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Streik der hessischen Metallarbeiter für die 35-Stunden-Woche, 21. Mai 1984

Die hessischen Beschäftigten in der Metallindustrie treten ab 6 Uhr morgens in einen unbefristeten Streik zur Durchsetzung der 35-Stunden-Woche. Zugleich endet ein auf 48 Stunden befristeter Warnstreik der Beschäftigten in der hessischen Druckindustrie. In Hessen sind rund 33.000 Gewerkschaftsmitglieder aufgerufen, sich an dem ersten Flächenstreik seit 33 Jahren zu beteiligen. Es wird der bis dahin härteste und am meisten nachwirkende Arbeitskampf in der Geschichte der Bundesrepublik.

In Frankfurt am Main sind zunächst zwei Firmen im Gallusviertel von den Arbeitsniederlegungen betroffen: Triumph-Adler in der Kleyerstraße und das Werk II der Messer-Griesheim GmbH in der Rebstöcker Straße mit einer Dépendance in der Griesheimer Lärchenstraße. Nach Angaben der IG Metall sind bei Triumph-Adler 910 und bei Messer 746 Personen beschäftigt, zugleich ist der Anteil der gewerkschaftlich Organisierten in beiden Betrieben ungewöhnlich hoch. Die Metallgewerkschaft hat allerdings nicht nur ihre Mitglieder, sondern die Gesamtheit der Belegschaften zur Arbeitsniederlegung aufgerufen. Streiklokale, in denen sich die Streikwilligen registrieren müssen, sind von der IG Metall im Falkenheim im Arbeiterstadtteil Gallus und im Naturfreundehaus in der Herxheimer Straße eingerichtet worden. Bereits am gestrigen Sonntagabend sind Busse für die örtlichen Streikleitungen vor die Betriebe gestellt worden. Außerhalb Frankfurts sind besonders Unternehmen im Raum Hanau von dem anlaufenden Streik betroffen. Am heutigen Morgen treten die Beschäftigten der Firmen BBC in Hanau-Großauheim (vorerst nur gewerbliche Arbeitnehmer) und Honeywell in Maintal-Dörnigheim und Wächtersbach (auch Angestellte) in den Ausstand.

Bei Dunlop in Hanau zeigen sich drastisch die Auswirkungen des parallel laufenden Tarifkonflikts in der Metallindustrie Nordwürttemberg/Nordbadens: aufgrund der Werksschließungen von Kraftfahrzeugherstellern verzeichnet Dunlop beträchtliche Lieferausfälle bei Reifen und Schaumstoffen und hat mit Zustimmung des Betriebsrates in der Personenwagen-Reifenproduktion Kurzarbeit eingeführt, weitere Teile der Produktion werden im Laufe der Woche von der Maßnahme betroffen.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund kündigt die „geschlossene Unterstützung“ der IG Metall und der IG Druck durch die übrigen Einzelgewerkschaften an. Bereits im März hatten sich in zahlreichen hessischen Standorten der Metallindustrie Arbeitnehmer an Warnstreiks beteiligt, zu denen die IG Metall im Rahmen einer Aktionswoche für die 35-Stunden-Woche aufgerufen hatte. So legten zum Beispiel allein in Kassel mehr als 3.000 Mitarbeiter in sechs Betrieben die Arbeit nieder, um ihrer Forderung nach Arbeitszeitverkürzung Nachdruck zu verleihen. An der dem jetzt eingeleiteten Flächenstreik vorangehenden Urabstimmung beteiligten sich 98,1 Prozent der Arbeitnehmer, mehr als 80 Prozent von ihnen stimmten für den Arbeitskampf.

Der Streik um die Verkürzung der tariflich vereinbarten Arbeitszeit auf 35 Stunden, der mit dem sogenannten Leber-Rüthers-Kompromiss beendet wird (die Tarifparteien akzeptieren einen Vorschlag des Schlichters Georg Leber am 27. Juni), und für die Arbeitnehmerseite die Verkürzung der Wochenarbeitszeit auf 38,5 Stunden bei vollem Lohnausgleich (bei gleichzeitiger Arbeitszeitdifferenzierung innerhalb der Betriebe, wie von den Arbeitgebern gefordert) bringt, markiert gleichermaßen den Einstieg in einen in den folgenden Jahren weiter fortgeführten Arbeitszeitverkürzungs- wie Arbeitszeitflexibilisierungsprozess.
(KU)

Belege
Weiterführende Informationen
Empfohlene Zitierweise
„Streik der hessischen Metallarbeiter für die 35-Stunden-Woche, 21. Mai 1984“, in: Zeitgeschichte in Hessen <https://www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/edb/id/1486> (Stand: 16.11.2020)
Ereignisse im April 1984 | Mai 1984 | Juni 1984
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