Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen

Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg

↑ Heinrich Höhle, Kriegstagebuch eines Lehrers aus Landau, 1914-1919

Abschnitt 4: Erste Kriegstage und Meldungen von der Front

[15] Montag, den 3. Aug. An dem Abmachen des Roggens bemühen sich die wehrpflichtigen Männer bis zum letzten Augenblick. Heute zieht wieder ein Trupp aus. Dienstag, 4. Aug. Morgens ½ 5 Uhr weckt mich der Polizeidiener Schilling, ich möchte zum Bürgermeister Viering kommen. Dort ist nachts 2 Uhr ein Telegramm eingegangen, daß Automobile von Frankreich nach Rußland mit Goldladungen unterwegs sind. Dieselben sind festzuhalten u. zu beschlagnahmen. Wir richten sofort ein Hindernis auf der Straße bei Schreiner Viering ein u. stehen dann Wache. Später stellt sich heraus, daß doch wohl keine Autos, wie oben angenommen, unterwegs sind. Die Wachen bleiben aber noch mehrere Tage bestehen.

Mittwoch, den 5. Aug. bin ich in Korbach u. lese das Plakat, wonach uns England den Krieg erklärt hat. Das ist ein wichtiges Ereignis. Unser Reichskanzler hatte damit nicht gerechnet. Donnerstag, den 6. Aug. Es ist kühl u. regnet etwas. Wir sind beunruhigt wegen Italiens zweifelhafter Haltung. Freitag, den 7. Aug. Ich bin in Arolsen, wo das Reservebataillon 83 zum Ausmarsch bereit ist. Dabei sind viele Landauer Reservisten. Auf dem Kasernenhof las ein Leutnant die Kriegsartikel vor, die durch Hauptmann Streit erläutert wurden. Über Furcht u. Tod sagt er mit ruhiger, lieber Vaterstimme: „Kinder, Ihr könnt ja nur einen Tod sterben." Mir gingen die Worte zu Herzen, alle Bangigkeit schwand, u. es war mir klar: Mit solch einem Anführer muß u. kann man siegen oder sterben. - Ich war dann noch in der Kaserne, da die Soldaten noch nicht abzurücken brauchten u. habe mit den Landauer Reservisten Kaffee getrunken - schwarz u. ohne Zucker, trockenes Brot. Die Jungen waren lieb u. kameradschaftlich zu mir: Karl Schäfer Drude, Konrad Schäfer, Karl Horchler Schneider, Friedrich Stietz, Heinrich Behr am Tore, Heinrich Saure Krieger, Christian Göbel, Schuhmacher, Heinrich Trotte, Maurer.

Sonnabend, 8. Aug. Ein versuchter Handstreich hatte die Festung Lüttich nicht in deutschen Besitz bringen können. Am Tage darauf wurde sie im Sturm erobert. Dienstag, den 11. Aug. 1. Bataillon Reserve Inf. 83 rückt von Arolsen ins Feld. Die Landauer sind in der 2. Komp. Lehrer Jungermann Braunsen 1. Komp.

Freitag, den 13. Aug. Gerüchte über schreckliche Greuel der belgischen Zivilisten werden laut. Sie sollen unsere Soldaten von hinten erschossen haben. Christian Behr Kilmer, der Flügelmann beim Auszug, schrieb den ersten Brief nach Hause vom 8. Aug. aus Lüttich. Er hat den Sturm mitgemacht u. sich einmal „eklig in der Klemme" befunden. Er vermißt seinen Bruder Konrad, den Sanitätssoldaten. Seine Angehörigen sind sehr in Sorge um ihn. Ich reise nach Arolsen, um nach seinem Verbleib zu fragen, kann aber nichts erfahren als Gerüchte über große Verluste der 83er vor Lüttich. Revierförster Gombsen sagt mir bestimmt: Bataillonskommandeur 83 Oberst v. Borsig gefallen, desgleichen Hauptmann Liebmann. Leutnant Rösener ist im Rücken schwer verwundet. Sept 1915 gefallen. Das ganze Bataillon soll fast ganz aufgerieben sein, besonders die 9. u. 11. Komp.

Nachher stellt es sich heraus, daß die Gerüchte sehr übertrieben sind. Wohl sind Verluste zu beklagen. Die Landauer leben noch alle auch Konrad Behr.


Personen: Höhle, Heinrich · Viering, Bürgermeister · Streit, Hauptmann · Drude, Konrad · Schäfer, Konrad · Stietz, Friedrich · Behr, Heinrich · Krieger, Heinrich · Göbel, Christian · Trotte, Heinrich · Jungermann, Karl · Behr, Christian · Behr, Konrad · Gombsen, Revierförster · Liebmann, Hauptmann · Borsig, Oberst · Rösener, Leutnant
Orte: Landau · Frankreich · Russland · Korbach · England · Italien · Arolsen · Braunsen · Lüttich · Belgien
Sachbegriffe: Erntearbeiten · Telegramme · Spione · Spionenfurcht · Russen · Straßensperren · Kriegserklärungen · Reichskanzler · Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 83 · Reservisten · Kasernen · Leutnante · Soldaten · Lehrer · Kriegsgräuel · Oberste · Gefallene
Empfohlene Zitierweise: „Heinrich Höhle, Kriegstagebuch eines Lehrers aus Landau, 1914-1919, Abschnitt 12: Erste Kriegstage und Meldungen von der Front“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/de/purl/resolve/subject/qhg/id/15-4> (aufgerufen am 02.04.2020)
 
Hessisches Landesamt für Geschichtliche Landeskunde