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Durchbruch zur 38,5-Stunden-Woche in der Metallindustrie, 27. Juni 1984

Im Kampf der Metallindustrie um die Durchsetzung der 35-Stunden-Woche akzeptieren die Tarifparteien einen Vorschlag des Schlichters Georg Leber (1920–2012; SPD; ehemaliger Bundesminister für Verkehr, für das Post- und Fernmeldewesen und für Verteidigung), der den Durchbruch zur 38,5-Stunden-Woche bringt, nachdem die tarifvertraglich festgelegte Wochenarbeitszeit 16 Jahre lang 40 Stunden betragen hatte. Gleichzeitig bedeutet diese Einigung den Durchbruch zum „Einstieg“ in die in den folgenden Jahren schrittweise verwirklichte Verkürzung der Arbeitszeit auf 35 Stunden1 und ist der entscheidende Markstein auf dem Weg zur Flexibilisierung der Arbeitszeit auf breiter Basis.

Der von Leber unterbreitete Vorschlag sieht eine durchschnittliche betriebliche Wochenarbeitszeit mit einer Bandbreite zwischen 37 und 40 Wochenstunden vor, die innerhalb dieser Spanne jeweils von den Betrieben individuell nach Bedarf festgelegt werden soll. Indem es den Betrieben ermöglicht wird, die Durchschnittsarbeitszeit aller ihrer Mitarbeiter über das Jahr gerechnet auf 38,5 Wochenstunden zu beschränken, kann die IG Metall eine allgemeine Arbeitszeitverkürzung ins Feld führen. Gleichzeitig verbucht es der Arbeitgeberverband Gesamtmetall als Erfolg, die als „Rasenmähermethode“ gescholtene 35-Stunden-Woche (zunächst) gestoppt und gleichzeitig die angestrebte Flexibilisierung in den Betrieben erreicht zu haben. In Kraft treten soll die Regelungen zur Arbeitszeitverkürzung auf 38,5 Stunden am 1. April 1985. Der der Vereinbarung zugrunde liegende Vertrag soll daraufhin bis Ende September 1986 unkündbar sein.

Der bislang 52-tägige Ausstand, der am 14. Mai in Nordwürttemberg/Nordbaden begonnen hat (und noch bis 2. Juli 1984 andauern wird), wird die Streikkasse der Metallgewerkschaft mit Streikunterstützungszahlungen in Höhe von rund 320 Millionen DM bis an ihre Grenzen belasten. Gleichzeitig ist der durch die Arbeitsniederlegungen ausgelöste Produktionsausfall erheblich: So verzeichnet allein die Automobilindustrie den stärksten streikbedingten Umsatzeinbruch ihrer Geschichte (rund 10,5 Milliarden DM).

Zur Beendigung des weiterlaufenden Arbeitskampfs in Baden-Württemberg und Hessen muss nun ein einstimmiger Einigungsvorschlags der Arbeitnehmer- und der Arbeitgeberseite gefasst werden, den die IG Metall in den bestreikten Tarifgebieten zur Urabstimmung stellt. Um zu dem angestrebten Abschluss zu gelangen, ist es notwendig, dass sich 25 Prozent der stimmberechtigten IG Metall-Mitglieder für die Annahme des Vorschlags aussprechen.
(KU)


  1. Die 35-Stunden-Woche wird 1995 in der westdeutschen Metallindustrie, sowie in der Stahl-, Elektro-, Druck- und holz- und papierverarbeitenden Industrie tarifvertraglich vereinbart.
Belege
Weiterführende Informationen
Hebis-Klassifikation
541542 ,Arbeitsmarkt
Hebis-Schlagwort
Arbeitszeitverkürzung
Empfohlene Zitierweise
„Durchbruch zur 38,5-Stunden-Woche in der Metallindustrie, 27. Juni 1984“, in: Zeitgeschichte in Hessen <https://www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/edb/id/1490> (Stand: 29.6.2020)
Ereignisse im Mai 1984 | Juni 1984 | Juli 1984
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Hessisches Landesamt für Geschichtliche Landeskunde