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Hessian Biography

Portrait

Friedrich Wilhelm Lehmann
(1888–1960)

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Lehmann, Friedrich Wilhelm [ID = 12932]

* 5.11.1888 Königsberg (Preußen) heute Kaliningrad (Russland), † 9.7.1960 Frankfurt am Main, evangelisch
Prof. Dr. jur. – Gerichts-Assessor, Stadtkämmerer, Honorarprofessor
Other Names | Activity | Family Members | References | Life | Citation
Activity

Career:

  • 1907 Kollegium Friedericianum in Königsberg, Reifeprüfung
  • Jurastudium in Königsberg, Berlin, Heidelberg
  • 13.4.1912 Promotion zum Dr. jur. an der Universität Heidelberg
  • 1910 Erstes Juristisches Staatsexamen
  • 1914 Große Juristisches Staatsexamen
  • 1910-1914 Gerichtsreferendar in Wehlau, Insterburg und Königsberg
  • 1.9.1914-25.1.1915 Kriegsdienst ohne Fronteinsatz
  • 26.1.1915-31.3.1918 Gerichtsassessor in Königsberg und Lyck
  • 1.4.1918-25.7.1918 außerordentlicher juristischer Hilfsarbeiter in Königsberg bei der Staatsanwaltschaft
  • 27.7.1918-31.10.1918 juristischer Hilfsarbeiter in der Stadt Königsberg
  • 1.11.1918-29.6.1920 Magistrats-Assessor in der Stadt Königsberg, 11.1918 städtischer Demobilisierungskommissar
  • 30.6.1920-1.2.1932 Stadtkämmerer in Königsberg, geschickte Amtsführung während der Inflation
  • in den 1920er Jahren ca. vier Jahre Mitglied der Loge „zu den 3 Kronen“ (Stufe I-II)
  • 1926-1930 Mitglied in der DDP
  • 15.12.1931 zum Stadtkämmerer von Frankfurt am Main gewählt
  • 1.2.1932 Stadtkämmerer von Frankfurt am Main
  • 30.4.1933 Aufnahmeantrag in die NSDAP abgelehnt, später Mitglied (der Aufnahme-Zeitpunkt ist offen), führte die anfangs erhaltene Mitgliedsnummer 2.275.066
  • Mitglied im NSV
  • 1935 Reichsbund Deutscher Beamter
  • während des „Dritten Reiches“ Vorsitzender der Saalbau-AG
  • Vorstandsvorsitzender der Frankfurter Sparkasse
  • 1937 stellvertretender Verbandsvorsteher des Sparkassen- und Giroverbandes Hessen-Nassau
  • 6.1945 alleiniges Vorstandsmitglied und Präsident der Polytechnischen Gesellschaft bis zur Abberufung durch die Militärregierung im Dezember
  • 12.9.1945 für weitere zwölf Jahre im Amt des Stadtkämmerers bestätigt
  • bei der ersten Nachkriegs-Magistratswahl am 25.7.1946 wiedergewählt, Rücktritt am 7.8.1946
  • 1.9.1946 Ruhestand
  • die Spruchkammer stufte ihn als „entlastet“ ein
  • Beirat der Frankfurter Museumsgesellschaft
  • Kuratoriumsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Kulturmorphologie
  • 1932-1947 Vorsitzender des Aufsichtsrats der Main-Gaswerke AG
  • 1938-1946 Senior des St. Katharinen- und Weißfrauenstifts von, bis 1947 stellvertretender Senior
  • 1938-1959 Leiter des Kommunalwissenschaftlichen Instituts der Goethe-Universität
  • seit 1938 Mitglied im Verwaltungsausschuss des Freien Deutschen Hochstifts, stellvertretender Vorsitzender seit 1946, Vorsitzender seit 1955, Ehrenvorsitzender 1959-1960
  • 31.12.1948-13.2.1960 im Verwaltungsrat des Hessischen Rundfunks
  • 1.2.1950-1953 Universitätsrat an der Goethe-Universität
  • langjähriges Mitglied im Großen Rat und im Kuratorium der Universität
  • seit dem Wintersemester 1934/35 Lehrauftrag an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät
  • 1949 Honorarprofessor an der Goethe-Universität
  • 1958 Goethe-Plakette der Stadt Frankfurt am Main
  • 1959 Ehrenbürger und Ehrensenator der Johann Wolfgang Goethe-Universität

(Art-) Works:

  • Die Erpressungsmittel. Nach dem Strafgesetzbuch vom 15. Mai 1871, dem Vorentwurf und der Novelle zum Strafgesetzbuch, Insterburg 1912. [81 S.]
Family Members

Partner(s):

  • Krauspe, Hertha, * 16.4.1894, Heirat 22.4.1912
References

Sources:

  • Bundesarchiv, OPG-F 115
  • Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden, Abt. 520 F (A-Z) [Karton 1980] Dr. Friedrich Lehmann [geboren 05.11.1888]
  • Institut für Stadtgeschichte, Frankfurt am Main, PA 73.701, PA 73.702

Bibliography:

Image Source:

Tüffers, Der Braune Magistrat, S. 173

Life

Friedrich Lehmann wurde 1888 in Königsberg geboren. Nach der Schulabschluss 1907 studierte er Jura in Königsberg, Berlin und Heidelberg. Er wurde 1912 in Heidelberg promoviert. Er war Gerichtsreferendar und -assessor in Ostpreußen von 1910 bis 1918, nur unterbrochen von einem Militärdienst 1914. In Königsberg wurde er 1918 städtischer Mitarbeiter und 1920 Stadtkämmerer. Ende 1931 wählte ihn die Frankfurter Stadtverordnetenversammlung zum Stadtkämmerer. Parteipolitisch war er von 1926 bis 1930 in der DDP gewesen. Sein Antrag zur Aufnahme in die NSDAP (wohl) vom 30. April 1933 wurde abgelehnt durch die Ortsgruppe Dornbusch in Frankfurt. Er hatte die Mitgliedsnummer 2.275.066 erhalten, die er dann später, als er Mitglied geworden war, auch führte. Lehmann blieb bei den fundamentalen politischen Wechseln 1933 und 1945 Stadtkämmerer. Während des „Dritten Reiches“ hatte er dieses wichtige lokalpolitische Amt inne, das ihm tiefe Einblicke und umfangreiche Beteiligungsrechte in einer einflussreichen Kommunalverwaltung gewährte. Dabei bildete sein Wirken eine systemstabilisierende Funktion für die NS-Stadtregierung. Er war ein eifriger politischer Beamter, der sich für die Anliegen des Frankfurter Oberbürgermeisters und „Alten Kämpfers“ Friedrich Krebs (1894–1961) in den NSDAP-internen Auseinandersetzungen mit dem Gauleiter Jakob Sprenger (1884–1945) engagierte. Lehmann war in die Arisierungen involviert und er war informiert über sozialrassistische Maßnahmen der Frankfurter Stadtverwaltung. Lehmann vollzog die Personalausgaben für über 1.100 neue Mitarbeiter, darunter viele „Alte Kämpfer“, zugleich die erbärmliche Entlohnung von Volksdienst- und Zwangsarbeitern der Stadt. Um die Schulden zu senken, wurden auch Sozialkosten von Juden möglichst auf die Jüdische Gemeinde abgewälzt. Lehmann musste wissen, dass über 1.000 Patienten in Anstalten Opfer der „Euthanasie“ geworden sind, weil für sie die Stadt die Pflege nicht mehr zahlen musste; sogar in den städtischen Verwaltungsberichten war die Zahl der „Pfleglinge“ genau aufgeführt worden, sodass der Rückgang offenkundig war. Lehmann behauptete nach 1945 fälschlich – unter anderem schriftlich gegenüber der Spruchkammer –, er sei im Amt des Stadtkämmerers verblieben, um das Wirken der Nationalsozialisten zu begrenzen, indem er heimlich gespart, ihnen somit die Finanzen entzogen und darüber alle getäuscht hätte. Dies stellt seine zentrale Rechtfertigung dar. Tatsächlich legte er im „Dritten Reich“ häufig detailliert, schriftlich wie mündlich, den Schuldenabbau dar und befürwortete immer wieder Mittel zum Beispiel für den Kunstraub. Des Weiteren erklärte er zu seiner Verteidigung, Millionen in Geldscheinen zum Kriegsende entgegen einem Befehl nicht vernichtet oder nach Berlin geschickt zu haben. Dieser Befehl ist unbekannt; und Lehmann wird dazu aufgrund eines Herzinfarktes auch nicht in der Lage gewesen sein. Somit standen die Banknoten in der „Stunde Null“ für den Geldfluss zur Verfügung, angeblich ca. 90 Millionen Mark; Lehmann sträubte sich aber 1945, für überlebende Frankfurter Juden, die aus dem KZ Theresienstadt zurückgeholt worden waren, städtische Unterhaltskosten zu übernehmen. Er gab unter anderem auf dem Fragebogen der Militärregierung an, Vertrauensmann der „Organisation Goerdeler“ gewesen zu sein. Dafür will er sich mit Carl Goerdeler (1884–1945) konspirativ getroffen haben; er kannte ihn aus ihrer gemeinsamen Zeit im Königsberger Magistrat. Nur zeigt sich an Lehmanns Aussagen, dass er unzutreffend davon ausging, Goerdeler sei für das Attentat auf Hitler verantwortlich gewesen; aufgrund dieses Irrtums wird er auch hier wissentlich die Unwahrheit gesagt haben. Lehmann bestritt vehement, NSDAP-Mitglied gewesen zu sein. Aber im Spruchkammerverfahren wurde ihm diesbezüglich konkludentes Verhalten vorgeworfen; dort teilte er mit, eine Duplikat-Karte erhalten zu haben – der Zeitpunkt ist offen. Mit der schriftlichen Bestätigung der Aufnahme wurde man NSDAP-Mitglied. Dieses Schriftstück vernichtete er vor dem Einzug amerikanischer Truppen. Ein weiterer Beleg für seine Mitgliedschaft ist die Einleitung eines Parteigerichtsverfahrens vor dem Obersten Parteigericht infolge der Veröffentlichung einer finanzpolitisch kritischen Passage in seiner Rede zu einem städtischen Haushalt; es wurde niedergeschlagen. Bei seinem Tod wurde behauptet, er soll vielen Verfolgten das Leben gerettet haben; es konnte aber bisher kein Nachweis für diese Behauptung erbracht werden. Lehmann profitierte persönlich durch das Einkommen, das Ansehen, die Macht eines Großstadtkämmerers wie auch durch einen Chauffeur und sogar eine Zwangsarbeiterin im eigenen Haushalt. Der NS-Oberbürgermeister gestattete ihm die Nebentätigkeit eines Lehrauftrags an der Goethe-Universität und finanzierte dort für ihn das Kommunalwissenschaftliche Institut; auch veranstaltete er zu Lehmanns Geburtstag 1944 öffentliche Ehrungen. Weil man Lehmanns Behauptung glauben wollte, er sei kein NSDAP-Mitglied gewesen, wurde er am 12. September 1945 für weitere zwölf Jahre im Amt bestätigt. Nach der Einführung der hessischen Gemeindeordnung wurde er in der Magistratswahl am 25. Juli 1946 wiedergewählt. Wenige Tage später reichte er am 7. August 1946 den Rücktritt ein und ging zum 1. September 1946 in den Ruhestand. Im Spruchkammerverfahren wurde er als „Entlasteter“ eingestuft. Nach dem Krieg bekam Lehmann bedeutende ehrenamtliche Aufgaben übertragen wie einen Sitz im Verwaltungsrat des Hessischen Rundfunks; er wurde zum Honorarprofessor ernannt und für seine „Lebensleistungen“ mit hohen Ehren gewürdigt, so 1958 mit der Goethe-Plakette der Stadt Frankfurt, und vor allem für seinen angeblichen NS-Widerstand mit der Ehrenbürger- und der Ehrensenatorenwürde der Goethe-Universität 1959. Er starb 1960.

Gunter Stemmler

Citation
„Lehmann, Friedrich Wilhelm“, in: Hessische Biografie <https://www.lagis-hessen.de/pnd/122050746> (Stand: 3.7.2020)
 
Hessisches Landesamt für Geschichtliche Landeskunde