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Hessische Biografie

Portrait

Prinzessin der Niederlande, Marianne Prinzessin von Nassau-Oranien
(1810–1883)

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GND-Nummer

119276135

Nassau-Oranien, Prinzessin der Niederlande, Marianne Prinzessin von [ID = 2956]

* 9.5.1810 Berlin, † 29.5.1883 Reinhartshausen in Erbach (Rheingau) Schloss, evangelisch
Gutsverwalterin, Mäzenatin, Kunstsammlerin
Andere Namen | Wirken | Familie | Nachweise | Leben | Zitierweise
Andere Namen

Geburtsname:

Niederlande, Wilhelmine Friederike Luise Charlotte Marianne* Prinzessin der

Weitere Namen:

  • Preußen, Wilhelmine Friederike Luise Charlotte Marianne* Prinzessin von
Wirken

Werdegang:

  • verwaltete ungemein erfolgreich ihre Güter in Kamenz (Grafschaft Glatz)
  • kaufte wegen des Aufenthaltsverbots in Preußen nach ihrer Trennung vom Ehemann ein Jagdschloss in Mähren
  • erwarb 1855 von der Familie der Freiherren von Westphalen zu Fürstenberg Schloss Reinhartshausen, wo sie lebte
  • die zugehörige Rheininsel wurde nach ihr Mariannenaue genannt und für Weinbau genutzt
  • ließ als erste lutherische Kirche im Rheingau die Johanneskirche in Eltville-Erbach mit Pfarrhaus, Küsterhaus und Schulhaus erbauen
  • finanzierte u.a. 1872/75 den Wilhelmsturm in Dillenburg
Familie

Vater:

Niederlande, Wilhelm I. König der

Mutter:

Preußen, Wilhelmine Prinzessin von

Partner:

  • Preußen, Albrecht Prinz von, (⚭ 1830) 1809-1872, geschieden 1849
  • Rossum, Johannes van, † 1873

Verwandte:

  • Preußen, Albrecht <Sohn>, 1837-1906, Regent von Braunschweig
  • Johann Wilhelm <Sohn>, † Weihnachten 1861 an Scharlach, begraben in Erbach, Johanneskirche, Sohn der Prinzessin Marianne und ihres Kutschers, Sekretärs und Geliebten Johannes van Rossum
Nachweise

Literatur:

Leben

Die Prinzessin Marianne der Niederlande aus dem Hause Nassau-Oranien ist in den historisch interessierten Kreisen unseres Landes eine durchaus bekannte Größe. Vor allem im Rheingau, dann in Dillenburg ist die Erinnerung an diese ungewöhnliche, geheimnisvolle und auch skandalumwitterte Frau noch immer lebendig. Bekannt ist ihr Name heute noch durch die Mariannenaue, die größte Rheininsel am Mittelrhein zwischen Erbach und Hattenheim. Die Benennung wurde im Jahr 1896 von dem damaligen Eigentümer der Insel, Mariannes Sohn Prinz Albrecht von Preußen, beantragt und amtlicherseits genehmigt.

In der bisherigen Literatur gibt es nur wenige kleinere Beiträge an versteckter Stelle, die meist nur einzelne Episoden aus ihrem Leben schildern und manches eher verschleiern als offen legen. Der Eindruck, der sich aufdrängt, Marianne sei gewissermaßen einer „damnatio memoriae“ verfallen, erklärt sich aus ihrer ungewöhnlichen Lebensgeschichte.

Marianne wurde am 9. Mai 1810 in Berlin als jüngstes Kind des Fürsten Friedrich Wilhelm von Nassau-Oranien und seiner Gattin Wilhelmine von Preußen geboren. Die Familie war zu dieser Zeit auf einem Tiefpunkt ihrer sonst so ruhmreichen Geschichte angekommen. Nach dem Verlust der Erbstatthalterschaft in den Niederlanden schon Ende des 18. Jahrhunderts führte die Politik Napoleons 1806 auch zum Verlust der nassau-oranischen Stammlande um Dillenburg und Siegen. Fürst Friedrich Wilhelm fand sich aufgrund seiner engen familiären und damit auch politischen Bindungen an das Haus Hohenzollern in Preußen nicht bereit, dem von Napoleon 1806 ins Leben gerufenen Rheinbund beizutreten. Die Niederlagen Preußens gegen Napoleon 1807 raubten den Oraniern ihren letzten noch verbliebenen Verbündeten. Die Oranier wurden von Napoleon endgültig entmachtet. Unter den verlorenen Gebieten befand sich im übrigen auch das vormalige Fürstbistum Fulda, das erst 1802/03 als ein schwacher Ersatz für die Verluste in den Niederlanden an das Haus Nassau-Oranien gekommen war.

Die Wende durch die Beseitigung der napoleonischen Herrschaft brachte der Familie 1815 den Königsthron in den Vereinigten Niederlanden einschließlich Belgiens und des Großherzogtums Luxemburg, ein Königsthron, der freilich mit dem Verzicht auf die Stammlande in der nassauischen Heimat um Dillenburg recht teuer erkauft war. Indem Mariannes Vater als König Wilhelm I. den niederländischen Thron bestieg, rechnete sie als Königstochter in den kommenden Jahren zu den begehrtesten Heiratspartien im hochadeligen Europa. Ihr Ruf als schöne und geistig vielseitig interessierte junge Frau trug ein übriges dazu bei. Im Sommer 1829 wurde sie im Alter von 19 Jahren dem schwedischen Prinzen Gustav Wasa offiziell verlobt. Dieser war freilich mit dem Makel behaftet, Sohn eines schon 1809 entthronten Königs und damit ohne eine politische Perspektive zu sein. Jedenfalls wurde die Verlobung Anfang 1830 unter nicht eindeutig geklärten Umständen wieder gelöst. Eine Werbung des Kaisers Dom Pedro I. von Brasilien wurde vom Königshof in Den Haag nicht weiter verfolgt. So heiratete Marianne schließlich am 14. September 1830 ihren Vetter Prinz Albrecht von Preußen, den jüngsten Sohn des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III. und seiner wohl bekannteren Gemahlin Königin Luise von Preußen. Die Mutter der Marianne, Wilhelmine, war ihrerseits eine Schwester des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III. und mithin eine Tante ihres nunmehrigen Schwiegersohns. Beide frisch Vermählten kannten sich schon lange, so daß man auch von einer „Jugendliebe“ sprechen könnte. Von den fünf Kindern des Ehepaars erreichten drei das Erwachsenenalter. Der 1837 geborene Sohn Prinz Albrecht, der also den gleichen Namen wie sein Vater trug, machte später Karriere, indem er – gewissermaßen als arbeitsloser Prinz – im Jahr 1885 zum Prinzregenten im welfischen Herzogtum Braunschweig ernannt wurde und dieses Amt bis zu seinem Tode 1906 über mehr als 20 Jahre ausübte. Die älteste Tochter Mariannes, Prinzessin Charlotte, geboren 1831, heiratete 1850 den Prinzen Georg von Sachsen-Meiningen, den späteren weithin bekannten Theater-Herzog. Charlotte starb aber bereits 1855 im Kindbett. Die andere, sehr viel jüngere Tochter Alexandrine, geboren 1842, wurde 1865 mit Herzog Wilhelm von Mecklenburg-Strelitz verheiratet. Alle drei Kinder der Marianne heirateten also standesgemäß. Die Söhne des Prinzen Albrecht wiederum hinterließen keine männliche Erben; der letzte von ihnen starb Anfang 1940. Doch gibt es in weiblicher Folge eine große Schar von Nachkommen. Dieser Stammbaum bildet nur den Rahmen zu einem viel bunteren Bild.

Marianne und ihr Gemahl Prinz Albrecht paßten ihrem Charakter nach absolut nicht zusammen. Marianne war feinfühlig, geistig und künstlerisch hoch interessiert und motiviert, ihr Gemahl Albrecht liebte hingegen den preußischen Drill und war ohne künstlerische Neigung. Schon bei der Hochzeit in Den Haag im September 1830 fiel er am niederländischen Hof durch seine unbedarfte Art unangenehm auf. Sein Bruder, der spätere König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen, bezeichnete ihn einmal respektlos als „verbummelt“.

Bis zur Geburt der jüngsten Tochter Alexandrine im Jahr 1842 scheint das Familienleben noch halbwegs funktioniert zu haben, dann aber kam es 1845 zum Bruch. Die Eheleute lebten fortan getrennt. Förmlicher Auslöser war ein Verhältnis des Prinzen Albrecht mit Rosalie von Rauch, der Tochter des preußischen Kriegsministers. Das Kriegsministerium lag in Berlin direkt neben dem Palais des Prinzen Albrecht, so daß sich hier gewissermaßen ein Verhältnis zu einem Nachbarskind entwickelt hat. In früheren Jahrhunderten hätte sich die Ehefrau wohl auf ein Schloß zurückgezogen und sich der Erziehung ihrer Kinder gewidmet, doch nicht so Mitte des 19. Jahrhunderts. Marianne führte nun ein völliges Eigenleben, reiste mit ihrem kleinen Hofstaat durch halb Europa und sorgte sich persönlich um die Verwaltung ihrer reichen Besitzungen. Versuche beider Ehepartner, den preußischen wie den niederländischen Hof für die Zustimmung zu einer Scheidung zu bewegen, schlugen fehl. Dort hoffte man noch immer auf eine Aussöhnung. Tatsächlich hat wenigstens Marianne noch bis zum Jahr 1848 derartige Anläufe unternommen.

Eine dramatische Wende trat 1849 ein. Marianne war nämlich inzwischen ebenfalls ein Verhältnis eingegangen, das nicht ohne Folgen blieb. Von ihrem Leibkutscher und späteren Kabinettssekretär Johann van Rossum, einem Niederländer aus Den Haag, erwartete sie ein Kind. Wer die Regenbogenpresse unserer Tage verfolgt, wird mühelos auf ähnliche Beispiele stoßen. Für die Gesellschaft in der Mitte des 19. Jahrhunderts ergab sich ein öffentlicher Skandal, gesteigert dadurch, dass die Beteiligten noch mit anderen Personen verheiratet waren. Denn dies gilt auch für Mariannes neuen Lebenspartner Johann van Rossum, geboren 1809, dessen Ehefrau erst 1861 in Den Haag verstarb. Sowohl Marianne als auch ihr Gemahl Prinz Albrecht von Preußen blieben ihren neuen Partnern für den Rest ihres Lebens verbunden. Prinz Albrecht heiratete seine Rosalie von Rauch 1853 nach langem Ringen mit dem preußischen Hof in morganatischer Ehe. Sein Schwiegersohn, Herzog Georg von Sachsen-Meiningen, verlieh ihr den Titel einer Gräfin von Hohenau. Das Paar mußte aber Preußen verlassen und zog nach Dresden, wo man das heute noch zu bewundernde Schloß Albrechtsburg baute. Marianne und Johann van Rossum ihrerseits lebten zwar unzertrennlich zusammen, geheiratet haben sie jedoch nie.

Die bevorstehende Niederkunft der Marianne sorgte nun für einen Meinungswechsel an den betroffenen Höfen und veranlaßte sowohl ihren Bruder, König Wilhelm II. von Holland, als auch ihren Schwager, König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen, der Scheidung zuzustimmen. Sie wurde am 28. März 1849 nach knapp 19 Jahren Ehe in Berlin förmlich ausgesprochen. Fast möchte man meinen, Marianne habe durch ihren Fehltritt die Auflösung ihrer Ehe regelrecht erzwingen wollen, doch gibt es hierfür keine sicheren Anhaltspunkte. Jedenfalls war mit der Scheidung die lebenslange Verbannung vom preußischen Königshof und damit aus Berlin sowie die Verpflichtung verbunden, keine öffentlichen Funktionen mehr als Mitglied der Häuser Nassau-Oranien oder Hohenzollern wahrzunehmen. Ihr Aufenthalt im Königreich Preußen wurde auf 24 Stunden beschränkt. Gleiches galt auch im übrigen für ihren geschiedenen Gemahl Prinz Albrecht.

Schon in der Zeit der Trennung nach 1845 war Marianne die Erziehung ihrer Kinder entzogen worden. Erst recht hatte sie nach der Scheidung Mühe, mit ihren Kindern überhaupt im Kontakt zu bleiben. Die Teilnahme an Familienfeierlichkeiten in Berlin wie beispielsweise die Hochzeit ihrer Tochter Charlotte mit dem Prinzen Georg von Sachsen-Meiningen im Jahr 1850 war ihr natürlich untersagt. Gleichwohl unterhielt Marianne auch in späterer Zeit zu ihren legitimen Kindern, Enkelkindern und den angeheirateten Familien trotz der verqueren Familienverhältnisse enge und geradezu ungetrübte Beziehungen.

Das Leben der Prinzessin Marianne der Niederlande spiegelt sich in auffälliger Weise in den Schlössern, Palais, Villen und sonstigen Bauten wider, die sie kaufte, um- oder neu erbaute oder auch stiftete. In Berlin – um bei den Anfängen zu bleiben – kaufte das jung vermählte Ehepaar 1830 ein barockes Palais, das man sogleich nach den Plänen des Berliner Stararchitekten dieser Zeit, Karl Friedrich Schinkel, ausbaute. Nicht zuletzt durch die Neugestaltung der Straßenfront mit Kolonnaden und aufgestockten Flügelbauten gewann dieses Palais einen repräsentativen Charakter. Man darf vermuten, daß schon bei diesem ersten Bauvorhaben Marianne das entscheidende Wort führte. Jedenfalls zeigt der spätere Galeriebau von Reinhartshausen im Rheingau deutliche Anklänge an sein Berliner Vorbild. Die ausgedehnten Gartenanlagen schuf im übrigen der bekannte preußische Gartenarchitekt Peter Joseph Lenné. Sie zählten, so wird geurteilt, zu seinen schönsten Schöpfungen an städtischen Schloßgärten.

Das Palais des Prinzen Albrecht in der Wilhelmstraße Nr. 102 in Berlin hat seine eigene Geschichte. Bis in die Zeit nach dem 1. Weltkrieg blieb es im Besitz von Mariannes Familie. Innenaufnahmen aus der Zeit um 1900 zeigen, daß die Räume mit Plastiken und Gemälden überaus reich geschmückt waren, die sehr wahrscheinlich aus den Sammlungen der Marianne stammten. Anfang des 19. Jahrhunderts wurden Teile des Gartens abgetrennt und bebaut. Ab 1934 befand sich das Palais im Besitz der SS und diente ab 1939 dem Reichssicherheitshauptamt unter Leitung von Reinhard Heydrich als Dienstsitz. Heydrich selbst sorgte noch 1941 für eine Renovierung und repräsentative Ausgestaltung des Prinz Albrecht-Palais. Ab Mai 1944 wurde der Bau von diversen Luftangriffen schwer getroffen. Nach dem Krieg ließ der Westberliner Senat 1949 den als Ruine noch immer eindrucksvollen Schinkelbau hart an der Grenze zur sowjetischen Sektorengrenze heimlich sprengen. Ein gleiches Schicksal traf alle Nachbarbauten mit ihren früheren NS-Dienststellen, darunter das Hauptquartier der Gestapo mit seinem umfangreichen Gefangenentrakt. Das riesige planierte, noch immer als „Prinz Albrecht-Gelände“ bezeichnete Areal wird heute als „Topographie des Terrors“ für ein Dokumentationszentrum genutzt.

Weit weniger dramatisch, aber in seiner Geschichte doch gleichfalls treffend erging es einem anderen Schloßbau der Marianne. Mit dem Tode ihrer Mutter Wilhelmine 1837 erbte sie deren ausgedehnte Ländereien in Schlesien um Kamenz. Das Zisterzienserkloster Kamenz war 1810 von Preußen aufgehoben und 1812 formell von König Friedrich Wilhelm III. an seine Schwester Wilhelmine, der Mutter der Marianne, verkauft worden. Es handelte sich um jene Güter, die dem Hause Nassau-Oranien während seines Berliner Exils in der napoleonischen Zeit als Grundlage eines standesgemäßen Lebens dienen sollten. Dazu erwarb Marianne bald nach ihrer Erbschaft ein Jahr später 1838 die Herrschaft Seitenberg und schließlich noch 1840 die benachbarte Herrschaft Schnallenstein. Beide lagen in der schlesischen Grafschaft Glatz dicht bei Kamenz. Diese schlesischen Güter waren der Quell ihres großen Reichtums. Allerdings flossen die Erträge so beständig nur dank einer überaus erfolgreichen Verwaltung bzw. Bewirtschaftung durch die Prinzessin selbst. Da ihr aber ein Aufenthalt in Preußen von mehr als 24 Stunden infolge ihrer Scheidung untersagt war, erwarb sie 1854 unmittelbar hinter der preußischen Grenze das Jagdschloß Weißwasser im damaligen Kaiserreich Österreich, heute in der Tschechischen Republik gelegen. Von dort aus konnte sie in einer Entfernung von nur 10 km bequem ihren Hauptsitz Kamenz, aber auch ihre anderen schlesischen Güter erreichen.

Bereits 1837 beauftragte Marianne ihren Architekten Schinkel mit der Planung eines mächtigen Schlosses in Kamenz, im Oktober 1838 fand die Grundsteinlegung statt. Der unglückliche Verlauf ihrer Ehe zögerte den Abschluß lange hinaus; erst 1873 war der Bau vollständig fertig gestellt. Das Schloß mit seinem prachtvollen Park, für den wiederum Lenné verantwortlich zeichnete, blieb bis 1945 im Besitz der Familie. Unter polnischer Verwaltung ging das Schloß 1946, angeblich verursacht durch russische Soldaten, in Flammen auf und steht heute nur noch mit seinen Außenmauern als Ruine, wird derzeit aber wieder restauriert.

In den Niederlanden besaß Marianne mit dem „Rusthof“ bei Voorburg nahe Den Haag ihr Quartier, das sie ebenfalls gerne besuchte.

Marianne reiste 1849 nach der Scheidung sogleich nach Italien ab. Sie hielt sich die letzten Wochen vor ihrer Niederkunft in Cefalu auf Sizilien auf, wo sie am 30. Oktober 1849 einem Jungen das Leben schenkte. Der Sohn wurde nach dem Vater und den jeweiligen Großvätern auf den Namen Johann Wilhelm getauft. Während der Niederkunft kreuzten niederländische Kriegsschiffe vor Cefalu, wie überhaupt wurde, in diesen turbulenten Jahren Marianne sei amtlicherseits überall überwacht worden. Kurz darauf machte sie – im übrigen ohne das Kind – mit ihrem kleinen Hofstaat und natürlich auch mit ihrem Lebensgefährten eine ausgedehnte Bildungsreise in den Orient in die damals noch unter türkischer Herrschaft stehenden Länder Ägypten, Palästina und Syrien.

Der Aufenthalt in Sizilien leitete Mariannes kurze italienische Phase ein. Zwar hatte sie schon früher einen Hang nach Italien gezeigt und hatte sich dort oft aufgehalten, beispielsweise zur Kur auf Ischia. Anfang der 1840er Jahre erwarb sie eine Prachtvilla am Comer See, die sie nach ihrer Tochter Charlotte „Villa Carlotta“ nannte und die sie 1850 ihrer Tochter bei deren Hochzeit mit dem Prinzen Georg von Sachsen-Meiningen schenkte. Nunmehr ließ sich Marianne in Rom nieder und kaufte dort 1852 die Villa Mattei, eine repräsentative Renaissancevilla auf dem Monte Celio unweit des Kolosseums. Sie nannte ihren neuen Sitz „Villa Celimontana“, und so heißt er auch heute noch. Umgeben von „Roms stillster und gepflegtester Parkanlage“ – so die Einschätzung eines modernen Reiseführers – beherbergt der Adelssitz heute ein Geographisches Institut. Der Kauf wurde 1851 auf den Namen des Johann van Rossum getätigt, was zeigt, wie eng Marianne ihre Beziehung zu ihrem neuen Lebensgefährten und Vater ihres Sohnes sah. In Rom umgab sich Marianne nicht nur mit Wissenschaftlern und Künstlern, sie kaufte damals auch den größten Teil ihrer kunsthistorischen Schätze zusammen. Gleichwohl hielt es Marianne nicht lange in Rom. Offensichtlich war ihr die Entfernung zur Heimat und zu ihren älteren Kindern zu groß. Besonders hart muß sie der frühe Tod ihrer Tochter Charlotte 1855 getroffen haben. Im selben Jahr verkaufte sie bereits wieder ihre römische Traumvilla, um endgültig nach Deutschland zurückzukehren.

In eben diesem Jahr 1855 ließ sich Marianne im Herzogtum Nassau nieder. Sie war nunmehr 45 Jahre alt. Marianne erwarb das Schloß Reinhartshausen im Rheingau in der Gemarkung von Erbach zusammen mit umfangreichem Grundbesitz und zugehörigen Weingütern für 275 000 Gulden – das ist für die damalige Zeit eine gewaltige Summe - von dem Grafen Clemens August von Westphalen. Dessen Familie hatte das Schloß 1801 erbaut. Dieses Schloß sollte von nun an der Hauptwohnsitz der Prinzessin bis zu ihrem Tode 1883 werden.

Sie ließ nach dem Kauf nicht nur das eher unscheinbare Schloßgebäude ausbauen, sondern ergänzte die Anlage durch einen sich rechtwinklig anschließenden repräsentativen Galeriebau mit zweistöckigen quadratischen Randbauten an den Schmalseiten. Seinem Aussehen nach ähnelte dieser Bau sehr stark der Straßenfront ihres Palais in Berlin. Die Pläne stammten von dem nassauischen Baumeister Theodor Götz. Dieser Bau war von vorneherein als Museum konzipiert, hier wurden die berühmten Kunstsammlungen der Marianne untergebracht. Man transportierte sie in diesen Jahren aus Italien nach Reinhartshausen. Darunter befanden sich beispielsweise auch, wie Marianne selbst schreibt, acht antike Säulen aus dem Palast des Nero in Rom, die nun in Reinhartshausen verbaut wurden. Alles geschah, wie sich nicht anders denken läßt, nach den genauen Anweisungen der Bauherrin.

Marianne lebte auf Schloß Reinhartshausen zusammen mit ihrem Lebensgefährten Johann van Rossum und ihrem Sohn Johann Wilhelm. Dem Sohn, der „Blume ihres Lebens“, galt ihre ganze Aufmerksamkeit und Liebe. Beim Erwerb des Schlosses 1855 war der Besitz auf den Namen des damals fünfjährigen Knaben getätigt worden, was zeigt, daß Marianne wie immer weit vorausschauend ihrem Sohn diesen mütterlichen Besitz sichern wollte. Von Herzog Adolf von Nassau ließ sie ihrem Sohn den Namen „Johann Wilhelm von Reinhartshausen“ verleihen, doch offensichtlich ohne einen adeligen Zusatz. Sie wünschte, daß ihr Sohn bürgerlich erzogen werde und später einmal als Theologe oder Jurist seinen Lebensunterhalt verdienen sollte. Im Oktober 1861 übergab sie den inzwischen 12jährigen Knaben, der bis dahin von Privatlehrern unterrichtet worden war, dem Pfarrer Wilhelm Feller in Dauborn zur weiteren Ausbildung. Dieser Pfarrer unterhielt zur damaligen Zeit eine kleine, wegen der pädagogischen Fähigkeiten ihres Leiters aber weithin bekannte Privatschule mit angeschlossenem Internat. Johann Wilhelm lebte sich auch sogleich vorzüglich in seine neue Umgebung ein. Als er an Weihnachten 1861 in die Ferien nach Reinhartshausen entlassen worden war, wurde er plötzlich von hohem Fieber befallen. Nachdem er – so seine Mutter – noch eigenhändig den Weihnachtsbaum geschmückt hatte, verstarb er am Abend des 25. Dezember 1861 in den Armen seiner verzweifelten Mutter an Scharlach.

Der Tod des Kindes hinterließ bei Marianne einen lebenslangen Schmerz. Ihr Lebensmut und eine tiefe Religiosität ermöglichten es ihr aber, über diesen Schicksalsschlag hinwegzukommen. Die große Anteilnahme in der Bevölkerung taten ihr gut. Dankbar nahm sie Kondolenzschreiben ihrer legitimen Kinder entgegen.

Noch am Abend des Todestages stiftete Marianne einen Betrag von 60.000 Gulden zum Bau einer Evangelischen Kirche samt Pfarrhaus und gleichzeitig zur Dotation einer Pfarrstelle im oberen Rheingau zu Erbach auf ihrem eigenen Grund und Boden. Die Stiftungsurkunde ist auf den 25. Dezember 1861, dem Sterbetag ihres Sohnes, ausgestellt, doch hat Marianne den Text zweifellos erst später so formuliert. Danach sollte der katholische Rheingau mit ihrer Stiftung erstmals eine Evangelische Kirche erhalten. Bisher fanden die Gottesdienste, die Marianne mit ihrem Hofstaat regelmäßig besuchte, im früheren Zehnthof zu Erbach statt. Noch kurz vor seinem Tode hatte der Sohn Johann Wilhelm am 6. Oktober nach dem Besuch des Gottesdienstes den Wunsch geäußert – so wieder die Aussage seiner Mutter –, es möge doch bald ein eigenes Gotteshaus für die evangelischen Christen im Rheingau gebaut werden. Marianne sah dies als einen von Gott bestimmten Auftrag an und begründete mit der Vision des Sohnes immer wieder ihre Stiftung. Freilich sollte die Kirche zugleich auch das Mausoleum für den Sohn werden. So verfügte Marianne in der Stiftungsurkunde ganz konkret, daß für den Verstorbenen eine Gruft hinter dem Altar eingerichtet werde mit dem Raum für zwei weitere Särge, über dessen Nutzung sie sich ganz alleine die Entscheidung vorbehielt. Marianne wollte damit auch eine Grablege für sich selbst und ihren Lebensgefährten Johann van Rossum schaffen. Der Vorgang ähnelt einer mittelalterlichen Kirchenstiftung und wurde auch offensichtlich in diesem Sinne von Marianne auch verstanden. Die Kirche wurde später Johannes-Kirche genannt. Als Nassau 1866 preußisch wurde, hoffte Marianne, sie werde das Patronat über ihre Erbacher Kirche entsprechend den preußischen Gesetzen ausüben können. Den Kirchenstuhl ließ sie ganz im Aussehen eines klassischen Patronatsgestühls erstellen und mit dem nassauischen Wappen versehen.

Als Baumeister der Kirche wurde Eduard Zais, der Sohn des berühmten nassauischen Baumeisters Christian Zais, gewonnen. Marianne griff, wie nicht anders zu erwarten, in die Baumaßnahmen beständig ein. Besonders lag ihr natürlich die Ausgestaltung des Epitaphs für ihren verstorbenen Sohn am Herzen. Hiermit beauftragte sie den niederländischen Bildhauer Johann Heinrich Stöver, der ihr aus Rom bekannt war. Stöver schuf in Rom in stilistischer Anlehnung an den großen dänischen Bildhauer des Klassizismus, Bertel Thorvaldsen, aus weißem Carrara-Marmor drei allegorische Figuren, die das Grabmal schmücken sollten. Sie verkörperten Glaube, Liebe und Hoffnung. Sowohl der Bau der Kirche als auch die Herstellung dieser Figuren zogen sich – sehr zum Ärger von Marianne – ungebührlich in die Länge. Erst am 1. August 1865 konnte die Kirche im Beisein der Stifterin feierlich eingeweiht werden. Zu spät erkannte Marianne, daß die klassizistischen Figuren des Grabmals in eine gotische Kirche eigentlich nicht hineinpaßten. Zwei Figuren begleiten heute noch den Eingang zur Gruft hinter dem Altar. Weitere Figuren aus der gleichen Schule schmücken das Umfeld der Kirche und des Schlosses Reinhartshausen.

Aus diesen ereignisreichen 1860er Jahren liegen relativ viele Briefe der Marianne mit dem Erzieher ihres Sohnes, dem Pfarrer Feller in Dauborn, sowie mit dem Pfarrer Wilhelm Ullrich in Erbach vor. Daneben gibt es eine knappe Lebenserinnerung der Pfarrersfrau aus Erbach, Caroline Ullrich, geb. Usener, so daß wir uns für diese Zeit ein etwas tiefer gehendes Bild von Marianne und ihrem Wirken machen können. Unproblematisch war ihr herzliches Verhältnis zu dem Pfarrer Feller in Dauborn, dem Erzieher ihres Sohnes, das sich nach dessem Tode auf seine Tochter Auguste über-trug und das zu einer tiefen Freundschaft dieser ungleichen Frauen bis zu ihrem Lebensende führte. Pfarrer Ullrich in Erbach wurde als zuständiger Pfarrer an der von Marianne gestifteten Kirche logischerweise engster Ansprechpartner für die Prinzessin. Er und seine Gemeinde wurden von Marianne geradezu mit Liebesgaben überschüttet. Marianne besserte nicht nur das Gehalt des Pfarrers aus eigener Tasche heimlich auf, sie spendete auch an allen hohen kirchlichen Festtagen Geld für die Armen der Kirchengemeinde, aber auch für die katholischen Armen, denn – so Marianne – vor Gott sind alle gleich. Spenden erhielten auch beispielsweise die Schule, die evangelische Gemeinde in Rüdesheim und wahrscheinlich unzählige weitere soziale Einrichtungen im Rheingau und anderswo. Bedingung in allen Fällen war, daß die Herkunft der Gelder nicht bekannt werden durfte. Die Verteilung der Mittel oblag zumeist dem Pfarrer, dem Marianne das Geld regelmäßig in Briefumschlägen bar übergab oder von ihren schlesischen Besitzungen aus zuschickte. Selbst für die Art, wie die Spenden an die Bedürftigen diskret ausgeteilt werden könnten, unterbreitete sie Vorschläge.

Für den Pfarrer Ullrich war die massive Zuneigung der „Prinzess“, wie Marianne bei den Ein-heimischen im Rheingau bald allgemein genannt wurde, ein zweischneidiges Schwert. Natürlich waren ihm die finanziellen Unterstützungen willkommen. Schon beschwerlicher wurden ihm die regelmäßigen wöchentlichen Besuche, zu denen ihn und seine Frau die Prinzess einlud und bei denen offenbar stundenlang über Gott und die Welt gesprochen und vor allem auch die Predigten des Pfarrers kritisch durchleuchtet wurden. Anfangs versuchte der Pfarrer noch vergeblich, sich diesen Zwängen zu entziehen, aber doch vergeblich. Weit mehr aber dürfte ihn die Tatsache zu schaffen gemacht haben, daß er ja hier einen freundschaftlichen Umgang pflegte mit einem in wilder Ehe lebenden Paar, von denen der eine Partner geschieden, der andere aber noch verheiratet war, und deren illegitimen Sohn er schließlich seine eigene Kirche verdankte. So etwas konnte ein evangelischer Pfarrer beim besten Willen nicht einfach hinnehmen. Allerdings wird in ihrem Schriftverkehr dieses Thema niemals angeschnitten, wiewohl Marianne ihren ständigen Begleiter Johann van Rossum in allen ihren Briefen immer wieder wie selbstverständlich erwähnt und hervorhebt. In den Memoiren der Pfarrersfrau wird aber dieses Unbehagen deutlich, und sie äußert ihre Erleichterung, als es ihrem Mann 1873 gelingt, eine andere Pfarrstelle in Bierstadt zu erlangen. Dabei spricht sie von einer erst kürzlich erfolgten unerfreulichen Auseinandersetzung.

Man kann vermuten, um was es dabei ging. Am 10. April 1873 war Mariannes langjähriger Weggefährte Johann van Rossum nach langem Siechtum an der Schwindsucht gestorben. Marianne hatte ihn zu allen Zeiten an ihrem Leben teilnehmen lassen, obwohl er nie im Vordergrund stand. Nach dem Tod ihres gemeinsamen Sohnes hatte Marianne ihm beispielsweise das Schloß Reinhartshausen schenkungsweise übertragen. Bei dem Tode des Johann van Rossum ging es nun um die Frage, wo er beerdigt werden sollte. Hierzu haben sich leider keine Nachrichten erhalten. Jedenfalls wurde van Rossum nicht wie vorgesehen in der Gruft in der Kirche beerdigt, sondern auf dem öffentlichen Friedhof in Erbach in Sichtweite des Schlosses Reinhartshausen. Über seinem Grab wachte von Anfang eine große marmorne Christusfigur, eine Inschrift mit dem Namen des Verstorbenen trägt das Grab jedoch nicht. Offensichtlich wurde Johann van Rossum anonym bestattet.

Die letzten zwanzig Jahre ihres Lebens verbrachte Marianne vorwiegend in Reinhartshausen. Es war nun ruhiger um sie geworden. Ihr Interesse an der Politik und auch an der Geschichte ihrer Familie war aber ungebrochen. Den Untergang des Herzogtums Nassau im Jahr 1866 und sein Aufgehen in das Königreich Preußen begrüßte die nassauische Prinzessin zwar, sah aber auch kritisch die Hintergründe. „Der Fall des ehrwürdigen Hauses Nassau war unvermeintlich“, so Marianne im gleichen Jahr, „als dessen Haupt sich auf die Seite der Finsternis stellte und partikularistische Interessen über die Sache des deutschen Vaterlandes setzte. Herzog Adolf war mit Blindheit geschlagen, als er sich zu Österreich schlug ... Österreich ... hat das Haus Nassau mit sich ins Unglück gestürzt.“ Doch sie sprach auch von „meinem lieben Nassauerland“. Ihrer Bestimmung gemäß unterhielt sie zu Herzog Adolf und seinem Hof keinen Kontakt. Als das Herzogspaar einmal den Kirchenbau in Erbach besichtigte, war Marianne - sicher nicht zufällig - gerade auf Reisen. Später im Jahr 1873 besuchte sie den inzwischen abgesetzten Herzog auf Schloß Hohenburg, um ihn in ihre Pläne für eine Fideikomiss-Stiftung des Schlosses Reinhartshausen und ihrer anderen Güter einzuweihen. „Es hat“, so schrieb Marianne anschließend an Herzog Adolf, „meinem alten und doch noch jugendlichen Herz wohl getan, unter deinem Dache zu weilen. Seit manchem Jahr war mir dieser Vorzug nicht zuteil geworden.“ Ein bitterer Nachsatz!

Von Reinhartshausen unternahm Marianne wiederholt kleinere Exkursionen in die Umgegend zu den Burgen und Schlössern ihrer Vorfahren in den Nassauer Landen. So wird von einem spontanen Ausflug nach Strüth und nach Lipporn berichtet, wo sie vergeblich nach den Ge-mäuern der ältesten nassauischen Burg suchte. Ihr Lebensgefährte Johann van Rossum war selbstverständlich Mitglied des „Vereins für Nassauische Altertumskunde und Geschichtsforschung“, sie selbst aber nicht. Marianne hielt sich strikt an die Auflagen ihrer Scheidung, wonach sie sich von öffentlichen Ämtern fern zu halten und vor allem jegliches Auftreten in der Öffentlichkeit als Vertreterin ihres Hauses zu meiden habe.

Nur ein einziges Mal durchbrach sie dieses Gebot und wurde entsprechend bestraft. Ende 1865 bildete sich in Dillenburg ein Komitee, das es sich zur Aufgabe machte, ein Denkmal und letztlich einen Turm zu Ehren des großen Sohnes dieser Stadt, des Prinzen Wilhelm von Oranien und niederländischen Freiheitshelden, zu erbauen. Als Standort wählte man das alte nassauische Schloß. Das Residenzschloß in Dillenburg war im Siebenjährigen Krieg 1760 von den Franzosen unter unglücklichen Umständen zerschossen und niedergebrannt worden. Ebenso verhängnisvoll erwies sich die anschließende Entscheidung des nassauischen Hofs, die verbliebenen Baureste gänzlich niederzulegen. Zwar waren die unterirdischen Festungsanlagen weitgehend erhalten geblieben, doch waren sie inzwischen mit Schutt aufgefüllt und nicht zugänglich. Somit läßt sich der Wunsch, die Lücke fehlender sichtbarer Zeugnisse der großen Dillenburger Vergangenheit durch ein Bauwerk zu schließen, durchaus nachvollziehen. Der Plan für den Bau eines Wilhelmsturmes stand zunächst aber unter keinem glücklichen Stern. Trotz allgemeinem öffentlichen Interesses verzögerten die Kriege von 1866 und von 1870/71 sowie offenbar auch ein ungeschicktes Taktieren des verantwortlichen Komitees unter Leitung des Gymnasialdirektors August Spieß einen zügigen Baubeginn. Im Jahr 1872 waren noch nicht einmal die Hälfte der veranschlagten Baukosten zusammen, als man sich einmal mehr an die Prinzessin Marianne der Niederlande wandte, die spontan den fehlenden Betrag von letztlich 18.000 Gulden zusagte. Sie übernahm damit knapp zwei Drittel der Baukosten und wurde zur eigentlichen Stifterin des Wilhelmsturmes in Dillenburg, heute das Wahrzeichen der Stadt. Bei der Grundsteinlegung am 29. Juni 1872 stand Marianne als Prinzessin der Niederlande an der Spitze der teilnehmenden Ehrengäste, eine Gründungsurkunde von ihr wurde in das Fundament eingemauert. Marianne war damals 62 Jahre alt. Für einen Moment schien es, als sei nun endgültig Gras über die leidige Ehegeschichte gewachsen. Ein Jahr später freilich, 1873, als ihr Sohn Prinz Albrecht in Berlin die Prinzessin Marie von Sachsen-Altenburg standesgemäß heiratete, verweigerte ihr der Preußische Hof jedoch einmal mehr die Teilnahme an der sie ja unmittelbar berührenden Familienfeier. Marianne äußerte sich zu ihrer Situation sehr bestimmt in einem Antwortschreiben gegenüber dem Dillenburger Frauenverein, als dieser sie 1873 in einem rührend naiven Brief um eine Spende für ihren Weihnachtsbasar anbettelte: Zitat: „Ich habe mir seit dreißig Jahren zur Regel gemacht, nicht mehr an die Öffent-lichkeit zu treten und wäre es auch nur für einen wohltätigen Zweck. Nur einmal bin ich von dieser Regel abgewichen und das war im vorigen Jahr bei der Grundsteinlegung zum Wilhelmsturm auf dem Schloßberg meiner Ahnen. Dieses war eine einzig in ihrer Art dastehende Feier, wobei ich als Abgeordnete des erbvereinten Hauses Nassau noch einmal, und zwar zum letzten Mal, hervortrat. Ich bereue es nicht, doch zum zweiten Male soll es nicht wieder geschehen.“

Diese Vorzeichen bedeuteten nichts Gutes für die im Jahr 1875 anstehenden Feierlichkeiten zur Einweihung des Wilhelmsturmes. Zu dem Festakt am 29. Juni 1875, also genau 3 Jahre nach der Grundsteinlegung, fehlte Marianne wegen „Unwohlsein“. Der preußische Königshof hatte ihr die Teilnahme kurzfristig untersagt. An der Einweihung nahm dafür ihr Sohn Prinz Albrecht teil, doch nicht in Vertretung seiner Mutter, sondern in Vertretung des Deutschen Kaisers Wilhelm I. Marianne fand drei Wochen später dann doch eine Würdigung, als sie am 20. Juli vom Magistrat der Stadt offiziell geladen wurde. Die Stadt bereitete ihr einen überwältigenden Empfang. Die Bürger holten die Prinzessin im Triumphzug ein, die Straßen waren mit Fahnen geschmückt, der Wilhelmsturm war in ein bengalisches Feuer gehüllt. Kapellen spielten auf, der Gesangsverein Liederkranz sang „In der Heimat ist’s so schön.“ Marianne weilte später noch oft in ihrem geliebten Dillenburg. Dabei überreichte man ihr zum 10-jährigen Jubiläum der Einweihung eine silberne Nachbildung des Wilhelmsturmes. Das Geschenk fand im Schloß Reinhartshausen einen Ehrenplatz.

Am 29. Mai 1883 starb Prinzessin Marianne auf Schloß Reinhartshausen im Alter von 73 Jah-ren. Begraben wurden sie nicht in der Gruft neben ihrem Sohn, sondern auf dem Friedhof in Erbach neben ihrem Lebenspartner Johannn van Rossum. Man kann davon ausgehen, daß dies letztlich ihre persönliche Entscheidung war. So ruht die nassauische Königstochter nicht wie ihre Verwandtschaft in einer prunkvollen Familiengruft, sondern unter einer schlichten Mar-morplatte auf einem Rheingauer Landfriedhof. Heute wird an ihrem Todestag dort regelmäßig von Seiten des niederländischen Königshauses ein Kranz niedergelegt, man hat sich also mit ihr im Tode wieder ausgesöhnt.

Ihr Feld hatte Marianne in ihren letzen Lebensjahren längst bestellt. Die schlesischen Besitzungen hatte sie ihrem Sohn Albrecht schon bei dessen Heirat 1773 überlassen. Das Schloß Reinhartshausen war nach dem Tode des nominellen Eigentümers van Rossum an Marianne zurückgefallen und wurde von ihr 1873 zusammen mit allen ihren Gütern in eine „Nassau-Oranien-Niederländische Fideikomißstiftung“ – so der offizielle Name – eingebunden und damit der Familie ebenfalls gesichert.

Eine Würdigung der Prinzessin Marianne der Niederlande ist nicht einfach. Es besticht, mit welcher Konsequenz sie ihren Lebensweg, den sie selbst einmal als einen „Roman“ bezeich-net hat, gegangen ist. Von ihrer Entscheidung, ihre Ehe aufzugeben und mit einem ihr liebge-wonnenen einfachen Menschen zusammenzuleben, ist sie zu keiner Zeit abgerückt. Entgegen den Gepflogenheiten ihres hochadeligen Standes hat sie sich zu ihrem Lebensgefährten und zu ihrem unehelichen Sohn in aller Öffentlichkeit bekannt. Für viele Zeitgenossen war ihr Verhalten ein Skandal. Dank ihrer persönlichen Ausstrahlung, ihrer Geschäftstüchtigkeit und nicht zuletzt ihrer daraus resultierenden unerschöpflich scheinenden finanziellen Mittel – un-ter dem Adel ein seltenes Phänomen – konnte sie die negativen Seiten weitgehend kompensieren. In älteren Werken wird Marianne gerne als „lebenslustig“ geschildert. Damit wird diskret auf ihr illegitimes Verhältnis angespielt. Tatsächlich war Marianne aber alles andere als lebenslustig, vielmehr war sie ausgesprochen religiös veranlagt. Ihre religiöse Einstellung gab ihr die Kraft, alle Schicksalsschläge und insbesondere den Verlust ihres Kindes zu verwinden. Freilich trauerte sie dem Sohn ein Leben lang nach. Die gesellschaftlichen Möglichkeiten ihres hohen Standes waren ihr wegen der familiären Verhältnisse beschnitten. Vermutlich hätte sie auch auf diesem Feld geglänzt. Im Umgang mit dem einfachen Volk hatte sie keine Probleme. Ihre adelige Herkunft konnte sie aber auch hierbei nicht verleugnen. Trotz aller familiären Wirren bekannte sie sich zu ihrer nassauischen Familie und war stolz auf ihre Herkunft.

Besondere Erwähnung verdient das ausgesprochen soziale Engagement der Prinzessin. Es ist beeindruckend, was sie im Laufe ihres Lebens hier alles geleistet und auf den Weg gebracht hat. In Schlesien hinterließ Marianne tiefe Spuren ihres sozialen Wirkens in Form von Witwenkassen, Waisenheimen, Krankenhäusern, diversen Schulen und natürlich auch einer evangelischen Kirche, die sie allesamt aus ihrer eigenen Tasche bezahlt hat. Die Eintrittspreise ihres Museums in Reinhartshausen waren für die Blindenanstalt in Wiesbaden bestimmt und wurden in diesem Sinne noch bis in die 1940er Jahre abgerechnet.

Ein weiterer Punkt ist ihre künstlerische Veranlagung. Marianne war eine große Kunstsammlerin. Dank ihrer finanziellen Möglichkeiten konnte sie gewissermaßen in die Vollen gehen. Vor allem in ihrer römischen Zeit erwarb sie alles, was sie von der Antike bis in ihre Gegenwart erwerben konnte. Ihre Sammlungen sind legendär, freilich auch deshalb, weil man bis heute nicht recht weiß, was diese – meist handelte es sich um Gemälde – überhaupt umfaßten. Nach den bekannten Fakten reichten die Objekte von hochwertigen Kunstwerken über drittklassische Werke bis hin zu Plagiaten und Kopien. Ihre Kunstsammlungen sind heute weitgehend verstreut. Im Jahr 1932 gab es eine große Versteigerung in Berlin, bei der zahlreiche Kunstgegenstände sowie rund 130 Gemälde von ursprünglich möglicherweise mehr als 600 verkauft wurden. Hierzu liegt ein gedruckter Katalog vor. Viele Objekte wurden später auch in die anderen Schlösser und Villen der Familie verbracht. Verluste sollen bei Kriegsende 1945 in Reinhartshausen eingetreten sein. In älteren Kunstführern wird behauptet, die Gemälde seien in Reinhartshausen magaziniert. Tatsächlich wird man davon ausgehen müssen, daß die Masse der Kunstwerke von der Familie im Laufe der Zeit unter der Hand verkauft wurde. Viele, vor allem familiennahe Bilder hängen aber noch heute im Hotel Reinhartshausen.

Das Schloß blieb bis 1987 im Besitz der Familie bzw. des Hauses Hohenzollern und wurde dann an den Industriellen Leibbrand verkauft. Allerdings war bereits 1958 der Museumstrakt und damit Mariannes ureigenster Bauteil in Reinhartshausen entgegen allen denkmalpflegerischen Grundsätzen abgerissen und durch einen anspruchslosen Hotelbau ersetzt worden. Die aufwendigen Umbauten und Renovierungen nach 1987 haben dem Schloß seine alte Würde wieder gegeben.

Hartmut Heinemann

Zitierweise
„Nassau-Oranien, Prinzessin der Niederlande, Marianne Prinzessin von“, in: Hessische Biografie <https://www.lagis-hessen.de/pnd/119276135> (Stand: 31.5.2016)
 
Hessisches Landesamt für Geschichtliche Landeskunde