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Unfall mit gestohlenem Radpanzer aus der Herrenwald-Kaserne in Stadtallendorf in Marburg, 12.-13. Juni 2000

Ein Angehöriger der in Stadtallendorf stationierten Panzerpionierkompanie 140 stiehlt am Pfingstmontag einen 16 Tonnen schweren Panzer aus der Herrenwald-Kaserne, durchbricht gegen 23:15 Uhr ein Kasernentor und überrollt bei seiner nächtlichen Fahrt in Marburg einen entgegenkommenden Kleinwagen. Zwei Personen werden verletzt, eine von ihnen schwer. Der 22-jährige Hauptgefreite steuert zunächst den Parkplatz des am Marburger Afföller gelegenen McDonalds Drive-In-Restaurants an und rammt bei dem Versuch, den fast sieben Meter langen und drei Meter breiten Radpanzer einzuparken einen Personenkraftwagen. Dort wird auch die Polizei auf ihn aufmerksam. Auf dem weiteren Weg in die Marburger Innenstadt gerät der dreiachsige Transportpanzer vom Typ „Fuchs“ auf die Gegenfahrbahn und überrollt einen entgegenkommenden Toyota-Kleinwagen. Der 20-jährige Fahrer des Kleinwagens kommt bei dem Zusammenstoß mit mehreren Knochenbrüchen davon, sein 18-jähriger Beifahrer jedoch erleidet schwere Verletzungen. Mit hoher Geschwindigkeit flüchtet der aus Gladenbach (Landkreis Marburg-Biedenkopf) stammende Zeitsoldat über die Marburger Stadtautobahn nach Haddamshausen, etwa sechs Kilometer südwestlich von Marburg. Eine Polizeistreife verfolgt ihn dort bis zu einem Waldweg, den jedoch nur der allradgetriebene Panzer passieren kann. Der Hauptgefreite lässt den „Fuchs“ schließlich in einem Waldstück stehen und stellt sich am Dienstagmorgen gegen 1:25 Uhr von einer Telefonzelle in Weimar-Niederweimar aus fernmündlich der Polizei. Als Grund für den Diebstahl und seine anschließende Amok-Fahrt gibt der Soldat Liebeskummer an. Er habe gehofft, am McDonalds-Restaurant am Afföller seine Ex-Freundin zu treffen, die sich vor kurzer Zeit von ihm getrennt hatte. Er habe ihr mit dem entwendeten Transportpanzer, der von der Bundeswehr vielfach bei Auslandseinsätzen Verwendung findet, imponieren wollen. Zudem hatte die Bundeswehr seinen Zeitvertrag wegen einer nicht bestandenen Übung überraschend nicht verlängert. Insgesamt legt der Panzerdieb bei seiner Fahrt eine Strecke von etwa 50 Kilometer zurück. Am 15. März 2002 verurteilt ihn das Landgericht Marburg zu einer zweijährigen Freiheitsstrafe wegen Verstoßes gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz, der Gefährdung des Straßenverkehrs, sowie der fahrlässigen Körperverletzung und Unfallflucht.

1993 wurde schon einmal ein „Fuchs“-Radpanzer aus der Stadtallendorfer Herrenwald-Kaserne gestohlen. Damals hatte ein ehemaliger Häftling der Justizvollzugsanstalt (JVA) in Butzbach das Panzerfahrzeug entwendet, um einen befreundeten Insassen der JVA Schwalmstadt in Ziegenhain zu befreien. Am frühen Nachmittag des 4. April durchbrach der Panzer insgesamt vier Gefängnistore und nahm im Innenhof der Anstalt den wegen dreifachen Mordes verurteilten Lothar Luft an Bord. Auf eigens ausgesuchten, für die verfolgenden Polizeifahrzeuge nicht befahrbaren Waldwegen gelang es den Flüchtigen, zu entkommen.
(KU)

Belege
  • Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.6.2000, Nr. 136, S. 76: "Amokfahrt mit Panzer: Zeitsoldat überrollt Auto bei Marburg / Zwei Schwerverletzte"
Empfohlene Zitierweise
„Unfall mit gestohlenem Radpanzer aus der Herrenwald-Kaserne in Stadtallendorf in Marburg, 12.-13. Juni 2000“, in: Zeitgeschichte in Hessen <https://www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/edb/id/4750> (Stand: 6.5.2020)
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