[Fenster schließen]

Büttelborn · Pfarrkirche

Vorschau

Büttelborn, Pfarrkirche. Grundriss des Chores mit Fensterschemata. Maßstab 1:300 [hier ohne Fensterschemata und nicht maßstabsgerecht]

Bibliographie

Ernst Martin, Geschichte von Büttelborn, in: Büttelborn. Ev. Gemeindeblatt 3–6, 1915–1918, hier 5, 1917, S. 33 (erwähnt im Rahmen der Baugeschichte »zwei Bruchstücke« von Glasmalereien »in einem Chorfenster der jetzigen Sakristei«); Gerhard Raiss, Die Geschichte der Büttelborner ev. Kirche (Jakobskirche), in: FS zum 250jährigen Jubiläum der evangelischen Kirche zu Büttelborn 1728–1978, (Büttelborn 1978), S. 13–27, hier S. 17 (Datierung der erhaltenen Scheibenfragmente um die Mitte des 15. Jh.; Erwähnung eines weiteren, laut Pfarrchronik zu Beginn des 19. Jh. bereits verlorenen Fragments mit einem Frauenkopf); Beeh-Lustenberger 1984, S. 28 mit Abb. S. 24f. (schreibt die Glasmalereien jener Werkstatt zu, in der die Hl. Sippe in Hanau entstanden ist, und datiert sie um 1490); Hess 1999, S. 253 (bestätigt Beeh-Lustenbergers Zuschreibung); Scholz, Darmstadt, 1999, S. 65f., Nr. 98 (biografische Angaben zum Stifter; Stiftung der Scheiben »unmittelbar nach der Vollendung des Chores 1497«); Heinz Wionski, Wiederherstellung der ursprünglichen Fassung, in: Denkmalpflege & Kulturgeschichte 2006/1, S. 7 (Erwähnung); Dehio Hessen, II, 2008, S. 121 (»Fragmente von figürlichen spätgotischen Farbglasfenstern«, Ende 15. Jh.); Parello 2008, S. 95 (zieht die »Restscheiben« in Büttelborn zum Vergleich mit einer Madonnenscheibe in der Braunfelser Schlosskirche heran).

Beschreibung

Gegenwärtiger Bestand
Im Achsenfenster des ehemaligen, heute als Sakristei dienenden Chores Reste der ursprünglichen Verglasung aus der Zeit um 1500: Maria mit Kind (Fragment), Christus am Kreuz und ein kniender Stifter im Priestergewand (Fig. 16–19, Abb. 12–14).

Geschichte des Baues und seiner Verglasung
Von einem um die Mitte des 15. Jahrhunderts bereits bestehenden, dem Hl. Jakobus d.Ä. geweihten Bau – einer Filialkirche der Pfarrkirche von (Groß-)Gerau im Archidiakonat des Stiftes St. Viktor bei Mainz – sind heute nur noch der inschriftlich 1497 datierte Chor und die ehemalige Sakristei erhalten; das Langhaus der 1727 als eng und baufällig bezeichneten Kirche wurde im Jahr darauf abgebrochen und nach Plänen von Friedrich Sonnemann, einem in Diensten der Landgrafen von Hessen-Darmstadt tätigen Baumeister, neu erbaut1. Bereits zu Beginn des 18. Jahrhunderts war in den kleinen, einjochigen Chor, der einen 5/8-Schluss mit fünf zwei- und dreibahnigen, mit Kopfscheiben fünfzeiligen Maßwerkfenstern aufweist (Fig. 14), eine Empore eingezogen worden. Sie wurde, nachdem der Chor im Zuge der Vergrößerung der Kirche 1728 neu eingewölbt worden war, im Jahr 1841 nach Westen verlängert, womit zugleich die Umwandlung des Chores in eine Sakristei erfolgte. Für die Jahre 1928/29, 1953, 1964, 1971–1973 und schließlich 1999–2004 sind Instandsetzungsarbeiten an Bau und Ausstattung überliefert2. Während die Geschichte des Baues gut erschlossen ist, ist über seine mittelalterliche Verglasung nur wenig bekannt. Einer ihrer Stifter, Klaus Waszmaut, war im Jahr 1486 und zum Zeitpunkt ihrer Entstehung Pfarrer in Pfungstadt (s.u.). In welcher Verbindung er zur Kirche in Büttelborn gestanden hat, geht aus den Quellen nicht hervor, sodass der Anlass seiner – zweifellos für ihren heutigen Standort bestimmten3 – Stiftung im Dunkeln bleibt. Nachdem die Chorfenster im Zuge der Kirchenerneuerung des 18. Jahrhunderts schon einmal komplett neu verglast worden waren, erhielten sie im Jahr 1904 abermals eine neue Verglasung; dabei wurden die drei erhaltenen Glasgemälde herausgenommen, die zerbrochenen bezw. fehlenden Gemäldetheile neu ersetzt und die 3 Felder ganz neu verbleit (s. Reg. Nr. 10). Eine weitere, im Einzelnen nicht dokumentierte Instandsetzung der Kirchenfenster soll 1952 durchgeführt worden sein. Als jüngste, in die späten 1970er- oder frühen 1980er-Jahre zu datierende Maßnahme ist die Anbringung eines technisch unzulänglichen Außenschutzes aus Acryl- oder Plexiglas zu nennen, der ein älteres Schutzgitter ersetzt hat4.

Erhaltung
Der Zustand der Scheiben, die innenseitig einen partiellen Abgang der Schwarz- und Braunlotmalerei, außenseitig vergleichsweise starken Lochfraß auf den hellen Gläsern aufweisen, wird hauptsächlich durch den Verlust des unteren Teils der Marienfigur und die Restaurierungsmaßnahmen von 1952(?) getrübt, zu deren Lasten einige technisch wie künstlerisch minderwertige Ergänzungen der Christusfigur gehen dürften (Fig. 18, Abb. 12); störend darüber hinaus die breite Verbleiung, die aus dem Jahr 1904 stammt und vermutlich in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg verzinnt wurde.

Rekonstruktion, ikonografisches Programm, Komposition
Wohl zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Achsenfenster des Chores zusammengeführt und in eine Butzenverglasung eingesetzt (vgl. Reg. Nr. 10)5, sind die drei Scheiben die letzten Reste der ehemaligen Farbverglasung der Kirche. Dass es sich dabei trotz nachweisbarer Verluste (s. Anhang S. 93) nur um eine wenige Scheiben umfassende partielle Farbverglasung gehandelt haben kann, die – in Analogie zur heutigen Situation und darin z.B. der Verglasung des Nebenchores der Pfarrkirche in Hochhausen am Neckar verwandt6 – Heilige und Stifter innerhalb einer Blankverglasung gezeigt hat, legt zum einen das Fehlen jeglicher architektonischer Rahmungen und ornamentaler Hintergründe, zum anderen das den Abmessungen der ca. 56 x 40 cm großen Fensterfelder exakt angepasste Figurenmaß, vor allem des Gekreuzigten, nahe. In den jeweils fünfzeiligen Fenstern des Chores besetzten die Figuren teils eine Fensterzeile, teils erstreckten sie sich, wie es für die Muttergottes zu rekonstruieren ist, über zwei Zeilen und waren dadurch besonders ausgezeichnet. Aus diesem Grund ist das Fragment mit der maßstäblich größeren Figur der Muttergottes (Abb. 14) von den Scheiben mit dem Gekreuzigten – der fehlende Kreuzstamm setzte sich freilich nach unten fort – und dem Stifter abzusetzen. Während Letztere formal und inhaltlich zusammengehören – nach Größe und Farbigkeit wie auch aufgrund der an Christus gerichteten Fürbitte (Abb. 12f.)7 –, stand die Muttergottesfigur für sich. Sie könnte einst die Mittelbahn des Chorachsenfensters besetzt haben, möglicherweise in Begleitung des Kirchenpatrons Jakobus d.Ä. und einer oder eines weiteren Heiligen oder auch von Stiftern8, während die nach links gewandten Darstellungen Christi am Kreuz und des Stifters aufgrund ihrer Ausrichtung auf das liturgische Zentrum nur im zweibahnigen Chorfenster süd II ihren Platz gehabt haben können. Für die verbleibenden Fenster Chor nord II, süd III und süd IV ist die figürliche Verglasung nicht mehr zu erschließen.

Farbigkeit, Technik, Stil, Datierung
Trotz gewisser Unterschiede in der farblichen und zeichnerischen Disposition bilden die Scheiben eine zusammengehörige Gruppe, die sich, gemäß ihrer Verteilung auf zwei Fenster, in das Fragment der Muttergottes mit Kind (Abb. 14) und die Scheiben mit dem Gekreuzigten und dem Stifter (Fig. 16, Abb. 12f.) aufteilen lässt. Letztere unterscheiden sich von der in Violett und Blau gekleideten Muttergottes zum einen in ihrer fast monochromen, graubraunen Farbigkeit und zum anderen – vor allem bei Christus – in ihrer mehr grafischen, Positiv- und Negativzeichnung souverän verbindenden Anlage, ein handschriftliches Merkmal, das bei der Muttergottes etwas zurückgenommen zu sein scheint. In der Beschreibung physiognomischer Details – so z.B. in den aus zwei oder drei parallel verlaufenden Strichen gebildeten Oberlippen von Maria und Stifter oder der allgemeinen Charakterisierung der Augenpartien aller Figuren – stimmen die Darstellungen aber so sehr überein, dass man sie ein und demselben Glasmaler zuschreiben muss. Dieser Maler bzw. die Werkstatt, der er angehört hat, war auch für die Marienkirche in Hanau tätig gewesen. Wie Suzanne Beeh-Lustenberger 1984 festgestellt hat, gehen die Büttelborner Scheiben mit der Darstellung der Hl. Sippe im Chorfenster nord VI der Marienkirche9 auf das Engste zusammen – eine Zuschreibung, die sich z.B. an der Gegenüberstellung beider Muttergottesfiguren (Abb. 14) oder der Figuren des Gekreuzigten (Abb. 12) und des Bärtigen zur Rechten Mariens10 leicht nachvollziehen lässt: Hier wie dort handelt es sich um eng verwandte, wenn nicht, wie bei den Frauen mit ihren glatten, ovalen Gesichtern, um dieselben Typen, für deren Charakterisierung der Glasmaler mit identischen grafischen Formeln arbeitete. Sein Typenschatz und Malstil lassen auf eine künstlerische Herkunft aus Straßburg schließen, wo er sich in den späten 1470er- und frühen 1480er-Jahren im Kreis der Werkstattgemeinschaft um Peter Hemmel von Andlau aufgehalten haben muss. Am Beispiel Hanau hat Daniel Hess bereits auf die Zusammenhänge mit der um 1482 entstandenen Verglasungsgruppe in Lautenbach im Renchtal hingewiesen11; nimmt man die Büttelborner Scheiben hinzu, von denen die Figur des Klaus Waszmaut im Stifterbild Bernhards aus dem Sulzbad in Lautenbach ein eng verwandtes Vorbild hat (Fig. 15f.), wird das Hervorwachsen des später am Mittelrhein tätigen Glasmalers aus dem Hemmelkreis – d.h. aus dem Kreis jener Glasmaler, die für den Großteil der Chor- und Langhausverglasung der Lautenbacher Pfarr- und Wallfahrtskirche verantwortlich waren12 – noch deutlicher. Dennoch fällt es schwer, seine Mitarbeit in Lautenbach oder an anderen straßburgischen Verglasungen der Zeit um 1480 eindeutig festzumachen13. Einerseits unterscheiden sich die Scheiben in Hanau und Büttelborn, trotz der Verwandtschaft in den Typen, von den Werken in Lautenbach vor allem in ihrer technisch andersartigen, weniger aufwändigen Ausführung, die auf eine Modellierung z.B. der Köpfe mittels aus dem Halbton gestupfter Lichter verzichtet. Andererseits ist nicht daran zu zweifeln, dass seine Vorliebe für – wenn auch zur Formel erstarrte – Parallelschraffuren in den verschatteten Partien von dort ihren Ausgang nimmt. Da die stilistische »Versprödung« nicht zuletzt auf das späte Entstehungsdatum beider Verglasungen zurückzuführen sein dürfte – die Hl. Sippe in Hanau ist zwischen 1492 und 1496/97 entstanden (s. Kunstgeschichtliche Einleitung S. 66) die Verglasung in Büttelborn bald nach Vollendung des Chores 1497 –, ist nicht auszuschließen, dass ihr Schöpfer rund eineinhalb Dezennien zuvor tatsächlich für Lautenbach gearbeitet hat. Die Abweichungen in Technik und Malstil wie im Übrigen auch die Verwendung eines im Œuvre der Werkstattgemeinschaft und ihrer Nachfolge nicht geläufigen Madonnentyps wären dann als Folge einer persönlichen Entwicklung zu werten, die der Glasmaler im Lauf der 1480er- und 1490er-Jahre außerhalb Straßburgs genommen haben muss. Möchte man seine Person schließlich mit einem Namen verknüpfen, so kommt Hess’ Hinweis auf Werner Störe, der 1472 in Straßburg eingebürgert worden war, 1477–1481 als einer der fünf glasere der Werkstattgemeinschaft angehört und 1484 die Stadt wieder verlassen hatte, insofern Gewicht zu, als dessen Arbeit für Hanau sich historisch ohne Weiteres erklären ließe14. Ohne ein gesichertes Werk seiner Hand bleibt Störes Tätigkeit für Lautenbach, Hanau und Büttelborn freilich nicht mehr als eine Vermutung. Mittelrhein, um 1497.

Vorbemerkung zum Katalog
Die drei Scheiben wurden bereits im Oktober 1991 im Rahmen der Vorarbeiten zum Band CVMA Deutschland III,2, 1999 fotografiert; ihre Untersuchung erfolgte im Frühjahr 2005 im eingebauten Zustand.

© Hessisches Institut für Landesgeschichte