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Großbrand beschädigt Selmi-Hochhaus in Frankfurt, 23. August 1973

Das noch im Bau befindliche City-Hochhaus im Stadtteil Westend in Frankfurt am Main (am Platz der Republik) wird bei einem Großbrand in der Nacht vom 22. auf den 23. August stark beschädigt. An dem 142 Meter hohen Rohbau des Gebäudes, das seit 1971 nach Plänen der Architekten Johannes Krahn (1908–1974) und Richard Heil erbaut und 1974 fertiggestellt wird, und das in Frankfurt auch unter dem Namen Selmi-Hochhaus (nach dem Bauherrn, dem aus Persien stammenden Frankfurter Teppichhändler und Bankier Ali Selmi) bekannt ist, wird nur eine Woche nach dem Unglück in Beisein des hessischen Wirtschaftsministers Heinz-Herbert Karry (1920–1981) ein provisorisches Richtfest gefeiert.

Spott aus der Bevölkerung

Tausende von Frankfurter Bürgerinnen und Bürgern wohnen dem spektakulären Großbrand bei und drängen gegen die Absperrungen der Polizei, um möglichst wenig von dem feurigen Schauspiel zu verpassen. Die Straßen im weiteren Umkreis um das brennende Gebäude sind mit den Autos herangeeilter Brandbesucher vollgestellt, Hunderte flanieren auf der Suche nach günstigen Aussichtspunkten durch das Westend. Teils erregen herabstürzende Gebäudeteile und Funkenregen Erstaunen1, teils wird das Feuer von Schaulustigen zynisch bejubelt („Bürger für Brand(t)2). Frankfurter Studenten stimmen gar ein Spottlied an („Heute verbrennen wir dem Selmi sein klein Häuschen“).3 Nach Angaben der Polizei und Feuerwehr kommt es jedoch zu keinen ernsthaften Störungen, die die Arbeit der Ordnungs- und Löschkräfte behindern.

22:00

Gegen 22 Uhr erreicht die Feuerwehr die erste Brandmeldung. Ein sofort ausrückender Löschzug der nur rund 800 Meter vom Platz der Republik entfernten Feuerwache 3 fordert noch auf dem Weg zur Brandstelle weitere Verstärkung an und versucht nach dem Eintreffen, über das Treppenhaus zu dem in etwa 100 Metern Höhe ausgebrochenen Feuer zu gelangen. Der um 22:06 Uhr eintreffende Löschzug der Feuerwache 6 in Sachsenhausen sichert zunächst mit Wasservorhängen die das Hochhaus umgebenden Straßen und Gebäude gegen herabfallende glühende Teile und Funkenflug zu sichern.

22:30

Nach etwa einer halben Stunde, gegen 22:30 Uhr erreichen die ersten Feuerwehrleute das 38. Stockwerk, das zu diesem Zeitpunkt gemeinsam mit der darüberliegenden Etage in hellen Flammen steht. Den Männern gelingt es nicht, ein weiteres Übergreifen des Feuers zu verhindern, sodass nach kurzer Zeit auch das 37., 40. und 41. Stockwerk von den Flammen eingenommen werden. Die Feuerwehr gibt Ausnahmealarm, eine weitere halbe Stunde später aufgrund der schwierigen Lage auch Gesamtalarm: damit hat sich jeder verfügbare Feuerwehrangehörige in Frankfurt einsatzbereit zu halten. Herabfallende Trümmer der Verschalungen und Gerüste an den oberen Stockwerken des Gebäudes zerschlagen immer wieder Schlauchleitungen, die sich über die Friedrich-Ebert-Anlage vor dem Polizeipräsidium an das Hochhaus heranschlängeln.

Zahlreiche Gefahrenherde

Besondere Gefahr geht, sollte sich das Feuer weiter ausbreiten, vom 20. Stockwerk aus, wo die Feuerwehr etwa 40 lagernde Acethylengasflaschen vermutet, deren Beschädigung größte Explosionsgefahr auslösen würde.
Auch die sich an der Nord- und an der Südseite befindenden Baukräne bereiten den Einsatzkräften Kopfzerbrechen, da die große Hitzeentwicklung beide Baugeräte in etwa 140 Metern Höhe zum Absturz bringen kann. Vorsichtshalber veranlasst die Polizei aus diesem Grund die Evakuierung von mehr als 20 umliegenden Häusern.

Nutzlose Steigleitungen durch fehlende Pumpen

Der Frankfurter Oberbranddirektor Ernst Achilles gibt am 23. August bekannt, dass sich das Ausbrennen der oberen Stockwerke des Selmi-Hochhauses nur dann hätte verhindern lassen, wenn die auf Initiative der Feuerwehr und der Bauaufsicht installierten Steigleitungen für Wasser auch tatsächlich funktionsfähig gewesen wären. Am vorangegangenen Mittwoch hatte die Bauleitung die Feuerwehr informiert, die für den Wasserdruck in den Leitungen erforderlichen Pumpen müssten durch leistungsfähigere Geräte ersetzt werden. Dabei habe man zugleich darum gebeten, für die Überbrückungszeit im Falle eines Austauschs der Pumpen eine Brandwache bereitzustellen. Als am Unglücksabend kurz nach 22 Uhr die ersten Löschzüge eintrafen, stellte sich jedoch heraus, dass die für den Druck in den feuersicher montierten Steigleitungen erforderlichen Pumpen nicht eingebaut waren. Achilles bezeichnet es als „bisher völlig unklar“, ob „überhaupt jemals Pumpen installiert worden seien“, wie dies etwa vier Wochen vor dem Unglück von der Branddirektion gefordert worden war, um das sonst intakte System der Steigleitung und Sprinkleranlagen im Ernstfall auch benutzen zu können.

Als Auslöser des Unglücks wird Brandstiftung später von den Behörden nahezu ausgeschlossen oder zumindest zu einer sehr unwahrscheinlichen Ursache erklärt. Man vermutet, dass ein defektes Schweißgerät die Holzverschalung des 40. und 41. Stockwerkes entzündete. Der Großbrand des City-Hochhaus-Rohbaus wird zum Ausgangspunkt des vorbeugenden, modernen Feuerschutzes und einer Verschärfung der Bauvorschriften für Hochbauten in Deutschland.
(KU)


  1. Nach einem Bericht der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 24. August 1973 verglühten die Verschalungen wie der Zunder im Kopf einer Riesenfackel in dem seit den Bombennächten des Jahres 1944 spektakulärste[n] Feuer in Frankfurt. Vgl. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.8.1973, S. 37.
  2. Vgl. dazu Pfiffe für Willy Brandt von Hausbesetzern in Frankfurt, 3. Oktober 1970.
  3. Hintergrund ist eine durch den Frankfurter Hochhausrahmenplan (insbesondere den sogenannten 5-Finger-Plan) in Gang gesetzte, seit Ende der 1960er Jahre grassierende Immobilien-Spekulationswelle und der daraufhin 1970 mit ersten Hausbesetzungen offen ausbrechende „Frankfurter Häuserkampf“, der sich in den 1970er Jahren in verschiedenen Teilen der Stadt abspielt und nicht nur von kapitalismuskritischen linksgerichteten politischen Aktivisten getragen wird, sondern auch in weiten Teilen der Frankfurter Bevölkerung Unterstützung findet.
Belege
  • Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.8.1973, S. 37: Kein Wasser im brennenden Hochhaus: Feuerwehr mußte Pumpen und Schläuche hundert Meter hoch schleppen / Kein Hinweis auf Brandstifter / Nur drei Feuerwehrleute verletzt
Weiterführende Informationen
Empfohlene Zitierweise
„Großbrand beschädigt Selmi-Hochhaus in Frankfurt, 23. August 1973“, in: Zeitgeschichte in Hessen <https://www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/edb/id/1330> (Stand: 16.12.2020)
Ereignisse im Juli 1973 | August 1973 | September 1973
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Hessisches Landesamt für Geschichtliche Landeskunde