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Georg-Büchner-Preis an Elias Canetti, 7. Oktober 1972

»Für ein Werk, das den Spannungen zwischen Macht und Intellekt, Masse und Verführung, Moralität und Widerstand gilt: von dem Roman »Die Blendung« bis zu den exemplarischen Aufzeichnungen, die in der Weise des Essays und des Aphorismus die Zeit und die uns umwuchernden Ideologien kritisch untersuchen«, erhält Elias Canetti den Georg-Büchner-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehen. Der Schriftsteller erhält den mit 10.000 DM dotierten Literaturpreis im Rahmen der Herbsttagung der Akademie in Darmstadt.1

Canetti wurde in Bulgarien geboren und wuchs unter anderem in Frankfurt am Main auf. 1938 musste Canetti wegen seiner sepahrdisch-jüdischen Herkunft nach London emigrieren, seit 1970 lebt er vorwiegend in der Schweiz. Neben anthropologischen und sozialhistorischen Studien veröffentlichte er auch Belletristik, autobiographische Romane und Dramentexte.2

Der Festakt der Büchner-Preis-Verleihung findet laut Frankfurter Allgemeiner Zeitung in diesem Jahr als groß inszeniertes Medienevent statt, nachdem in den letzten drei Jahren eher auf Zurückhaltung gesetzt wurde. Nach den Kontroversen um den Büchner-Preis in den späten 60er Jahren und der gewachsenen linken Kulturkritik, soll nun die Bedeutung renommierter Kulturpreise wie dem Georg-Büchner-Preis wieder hervorgehoben werden.3 Die F.A.Z. interpretiert diese Wandlung der Büchner-Preis-Verleihung als »deutlichen Hinweis auf das, was hier in Wirklichkeit geschah: die Vereinnahmung der Literatur durch den Kulturbetrieb«, räumt aber ein: »Man darf allerdings über dem Ärger nicht vergessen, daß dies nur die eine Seite ist. Denn die Akademie hat mit der Ehrung Canettis einen guten Griff getan. Sie rückt damit einen Schriftsteller und Kulturphilosophen ins Interesse der literarischen Öffentlichkeit, der zu Unrecht lange unbekannt blieb und erst in den letzten Jahren die Beachtung fand, die er verdient.«4

Elias Canetti selbst macht in seiner Dankesrede deutlich, wie sehr ihn die Auszeichnung mit dem Georg-Büchner-Preis ehrt: »So möchte ich nur etwas sehr Einfaches sagen, nämlich daß ich von keiner Ehrung weiß, die ich so sehr als Auszeichnung empfinde wie diese und daß ich glücklich bin, sie noch zu erleben. Ich danke der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, ich danke dem Lande Hessen, ich danke der Stadt Darmstadt, denen man als der Heimat zweier der klarsten und freiesten Geister der Menschheit, Lichtenbergs und Büchners, von Jahr zu Jahr, wie sich erweist, mehr schuldet.«5

Der Georg-Büchner-Preis, benannt nach dem hessischen Schriftsteller und Revolutionär Karl Georg Büchner, war ursprünglich 1923 als Stiftungspreis des damaligen Volksstaats Hessen ins Leben gerufen worden. Seit 1951 fungiert er für die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung als Literaturpreis und wird von dieser jährlich an Schriftsteller*innen, »die in deutscher Sprache schreiben, durch ihre Arbeiten und Werke in besonderem Maße hervor­treten und die an der Gestaltung des gegen­wärtigen deutschen Kultur­lebens wesentlichen Anteil haben« verliehen.6
(NT)


  1. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6.7.1972, S. 22: Preise der Akademie.
  2. Hanser Literaturverlage: Autoren: Elias Canetti.
  3. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 9.10.1972, S. 24: Der Zeit an die Gurgel.
  4. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 9.10.1972, S. 24: Der Zeit an die Gurgel.
  5. Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung: Auszeichnungen: Georg-Büchner Preis: Elias Canetti: Dankrede.
  6. Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung: Auszeichnungen: Georg-Büchner Preis.
Belege
  • Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6.7.1972, S. 22: Preise der Akademie
  • Frankfurter Allgemeine Zeitung, 9.10.1972, S. 24: Der Zeit an die Gurgel
Weiterführende Informationen
Empfohlene Zitierweise
„Georg-Büchner-Preis an Elias Canetti, 7. Oktober 1972“, in: Zeitgeschichte in Hessen <https://www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/edb/id/5542> (Stand: 7.10.2019)
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