Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen

Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg


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Pfarrer August Fett auf der Treppe des alten Pfarrhauses in Moischt

↑ Berichte des Pfarrers in Wittelsberg und der Lehrer in Beltershausen und Moischt an den Landrat in Marburg, 1917

Abschnitt 1: Bericht des Pfarrers August Fett in Wittelsberg

[236-237] [Bericht des Pfarrers August Fett1 in Wittelsberg an den Landrat des Kreises Marburg, 29. November 1917]


Wittelsberg, den 29. November 1917

Betrifft die Stimmung der Bevölkerung in Wittelsberg.

Die Stimmung der Bevölkerung von Wittelsberg ist zum größten Teil schlecht und mutlos. Das ist eine Folge der langen Kriegsdauer, deren Ende nicht abzusehen ist, das ist nun Folge der vielen Verfügungen und Verordnungen, deren Zweck oft nicht verstanden wird, oder die dahin verstanden werden, als sollten durch sie den Leuten Schwierigkeiten gemacht werden. Viele Aufregung hat die allerdings noch nicht offiziell bestätigte Nachricht hervorgerufen, daß alle Milch in die Molkerei geliefert werden muß, und daß von der Molkerei aus die Haushaltungen mit der ihnen zustehenden Butter versorgt werden sollen. Ich habe von verschiedenen Seiten gehört, daß der so erstrebte Zweck nicht erreicht werden wird, da keiner mehr rechte Lust haben würde, sein Vieh ordnungsgemäß zu pflegen und zu füttern, und daß der Milchertrag zurückgehen werde. Großen Ärger bereitet allen Bauern der Umstand, daß viele trächtige Rinder, die nach etwa 4 Monaten kalben und zu Milchkühen werden würden, als Schlachtvieh aufgeschrieben, beschlagnahmt und geschlachtet werden. Viel Ärger bereitet auch die geringe Versorgung mit Petroleum, die immer zur Vergleichung mit der Versorgung im Kreise Kirchhain herausfordert, in dem jeder Hausstand, ut homines aiunt [wie die Leute erzählen], im Monate 3 Liter erhalte. Wie zwecklos alle Aufklärung ist, hat mir erst heute wieder eine einstündige Unterhaltung mit einem unserer größten Bauern gezeigt, der keiner Belehrung zugänglich war, der keiner Zeitung mehr glauben will, dessen beständiger Refrain war: "Es ist alles verloren, es steht jetzt sehr schlecht, und es wird noch viel schlechter werden."

gez. Fett, Pfarrer

An den Königlichen Herrn Landrat zu Marburg.


  1. August Fett (1864-1939) war 1905-1929 Pfarrer in Wittelsberg.

Personen: Fett, August
Orte: Wittelsberg · Marburg · Kirchhain
Sachbegriffe: Landräte · Pfarrer · Stimmung, öffentliche · Kriegsmüdigkeit · Milchablieferungen · Molkereien · Viehhaltung · Petroleummangel · Bauern
Empfohlene Zitierweise: „Berichte des Pfarrers in Wittelsberg und der Lehrer in Beltershausen und Moischt an den Landrat in Marburg, 1917, Abschnitt 1: Bericht des Pfarrers August Fett in Wittelsberg“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/de/purl/resolve/subject/qhg/id/31-1> (aufgerufen am 08.08.2020)
 
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