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Zeitgeschichte in Hessen - Daten · Fakten · Hintergründe

Wahlen zum Deutschen Reichstag, 16. Juni 1903

Im Deutschen Reich finden die Wahlen zum 11. Reichstag statt. Die SPD erreicht auf Reichsebene die meisten Stimmen, stellt jedoch aufgrund des für sie ungünstigen Mehrheitswahlrechts nach dem Zentrum nur die zweitgrößte Fraktion im Reichstag. Die Mandatsverteilung steht dabei in einem eklatanten Missverhältnis zur Anzahl der Wählerstimmen. Das absolute Mehrheitswahlrecht sorgt bei der Reichstagswahl dafür, dass die SPD zwar einen deutlichen Stimmenzugewinn verzeichnet und insgesamt 3,011 Mio. Wählerstimmen auf sich vereinigt1, jedoch mit 81 Sitzen nur zweitstärkste Partei im Reichstag hinter dem Zentrum (1,875 Mio. Wählerstimmen) bleibt.

Die Wahlbeteiligung zur Reichstagswahl liegt bei rund 76 Prozent der Stimmberechtigten und damit deutlich höher als bei der vorangegangenen Reichstagswahl im Jahr 1898 (damals rund 68 Prozent).

Von den acht Abgeordneten, die aus dem Regierungsbezirk Kassel in den Reichstag einziehen, gehören vier zu den antisemitischen Parteien (Deutschsoziale Partei (drei) und Deutsche Reformpartei (einer). Jeweils einen Abgeordneten stellen die Freisinnige Volkspartei, der Nationalsoziale Verein, die Nationalliberale Partei und das Zentrum. Im Regierungsbezirk Wiesbaden werden sechs Abgeordnete des Reichstags gewählt. Davon gehören zwei der Nationalliberalen Partei, zwei dem Zentrum, einer der antisemitischen CSP und einer der SPD (Heinrich Schmidt im Wahlkreis Frankfurt). Von den neun Abgeordneten aus dem Großherzogtum Hessen gehören sechs Abgeordnete der Nationalliberalen Partei an, einer der Freisinnigen Volkspartei und zwei der SPD (aus den Wahlkreisen Darmstadt - Groß-Gerau sowie Bingen-Alzey). Das Fürstentum Waldeck-Pyrmont entsendet einen Abgeordneten der Freisinnigen Volkspartei.

Ingesamt ist bemerkenswert, dass von den 14 Abgeordneten aus den preußischen Regierungsbezirken Kassel und Wiesbaden allein fünf antisemitische Parteien vertreten. Von den elf Abgeordneten dieser Richtung im Deutschen Reichstag stellt die preußische Provinz Hessen-Nassau demnach fast die Hälfte.

Gewählte Abgeordnete

Königreich Preußen – Provinz Hessen-Nassau – Regierungsbezirk Wiesbaden

Bartling, Eduard (1845–1927; NLP; Wahlkreis 2: Wiesbaden, Rheingau, Untertaunus)
Buchsieb, Friedrich (1856–1933; NLP; Wahlkreis 4: Limburg, Oberlahnkreis, Unterlahnkreis)
Burckhardt, Georg (1848–1927; CSP; Wahlkreis 5: Dillkreis, Oberwesterwald)
Dahlem, Anton ((1859–1935; Zentrum; Wahlkreis 3: St. Goarshausen, Unterwesterwald)
Itschert, Peter (1860–1939; Zentrum; Wahlkreis 1: Obertaunus, Höchst, Usingen)
Schmidt, Wilhelm (1851–1907; SPD; Wahlkreis 6: Frankfurt am Main)

Königreich Preußen – Provinz Hessen-Nassau – Regierungsbezirk Kassel

Gerlach, Hellmut von (1866–1935; NSV; Wahlkreis 5: Marburg, Frankenberg, Kirchhain)
Lattmann, Wilhelm (1864–1935; DSP; Wahlkreis 2: Kassel, Melsungen)
Liebermann von Sonnenberg, Max (1848–1911; DSP; Wahlkreis 3: Fritzlar, Homberg, Ziegenhain)
Lucas, Georg (1865–1930; NLP; Wahlkreis 8: Hanau, Gelnhausen)
Müller, Richard (1851–1931; Zentrum; Wahlkreis 7: Fulda, Schlüchtern, Gersfeld)
Reventlow, Ludwig zu (1864–1906; DSP; Wahlkreis 1: Rinteln, Hofgeismar, Wolfhagen)
Seyboth, Leonhard (1842–1916; FVp; Wahlkreis 4: Eschwege, Schmalkalden, Witzenhausen)
Werner, Ludwig (1855–1928; DRp; Wahlkreis 6: Hersfeld, Rotenburg (Fulda), Hünfeld)

Großherzogtum Hessen

Becker, Jakob (1864–1949; NLP; Wahlkreis 5: Offenbach, Dieburg)
Cramer, Balthasar (1851–1923; SPD; Wahlkreis 4: Darmstadt, Groß-Gerau)
David, Eduard (1863–1930; SPD; Wahlkreis 9: Mainz, Oppenheim)
Haas, Wilhelm (1839–1913; NLP; Wahlkreis 6: Erbach, Bensheim, Lindenfels, Neustadt im Odenwald)
Heyl zu Herrnsheim, Cornelius von (1843–1923; NLP; Wahlkreis 7: Worms, Heppenheim, Wimpfen)
Heyligenstaedt, Louis (1842–1910; NLP, Wahlkreis 1: Gießen, Grünberg, Nidda)
Oriola, Waldemar von (1854–1910; NLP; Wahlkreis 2: Friedberg, Büdingen, Vilbel)
Schmidt, Reinhart (1838–1909; FVp; Wahlkreis 8: Bingen, Alzey)
Wallau, Eduard (1855–1941; NLP; Wahlkreis 3: Lauterbach, Alsfeld, Schotten)

Fürstentum Waldeck-Pyrmont

Potthoff, Heinz (1875–1945; FVg)
(OV/KU)


  1. Auf die SPD entfällt ein Stimmenanteil von 31,7 Prozent. Damit besitzt sie, bezogen auf den Zuspruch der Wähler, einen Stimmenvorsprung von zwölf Prozentpunkten gegenüber der nächststärksten Partei.
Belege
  • HeBIS Ritter, Gerhard A.: Wahlgeschichtliches Arbeitsbuch: Materialien zur Statistik des Kaiserreichs 1871–1918 (Beck'sche Elementarbücher/Statistische Arbeitsbücher zur neuen deutschen Geschichte), München 1980, S. 38 ff.
  • HeBIS Kaack, Heino: Geschichte und Struktur des deutschen Parteiensystems, Opladen 1971, S. 66 f.
Weiterführende Informationen
  • HeBIS Klein, Thomas: Die Hessen als Reichstagswähler: Tabellenwerk zur politischen Landesgeschichte 1867–1933. 1. Provinz Hessen-Nassau und Waldeck-Pyrmont 1867–1918 (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen 51,1), Marburg 1989
  • HeBIS Nöcker, Horst (Bearb.): Wählerentscheidung unter demokratischem und Klassenwahlrecht: eine vergleichende Statistik der Reichstags- und Landtagswahlergebnisse in Preussen 1903 nebst Angaben zur Wirtschafts- und Sozialstruktur nach Vergleichsgebieten (Einzelveröffentlichungen der Historischen Kommission zu Berlin 57), Berlin 1987
  • Wikipedia: Reichstagswahl 1903 (abgerufen am 3.4.2016)
  • Wikipedia: Reichstagswahlen in Deutschland (abgerufen am 3.4.2016)
  • Wikipedia: Reichstag (Deutsches Kaiserreich) (abgerufen am 3.4.2016)
Hebis-Schlagwort
Reichstagswahl; Geschichte 1903; Reichstagswahlen (1867-1918); Wahlstatistik
Empfohlene Zitierweise
„Wahlen zum Deutschen Reichstag, 16. Juni 1903“, in: Zeitgeschichte in Hessen <https://www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/edb/id/2237> (Stand: 16.6.2019)
Ereignisse im Mai 1903 | Juni 1903 | Juli 1903
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