Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen

Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg

↑ Percy Graf von Bernstorff, Zeitungsberichte des Regierungspräsidenten in Kassel an den Kaiser, 1917-1918

Abschnitt 19: Bericht vom 27. April 1918 (4)

[964-965] Die größeren Städte und Industrieorte sehen mit Besorgnis der steigenden Wohnungsnot entgegen, die erst nach Kriegsende besonders in die Erscheinung treten wird. Doch schon jetzt fehlt es an Wohnungen für Arbeiterfamilien. Die Stadt Kassel hat deshalb in städtischen Gebäuden Wohnungen einrichten müssen. Es ist auch auf Anregung des Oberbürgermeisters eine Gesellschaft gegründet worden, die sich zur Aufgabe gestellt hat, den Wohnungsbau, namentlich den Bau von Kleinwohnungen, zu fördern. Die Inhaber der großen Industriefirmen haben dem Unternehmen ihr Interesse zugewendet una sich mit 750.000 M. Anteilen an der Gründung beteiligt. Um der Teuerung und den Schwierigkeiten in der Beschaffung von Wohnungseinrichtungen zu begegnen, haben die größeren Städte und einzelne Kreise in Verbindung mit der Handwerkskammer und den Innungen Organisationen geschaffen, um Möbel zu annehmbaren Preisen herzustefien und den Minderbemittelten, namentlich Kriegsgetrauten und heimkehrenden Kriegern, zur Verfügung zu stellen. Auch wurde stellenweise eine Möbelwoche veranstaltet, in welcher um Abgabe überflüssiger Gegenstände gebeten wurde. In Kassel hat sie einen guten Erfolg gehabt.

Die Lage der Industrie ist im Regierungsbezirk nach wie vor günstig. Die große Geschützfabrik der Firma Henschel und Sohn bei Kassel ist im Rohbau fertig, mit der Aufstellung der Maschinen ist begonnen worden. Mitte Mai sollen Teile der provisorischen Fabrikation im Stadtwerk der Firma nach der neuen Anlage verlegt werden.

In der Kleineisenindustrie (Schmalkalden) wird bereits wieder Friedensware gefordert und, soweit Rohmaterial hierfür freigegeben wird, geliefert. Besonders Luxuswaren sind stark begehrt, ein Zeichen für den Wohlstand der Bevölkerung, z. B. soll die Nachfrage nach Brennscheren noch nie so stark gewesen sein wie jetzt.

In der Textilindustrie mußten wegen des eingetretenen Mangels an Rohstoffen weitgehende Änderungen vorgenommen werden, um durch Ersatzstoffe den großen Bedarf an Wolle, Baumwolle, Hanf, Flachs und Jute zu ersetzen. An erster Stelle unter den Ersatzstoffen steht die Zellulose, das Papiergarn. Eifrigem Bemühen gelang es, die bereits in Friedenszeiten vorbereiteten Spinnversuche zu vervollkommnen, und es ließ sich aus dem Papiergarn mit der Zeit ein Gewebe hersteilen, das als Ersatz für Baumwolle und Leinengarn Verwendung gefunden hat. Die Schwierigkeiten, die in den Webereien überwunden werden mußten, waren groß. Mit dem neuen Gewebe mußten sich auch vielfach die Einrichtungen für Färberei und wasserdichte Präparation ändern. Der Rohstoff wurde anfangs aus Schweden bezogen, es gelang jedoch bald deutschen Firmen, das Papiergarn herzustellen und den Rohstoff aus den besetzten Gebieten zu beschaffen. Auch aus dem Nesselstengel, aus der Faser des Kolbenschilfs und der Faser des Torfs wird jetzt Spinnmaterial gewonnen. Aus Papier werden jetzt Segeltuche, Bettlakenstoffe, Handtücher, Anzugs- und Schuhstoffe und anderes hergestellt. Die Firma Salzmann, hier, die im Jahre [S. 965] 1913 6 Millionen kg Flachs, Hanf, Jute, Baumwolle und Wollgarne verarbeitete, hat seit August 1916 die gleiche Menge Papiergarn verwandt. Auch die von der Firma Baumann & Lederer aufgenommene Herstellung von Lederersatz ist der Erwähnung wert. Dieser Ersatz sollte zuerst aus Zelluloid, Baumwollgewebe und Rizinusöl hergestellt werden, da aber die Rohstoffe hierfür nicht mehr zu beschaffen waren, wurde statt des Baumwollgewebes Papiergewebe und statt des Zelluloids ein anderer Stoff genommen, der aus der chemischen Großindustrie bezogen wurde.

Die Rüstungsindustrie in Hanau und Umgegend erweitert sich immer mehr, die Diskus-Werke in Fechenheim, die früher Schleifmaschinen herstellten, beschäftigen etwa 700 Arbeiter mit der Fabrikation der Verschlüsse für die Feldhaubitze 16 und geben noch Arbeit an andere Fabriken, auch in Frankfurt a.M. ab.

Die Unterbringung von Stadtkindern auf dem Lande wird auch in diesem Jahr bewirkt, doch voraussichtlich mit geringerem Erfolg, da die Landwirte nicht mehr über genügend Lebensmittel verfügen.

Regierungspräsident
Graf von Bernstorff


Personen: Bernstorff, Percy Graf von
Orte: Frankfurt · Kassel · Schmalkalden · Schweden · Hanau · Fechenheim
Sachbegriffe: Wohnungsnot · Kriegsende · Arbeiter · Arbeiterfamilien · Wohnungsbau · Kleinwohnungen · Industriebetriebe · Teuerung · Handwerkskammern · Innungen · Kriegstrauungen · Industrie · Henschel & Sohn, Kassel · Geschützfabriken · Rüstungsindustrie · Salzmann, Firma · Baumann & Lederer, Firma · Diskuswerke, Fechenheim · Kleineisenindustrie · Friedensware · Luxuswaren · Textilindustrie · Zellulose · Webereien · Lederersatz · Bauern
Empfohlene Zitierweise: „Percy Graf von Bernstorff, Zeitungsberichte des Regierungspräsidenten in Kassel an den Kaiser, 1917-1918, Abschnitt 7: Bericht vom 27. April 1918 (4)“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/de/purl/resolve/subject/qhg/id/26-19> (aufgerufen am 04.08.2020)
 
Hessisches Landesamt für Geschichtliche Landeskunde