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Studenten protestieren gegen Prüfungsordnung und blockieren Hörsaalgebäude der Universität Frankfurt, 22. Februar 1972

Studenten, Schüler und Lehrlinge versuchen erneut, Zwischenprüfungsklausuren im Fach Wirtschaftswissenschaften im neuen Hörsaalgebäude der Johann-Wolfgang-Goethe Universität in Frankfurt am Main zu verhindern. Unbeeindruckt von den auf Wunsch des Universitätspräsidenten Erhard Kantzenbach (geb. 1931) anwesenden Polizei-Hundertschaften bildeten die Demonstranten Sperrketten, um den Zugang zum Hörsaalgebäude zu blockieren und prüfungswillige Kommilitonen notfalls mit Gewalt zurückzuhalten. Abgesehen von einigen Farbbeuteln und Eiern, die auf Beamte und Mitstudenten geschleudert wurden, blieben größere Zwischenfälle bis zum Spätnachmittag aus.

Drastisch verläuft dagegen ein Teil des Besuchs des gemeinsam mit zwölf anderen Landtagsabgeordneten angereisten CDU-Landesvorsitzenden und ehemaligen Fuldaer Oberbürgermeisters Alfred Dregger (1920–2002). Dregger, der sich gemeinsam mit Fraktionskollegen vor Ort ein Bild von der Belagerung des Fachbereichs machen will, wird nach Gesprächen mit Studenten, der Fachbereichs- und Universitätsleitung, und der Polizei beim Verlassen des Hörsaalgebäudes von einer Studentin geohrfeigt. Studierende skandieren »Dregger raus!«, die Landtagsabgeordneten werden als »Nazischweine« beschimpft. Dregger unterstützt die Auffassung des Universitätspräsidenten Erhard Kantzenbach, der Polizeieinsatz sei erforderlich, um das Recht auf freie Lehre und freies Lernen zu garantieren, zumal jeder Studierende seine ordnungsgemäße Prüfung gegenüber der Universität einklagen könne.
Um einen störungsfreien Ablauf der Zwischenprüfungen zu gewährleisten, und zumindest den »Prüfungswilligen« unter den Wirtschaftsstudenten die Möglichkeit zu geben, ihre Klausuren zu schreiben, war bereits am vorangegangenen Montag, den 21. Februar 1972 der mittlerweile siebente angesetzte Klausurtermin für die nach bestehender Prüfungsordnung obligatorische Zwischenprüfung auf Anweisung des Präsidenten für etwa 30 Schreibwillige spektakulär unter Polizeischutz durchgeführt worden.

Aus Protest gegen die zum Wintersemester 1971/72 im Studienfach Wirtschaftswissenschaften eingeführte Zwischenprüfung hatten Studierende zwischen dem 4. und dem 11. Februar alle vorangegangenen Klausurtermine »gesprengt«, das heißt zu Beginn der angesetzten Schreibtermine ultimativ – und ohne Rücksicht auf andersdenkende Kommilitonen – den Boykott der Prüfungsveranstaltung erklärt. Die neue Regelung sieht vor, dass im Studienfach Wirtschaftswissenschaften Zwischenprüfungen zu absolvieren sind: es soll von den Prüflingen der Nachweis erbracht werden, dass die während des vier Semester andauernden Grundstudiums erlernten Inhalte in ausreichender Weise verstanden wurden und erlernt sind. Der Zwang, diese Zwischenprüfungsleistungen zusätzlich zu dem bestehenden Klausurkanon des Faches (bis zu 30 reguläre Klausuren in vier Semestern) bewältigen zu müssen, wird von vielen Studenten als Überforderung gesehen, zumal es sich bei den Zwischenprüfungen ausschließlich um ein nochmaliges, zusammenfassendes Abfragen bereits während des Semesters niedergelegten Klausurwissens handelt. Die solchermaßen kritisierte Erhöhung des Leistungsdrucks im Fach Wirtschaftswissenschaften wird dadurch verschärft, dass abgelegte, aber nicht bestandene Prüfungen maximal einmal während des folgenden Semesters wiederholt werden dürfen.
Eine am Mittwoch, den 9. Februar 1972 einberufene Fachbereichskonferenz hatte daraufhin den Lehr- und Studienausschuss des Fachbereichs mit der Überprüfung der gültigen Prüfungsordnung beauftragt. Da die von den Studierenden geäußerte Kritik von einigen Professoren geteilt wird, strebt der Fachbereich eine Verbesserung der Prüfungsordnung an. (vgl. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.2.1972, S. 22).
(KU)

Belege
  • DER SPIEGEL 10/1972, 28.2.1972, S. 32-34: Hochschulen: Was wollen (Stand: 2.5.2012)
  • Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.2.1972, S. 22: Die Prüfungsordnung wird geprüft: Fachbereichskonferenz der Wirtschaftswissenschaftler
  • Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.2.1972, S. 33: Maskierte Studentin ohrfeigt Dregger: CDU-Abgeordnete orientieren sich über die Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Studenten
Empfohlene Zitierweise
„Studenten protestieren gegen Prüfungsordnung und blockieren Hörsaalgebäude der Universität Frankfurt, 22. Februar 1972“, in: Zeitgeschichte in Hessen <https://www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/edb/id/1307> (Stand: 22.2.2019)
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