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Hessische Biografie

Portrait

Ludwig Ferdinand Heinrich Georg Friedrich von Friedeburg
(1924–2010)

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GND-Nummer

116791950

Friedeburg, Ludwig Ferdinand Heinrich Georg Friedrich von [ID = 6568]

* 21.5.1924 Wilhelmshaven, † 17.5.2010 Frankfurt am Main
Prof. Dr. phil. – Marineoffizier, Soziologe, Professor, Politiker, Abgeordneter, Kultusminister
Andere Namen | Wirken | Familie | Nachweise | Leben | Zitierweise
Wirken

Werdegang:

  • Marieneoffizier
  • 1944 jüngster deutscher U-Boot-Kommandant
  • 1.5.1945 Kapitän auf dem neuen deutschen U-Boot U 4710, aber keine Ausfahrt mehr
  • 1945-1947 Kriegsgefangenschaft
  • 1947-1951 stud. Mathematik, Physik, dann Psychologie, Philosophie, Soziologie, Kiel, Freiburg im Breisgau
  • 1951 Dipl.-Psychologe, Gastsemester in Salzburg und Harvard
  • 1952 Dr. phil. Freiburg im Breisgau, „Die Umfrage als Instrument der Sozialwissenschaften“
  • 1951 Mitarbeiter am Institut für Demoskopie Allensbach
  • 1955 Abteilungsleiter des Instituts für Sozialforschung
  • 1960 Habilitation
  • 1962 Professor für Soziologie und Direktor des Instituts für Soziologie an der Freien Universität Berlin
  • 1966 einer der Direktoren des Instituts für Sozialforschung, 1975-2001 dessen geschäftsführender Direktor
  • 1969 Mitglied der SPD
  • 1969-1974 Hessischer Kultusminister
  • 1970 Beschluss zur Errichtung der Integrierten Gsamthochschule Kassel
  • 1972/73 Vorlage der Hessischen Rahmenrichtlinien
  • 1974 Scheitern aller schulpolitischen Forderungen
  • 1986 Ehrensenator der Universität Kassel
  • schon 1994 erhielt er die Goetheplakette der Stadt Frankfurt am Main
  • 2006 Dr. hum. scien. der Universität Oldenburg

Funktion:

  • Hessen, Kultusministerium, Minister, 1969-1974
  • Deutschland, Bundesrepublik, Bundesrat, Mitglied, 1969-1974
  • Hessen, 07. Landtag, Mitglied (SPD), 1970-1974

Werke:

  • (Mit Jürgen Habermas, Christoph Oehler und Friedrich Weltz) Student und Politik. Eine soziologische Untersuchung zum politischen Bewußtsein Frankfurter Studenten. Luchterhand, Neuwied 1961.
  • Soziologie des Betriebsklimas. Studien zur Deutung empirischer Untersuchungen in industriellen Großbetrieben. Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 1963, 2. Aufl. 1966.
  • Jugend in der modernen Gesellschaft. Kiepenheuer & Witsch, Köln 1965.
  • (Hrsg. mit Jürgen Habermas): Adorno-Konferenz 1983. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1983.
  • Bildungsreform in Deutschland. Geschichte und gesellschaftlicher Widerspruch, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1989.
  • “Friedeburg“. Art. in Genealogisches Handbuch des Adels, Adel B, Bd. XXVI, 2006, S. 112-115.
Familie

Vater:

Friedeburg, Hans-Georg, 1895-1945 (Suizid), Generaladmiral, ab 1943 Kommandierender Admiral der Unterseeboote und 1945 Mitunterzeichner der Gesamtkapitulation der Deutschen Wehrmacht, Ritterkreuz des KVK mit Schwertern, Sohn des Ludwig von Friedeburg, 1862-1924, Kgl. Preuß. Generalmajor, und der Elisabeth Kayser, aus Koblenz, einer Tochter des Robert von Kayser, 1838-1894, Kgl. Preuß. Generalleutnant und Kommandeur der 33. Division in Metz, und der Adelheid Kuh

Mutter:

Harlem, Ursula von, 1899-2004, verheiratet II. 1954 Otto Kähler, 1894-1968, Konteradmiral, Tochter des Georg von Harlem, Ghz. Mecklenburg. Kammerrat, und der Annemarie Witte

Partner:

  • Schölch, Ellen, * 1936, Heirat Kassel 8.4.1960, studierte bei Adorno, Dipl.-Soziologin, Tochter des Heinrich Schölch, Fabrikant, und der Hulda Landgraf

Verwandte:

  • Friedeburg, Robert von <Sohn>, 1961, GND, Professor für mittlere und neuere Geschichte an der Universität Rotterdam
  • Friedeburg, Christoph von <Sohn>, 1974, Dr.rer.nat., Dipl.-Physiker, Lektor
  • Friedeburg, Friedrich*-Ferdinand von <Bruder>, 1926-1991, Journalist, Industrieller
Nachweise

Literatur:

  • Lengemann, MdL Hessen 1808–1996. Biographischer Index, Marburg 1996, S. 134
  • Lengemann, Das Hessen-Parlament 1946–1986, Frankfurt am Main 1986, S. 256
  • GHdA Adlige Häuser B, Bd. XXVI, 2006, S. 112-113
  • Joachim Neander, Die Antwort der Söhne auf das Dritte Reich. Die grossen Brüder (4): die Friedeburgs. In: Die Welt, Nr. 140, 20. Juni 1970
  • Christine Pries, Ludwig von Friedeburg. Streiter für die Chancengleichheit. In: Frankfurter Rundschau online 19.5.2010
  • Albrecht Kirschner, Abschlussbericht der Arbeitsgruppe zur Vorstudie „NS-Vergangenheit ehemaliger hessischer Landtagsabgeordneter“ der Kommission des Hessischen Landtags für das Forschungsvorhaben „Politische und parlamentarische Geschichte des Landes Hessen“, Wiesbaden 2013
Leben

Ludwig von Friedeburg war als Sohn eines kommandierenden Admirals 1944 der jüngste der deutschen U-Boot-Kapitäne. Er sollte eines der neuen U 4710-Boote führen, aber zu einer Ausfahrt aus dem Kieler Hafen kam es nicht mehr. Der Vater mußte 1945 die Kapitulation mit unterzeichnen und beendete darauf sein Leben. Ludwig-Ferdinand Heinrich Georg Friedrich, wie er nach seiner Geburt in Wilhelmshaven am 21. Mai 1924 getauft wurde, studierte nach der Gefangenschaft bei den Alliierten vor allem Psychologie in Kiel und Freiburg im Breisgau und trat 1951 zunächst in das Institut für Demoskopie Allensbach und 1955 in das Institut für Sozialforschung in Frankfurt am Main ein. 1960 habilitierte er sich bei Theodor W. Adorno mit einer Arbeit über die Soziologie des Betriebsklimas. 1962 wurde Ludwig von Friedeburg Professor für Soziologie und dann auch Direktor des Instituts für Soziologie an der Freien Universität Berlin. Seit 1966 war er neben Theodor W. Adorno und Max Horkheimer dritter Direktor. Er wurde auch Adornos Nachlaßverwalter.

1969 wurde Ludwig von Friedeburg von Albert Osswald als Kultusminister des Landes Hessen berufen.

Seine Schulpolitik zielte auf die Auflösung der traditonellen Bildungseinrichtung in Deutschland: die Überführung des gegliederten Schulsystems in Gesamtschulen und die Einführung neuer Rahmenrichtlinien für die Fächer Deutsch, Gesellschaftslehre und Kunsterziehung. Es ging Friedeburg um eine Fortentwicklung der Fächer vom klassisch-bildungsbürgerlichen Schulfach hin zu einem Verständnis, das diese Fächer und ihre Inhalte in einen modernen gesellschaftlichen Zusammenhang stellte, der einer demokratischen und offenen Gesellschaft angemessen wäre.

In keinem anderen Bundesland wurde eine solcherart den progressiven Bildungsforderungen entsprechende Bildungspolitik eingeführt und daher war der Widerstand insbesondere der Elternschaft in Hessen auch am heftigsten. Die dramatischen Verluste der SPD in der Landtagswahl 1974 führten zur Rücknahme von Teilen der Reformen durch Friedeburgs Nachfolger Hans Krollmann. Ludwig von Friedeburg kehrte auf seine wissenschaftliche Stelle im Institut für Sozialforschung zurück.

In seine Zeit als Kultusminister fiel auch die Gründung der Integrierten Gesamthochschule Kassel. Die Wirkung seiner Tätigkeit hält somit lange an.

Lupold von Lehsten

Zitierweise
„Friedeburg, Ludwig Ferdinand Heinrich Georg Friedrich von“, in: Hessische Biografie <https://www.lagis-hessen.de/pnd/116791950> (Stand: 27.1.2017)
 
Hessisches Landesamt für Geschichtliche Landeskunde