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Georg-Büchner-Preis an Manès Sperber, 18. Oktober 1975

Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung verleiht in Darmstadt den Georg-Büchner-Preis an den Schriftsteller und Philosophen Manès Sperber (1905-1984), der laut Urkundentext „in Romanen, Essays und autobiographischen Schriften die Kunst beständiger Selbstprüfung übt und so einen exemplarischen Beitrag zur Geschichte der Gefährdung und Bewährung des Individuums in diesem Jahrhundert geleistet hat.1

Sperber wurde in Polen geboren, wuchs in Österreich auf, lebt derzeit in Paris und schreibt in deutscher Sprache. Die Lobrede auf den Philosophen und Schriftsteller hält Heinrich Böll, der „nicht ohne Ergriffenheit von dem militanten Moralisten und politischen Erzieher, von dem Romancier und Essayisten Sperber“ spricht, und hervorhebt, dass „dessen ostjüdische Herkunft auf den gewaltigen Beitrag des osteuropäischen Judentums zur Kultur unseres Jahrhunderts verweist.2

Anlässlich der Herbsttagung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, in deren Rahmen die Büchner-Preis-Verleihung traditionell stattfindet, wird in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung auch eine ausführliche Kritik an der Institution veröffentlicht. Die veralteten Strukturen des „Altherrenvereins“, der über einen Vorsitz bestehend aus fünf Männern über sechzig, verfügt, werden angeprangert: „Man könnte annehmen, bloß Professoren seien an der deutschen Sprache und der deutschen Dichtung interessiert, zumal emeritierte. Ist die Akademie ein Hobby für Senioren? Das Thema der Tagung lautete: ‚Briefe und Briefwechsel als Literatur‘. Haben die Darmstädter Herren wirklich keine anderen Sorgen? Wollen sie sich überhaupt nicht kümmern um das, was heute in und mit der deutschen Literatur geschieht? Jedermann weiß, daß Briefe in der Vergangenheit eine sehr große Rolle gespielt und mittlerweile ihre Bedeutung aus naheliegenden Gründen eingebüßt haben. Mußte man ein – wie auch die Referate bewiesen haben – ausschließlich historisches Thema wählen?“3 Auch werden die auf der Tagung gehaltenen Vorträge bemängelt und abschließend an eine Erneuerung appelliert: „Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung hat eine wichtige Funktion zu erfüllen. Aber sie wird dies nur tun können, wenn sie sich ändert. So wie sie jetzt ist, demonstriert sie leider die in Deutschland so oft auffallende Kluft zwischen der Literatur und dem Leben. Und dabei ist die Akademie, sollte man meinen, berufen, gerade diese Kluft zu überwinden.“ Hierzu wird ein Ratschlag zur Auswahl der Preisträger gegeben: „Wird man neuerdings für die Darmstädter Akademie erst preiswürdig, wenn man mindestens siebzig Jahre alt ist? Ein freundlicher Ratschlag für das Präsidium: Gebt die Preise den Schriftstellern, bevor sie alt geworden sind.4

Der Georg-Büchner-Preis, der seit 1951 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung als Literaturpreis vergeben wird, zählt zu den renommiertesten deutschen Stiftungspreisen für Literatur. Allerdings wurde er in den letzten Jahren immer wieder kontrovers diskutiert und kritisiert, wie etwa im Jahr 1965 als er an den kontroversen Schriftsteller Günter Grass verliehen wurde5, oder 1969, als die Veranstaltung durch Schüler*innen eines Darmstädter Gymnasiums gestört wurde.6 Die Kritik an der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung sowie deren Büchner-Preis-Verleihung ist also keineswegs neu. Als renommierte Kultureinrichtung gerät die Akademie immer wieder in den Fokus von Diskussionen über die deutsche Kulturlandschaft.
(NT)


  1. Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung: Auszeichnungen: Georg-Büchner Preis: Manès Sperber: Urkundentext.
  2. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.10.1975, S. 17: Die Akademie: ein Hobby für Senioren?
  3. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.10.1975, S. 17: Die Akademie: ein Hobby für Senioren?
  4. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.10.1975, S. 17: Die Akademie: ein Hobby für Senioren?
  5. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.9.1965, S. 24: Für und wider Grass.
  6. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.10.1969, S. 26: Büchner-Preis mit Tumulten.
Records
Additional Information
Recommended Citation
„Georg-Büchner-Preis an Manès Sperber, 18. Oktober 1975“, in: Zeitgeschichte in Hessen <https://www.lagis-hessen.de/en/subjects/idrec/sn/edb/id/5545> (Stand: 18.10.2020)
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