Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen

Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg

↑ Wilhelm Weidemann, Aus dem Tagebuche eines Kasseler Kriegsfreiwilligen, 1914

Abschnitt 8: Transport der Einheit an die Westgrenze

[264-265]

Wir rücken aus! Wer kann beschreiben, wie dies Wort auf uns wirkte! Mit fiebernder Hast werden die alten Uniformen eingepackt und der graue Rock, der uns bisher nur zu Besichtigungen geziert, für dauernd angezogen. Tornister gepackt, Mäntel gerollt und Zeltbahnen gelegt, Seitengewehre geschliffen und scharfe Patronen empfangen. Appell über Appell in all diesen Dingen. Da ein Zwischenfall: einer schießt einem Kameraden unvorsichtiger Weise eine Revolverkugel durch den Arm. Größte Erregtheit und ernste Worte unseres Hauptmanns! Alles wird übersehen im Jubel des Ausmarsches — Antwerpen gefallen!1 und wir noch hier! Letzter Appell am Sonntagmorgen den 11. Oktober [11.10.1914] auf dem alten Platz unter den hohen Pappeln der Uferstraße, vollkommen feldmarschmäßig. Bewegte Worte des Hauptmanns, letztes Hurra! — und die Pappeln rauschen uns Abschied.

Dieselbe Nacht 's 12 Uhr Abmarsch zum Bahnhof. Die Stunde vorher: ernstes Singen der ewig schönen Soldatenlieder. Und rings stehen die Arnstädter und wollen uns das Geleit geben. Punkt 12 Uhr Abmarsch zum Bahnhof mit Musik, und [S. 265] viel Hunderte jauchzen an unsern Seiten: Auf Wiedersehen und Kampf und Heil und Sieg!

Eine Stunde später trug uns der Zug hinaus, dem Westen zu, zwar über unsere Heimat Kassel, dann aber unbekannt wohin. —

Montag, den 12. Oktober [12.10.1914], morgens gegen 16 Uhr kamen wir noch einmal durch unsere Heimat Kassel und erhielten während eines etwa einstündigen Aufenthaltes auf dem Bahnhof Wilhelmshöhe warmes Essen. Gleich mir hatten unzählige Kameraden schon tags zuvor ihre Eltern und sonstigen Angehörigen telegraphisch an den Zug bestellt. Dort nahm ich von Euch, liebe Eltern und Geschwister, den letzten ernsten Abschied, nachdem zuvor noch manches schöne Wort gesprochen und manche Liebesgabe empfangen war. Da ward mir's doch so ganz eigen ums Herz: wer weiß, ob wir uns Wiedersehen?! Es war für manchen das letzte Wort, das er jemals zu seinen Lieben sprach. —

Und dann ratterte der Zug weiter, und wir jauchzten und sangen und Abschiedsjubel scholl uns brausend nach, wie wir so schneller und schneller der Heimat enteilten. Stumm grüßte der Habichtswald herüber und ein letztesmal der ragende Recke2 droben auf düsterm Felsenschlosse. Wir aber sangen: „In der Heimat, da gibt's ein Wiedersehn"3 und dachten ins Weite an Kampf und Ruhm und Tod und Sieg. —Hinaus gen Westen, gegen den Feind! Durch Westfalen hin, und Nacht war's, als wir durch Köln fuhren über den alten Vater Rhein, den auch wir nun schützen wollten. Weiter und weiter ging's. Wo ging's hin?! Aachen erreichten wir nicht, und der Kompaß gab fast südliche Richtung an. Der Morgen stieg über der nebelkalten stillen Eifel, da endlich hieß es: St. Vith4; wir standen vor der Grenze von Luxemburg.


  1. Die belagerte Stadt Antwerpen kapitulierte am 10. Oktober 1914.
  2. Der Herkules über dem Kasseler Bergpark.
  3. Volkstümliches Soldatenlied mit einem Text von Hugo Zuschneid. Der Text der 1. Strophe lautet: "Nun geht´s ans Abschiednehmen | wir ziehn hinaus ins Feld. | Wir wollen flott marschieren | die Waffen mutig führen: | Gloria, Gloria, Gloria Viktoria! | Mit Herz und Hand fürs Vaterland, fürs Vaterland! - | Die Vöglein im Walde | die singen ja so wunderschön, | in der Heimat, in der Heimat | da gibt´s ein Wiedersehn".
  4. 1914 deutsche Grenzstadt zu Belgien, seit dem Versailler Vertrag belgisch.

Personen: Weidemann, Wilhelm
Orte: Arnstadt · Antwerpen · Kassel · Wilhelmshöhe · Habichtswald · Westfalen · Köln · Aachen · Eifel · Sankt Vith · Luxemburg
Sachbegriffe: Uniformen · Feldgrau · Tornister · Seitengewehre · Munition · Revolver · Hauptleute
Empfohlene Zitierweise: „Wilhelm Weidemann, Aus dem Tagebuche eines Kasseler Kriegsfreiwilligen, 1914, Abschnitt 18: Transport der Einheit an die Westgrenze“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/de/purl/resolve/subject/qhg/id/138-8> (aufgerufen am 21.09.2019)
 
Hessisches Landesamt für Geschichtliche Landeskunde