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Thomas Mann nimmt in der Frankfurter Paulskirche den Gothepreis entgegen und hält eine „Ansprache zum Goethejahr“, 25. Juli 1949

Thomas Mann nimmt in der Paulskirche zu Frankfurt am Main den Goethepreis der Stadt Frankfurt entgegen. Seine Festrede, die als „Ansprache im Goethejahr 1949“ bekannt und später publiziert wird, hält der Anfang der 1930er Jahre in die Vereinigten Staaten emigrierte Schriftsteller in fast identischer Form (unter Hinzufügung einer Einleitung) nochmals am 1. August 1949 im Nationaltheater zu Weimar. Ein Artikel der Stuttgarter Zeitung fasst den ideellen Kern von Manns Rede in der Paulskirche in Bezug auf dessen eigene Haltung gegenüber der vielfach geäußerten Kritik an seiner Person am 26. Juli 1949 zusammen:

„Ich weiß, daß der Emigrierte in Deutschland wenig gilt, und er hat noch nie viel gegolten in einem von politischen Abenteurern heimgesuchten Lande“ [...] Der deutschen Ehre sei in langen Jahren nicht viel Zuträgliches geschehen. Verglichen damit sei das, was er selbst draußen hervorgebracht habe, beinahe viel. Das hätten offenbar auch die Männer gefühlt, die ihm die hohe Ehre der Zuerteilung des auf Goethes Namen getauften Preises in diesem Jahr erwiesen hätten. Aber nicht nur der Danksagung wegen sei er nach Deutschland gekommen, sondern auch, weil ihm ein untrügliches Gefühl sage, daß der Streit, der in Deutschland um sein Werk und seine Person geführt werde, weit an Bedeutung über die an sich gleichgültige Person hinausreiche. Sonst wäre die Erbitterung in diesem Streit unerklärlich. „Das ist nicht mehr Literatur-Kritik, es ist der Zwist zwischen zwei Ideen von Deutschland, eine Auseinandersetzung über die geistige und moralische Zukunft des Landes.“ Daher stelle er sich der Freundschaft und dem Haß. Ob willkommen oder nicht, er hätte es als Fleck auf seinem Leben gesehen, wenn er dem Genius Goethes auswärts gehuldigt und Deutschland gemieden hätte.1

Der Schriftsteller und seine Frau Katia, die am 24. Juli ihren 66. Geburtstag feiert, sind für die Dauer vom 24. bis 27. Juli im Gästehaus der Stadt Frankfurt in Schönberg/Taunus untergebracht. Die Einladung der Stadt Frankfurt war Mann persönlich am 2. Mai 1949 von Professor Walter Hallstein (1901–1982), 1946 bis 1948 erster Nachkriegsrektor der Frankfurter Goethe-Universität und später Staatssekretär im Bundeskanzleramt und im Auswärtigen Amt der Bundesrepublik Deutschland, überbracht worden.

Der deutsche Schriftsteller Paul Thomas Mann (1875–1955) ist nach dem Physiker Max Planck (1945), dem Schriftsteller Hermann Hesse (1946), dem Philosophen Karl Jaspers (1947), und dem expressionistischen Dichter Fritz von Unruh (1948) der fünfte Nachkriegspreisträger der 1927 erstmalig verliehenen Auszeichnung, die laut Ehrenordnung der Stadt Frankfurt „einer Persönlichkeit verliehen werden [kann], die durch ihr Schaffen bereits zur Geltung gelangt und deren schöpferisches Wirken einer dem Andenken Goethes gewidmeten Ehrung würdig ist“. Thomas Mann gilt als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Erzähler im 20. Jahrhundert. Für seinen Roman Buddenbrooks: Verfall einer Familie (1901), erhielt er 1929 den Nobelpreis für Literatur.

Thomas Manns erster Deutschlandbesuch seit der Emigration 1933 bleibt in der Öffentlichkeit – trotz oder gerade wegen der hohen Ehrung – nicht unumstritten. Der Schriftsteller steht bereits seit 1945 im Zentrum einer kontrovers geführten Debatte um die Haltung deutscher Literaten gegenüber dem NS-Regime und den moralischen Wert der „äußeren“ Emigration (Flucht ins Ausland) gegenüber der „inneren Emigration“, also dem Standhalten gegenüber der Diktatur.2. Auch die Weigerung Manns, nach Kriegsende wieder dauerhaft in seine alte Heimat Deutschland zurückzukehren, wird ihm verübelt. Darüber hinaus sieht sich der Literatur-Nobelpreisträger einer Reihe von publizistischen Angriffen ausgesetzt, nachdem bekannt geworden ist, dass er nicht nur in den Westen, sondern auch nach Weimar in den Osten Deutschlands fahren wird, um dort den in Konkurrenz zu Frankfurt gestifteten „Goethe-Nationalpreis 1949“ (dotiert mit 20.000 Mark Ost) entgegen zu nehmen.
(KU)


  1. Zitiert nach Gert Heine/Paul Schommer, Thomas Mann Chronik, Frankfurt am Main 2004, S. 457. Tatsächlich hatte Thomas Mann einem Deutschland-Besuch zur eigentlichen Goethefeier am 28. August eine Absage erteilt, was ihm zusätzliche Kritik eintrug.
  2. Geprägt wurde diese als „Große Kontroverse“ bekannt gewordene Debatte in einem Artikel der Münchener Zeitung vom August 1945 durch Frank Thiess in der Münchener Zeitung vom 18. August 1945.
Belege
Weiterführende Informationen
Empfohlene Zitierweise
„Thomas Mann nimmt in der Frankfurter Paulskirche den Gothepreis entgegen und hält eine „Ansprache zum Goethejahr“, 25. Juli 1949“, in: Zeitgeschichte in Hessen <https://www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/edb/id/960> (Stand: 25.7.2020)
Ereignisse im Juni 1949 | Juli 1949 | August 1949
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