Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen

Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg

↑ Erlebnisse des August Heep aus Biebrich in russischer Gefangenschaft, 1914-1918

Abschnitt 11: Rückkehr über Smolensk, Minsk, Berlin in die Heimat

[16-18] In Samara angekommen, gingen wir sofort zum Schwedischen Delegierten, welcher uns in einem Asyl [S. 17] unterbrachte. In Samara erging es uns genau so wie in Russuluk, auch hier durften wir nicht weiter. Samara ist eine sehr schöne Stadt an der Wolga gelegen, aber auch hier das Bild der Bolschewisten. Sämtliche wohlhabende Leute hatten die Stadt verlassen: in den leeren Räumen hausten die Bolschewiki. In der Hauptstrasse waren nicht weniger als 8 Liebknechtbüsten1 aufgestellt, das Alexanderdenkmal2 war zertrümmert, und auf dem Sokel stand Liebknecht in Lebensgrösse. Die Hauptstrasse hiess Liebknechtstrasse, der Alexanderplatz war in Liebknechtplatz umgetauft. Das erste Hotel wurde zum Liebknecht Club eingerichtet, wo alle Abende die Soldaten ihre Versammlungen abhielten. Die Stadt wimmelte voller Soldaten aller Nationen, und man war kaum sicher auf der Strasse. Hier verblieben wir nahezu 4 ½ Woche[n].

Da der Kommandant niemanden vorliess, so beschloss ich, da wir ohne Schein des Kommandanten kein Billet erhielten, Montags zu Fuss eine Strecke zu gehen, bis zu einer kleinen Station. Durch Bestechung gelang es uns versteckt in einem Viehwagen bis zur Wolgabrücke zu gelangen. Nach 2 Tagen kamen wir abends um 11 Uhr an der Brücke an, und übernachteten in einer Blockhütte. Am anderen morgen mussten wir halbwegs zu Fuss über das Eis der Wolga. Die Brücke d.h. 2 Bogen wurden von den Kosaken bei den Kämpfen, als sie sich zurückzogen, gesprengt. Zum Ueberschreiten des Flusses ist eine Nottreppe von 40 m Höhe angelegt. Gegen Abend kamen wir in Süssrahn3 an. Nun setzten wir uns mit der Post des Zuges in Verbindung, und wurden - auch wieder gegen Bestechung - mitgenommen bis Penza4, wo wir anderen Tages gegen Abend ankamen. Dort wurde uns mitgeteilt, dass seitens der Ungarn die Züge auf Deutsche untersucht und alles zurückgeschickt würde; trotzdem liessen wir den Mut nicht sinken. Ich setzte mich mit dem Schaffner in Verbindung, welcher aber zuerst wegen der Gefahr nicht wollte. Er beschloss nun uns im Closet unterzubringen, und wir fuhren im diesem Unterschlupf 2 Tage und 2 Nächte. Unser Essen bestand aus Brod und Wasser, welch letzteres aus der Waschvorrichtung genommen werden musste. Endlich kamen wir in Smolensk5 abends [S. 18] um 10 Uhr an, woselbst wir übernachteten. Von hier aus fuhren wir etwas freier und sicherer, und kamen nach zwei Tagen nachmittags in Minsk6 an; abends um 12 Uhr ging es weiter bis Moletetschno7, wo wir uns sofort den Deutschen Militärbehörden stellten; erst hier wurden wir von der Revolution in Deutschland unterrichtet, was wir nun glaubten, denn bisher dachten wir immer es sei dies eine Propaganda seitens der Bolschewisten. Wir hatten auch über 1 Jahr keine Nachricht mehr aus Deutschland bekommen. Wir kamen ins Lager, erhielten Brod, Kaffee und Marmelade, und dann ein gutes Bad, was uns allen sehr wohl tat. Wir atmeten nun erleichtert auf, und waren froh und glücklich der Gefahr entronnen zu sein. Wir wurden nun mit Fahrscheinen versehen, und fuhren über Wilna8, Insterburg9, Berlin der lieben Heimat zu.

gez. August Heep, Biebrich am Rhein.

[handschriftlich hinzugefügt: „geb. am 3. Febr. 1882 als Sohn des Schreinermeisters Friedr. Heep + dessen Ehefr. Anna geb. Frosch“.]


  1. Büsten des deutschen sozialistischen Revolutionärs und Gründers der KPD Karl Liebknecht, der am 15.1.1919 zusammen mit Rosa Luxemburg und Freikorps ermordet wurde.
  2. Wahrscheinlich ein Denkmal für Zar Alexander III. (1845-1894).
  3. Syzran an der Wolga, westlich Samara.
  4. Penza [Пе́нза], Stadt etwa 430 km westlich Samara.
  5. Smolensk, westrussische Stadt, heute nahe der Grenze zu Weißrussland.
  6. Minsk, heute Hauptstadt Weißrusslands.
  7. Vermutlich Maladziecna, Weißrussland, nordwestlich Minsk.
  8. Vilnius, heute Hauptstadt Litauens.
  9. Stadt in Ostpreußen östlich Königsberg, heute Tschernjachowsk [Черняховск].

Personen: Heep, August · Liebknecht, Karl · Luxemburg, Rosa · Alexandr III., Russland, Zar
Orte: Samara · Russuluk · Wolga · Syzran · Pensa · Smolensk · Minsk · Maladziecna · Vilnius · Wilna · Insterburg · Berlin
Sachbegriffe: Schweden · Bolschewisten · Soldaten · Kosaken · Kommandeure · Ungarn · Novemberrevolution · KPD · Freikorps
Empfohlene Zitierweise: „Erlebnisse des August Heep aus Biebrich in russischer Gefangenschaft, 1914-1918, Abschnitt 1: Rückkehr über Smolensk, Minsk, Berlin in die Heimat“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/de/purl/resolve/subject/qhg/id/122-11> (aufgerufen am 22.10.2019)
 
Hessisches Landesamt für Geschichtliche Landeskunde