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Eröffnung des 63. Kommunallandtages des Regierungsbezirkes Wiesbaden, 25. April 1927

Im Kommunallandtagssitzungssaal des Landeshauses in Wiesbaden wird um 18 Uhr der 63. Kommunallandtag des Regierungsbezirks Wiesbaden durch eine Ansprache des stellvertretenden Landtagskommissars, dem Regierungspräsidenten Fritz Ehrler (1871–1944) eröffnet:

Meine sehr geehrten Damen und Herren!
Der Herr Oberpräsident der Provinz Hessen-Nassau hat mich in seiner Vertretung beauftragt, und so beehre ich mich, im Namen des preußischen Staatsministeriums den 63. Kommunallandtag des Regierungsbezirks Wiesbaden zu eröffnen. Das Jahr 1927 ist auch für den Regierungsbezirk Wiesbaden ein Gedenkjahr, und wenn ich angesichts der immerhin nicht gerade günstigen Zeitverhältnisse und der, aller Menschlichkeit Hohn sprechenden, immer noch auf uns lastenden fremden Besatzung davon Abstand genommen habe, eine größere Feier zur Erinnerung zu veranstalten, so möchte ich doch die Gelegenheit bei der Tagung des 63. Kommunallandtages nicht vorübergehen lassen, ohne daran erinnert zu haben, daß der Regierungsbezirk Wiesbaden im Februar d. J. sein 60jähriges Bestehen feiern konnte.
Meine Damen und Herren, ich habe mit großem Interesse Ihren Bericht, den Bericht des Landesausschusses über die Ergebnisse der Bezirksverwaltung im abgelaufenen Jahre verfolgt und habe daraus ersehen, daß es möglich gewesen ist, mit den etatsmäßigen Mitteln auszukommen – eine ganz gewiß außerordentlich erfreuliche Tatsache. Ich darf wohl sagen, daß die sehr umfangreichen Straßenherstellungs- und Wiederherstellungsarbeiten und Verbesserungen volle Anerkennung verdienen. Ich darf hinweisen auch darauf, daß die reichlichen Mittel, die der Bezirksverband bereitstellen konnte und verwendet hat, zur Linderung von Not und Elend, verwendet hat für die Wohlfahrtspflege, ganz gewiß auch außerordentlich angebracht waren. (Abg. Lang: Wo bleibt die Regierung?) Wenn es nicht möglich ist, den unter so schweren Lasten seufzenden Bürgern und Arbeitern alle Lasten abzunehmen, so muß doch auch das Wenige, was unter Anspannung aller Kräfte von Staat und Selbstverwaltung aufgebracht wird, bei anständigen Menschen Anerkennung finden. (Rufe: Sehr gut!) Sehr verehrte Damen und Herren! Ich habe aus der Aufstellung Ihres neuen Etats entnommen, daß er sehr vorsichtig ausgearbeitet ist, ich habe entnehmen können, daß die Bezirksabgabe in ihrer diesmaligen Schätzung auf der unteren Grenze der sonst in den Provinzialverwaltungen üblichen Masse liegt; das ist auch eine sehr erfreuliche Erscheinung. Ich möchte dabei allerdings aussprechen, daß es wünschenswert ist, daß auf dem Gebiete noch mehr erreicht werden kann, besonders mit Rücksicht auf die immerhin noch außerordentlich drückenden Lasten, unter denen die Gemeinden des Regierungsbezirks Wiesbaden heute noch zu seufzen haben. (Abg. Lang: Die Belastung ist aber auch groß genug!) Was ich besonders hervorheben möchte, ist die Tatsache, daß der Bezirksverband Wiesbaden bezüglich seiner Leistung in Wohlfahrtspflege an der Spitze der preußischen Provinzialverwaltungen marschiert, auch eine Tatsache, die ganz gewiß dafür spricht, daß trotz aller Parteikämpfe, die auch im kleinen sich abspielen, ein einheitlicher Wille zur Besserung und Hebung der Verhältnisse des Bürgers und des Arbeiters vorhanden ist; (Abg. Lang: Davon ist nicht allzuviel zu merken!) besonders nicht auf der äußersten Linken. (Rufe: Sehr gut! – Zuruf des Abg. Lang.) Sehr geehrte Damen und Herren, ich möchte Ihre Zeit nicht allzulange in Anspruch nehmen und möchte nur noch hinweisen darauf, daß doch eine ganze Reihe von Aufgaben im letzten Jahre erfüllt werden konnten, daß aber eine mindestens ebenso große Zahl von Aufgaben noch ihrer Erledigung harrt. Ich brauche nicht hinzuweisen auf die Weiterverfolgung von Straßenbauten, von Flußregulierungen und Kanalisierungen und alle diese Dinge, über die wir uns schon so oft miteinander unterhalten haben. Zum Schluß meiner Ausführungen möchte ich noch einmal Ihrem neuen Landeshauptmann, Herrn Lutsch, gegenüber den Wunsch aussprechen, daß sein Arbeiten für die Landesverwaltung ebenso segensreich sein möge, wie es das seines Vorgängers gewesen ist. (Abg. Lang: Es lebe das Konkordat! – Heiterkeit.) Mit diesem Wunsch und mit dem weiteren Wunsch, daß auch Ihre diesmalige Tagung mit vollem Erfolg gekrönt sein möge, eröffne ich den 63. Kommunallandtag. (Lebhafter Beifall.)
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Zum Vorsitzenden des Kommunallandtages wird in derselben Sitzung erneut Heinrich Hopf (SPD) aus Frankfurt am Main gewählt, zu dessen Stellvertreter Heinrich Dahlhoff (Deutsche Zentrumspartei) aus Höchst. Philipp Holl (SPD) aus Wiesbaden, Hans Jenner (Demokratische Partei) aus Weilburg, Hermann Josef Geil (Zentrum) aus Oberlahnstein und Franz Kronenbitter (KPD) aus Höchst komplettieren das Präsidium als Beisitzer.2

In seiner Ansprache führt der Präsident des 63. Kommunallandtages Hopf aus:

Verehrte Damen und Herren! Ich darf Sie meinerseits, als bisheriger Vorsitzender, aufs herzlichste begrüßen.
Es ist an Stelle des aus dem Kommunallandtag ausgeschiedenen Herrn Landeshauptmanns3 der Herr Abg. Sznurkowski getreten. Ich begrüße ihn als einen alten Bekannten, der hier seit mehreren Jahren bereits tätig gewesen ist und der seit Jahrzehnten in Frankfurt kommunalpolitisch tätig ist. Ich begrüße ihn aufs herzlichste und gebe unserer Freude Ausdruck, daß er wieder als Mitarbeiter zu uns kommt.
Den Herrn Landeshauptmann hatten wir bereits Gelegenheit, bei seinem Amtsantritt im Landesausschuß begrüßen, ich möchte aber auch hier im Namen der Abgeordneten dem Wunsche Ausdruck geben, daß seine Tätigkeit für den Kommunalverband recht segensreich sein möge.
Ganz unerwartet schnell wurde (das Haus erhebt sich) einer der tüchtigsten Männer, der früher hier auch mitgewirkt hat, der Herr Oberbürgermeister Voigt, aus dem Leben gerissen. Er war bei der letzten Tagung des Provinziallandtages in Wiesbaden hier noch eifrig tätig, um für seine Stadt die Auskreisung zu erwirken. Wer ihn in seiner Frische beobachten konnte, hat sicherlich nicht geahnt, daß der Tod so rasch an ihn herantreten würde. Herr Voigt war von 1914–1920 hier im Kommunallandtag als einer der erfolgreichsten Abgeordneten tätig. Wir werden ihm allezeit ein ehrendes Andenken bewahren. Ich konstatiere, daß Sie in dieser Auffassung mit mir übereinstimmen.
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Der 63. Kommunallandtag des Regierungsbezirkes Wiesbaden tagt in insgesamt vier öffentlichen Sitzungen bis zum 30. April 1927.

Zusammensetzung des 63. Kommunallandtages

Sitzverteilung

Hessen-Nassauische Arbeitsgemeinschaft Stadt und Land 16
Sozialdemokratische Partei Deutschlands 16
Deutsche Zentrumspartei 12
Deutsche Demokratische Partei 4
Kommunistische Partei 4

Hessen-Nassauische Arbeitsgemeinschaft Stadt und Land

Decker, Heinrich (1867–1956; Landwirt und Kaufmann; Dörnberg; Wahlbezirk Unterlahn)
Fink, Hermann (geb. 1881; Bürgermeister und Landwirt; Seelbach; Wahlbezirk Oberlahn-Usingen)
Guckes, Wilhelm (1877–1942; Landwirt und Bürgermeister a.D.; Breithardt; Wahlbezirk Untertaunus)
Hartmann, Heinrich (1862–1938; Bauunternehmer; Wiesbaden; Wahlbezirk Wiesbaden-Stadt)
Heldmann, Dr. Heinrich (1871–1945; Senatspräsident; Frankfurt am Main; Wahlbezirk Frankfurt am Main)
Jaspert, August (1871–1841; Rektor und Stadtrat; Frankfurt am Main; Wahlbezirk Frankfurt am Main)
Krücke, Georg (1880–1961; Rechtsanwalt und Notar; Wiesbaden; Wahlbezirk Wiesbaden-Stadt)
Kupfrian, Fritz (1879–1953; Bürgermeister; Dillenburg; Wahlbezirk Dillkreis)
Matthaei, Ludwig (geb. 1859; Kaufmann; Frankfurt am Main; Wahlbezirk Frankfurt am Main)
Meyer, Erich (1884–1955; Pfarrer; Frankfurt am Main; Wahlbezirk Frankfurt am Main)
Ruhl, Jean (1877–1957; Architekt; Frankfurt am Main; Wahlbezirk Biedenkopf)
Rumpf, Dr. Hermann (1875–1942; Rechtsanwalt und Notar; Frankfurt am Main; Wahlbezirk Frankfurt am Main)
Schmidt II., Ludwig (1868–1945; Landwirt; Breidenbach; Wahlbezirk Biedenkopf)
Stein, Dr. Wilhelm Freiherr von (1869–1954; Amtsgerichtsrat; Wiesbaden; Wahlbezirk Wiesbaden-Stadt)
Ulrici, Werner (1877–1950; Landrat; Marienberg; Wahlbezirk Oberwesterwald)
Zorn II., Adam (1863–1930; Bürgermeister; Niederwallmenach; Wahlbezirk St. Goarshausen)

SPD

Asch, Bruno (1890–1940; Kämmerer; Frankfurt am Main; Wahlbezirk Frankfurt am Main)
Bauer, Elsa (1878–1941; Stadtverordnete; Frankfurt am Main; Wahlbezirk Frankfurt am Main)
Bechtel, Heinrich (1882–1962; Filialleiter; Diez; Wahlbezirk Unterlahn)
Bierbrauer, Rudolf (1884–1937; Diplom-Ingenieur; Weilburg an der Lahn; Wahlbezirk Oberlahn-Usingen)
Diefenbach, Wilhelm (geb. 1895; Lehrer; Höchst am Main; Wahlbezirk Höchst am Main)
Gräf, Adam (1882–1945; Bürgermeister; Niederselters; Wahlbezirk Limburg)
Gräf, Eduard (1870–1936; Bürgermeister; Frankfurt am Main; Wahlbezirk Frankfurt am Main)
Holl, Philipp (1879–1967; Städtischer Beamter; Wiesbaden; Wahlbezirk Wiesbaden-Stadt)
Hölzel, August (1897–1944; Maurer; Dotzheim; Wahlbezirk Wiesbaden-Land)
Hopf, Heinrich (1869–1929; Geschäftsführer; Frankfurt am Main; Wahlbezirk Frankfurt am Main)
Kirchner, Karl (1883–1945; Direktor; Frankfurt am Main; Wahlbezirk Frankfurt am Main)
Plewe, Karl (geb. 1876; Stadtverordneter; Frankfurt am Main; Wahlbezirk Frankfurt am Main)
Schmitt, Georg (1872–1940; Landwirt und Bäckermeister; Breithardt; Wahlbezirk Untertaunus)
Schweig, Fritz (1874–1964; Schleifer; Oberursel; Wahlbezirk Obertaunus)
Siebecke, Eugen (1891–1959; Direktor; Biedenkopf; Wahlbezirk Biedenkopf)
Zimmermann, Joseph (1871–1929; Polizeipräsident; Frankfurt am Main; Wahlbezirk Höchst am Main)

Deutsche Zentrumspartei

Alken, Else (1877–1943; Stadtrat; Frankfurt am Main; Wahlbezirk Frankfurt am Main)
Beppler, Jean (1876–1940; Buchdruckereibesitzer; Königstein i. T.; Wahlbezirk Oberlahn-Usingen)
Dahlhoff, Heinrich (geb. 1882; Rektor; Bad Homburg; Wahlbezirk Obertaunus)
Ernst, Dr. Lorenz (1890–1977; Studienrat; Höchst am Main; Wahlbezirk Höchst am Main)
Geil, Hermann Josef (1858–1935; Maurermeister; Oberlahnstein; Wahlbezirk St. Goarshausen)
Gotthardt, Ludwig (1870–1932; Kaufmann; Limburg; Wahlbezirk Limburg)
Haenlein, Wilhelm (1876–1949; Weingutsbesitzer; Hochheim am Main; Wahlbezirk Wiesbaden-Land)
Pnischeck, Edmund (1883–1954; Bürgermeister; Lorch am Rhein; Wahlbezirk Rheingau)
Roth, Heinrich (1889–1955; Bürgermeister; Montabaur; Wahlbezirk Unterwesterwald)
Schmitt, Jakob (1860–1929; Ökonomierat; Molsberg; Wahlbezirk Westerburg)
Schmitz, Wilhelm (geb. 1869; Landgerichtsrat; Wiesbaden; Wahlbezirk Wiesbaden-Stadt)
Sznurkowski, Theodor (1873–1951; Kürschner; Frankfurt am Main; Kreis Frankfurt am Main)

Deutsche Demokratische Partei

Hansohn, Ludwig (1879–1929; Ingenieur; Wiesbaden; Wahlbezirk Wiesbaden-Stadt)
Hesch, August (1870–1942; Steinhauermeister; Biebrich; Wahlbezirk Wiesbaden-Land)
Jenner, Hans (geb. 1882; Landrat; Weilburg an der Lahn; Wahlbezirk Oberlahn-Usingen)
Trumpler, Prof. Dr. Hans (1875–1955; Syndikus; Frankfurt am Main; Wahlbezirk Frankfurt am Main)

Kommunistische Partei

Bach, Theodor (1879–1945; Weißbinder; Dotzheim; Wahlbezirk Wiesbaden-Land)
Drewanz, Johannes (geb. 1896; Packer; Frankfurt am Main; Wahlbezirk Frankfurt am Main)
Kronenbitter, Franz (1887–1952; Schlosser; Höchst am Main; Wahlbezirk Höchst am Main)
Lang, Konrad (1885–1963; Monteur; Frankfurt am Main; Wahlbezirk Frankfurt am Main)
(LV)


  1. Verhandlungen des 63. Kommunallandtags des Regierungsbezirks Wiesbaden vom 25. bis 30. April 1927, Wiesbaden [1927], S. 5.
  2. Ebd., S. 8.
  3. Im Januar 1927 war der Wilhelm Lutsch zum Nachfolger des verstorbenen Landeshauptmannes Wöll gewählt worden.
  4. Ebd., S. 6.
Belege
Empfohlene Zitierweise
„Eröffnung des 63. Kommunallandtages des Regierungsbezirkes Wiesbaden, 25. April 1927“, in: Zeitgeschichte in Hessen <https://www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/edb/id/5526> (Stand: 19.10.2019)
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