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Eröffnung der Ausstellung „Warschauer Ghetto“ in der Paulskirche, 20. November 1963

In der Wandelhalle der Paulskirche in Frankfurt am Main wird mit einer Feierstunde und in Anwesenheit von Vertretern der Bundesregierung, des Bundestages, des Landes Hessen und der Stadt Frankfurt am Main sowie Delegierten von Widerstandsorganisationen verschiedenen europäischen Staaten die Ausstellung „Warschauer Ghetto“ eröffnet. Es ist die erste deutsche Ausstellung, die sich mit dem Mitte 1940 vom nationalsozialistischen Terrorregime in der polnischen Hauptstadt errichteten Sammellager für deutsche und polnische Juden befasst. Knapp ein Drittel der gezeigten Dokumente stammen aus einer bereits 1961 von Alexander Bernfes, dem Sohn des letzten Rabbiners in Warschau, in London gezeigten Bilderschau. Viele der übrigen Darstellungen, darunter zahlreiche Originalbriefe, stammen aus dem Bestand des Bundesarchivs in Koblenz.

Redner der Eröffnungsstunde ist zunächst Alfred Dietrich, Vorstandsmitglied der Union Deutscher Widerstandskämpfer- und Verfolgtenverbände (UDWV), der im Auftrag der Veranstalter, und im Namen seines eigenen Verbandes, des Verbands für Freiheit und Menschenwürde und der Deutsch-Israelischen Studiengruppe an der Johann Wolfgang-Goethe-Universität ein kurzes Grußwort an die in der Paulskirche versammelten Gäste richtet.

Im Mittelpunkt der Veranstaltung steht die Rede des CDU-Bundestagsabgeordneten und Vorsitzenden der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, Prof. Dr. Franz Böhm (1895–1977) aus Frankfurt am Main. Nach seinen Worten gilt die Ausstellung dem Gedenken der Toten, die dem staatlich organisierten Massenmord des NS-Regimes zum Opfer fielen. Noch bevor die „Gewöhnung an Judenhaß eintrat und der Terror einsetzte“, hätte die deutsche Bevölkerung von der Errichtung von Konzentrationslagern und von Boykottmaßnahmen zu Beginn des „Dritten Reiches“ gewusst. Damit sei jedem mehr und mehr offenbar geworden, daß sich der Staatsapparat in den Händen von Verbrechern befunden habe. Am Ghetto-Aufstand des Jahres 1943, das dokumentiere diese Ausstellung, werde die Größe der Rebellion der Verzweifelten deutlich.

Im Anschluss spricht der Wehrbeauftragte der Bundesrepublik, Vizeadmiral a.D. Hellmuth Heye (1895–1970) zu dem Thema „Bundeswehr und Widerstand“. Heye äußert, dass „die Männer des 20. Juli 1944 Vorbilder seien, da sie wahrhaften Gehorsam gezeigt hätten, als sie sich auflehnten gegen ein unehrenhaftes Regime. Nur auf dem Fundament eines freiheitlichen Rechtsstaates und der Humanität könne der Soldat seine Pflicht erfüllen.“1

Die ehemals in Frankfurt tätigen Schauspieler Ingrid Andrée aus München und Otto Rouvel setzen schließlich mit einer Lesung aus Tagebüchern von Ghettoinsassen, der Ringerzählung aus Gotthold Ephraim Lessings „Nathan der Weise“ und der von Johannes R. Becher verfassten Ballade „Kinderschuhe aus Lublin“ nachdenklich-ergreifende Akzente. Die Ausstellung wird bis zum 6. Dezember zu sehen sein.
(KU)


  1. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.11.1963, S. 33.
Belege
Weiterführende Informationen
  • Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.10.1963, S. 60: Ausstellung „Warschauer Ghetto“
  • Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.11.1963, S. 21: Tausende sehen das „Warschauer Ghetto“
  • Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.4.1964, S. 62: Sachwalter des Widerstandes: Alfred Dietrich wird 70 Jahre / Initiator der Ausstellung „Warschauer Ghetto“
  • HeBIS [Union Deutscher Widerstandskämpfer und Verfolgtenverbände (hrsg. Körperschaft):] Warschauer Ghetto: Ausstellung in der Paulskirche Frankfurt am Main [Veranst. Union Dt. Widerstandskämpfer und Verfolgtenverbände / Gestaltung Wolfgang Dohmen] [Frankfurt am Main, ca.1965].
  • Wikipedia: Warschauer Ghetto (Stand: 9.11.2012)
Hebis-Schlagwort
Warschau ; Ghetto ; f Ausstellung ; g Frankfurt <Main, 1965> ; Geschichte
Empfohlene Zitierweise
„Eröffnung der Ausstellung „Warschauer Ghetto“ in der Paulskirche, 20. November 1963“, in: Zeitgeschichte in Hessen <https://www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/edb/id/1176> (Stand: 20.11.2020)
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Hessisches Landesamt für Geschichtliche Landeskunde