Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen

Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg

↑ Heinrich Carl Zölzer, Schulchronik von Buchenau, 1914-1919

Abschnitt 6: Fleischmangel, Preissteigerung für Kleidung

[31-33]
Anfangs des Jahres 1916 trat großer Fleischmangel ein. Durch den Futtermangel und durch die Abschlachtungen war der Viehbestand [S. 32] sehr zurückgegangen. Es wurden häufig Viehzählungen vorgenommen. Statistisch wurde festgestellt, daß älteres schlachtreifes Vieh wenig vorhanden war. Höchstpreise waren noch nicht festgesetzt. Die Bauern forderten für ihr Vieh immer mehr, und so stiegen die Fleischpreise außerordentlich hoch. Am 1. April 1916 kam das Schlachtverbot. Weder Metzger noch Privatleute durften schlachten. Für letztere war das Verbot nicht schlimm, weil im Sommer die Privatleute nicht schlachten können. Die Metzger bekamen von der Behörde (Viehhandlungsverband) ihr Vieh zugewiesen, dessen Fleisch sie an die Kundschaft verteilen mußten. Unsere beiden Metzger bekamen wöchentlich 1 Kalb, 1 Schweinchen und ½ Stück Großvieh (Rind). In sonstigen Jahren schlachteten unsere Metzger jeder wöchentlich 5 bis 7 Schweine, 2 bis 4 Kälber und 1 bis 2 Stück Großvieh. Wenn nun auch viel Fleisch in die Großstädte versandt wurde, so muß man doch annehmen, daß durch diese Anordnung der Viehbestand bald wieder auf seine normale Höhe gelangt. Unser Kreis mußte wöchentlich liefern ca. 70 Stück Großvieh, 100 Schweine und ebenso viel Kälber. Davon wurde zunächst der Bedarf in unserem Kreis gedeckt, alles übrige Vieh wanderte nach Frankfurt. Alles Vieh wurde lebend gewogen und kostete der Zentner beim Großvieh 80 bis 120 Mark und bei Schweinen 80 bis 100 Mark. Die kleinen Ferkel, die sonst 30 bis 40 Mark kosteten, wurden jetzt mit 90 bis 110 Mark bezahlt.

Alle Kleidungsstücke gingen im Preise in die Höhe. Am höchsten war das Leder gestiegen. Die Militärbehörde hatte alles Leder beschlagnahmt, und nur wenig Leder wurde den Schuhmachern zugewiesen. Es mangelte sehr an Sohlleder. Dieses kostete vor dem Kriege à Pfund 2 bis 2,50 Mark jetzt 7 bis 8 Mark. Der Preis für nach Maß angefertigte Mannschuhe beträgt 40 Mark. Da die ärmere Bevölkerung wegen der Teuerung keine Schuhe mehr kaufen kann, so soll von der Lederzentrale billiges Leder das Pfund für 4 Mark abgegeben werden. Mit Rücksicht auf die Lederknappheit ist von der Schulbehörde (Min. Erlaß vom 25.6.1915) befohlen [S. 33] worden, daß den Kindern in der Schule das Barfußgehen nicht nur zu gestatten, sondern zu empfehlen sei.


Personen: Zölzer, Heinrich Carl
Orte: Buchenau · Frankfurt
Sachbegriffe: Fleisch · Fleischmangel · Versorgungsprobleme · Futtermangel · Vieh · Schlachtungen · Viehzählungen · Preisentwicklung · Höchstpreise · Landwirtschaft · Schlachtverbote · Metzger · Viehhandlungsverband · Kleidung · Leder · Schuhe · Lederzentrale · Barfußgehen
Empfohlene Zitierweise: „Heinrich Carl Zölzer, Schulchronik von Buchenau, 1914-1919, Abschnitt 7: Fleischmangel, Preissteigerung für Kleidung“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/de/purl/resolve/subject/qhg/id/20-6> (aufgerufen am 20.09.2021)
 
Hessisches Landesamt für Geschichtliche Landeskunde