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Alexander Mitscherlich erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, 12. Oktober 1969

Der Psychoanalytiker, Psychosomatiker, Schriftsteller und Sozialpsychologe Alexander Harbord Mitscherlich (1908–1982) erhält in der Paulskirche in Frankfurt am Main den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Laudator ist der in Österreich geborene, US-amerikanische Psychoanalytiker Heinz Kohut (1913–1981).

Die Jury des den Preisträger wählenden Stiftungsrates für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ehrt damit den Leiter des Frankfurter Sigmund-Freud-Instituts als einen Mann, der „durch seine Analysen Zwänge unserer Gesellschaft“ aufdeckt. „Er deutet die Konflikte des Individuums wie die Unwirtlichkeit seiner Umwelt. Er legt Inhumanes bloß und trägt so zur Entwicklung von Modellen für eine sozial gerechte, lebenswürdige Zukunft bei.
Indem er menschliche Aggressivität bestimmt und sie zugleich zu meistern versucht, macht er die Idee des Friedens zu seiner Sache.1

Alexander Mitscherlich, am 20. September 1908 in München geboren, gründet nach Beendigung seiner Studienzeit zu Beginn der 1930er Jahre in Berlin-Dahlem eine Buchhandlung, die 1935 durch die SA geschlossen wird. Aufgrund seiner kritischen Haltung gegenüber dem NS-Regime engagiert sich Mitscherlich im Widerstand der nationalrevolutionären Bewegung um den Politiker Ernst Niekisch und wird bereits 1933 kurzzeitig inhaftiert. Bald suchen ihn die Nazis steckbrieflich und Mitscherlich emigriert in die Schweiz. Dort beginnt er ein Medizinstudium, kehrt aber 1937 nach Deutschland zurück und wird von der Gestapo gefasst. Im Anschluss an eine achtmonatige Haftzeit beschließt er, in Deutschland zu bleiben und setzt dort sein Medizinstudium fort. 1946 übertragen ihm die Ärztekammern der drei Westzonen die Leitung einer Kommission zur Beobachtung der „NS-Ärzteprozesse“, die vom 9. Dezember 1946 bis zum 20. August 1947 als erster von zwölf Nachfolgeprozesse gegen Verantwortliche des Deutschen Reichs zur NS-Zeit vor einem amerikanischen Militärgericht in Nürnberg verhandelt werden. Mitscherlich wird angehalten, alle Mittel zu ergreifen, um die Behauptung einer „Kollektivschuld“ der deutschen Ärzteschaft im „Dritten Reich“ in Presse und Öffentlichkeit abzuwenden. Mitscherlich zeigt sich allerdings erschüttert über die vor Gericht zur Sprache kommenden ungeheuerlichen Verbrechen, die deutsche Mediziner in den NS-Konzentrationslagern begingen und verfasst das Buch Diktat der Menschenverachtung: Der Nürnberger Ärzteprozeß und seine Quellen, das im März 1947 veröffentlicht wird, aber bereits kurz nach seinem Erscheinen auf mysteriöse Weise aus den Buchläden wieder „verschwindet“.2 1949 gründet er die Abteilung für psychosomatische Medizin an der Universität Heidelberg. 1952 wird ihm die Leitung dieser Institution übertragen. In seiner Arbeit bemüht sich Mitscherlich intensiv um die Anwendung psychoanalytischer Methoden und Erkenntnisse auf soziale Phänomene.

Mitscherlich bezieht in seiner anlässlich der Verleihung gehaltenen Dankesrede Stellung gegenüber den Ursachen und Ausdrucksformen der seit 1967 eskalierenden, vom Protest der linksgerichteten Studentenschaft getragenen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen. Das von Mitscherlich gemeinsam mit seiner Frau Margarete verfasste Werk „Die Unfähigkeit zu trauern. Grundlagen kollektiven Verhaltens“ (1967) übt bestimmenden Einfluss auf die „68er“ aus, die das Psychoanalytiker-Paar zu Ikonen der „Bewegung“ stilisiert.

Ich kann mich bei Ihnen nicht als eine Art Vorbeter haßvoller Parolen beliebt machen. Genügend Menschen sind mit dem Aussprechen solcher Anklagen beschäftigt und erwarten gleiches bei jeder Gelegenheit, also auch jetzt von mir. Das mag oft aus Not und berechtigter Sorge geschehen. Es ist trotzdem nicht mein Beitrag.
Bevor ich von einigen andauernden Beschwernissen beim Herstellen von Frieden spreche, noch ein Wort zum Friedenspreis selbst. Er hat in der Welt Aufmerksamkeit erweckt. Das scheint mir nicht unverständlich, denn in der Geschichte der letzten zwei bis drei Generationen finden sich nicht viele Beispiele, in denen sich das Wort deutsch mit dem Wort Frieden auf glaubhafte Weise hätte verbinden lassen. So verstand man wohl unseren Friedenspreis in Zusammenhang mit dem Versuch, einen uns liebgewordenen Charakterzug – das Martialische – abzulegen. Ich frage mich aber, ob dieses Martialische nicht im Streit zwischen Bücherschreiben und Büchermachen und im Streit um die Verleihung des Friedenspreises aufgebrochen ist, gleichsam bei alt und jung wieder durchschlug.
Natürlich weiß ich, daß verhärtete Institutionen sich nur rühren, wenn sie heftig und ausdauernd attackiert werden. Trotzdem muß ich fordern, daß gerade die progressiven „Protestanten“, die sich der Sache der Humanität in ihrem Bewußtsein verschrieben haben, sich um bessere Selbsterkenntnis bemühen als sonstwer. Das schließt aber ein, daß sie für das Martialische in sich selbst hellhöriger werden, als ihre Gegner es in der Vergangenheit gewesen sind. Das freizügig brutalisierte Vokabular und manchen Auftritt, die dem Fortschritt dienen sollten, konnte ich nur als Entsublimierung, als Rückfall im Imponiergehaben verstehen. Dabei bin ich mir dessen bewußt, daß ich hier einen Widerspruch formuliere: Das Martialische ist offensichtlich zuweilen unvermeidlich, aber es bringt zugleich ständig die Gefahr hervor, das Ziel selbst zu werden, statt ein mögliches Mittel zu bleiben.“3
(KU)


  1. Begründung der Jury zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 1969, zitiert nach: Börsenverein des Deutschen Buchhandels e.V.: Friedenspreis des Deutschen Buchhandels: Der Preisträger 1969: Alexander Mitscherlich (eingesehen am 10.10.2012).
  2. Mitscherlich, der trotz seiner wissenschaftlichen Reputation nie in eine medizinische Fakultät berufen wird, äußert später die Vermutung, dass die Arbeitsgemeinschaft der Westdeutschen Ärztekammern den gesamten Bestand des Buches aufkaufte und vernichtete.
  3. Ansprache Alexander Mitscherlichs bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 1969, zitiert nach: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.10.1969, S. 16: Die Bürde der Feindseligkeit. Dort findet sich der vollständige Abdruck der Rede.
Belege
Weiterführende Informationen
  • HeBIS Alexander Mitscherlich, Ansprachen anläßlich der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels 1969, Frankfurt am Main 1969
  • HeBIS Alexander Mitscherlich/Fred Mielke, Das Diktat der Menschenverachtung: eine Dokumentation [vom Prozeß gegen 23 SS-Ärzte und deutsche Wissenschaftler], Heidelberg 1947
  • HeBIS Alexander Mitscherlich/Margarete Mitscherlich, Die Unfähigkeit zu trauern. Grundlagen kollektiven Verhaltens, München 1968
Hebis-Schlagwort
Mitscherlich, Alexander ; Friedenspreis des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels
Empfohlene Zitierweise
„Alexander Mitscherlich erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, 12. Oktober 1969“, in: Zeitgeschichte in Hessen <https://www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/edb/id/2740> (Stand: 21.10.2020)
Ereignisse im September 1969 | Oktober 1969 | November 1969
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