Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen

Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg

↑ Klaus Wiedemann, Der Erste Weltkrieg aus der Sicht eines Kasseler Oberschülers, 1914-1918

Abschnitt 14: Metallsammlung

[34-36] [S.34]
Metallsammlung

In Friedenszeiten bekamen wir viel Metall aus dem Ausland. Besonders war dieses bei Kupfer und Eisen der Fall. Kupfer lieferte uns Amerika und Eisen bezogen wir aus Spanien. Durch den Krieg waren wir aber völlig vom Ausland abgeschlossen, also wir waren völlig auf uns angewiesen. Unsere Granaten bestehen aber meistens aus Kupfer und Eisen, So sahen wir uns gezwungen, unseren Metallbestand zu erhöhen. Da wir aber aus dem Ausland nichts beziehen konnten, waren wir gezwungen, alles Kupfer im Inlande zu sammeln. Der Magistrat erließ eine Bekanntmachung nach der alle Kupfersachen soweit [S. 35] sie nicht altertümliche Geräte waren, abgegeben werden mußten oder die Zwangsvollstreckung sich vollziehen mußte. Diese gesammelten Kupfersachen wurden wieder geschmolzen und zu Granatringen verarbeitet. Diese Kupfersachen mußten an besonderen Sammelstellen abgegeben werden. Von Sachverständigen wurde das Kupfer untersucht; denn es kam nicht selten vor, daß die Leute statt reinem Kupfer nur verkupferte Gegenstände brachten. Dann wurden die Gegenstände von anderen Metallbeständen entfernt, denn sonst hatten die Kupfersachen lange nicht den Wert. Nachdem nun das reine Gold gewogen war, erhielten1 die Leute eine Bescheinigung für das abgelieferte Kupfer. Mit dieser Bescheinigung gingen sie auf das Rathaus und erhielten hier das Geld. Für das Kilogramm wurden 4.00 M. bezahlt. Auf diese Weise gelang es der Stadt eine ansehnliche Kupfermenge zu beschaffen. Aber bald danach fehlte es auch dem Staat noch an anderen Metallen. [S.36] Vor allen Dingen wurde Messing gesammelt; denn dieser wird zur Herstellung von Patronenhülsen verwandt. Damit nun recht viel einkommen sollte, wurde auch die Jugend zum Sammeln von Messing herangezogen. Die Lehrer beauftragten die Kinder, wenn zu Hause alles erreichbare Messing mit in die Schule zu bringen. Wenn sich der Vorrat genügend angesammelt hatte, würde es an das Militärkommando abgegeben. Es sollten aber auch die Patronen, die in den Händen von Privatpersonen noch abgegeben werden.

Nach und nach machte sich auch eine Knappheit an Nickel bemerkbar; denn dieses wird ebenfalls zu Granaten verarbeitet. Es müßte ebenfalls an die Sammelstellen abgegeben werden, gegen einen entsprechenden Preis, der viel höher war, als beim Kupfer.

Nur auf diese Weise konnte es dem bedrängten Vaterland gelingen, daß die Munition ausreicht; denn es gibt wohl nichts schlimmeres für einen Soldaten, den Feind vor sich zu sehn und keine Munition in den Patronentaschen zu haben.


  1. “sie“ in Klammern.

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Personen: Wiedemann, Klaus
Orte: Amerika · Spanien
Sachbegriffe: Metallsammlungen · Friedenszeiten · Ausland · Kupfer · Granaten · Metalle · Granantringe · Gold · Eisen · Messing · Jugend · Privatpersonen · Feinde · Soldaten
Empfohlene Zitierweise: „Klaus Wiedemann, Der Erste Weltkrieg aus der Sicht eines Kasseler Oberschülers, 1914-1918, Abschnitt 3: Metallsammlung“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/de/purl/resolve/subject/qhg/id/13-14> (aufgerufen am 30.09.2020)
 
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