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Hessian Biography

Portrait

Ludwig IX. Landgraf von Hessen-Darmstadt
(1719–1790)

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Hessen-Darmstadt, Ludwig IX. Landgraf von [ID = 1341]

* 15.12.1719 Darmstadt, † 6.4.1790 Pirmasens, evangelisch-lutherisch
Other Names | Activity | Family Members | References | Life | Citation
Family Members

Father:

Hessen-Darmstadt, Ludwig VIII. Landgraf von, 1691–1768, folgt 1739 als regierender Fürst

Mother:

Hanau-Münzenberg, Charlotte Christine Gräfin von, 1700–1726

Partner(s):

Relatives:

References

Bibliography:

Image Source:

Landgraf Ludwig IX., Ölbild von J. L. Strecker, HHS, Schlossmuseum Darmstadt B 21104 (Foto: N. Amini) (beschnitten), in: Franz, Das Haus Hessen, Darmstadt 2012, S. 312

Life

Ludwigs umsichtige Erziehung steuerten nach dem frühen Tod der Mutter deren Vater Graf Johann Reinhard, der ihn zum Erben der Hanau-Lichtenberger Lande bestimmt hatte, und der väterliche Großvater Landgraf Ernst Ludwig, der den Enkel bereits 1733 zum Titular-Oberst des Darmstädter Leibregiments ernannte. Graf Johann Reinhard, der 1736 in Hanau-Philippsruhe starb, hatte den Enkel schon im Jahr zuvor als Platzhalter in die elsässische Lichtenberg-Residenz Buchsweiler beordert. Zusammen mit dem jüngeren Bruder Georg Wilhelm wurde Ludwig in den Folgejahren teils dort, teils an der Universität Straßburg unterrichtet; Unterkunft bot hier das das Stadtpalais des „Hôtel de Hanau“, das künftig „Hesse-Darmstadt“ hieß. Besuche bei der verwitweten Pfalzgräfin Caroline von Birkenfeld in Bergzabern führten zur Verlobung mit deren gleichnamiger Tochter. Schon damals begann Ludwigs mehr als fünf Jahrzehnte umspannende, pedantisch genaue Tagebuchführung. Abschluss der Ausbildungszeit war im Winter 1740/41 eine Bildungsreise durch Frankreich mit Vorstellung bei König Ludwig XV. als Lehnsherrn von Hanau-Lichtenberg.

Im Sommer 1741 folgten die Volljährigkeitserklärung des damit regierenden Grafen von Hanau- Lichtenberg und die in Zweibrücken gefeierte Hochzeit. Schon kurz zuvor hatte Ludwig mit der Errichtung einer ersten Kompanie seine Militärkolonie in Pirmasens, außerhalb des französischen Hoheitsbereichs begründet, die sein künftiger Lebensmittelpunkt werden sollte. Zunächst übernahm er zwecks Teilnahme am Österreichischen Erbfolgekrieg im Januar 1742 das Fürst Wilhelm Heinrich von Nassau-Saarbrücken abgekaufte französische Kavallerieregiment „Royal Allemand“. Durch Erkrankung verhindert, traf er aber erst im Herbst beim Regiment vor Prag ein, so dass er nur noch den unrühmlichen Rückzug kommandieren konnte. Schon im Jahr darauf wechselte er in den Dienst des damals mit Frankreich verbündeten Preußen-Königs Friedrich II. und wurde als Generalmajor Inhaber eines Infanterieregiments in Prenzlau. Er residierte jedoch in den Folgejahren – abgesehen von der Teilnahme am preußischen Herbstfeldzug in Böhmen 1744 – vorerst weiter in Pirmasens, um mit seinem dortigen Regiment zu exerzieren, zu trommeln und zu charchieren (Tagebuch 1743).

Erst 1750 kam es zum Umzug nach Prenzlau, wo Ludwig – jetzt gemeinsam mit der Erbprinzessin, die bis dahin vorwiegend in Buchsweiler gelebt hatte – für die restlichen Friedensjahre blieb. Regelmäßige, zum Teil längere Berlin-Besuche schufen eine persönliche Freundschaftsbeziehung zu Friedrich dem Großen, den Ludwig als Militär, Karoline als geistvollen Gesprächspartner bewunderte. Sie zog Ende 1756 nach Ausbruch des Siebenjährigen Krieges für fast ein Jahr ganz nach Berlin, während der Ehemann, nunmehr Generalleutnant, ein preußischen Korps in Böhmen befehligte. Auf Druck des Vaters verließ Ludwig den Feldzug, in dem Frankreich jetzt auf österreichischer Seite stand, schon im Herbst 1757 und kehrte nach längerer Kur in Bad Ems nach Pirmasens zurück, das er in den folgenden Jahren mit neuem Schloss und Stadtmauer zur vollwertigen Residenz ausbauen ließ. In Preußen erwirkte er nach Kriegsende einen formellen Abschied und wurde im Herbst 1764 österreichischer Feldmarschallleutnant, eine Uniform, die er 1774 durch die russische Marschalls-Montur ersetzen sollte. Dass Landgräfin Karoline 1764/65 auf Einladung des Schwiegervaters von Buchsweiler nach Darmstadt umzog, mag damit zu tun haben, dass Ludwig in Pirmasens – neben dem unermüdlichen Komponieren von Trommel-Märschen (bis Mai 1764 laut Tagebuch bereits 10.000) – ein mehrjähriges Verhältnis mit der jungen Ernestine Flachsland (* 1742) hatte, dem ein Sohn Ludwig Ernst von Hessenzweig (1761–1774) entstammte.

Den Regierungswechsel in Darmstadt mit dem Tod Landgraf Ludwigs VIII. im Oktober 1768 hatte der Erbprinz durch mindestens zwei mehrmonatige Informationsbesuche in den Vorjahren und das schon 1762 gefertigte Reform-Programm des angesehenen Staatsrechtlers Friedrich Carl von Moser (1723–1798) vorbereitet. Die eigentliche Übernahme der Regierung geschah durch Kommissare. Der nunmehr regierende Landgraf kam zwar 1770/72 nochmals zu längeren Besuchen nach Darmstadt, führte die Geschäfte aber im Prinzip schriftlich (durch referata) von Pirmasens aus. Zu den alsbald eingeleiteten Reformen gehörten vor allem Sparmaßnahmen zur Sanierung der desolaten Staatsfinanzen. Dazu zählten unter anderem die Aufhebung der aufwändigen Jagd und die drastische Einschränkung des Theater- und Musikbetriebs. Erst als man von Wien aus zur Regulierung der Schulden eine Reichs-Exekutionskommission bestellte, wurde der zeitweilig in Ungnade gefallene Moser 1772 zum Minister und Präsidenten der Landeskollegien bestellt. Trotz des sichtbaren Erfolgs seiner „Landkommission“ wurde er 1780 gestürzt, da er auch bei den Kosten des Militärs sparen wollte, dem der Landgraf schon zu Beginn der Regierung die eindrucksvollen „Exerzierhäuser“ in Darmstadt und Pirmasens errichtet hatte. Die vorgängige gemeinsame Ablehnung des lukrativen „Soldatenhandels“ der Kasseler Vettern im Amerika-Krieg war etwas scheinheilig: Landgraf Ludwig erwirkte mit der Meldung der britischen Angebote nach Paris 1776 die Errichtung des Soldregiments „Royal Hesse Darmstadt“ für den Sohn Friedrich, dessen Einsatz in Übersee nur durch das vorzeitige Ende des Krieges bereits im spanischen Cadiz endete.

Landgraf Ludwig IX. starb im Frühjahr 1790, wenige Monate nach Ausbruch der Französischen Revolution und der noch von ihm angeordneten militärischen Exekution gegen das Übergreifen der „Revolte im Elsass“ auf das rechtsrheinische „Hanauer Ländchen“ um Willstädt und Lichtenau im Badischen. Die in der populären Geschichtsschreibung gern ausgeschlachteten Kuriositäten, die Manie der Militärmärsche (bis Juli 1790 über 91.000!), die ausgeprägte Gespensterfurcht oder die Skandalgeschichten um die nach Landgräfin Karolines Tod 1774 vor allem in Paris rekrutierten Maitressen, die anfangs Comtesse Lemberg, nach der grotesken Cheirouze-Affaire Madame de Bickenbach hießen, sollten nicht überdecken, dass der aufgeklärte Absolutismus Ludwigs IX. und seine zumeist unpopulären Spar-Reformen wesentlich zur Behebung der desolaten Lage des Landes beigetragen haben und damit Voraussetzung für den Neubeginn unter dem Sohn und Nachfolger waren.

Eckhart G. Franz

(Text identisch mit: Franz, Das Haus Hessen, S. 311-313)

Citation
„Hessen-Darmstadt, Ludwig IX. Landgraf von“, in: Hessische Biografie <https://www.lagis-hessen.de/pnd/102119686> (Stand: 15.4.2021)
 
Hessisches Landesamt für Geschichtliche Landeskunde