheitete sich nicht. Pfarrer Görge war noch Monate im Polizeigefängnis der Gestapo in Hamburg-Fuhlsbüttel in Einzelhaft. Alle Versuche ihn zu sprechen wurden abgelehnt. Bis auf ein 10-minütiges Gespräch mit seiner Pfarrhelferin Adelheid Büß durfte niemand zu ihm. Sein Küster Alex Ströhlein berichtete später: Pastor Görge saß in Einzelhaft, völlig von der Außenwelt abgeschnitten. Ein Priester durfte nicht zu ihm. Wie er später selbst erzählte, hat er furchtbares in dieser trostlosen Einsamkeit erlitten. Dann die Ungewissheit, wie es werden würde und wann endlich das Ende käme. In einem Brief schrieb er unter anderem: Alles will nach oben ziehen, aber es ist ja so viel Leid. Ich bin gefasst. Man kann schon vieles ertragen. Nur ein Leid drückt mich, dass nun die Gemeinde und dass meine alte Mutter noch so etwas erleben müssen. Das Leid, das man anderen antut, ist das größere, sein eigenes erträgt man. Wir Menschen machen Pläne und Gott lässt seinen Willen doch immer geschehen. Darum ist das Wichtigste, dass wir uns ihm völlig anheimgeben.

In seinem Heimatort wusste man nicht, wo Bernhard Görge inhaftiert war. Man hatte nur davon gehört, dass er verhaftet worden sei. Später berichtete er, dass er völlig entkleidet eine Hundeleine um den Hals bekommen und an einer Hundehütte angebunden habe bellen müssen. In Lehe wusste ein Mann zu erzählen, ein ehemaliger Mithäftling habe berichtet, man habe Pfarrer Görge in ein großes Fass mit eiskaltem Wasser getaucht. Andere Mitgefangene hätten erzählt, dass Pastor Görge besonders hart behandelt wurde, weil er ein Priester war.

Mittlerweile bat man auch Bischof Wienken um Hilfe, der in Berlin das „Commissariat der Fuldaer Bischofskonferenz" leitete, ein mit einem Geistlichen und einem Laien-Juristen besetztes Gremium, das als ständige Verbindung zwischen den deutschen Bischöfen und der Reichsregierung dienen sollte. Mit Schreiben vom 24.3.1945 teilte Bischof Wienken dem Pastor in Bremerhaven mit, dass In Sachen des Pfarrers Görge ... die Akten dem Gericht übergeben wurden. Es kommt zu einer Verhandlung vor dem Volksgericht. ... ich bin bereit, einen geeigneten Rechtsanwalt in Vorschlag zu bringen. Eile ist geboten. Im April 1945 reiste der 2. Senat des Volksgerichtshofes noch einmal nach Hamburg, um in aller Eile noch ausstehende Fälle zu erledigen. Gegen Pfarrer Görge wurde jedoch nicht mehr verhandelt, weil der Volksgerichtshof „aus technischen Gründen" (d.h. wegen der heranrückenden britischen Truppen) nicht mehr alle vorgesehenen Prozesse durchführen konnte. Für Bernhard Görge gingen die Leiden und die Ungewissheit jedoch weiter. Aufgrund des Befehls des Reichsführers SS und der Deutschen Polizei, Heinrich Himmler, keinen KZ-Häftling lebend in die Hände des Feindes fallen zu lassen, wurde das KZ Fuhlsbüttel vor den herannahenden Truppen geräumt. Es folgte ein 4-tägiger Evakuierungsmarsch voller Ängste und Entbehrungen nach Kiel-Hassee zu einem am Russee liegenden Arbeitserziehungslager, das durch die ankommenden Gefangenmärsche total überbelegt war. Auf engstem Raum zusammengepfercht und bei miserabler Verpflegung mussten Pfarrer Görge und seine Mitgefangenen noch bis zum 4. Mai 1945 ausharren, bis das Lager endlich von den Briten befreit wurde.

Am 2. Pfingsttag 1945, dem 21. Mai, kehrte Pastor Görge wieder in seine Pfarrgemeinde nach Bremerhaven-Lehe zurück. Nach 6 Monaten Haft und Entbehrung war er fast bis zum Skelett abgemagert, das Gehen war nur ein Wanken so später seine Pfarrhelferin Adelheid Büß. In der Folgezeit besserte sich der Gesundheitszustand von Pfarrer Görge nur allmählich. Trotzdem nahm er am Leben in der Gemeinde wieder regen Anteil. Hunderte, ja Tausende von Flüchtlingen aus dem Osten strömten in die weiten Landbezirke. Plötzlich war die Pfarrei Lehe vor ganz neue Aufgaben gestellt. Trotz seines geschwächten Körpers gönnte sich Pastor Görge keine Ruhe. Aber sein Gesundheitszustand wurde immer bedenklicher. Der Arzt riet ihm zur völligen Ausspannung.

Im Juni 1946 reichte Pastor Görge beim Generalvikariat ein Urlaubsgesuch ein: Seiner Beine wegen, die immer noch recht kraftlos seien, müsse er etwas unternehmen. Bernhard Görge wollte nach Marburg fahren, um sich in der dortigen Klinik untersuchen zu lassen. Ein Jahr später, am 13. Juni 1947, bat er wieder um Urlaub: Er spüre es wirklich, dass wegen der Beine, die seinerzeit im Gefängnis erfroren waren, eine Klimaveränderung notwendig sei. Außerdem wolle er auch wieder seinen Arzt in Marburg aufsuchen. Am Sonntag des Festtages Peter und Paul feierte Pfarrer Görge noch den Morgengottesdienst in seiner Heimatgemeinde Allendorf. Am gleichen Abend ist er überraschend verstorben.

Erst nach dem Krieg wurde mehr über die Umstände seiner Verhaftung bekannt. Als er im Jahre 1935 nach Lehe kam, hatte er voller Elan die vielfältigsten Aufgaben in Angriff genommen, in einer Zeit, in der der nationalsozialistische Staat immer mehr Zurückhaltung von den Kirchen erwartete. Die Schwierigkeiten und Enttäuschungen wurden aber größer. Nach der Bombardierung Bremerhavens im September 1944 hatte sich Bernhard Görge sicher nicht mit Kritik zurückgehalten. Seine Kirche war beschlagnahmt und wurde für Gottesdienste gesperrt. In der Folgezeit sei eine Frau auf ihn zugekommen und habe den Wunsch geäußert, zum katholischen Glauben konvertieren zu wollen. Sie führte mit Pfarrer Görge mehrere Gespräche, wobei man auch auf die politische Situation und die Zukunft zu sprechen kam. Er sagte, dass Nationalsozialismus und Kirche ganz klar nicht miteinander zu vereinbaren seien. Oder auch: Sie brauche sich keine allzu großen Sorgen mehr zu machen. In einem Jahr gäbe es sicher keinen Führer mehr. Die angebliche Konvertitin war aber von der Gestapo auf ihn angesetzt worden, so dass auf Allerseelen 1944 die Verhaftung durch den Gestapo-Mann Karl Finger erfolgen konnte.

Pfarrer Bernhard Görge blieb wegen des herannahenden Kriegsendes der Prozess und vermutlich auch das Konzentrationslager Dachau erspart. Er verstarb im Jahre 1947 im Alter von 57 Jahren während eines Genesungsurlaubs in seiner Heimatgemeinde Allendorf. Vor dem Hintereingang der Kirche St. Katharina fand er auf dem damaligen Friedhof seine letzte Ruhestätte.

Arnold Schmitt

Zitierweise
„Görge, Bernhard“, in: Hessische Biografie <https://www.lagis-hessen.de/pnd/125237731> (Stand: 23.11.2017)
 
Hessisches Landesamt für Geschichtliche Landeskunde