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Kurfürstentum Hessen 1840-1861 – 60. Marburg

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Marburg

Stadt · 186 m über NN
Gemeinde Marburg, Landkreis Marburg-Biedenkopf 
Siedlung | Statistik | Verfassung | Besitz | Kirche und Religion | Kultur | Wirtschaft | Nachweise | Zitierweise
Siedlung

Ortstyp:

Stadt

Lagebezug:

77 km südwestlich von Kassel.

Lage und Verkehrslage:

Stadt mit komplexem Grundriss beiderseits der Lahn, deren Talniederung durch die kuppigen Berge des Marburger Rückens im Westen und die plateauartig ausgebildeten Lahnberge im Osten begrenzt ist. Von Westen einmündend das tief eingeschnittene Seitental des Marbachs. Von dem nach Osten ins Lahntal vorspringenden mächtigen Buntsandsteinfelsen des Schlossberges rechts der Lahn zieht sich die Siedlung hangabwärts vornehmlich nach Norden, Osten und Süden durch die Flußniederung bis hinauf in den West-Hang der gegenüberliegenden Lahnberge.

Dem Talverlauf entsprechend ist die Hauptausdehnung der Stadt Nord-Süd-orientiert; Kernbereiche der Siedlung auf dem rechten Lahnufer: Auf der nach Norden zum engen Marbachtal steil abfallenden Kuppe des Schlossberges hoch über der Stadt Schloss mit ehemals weit nach Westen vorgeschobener neuzeitlicher Befestigung. Östlich und südlich unterhalb des Schlosses Altstadt (Oberstadt) mit annähernd rechteckigem Umriss, einterrassiert in den langen Süd-Hang und nach Osten bis an die Steilkante des Pilgrimsteins reichend. Regelhaft-schematischer Grundriss mit 2 Siedlungsachsen, die am Markt T-förmig aufeinandertreffen. Nord-Süd-orientiert die Achse Hirschberg-Markt-Mainzer Gasse, West-Ost-orientiert die Achse Barfüßerstraße. Beide Komplexe nach Rippenschema ausgebildet. Der ursprünglich angerartige Markt durch das quer hineingestellte Rathaus am Süd-Ende verkürzt.

Nordöstlich unterhalb des Schlosses Renthof mit kleiner, linear ausgebildeter Neustadt. Abgesetzt nach Norden, an der Einmündung des Marbachtals (Ketzerbach) in die Lahnaue, die ehemalige Deutsch-Ordens-Niederlassung (sogenanntes Klinikviertel). Südöstlich der Altstadt jenseits der Lahn in der Niederung die ehemalige "Brückenvorstadt" Weidenhausen mit linearem Grundriss. Am südwestlichen Stadtrand, abgesetzt vom alten Siedlungskern, der Ortsteil Ockershausen.

Aus dem komplexen Erscheinungsbild des modernen Stadtgrundrisses heben sich besonders hervor: die wenig regelhaft gestaltete Wohn- und Gewerbesiedlung des Nord-Viertels am Hauptbahnhof; das ausgedehnte Süd-Viertel mit klar gegliederten Wohnblöcken und verhältnismäßig großen Innenhof-Gartenflächen; schließlich das Villenviertel am Ortenberg auf dem West-Hang der Lahnberge.

a) Historischer Straßenverkehr:

Eine frühe West-Ost-Verbindung zwischen den beiden Nord-Süd-verlaufenden Höhenwegen auf dem Marburger Rücken (Weinstraße) und den Lahnbergen überquerte am Fuße des Schlossberges die Lahn (Furt bei der Weidenhäuser Brücke). Während der Lahnberg-Höhenweg wohl schon im 13. Jahrhundert aufgegeben wurde, ist die Weinstraße (aus dem Rhein-Main-Gebiet Richtung Paderborn/Bremen führend) noch bis Ende 18. Jahrhundert benutzt worden.

Seit dem Ausbau der Stadt im 13. Jahrhundert lief der Hauptdurchgangsverkehr über die an den beiden Talrändern entlangführenden Züge der alten Landstraße Frankfurt-Bremen bzw. Kassel durch die Oberstadt (Grün bzw. Weidenhausen-Markt-Wettergasse-Steinweg); zur Erleichterung des Fuhrverkehrs wurde der Straßenbogen Schwanallee-Barfüßerstraße in Richtung Markt-Steinweg ausgebaut.

Auf die Landstraße Frankfurt-Bremen bzw. Kassel traf bei Niederweimar, später in Niederwalgern die Köln-Leipziger Messestraße aus Richtung Herborn; vor der Stadt bei der Mühle von (Wüstung) Ibernshausen (Süd-Bahnhofs-Brücke) Abzweig Richtung Kirchhain bzw. Schröck - Brücker Mühle/Amöneburg; ein anderer Zweig führte über den Grün-Weidenhausen und vereinigte sich bei den Hansenhäusern mit dem südlichen Zweig; später führte der Hauptweg durch die Zahlbach.

b) Moderner Straßenverkehr:

Die moderne Straßenführung der Bundesstraße 3 durchzieht die Stadt auf dem linken Lahnufer.

Auf die Bundesstraße 3 trifft südlich von Marburg bei Gisselberg die Bundesstraße 255 von Köln; nördlich von Marburg trifft am Cölber Eck auf die Bundesstraße 3 die Bundesstraße 62 bzw. Bundesstraße 252.

Zahlreiche Straßenverbindungen mit den umliegenden Orten; darunter: Straße von Heskem im Zuge eines Zweiges der alten Grünberger Landstraße; Straße von Schröck im Zuge der alten Homberger Landstraße (Homberg (Ohm)); Straße von Kirchhain/Kleinseelheim im Zuge der alten Kirchhainer Landstraße; Straße nach Goßfelden im Zuge der alten Landstraßen Frankfurt-Bremen; Straßen von Caldern und Elnhausen im Zuge alter Landstraßen von Siegen.

c) Schienenverkehr:

Bahnhof der Eisenbahnlinie Kassel – Frankfurt am Main ("Main-Weser-Bahn") (Inbetriebnahme der Strecke 3.4.1850, 25.7.1850).

Anlage des Süd-Bahnhofs in den Jahren 1896/97 und Erbauung des Kreisbahnhofs der Strecke Marburg – Ebsdorfergrund/Dreihausen (Inbetriebnahme der Strecke 5.4.1905) (Strecke am 24.6.1972 stillgelegt).

Ersterwähnung:

1138/1139

Siedlungsentwicklung:

Bald nach dem Anfall des gisonischen Erbes in Oberhessen (1122) errichten die Grafen (seit 1131: Landgrafen) von Thüringen auf dem Schlossberg die Burg Marburg; ein Vorgängerbau der Grafen Werner oder Giso aus dem 11. Jahrhundert auf der nördlich des Schlossberges jenseits der Ketzerbach gelegenen Anhöhe Augustenruhe (Lützelburg) oder Kassenburg vermutet.

Um 1140 besteht südlich unterhalb der landgräflichen Burg und oberhalb des wohl schon damals bestehenden Fronhofes an der Lahnfurt eine planmäßig angelegte Marktsiedlung (Achse Obermarkt-Markt-Hirschberg), die zu diesem Zeitpunkt bereits eine gewisse Bedeutung besessen haben muss (Münzprägungen).

Ausbau zur Stadt bis um 1180. Zu dieser Zeit erste Ummauerung im Anschluss an die Burg, wobei die Stadtmauer nach Norden, Süden und vor allem nach Westen bereits über den Bereich der Marktsiedlung ausgriff.

Um 1235 erneute Erweiterung der Ummauerung nach Westen, später auch nach Norden (Renthof und oberer Teil der Neustadt). Altstadt mit Lahntor im Süden, Barfüßertor und Kalbstor im Westen, Hiltwinspforte im Norden; dazu in der Neustadt Renthöfer Tor (Nordwesten) und Kesseltor (Norden).

Zur Zeit der ersten Stadtrechtsverleihung (1311) umfasst das Stadtgebiet neben der Alt- und Neustadt auch die außerhalb der Ummauerung gelegene "Brückenvorstadt" Weidenhausen (1235 erstmals erwähnt) sowie die Vorstädte Pilgrimstein und Grün.

Ältestes "Rathaus" die Marienkirche (1222); 1335 befindet sich die Ratsstube im Obergeschoss des Kerners (Beinhaus); Neubau des Rathauses am Markt 1512/17.

Abseits der Stadt im Norden, an der Einmündung des Marbachs (Ketzerbach) in die Lahn, gründet Elisabeth, Witwe Landgraf Ludwigs IV. von Thüringen, 1228 das Franziskus-Hospital; seit 1234 Deutsche Orden-Niederlassung.

Von 1267 an ist Marburg mit einigen Unterbrechungen Residenz der hessischen Landgrafen. Erweiterung der älteren Burgbauten zu einem repräsentativen Fürstenschloss; Süd-Flügel mit Palas und Schlosskapelle (1288 geweiht); Nord-Flügel mit großem und kleinen Rittersaal (vollendet 1320/30); West-Flügel (Frauenbau) 1486 hinzugefügt; Wilhelmsbau (1492/98); mehrfach erweiterte Befestigungen (1776 und 1809/11 abgebrochen).

Mit der Regierung Landgraf Philipps des Großmütigen, endgültig mit dem Regierungsantritt Landgraf Moritz' (1604) verliert Marburg die Funktion einer landgräflichen Residenz. Trotz der 1527 gegründeten Universität und der in Marburg verbliebenen landgräflichen Oberbehörden sinkt Marburg nach dem Verlust des Hofes auf Dauer zur Landstadt ab.

Ein Wiederaufschwung des städtischen Lebens setzt erst in preußischer Zeit nach 1866 ein; Aufblühen des städtischen Gewerbes, Ausbau der Universität, Stationierung der Jägergarnison. Wachstum der städtischen Siedlung im Bereich des 1848 erbauten Bahnhofs (Nord-Viertel) und vor allem im Süd-Viertel; seit 1920 Bebauung des Ortenberges und des Bereichs Großseelheimer Straße (im Anschluss an den Süd-Bahnhof).

Auf eine wüste Siedlung am südlichen Stadtrand auf der Gemarkunggrenze nach Cappel (beim Kreuzbach) deutet der Flurname Roddorf.

Auf eine wüste Siedlung 0,7 km südlich des Ortsteils Ockershausen deutet der Flurname Walperts(Walburgs-)hausen.

Historische Namensformen:

Bezeichnung der Siedlung:

  • civitas 1222 [Chronica Reinhardsbrunnensis, MGH SS 30, S. 598 (Cronica Reinhardsbrunnensis)];
  • oppidum 1232;
  • civitas 1248;
  • civitas et oppidum 1271;
  • borg und stad 1311.
  • 1370: in der alden stadt, in der nuwen stad, zcu Wydenhusen, zcu Zcaylbach, zcu Bulchinsteyn, an deme Leckirberge, an dem grinde (Altstadt, Neustadt, Weidenhausen, Zahlbach, Pilgrimstein, Leckerberg und Grün).

Ortsteile:

Siedlungsplätze innerhalb der Gemarkung:

Burgen und Befestigungen:

  • Bald nach dem Anfall des gisonischen Erbes in Oberhessen (1122) errichten die Grafen (seit 1131: Landgrafen) von Thüringen auf dem Schlossberg die Burg Marburg; ein Vorgängerbau der Grafen Werner oder Giso aus dem 11. Jahrhundert auf der nördlich des Schlossberges jenseits der Ketzerbach gelegenen Anhöhe Augustenruhe (Lützelburg) oder Kassenburg vermutet.
  • Um 1140 besteht südlich unterhalb der landgräflichen Burg und oberhalb des wohl schon damals bestehenden Fronhofes an der Lahnfurt eine planmäßig angelegte Marktsiedlung (Achse Obermarkt-Markt-Hirschberg), die zu diesem Zeitpunkt bereits eine gewisse Bedeutung besessen haben muss (Münzprägungen).
  • Ausbau zur Stadt bis um 1180. Zu dieser Zeit erste Ummauerung im Anschluss an die Burg, wobei die Stadtmauer nach Norden, Süden und vor allem nach Westen bereits über den Bereich der Marktsiedlung ausgriff.
  • Um 1235 erneute Erweiterung der Ummauerung nach Westen, später auch nach Norden (Renthof und oberer Teil der Neustadt). Altstadt mit Lahntor im Süden, Barfüßertor und Kalbstor im Westen, Hiltwinspforte im Norden; dazu in der Neustadt Renthöfer Tor (Nordwesten) und Kesseltor (Norden).
  • Zur Zeit der ersten Stadtrechtsverleihung (1311) umfasst das Stadtgebiet neben der Alt- und Neustadt auch die außerhalb der Ummauerung gelegene „Brückenvorstadt“ Weidenhausen (1235 erstmals erwähnt) sowie die Vorstädte Pilgrimstein und Grün.
  • Ältestes „Rathaus“ die Marienkirche (1222); 1335 befindet sich die Ratsstube im Obergeschoss des Kerners (Beinhaus); Neubau des Rathauses am Markt 1512/17.
  • Abseits der Stadt im Norden, an der Einmündung des Marbachs (Ketzerbach) in die Lahn, gründet Elisabeth, Witwe Landgraf Ludwigs IV. von Thüringen, 1228 das Franziskus-Hospital; seit 1234 Deutsche Orden-Niederlassung.
  • Von 1267 an ist Marburg mit einigen Unterbrechungen Residenz der hessischen Landgrafen. Erweiterung der älteren Burgbauten zu einem repräsentativen Fürstenschloss; Süd-Flügel mit Palas und Schlosskapelle (1288 geweiht); Nord-Flügel mit großem und kleinen Rittersaal (vollendet 1320/30); West-Flügel (Frauenbau) 1486 hinzugefügt; Wilhelmsbau (1492/98); mehrfach erweiterte Befestigungen (1776 und 1809/11 abgebrochen).
  • Mit der Regierung Landgraf Philipps des Großmütigen, endgültig mit dem Regierungsantritt Landgraf Moritz' (1604) verliert Marburg die Funktion einer landgräflichen Residenz. Trotz der 1527 gegründeten Universität und der in Marburg verbliebenen landgräflichen Oberbehörden sinkt Marburg nach dem Verlust des Hofes auf Dauer zur Landstadt ab.
  • Ein Wiederaufschwung des städtischen Lebens setzt erst in preußischer Zeit nach 1866 ein; Aufblühen des städtischen Gewerbes, Ausbau der Universität, Stationierung der Jägergarnison. Wachstum der städtischen Siedlung im Bereich des 1848 erbauten Bahnhofs (Nord-Viertel) und vor allem im Süd-Viertel; seit 1920 Bebauung des Ortenberges und des Bereichs Großseelheimer Straße (im Anschluss an den Süd-Bahnhof).
  • Auf eine wüste Siedlung am südlichen Stadtrand auf der Gemarkunggrenze nach Cappel (beim Kreuzbach) deutet der Flurname Roddorf.
  • Auf eine wüste Siedlung 0,7 km südlich des Ortsteils Ockershausen deutet der Flurname Walperts(Walburgs-)hausen.

Umlegung der Flur:

keine

Älteste Gemarkungskarte:

um 1720

Koordinaten:

Gauß-Krüger: 3483972, 5630257
UTM: 32 U 483904 5628445
WGS84: 50.80751348° N, 8.771557734° O OpenLayers

Statistik

Ortskennziffer:

534014010

Frühere Ortskennziffer:

534014101

Flächennutzungsstatistik:

  • 1838 (Kasseler Acker): 600 stellbares Land, 70 Wiesen, 2220 Gärten, 50 Triesche, 943 Wald.
  • 1885 (Hektar): 1198, davon 460 Acker (= 38.40 %), 150 Wiesen (= 12.52 %), 233 Holzungen (= 19.45 %)
  • 1961 (Hektar): 2225, davon 922 Wald (= 41.44 %)

Einwohnerstatistik:

  • 1483: ca. 2500 Pesttote
  • 1529/30: Englischer Schweiß
  • 1547: Typhus
  • 1566 (zünftige Meister): 70 Wollenweber, 60 Krämer, 44 Metzger, 26 Lohgerber, 25 Küfer, 35 Schmiede, 44 Schuhmacher, 33 Schneider, 22 Schilderer, 14 Hutmacher, 50 Bäcker.
  • 1575: 590 Pesttote
  • 1577: 859 Hausgesessene
  • 1611: 1152 Sterbefälle (Pest)
  • 1630: 575 hausgesessene Bürger
  • 1633: 400 Tote (Pest)
  • 1650 (Gewerbetreibende): 79 Bäcker, 77 Krämer, 44 Schuhmacher, 39 Schneider, 35 Metzger, 34 Schmiede und Schlosser, 24 Lohgerber, 19 Wollenweber, 19 Schilderer, 19 Leineweber, 12 Bender, 6 Hutmacher, 6 Schreiner.
  • 1681: 570 hausgesessene Mannschaften
  • 1696: 3404 Einwohner
  • 1747: 987 Hausgesessene
  • 1776 (Gewerbetreibende): 80 Schuhmacher, 66 Bäcker, 62 Krämer, 51 Metzger, 51 Schneider, 41 Leineweber, 31 Schmiede und Schlosser, 29 Lohgerber, 24 Wollenweber, 13 Schreiner, 8 Hutmacher.
  • 1781: 5833 Einwohner
  • 1838 (Familien): 2 Ackerbau, 695 Gewerbe, 189 Tagelöhner 1018 nutzungsberechtigte Ortsbürger, 46 Beisitzer.
  • 1861: 4748 evangelisch-lutherische, 2480 evangelisch-reformierte, 281 römisch-katholische, 24 jüdische Einwohner, 36 Mitglieder abweichender Sekten.
  • 1885: 12668, davon 11109 evangelisch (= 87.69 %), 1082 katholisch (= 8.54 %), 114 andere Christen (= 0.90 %), 349 Juden (= 2.75 %), 14 andere (= 0.11 %)
  • 1925: 24 672
  • 1939: 27 920
  • 1950: 39 530 Einwohner
  • 1953: 6 991 Heimatvertriebene
  • 1961 (Erwerbspersonen): 181 Land- und Forstwirtschaft, 1851 Produzierendes Gewerbe, 3648 Handel und Verkehr, 7743 Dienstleistungen und Sonstiges.
  • 1961: 44853, davon 34428 evangelisch (= 76.76 %), 8236 katholisch (= 18.36 %)
  • Mitte 15. Jahrhundert: ca. 550 steuerpflichtige Haushalte
  • Um 1460: 370 wehrhafte Männer

Diagramme:

Marburg: Einwohnerzahlen 1834-1967

Datenquelle: Historisches Gemeindeverzeichnis für Hessen: 1. Die Bevölkerung der Gemeinden 1834-1967.
Wiesbaden : Hessisches Statistisches Landesamt, 1968.

Verfassung

Verwaltungsbezirk:

  • 1567-1604: Amt der Landgrafschaft Hessen-Marburg;
  • 1605-1648: Amt der Landgrafschaft Hessen-Darmstadt,
  • 1807-1813: Königreich Westphalen, Departement der Werra, Distrikt Marburg, Kanton Marburg
  • 1821: Kurfürstentum Hessen, Provinz Oberhessen, Landkreis Marburg
  • 1848: Kurfürstentum Hessen, Bezirk Marburg
  • 1851: Kurfürstentum Hessen, Provinz Oberhessen, Landkreis Marburg
  • 1867: Königreich Preußen, Provinz Hessen-Nassau, Regierungsbezirk Kassel, Landkreis Marburg
  • 1929: Freistaat Preußen, Provinz Hessen-Nassau, Regierungsbezirk Kassel, Stadtkreis Marburg
  • 1945: Groß-Hessen, Regierungsbezirk Kassel, Kreis Marburg
  • 1946: Land Hessen, Regierungsbezirk Kassel, Kreis Marburg
  • 1952: Land Hessen, Regierungsbezirk Kassel, Kreisfreie Stadt Marburg
  • 1974: Land Hessen, Regierungsbezirk Kassel, Landkreis Marburg-Biedenkopf

Altkreis:

Marburg

Gericht:

  • a) Stadtgericht Marburg:
  • 1228 zu erschließen (scultetus);
  • 1264: iudicium.
  • 1288: forum iudicii secularis.
  • Gerichtherrschaft stets durch den Stadtherrn ausgeübt. Unsicher, ob die Kompetenz des Stadtgerichts auch die Hochgerichtsbarkeit einschloss oder ob dafür ein besonderes (Land-)Gericht als Vorläufer des späteren Halsgerichts zuständig gewesen ist;
  • Galgen 1333 und 1358. Hinrichtungen durch den Scharfrichter und seine Verköstigung durch die Stadt seit 1452 erwähnt.
  • Im 16. Jahrhundert und später besteht neben dem Stadtgericht das sogenannte Halsgericht, dem bis 1556 nur Landschöffen des Amtes Marburg angehörten; seitdem auch mit städtischen Ratsleuten und Rechtsgelehrten als Schöffen besetzt.
  • Gerichtstätten:
  • planicies nostri judicii 1284 (d. i. der Kämpfrasen im Bereich der neuen Jägerkaserne);
  • Brunnen auf dem Markt (1444 und später: Kumpf);
  • Gerichtstube im neuen Rathaus (1526).
  • Urteilsstätten:
  • ackir an dem Wolvisgalgen 1333;
  • patibulum 1356 (ebenso wie 1536 bei den Siechen hinter Weidenhausen);
  • Flurnamen: Galgenberg (am nördlichen Stadtrand; Waldtal), Alter Galgen (östlicher Stadtrand über dem Alten Kirchhainer Weg); Flurnamen Gericht (Rabenstein; Ecke Kaffweg/Gerichtsweg); 1459: reder uff deme Kaffe (ebendort).
  • Gefängnis im Hundsturm 1453/54 erwähnt.
  • 1228: scultetus;
  • 1233: scabini;
  • 1248: 2 milites, 10 scabini;
  • 1252: scultetus, scabini et universitas civium in M.
  • Seit 1279 tagt das Stadtgericht anstelle des Amtmannes unter dem Vorsitz eines (Unter-)Schultheißen (siehe Amt Marburg);
  • Ruprecht Weißgerber wird 1351 Unteramtmann, 1363 Schultheiß, 1365 Unterschultheiß, 1374 Amtmann und Schultheiß, 1381 Schultheiß genannt.
  • Seit 1606 nennt sich der Gerichtvorsitzende Oberschultheiß.
  • 1551 gehört der Bürgermeister dem Schöffenkollegium an.
  • b) Landgericht Marburg:
  • 1396 tagt im Rathaus zu Marburg - offenbar in der Funktion eines Oberhofes - ein landgräfliches Gericht, dem neben Burgmannen, Schöffen und Rat der Stadt auch die Landschöffen von Ebsdorf, Lohra, (Nieder-)Weimar (Niederweimar), Caldern und Wehrda angehören.
  • Unsicher ist, ob dieses Gericht Vorläufer des seit 1438 nachweisbaren und bis 1461 tätigen sogenannten Landgericht an der Lahn gewesen ist, das unter dem Vorsitz des Landvogts 1-2 mal jährlich im Marburger Rathaus tagte. Dieses (Ober-)Gericht war zusammengesetzt aus Burgmannen, Schöffen und Rat der Stadt; Mitwirkung von Landschöffen im 15. Jahrhundert unklar. Gerichtbezirk weiter gefasst als der Amtsbereich des Amtes Marburg (vgl. Mittelpunktfunktionen). Neben der Funktion eines Oberhofes (Rechtsbelehrung und Berufungsinstanz) für die (Unter-)Gerichte des Bezirks und für das Marburger Stadtgericht mitunter auch Gericht erster Instanz (Zivilprozesse zwischen Landbevölkerung und Bürgern; zwischen Stadtbürgern, soweit Adlige beteiligt waren; bisweilen auch Gericht stand für die in Marburg ansässigen Orden und Zünfte); Strafjustiz nicht nachweisbar. Die Funktion des Oberhofs übernimmt später das Marburger Kanzleigericht bzw. das 1500 als Appellationsinstanz eingerichtete (Samt-)Hofgericht in Marburg.
  • planicies nostri (sc. lantgravii) iudicii;
  • 1284 Verlegung dieser Dingstätte beabsichtigt, später aber noch als Richtstätte bei Verbrennungen benutzt.
  • 1376 hält Landgraf Hermann II. ein Gericht of dem Heyne (nordwestliche Seite des Burgberges) ab.
  • c) Deutsche Orden-Gericht Marburg:
  • Die 1234 erfolgte Schenkung der landgräflichen Eigengüter um Marburg schliesst omnis iurisdictio ac districtus ein.
  • Zuständiges Gericht für den Bereich der Marburger Deutsche Orden-Niederlassung; Blutgerichtsbarkeit im 16. Jahrhundert zwischen Landgraf und Deutschem Orden strittig.
  • 1503 beauftragt der Komtur den Ordensritter Johann von Hohenfels mit der Wahrnehmung des Halsgerichts in Marburg für den Deutschen Orden;
  • 1509 wird dem Landkomtur von seiten der hessischen Stände das Blutgericht ausdrücklich zugestanden.
  • 1577 bestreitet der Marburger Schultheiß der Kommende das Recht, einen im Deutschen Haus verübten Totschlag zu bestrafen;
  • 1809: Aufhebung des Deutsche Orden-Gerichts.
  • d) Moderne Gerichtszugehörigkeit Marburgs:
  • 1821: Landgericht Marburg
  • 1850: Justizamt Marburg
  • 1867: Amtsgericht Marburg

Herrschaft:

a) Verwaltungszugehörigkeit Marburgs:

Bis 1256: Gericht der Landgrafschaft Thüringen, seitdem Gericht bzw. Amt der Landgrafschaft Hessen.

Ab 1648 Amt der Landgrafschaft (seit 1803: des Kurfürstentums) Hessen-Kassel.

b) Amt Marburg:

officium villicationis 1228; ampt 1351.

Mit dem Anfall der gisonischen Erbschaft wird die Burg Marburg Mittelpunkt der oberhessischen Besitzungen der Grafen (seit 1131: Landgrafen) von Thüringen. Grundlage der Amtsbildung war die landgräfliche Villikation in und um Marburg.

Der 1214 erwähnte villicus Bruno vereinigte in seiner Person offenbar schon alle Funktionen eines obersten Beamten in Stadt und Umland (militärischer Schutz, Gericht, Verwaltung). Darüber hinaus scheinen diesem villicus auch schon besondere Aufgaben außerhalb seines engeren Amtsbereiches zugefallen zu sein; 1211/16 vermittelt er an der Spitze der landgräflichen Getreuen einen Gütertausch zwischen Kloster Aulesburg (-Haina (Kloster)) und dem Stift Wetter.

Mit der Vergrößerung des Amtsbereichs des Marburger Amtmannes, aus dessen überlokalen Aufgaben sich im Laufe des 14. Jahrhunderts schließlich das Amt des Landvogts an der Lahn entwickelt, entstehen infolge von Aufteilung und Delegation seiner örtlichen Befugnisse seit Ende 13. Jahrhundert besondere Behörden unter eigenen Beamten. Einen Teil der richterlichen Funktionen erhält der seit 1279 auftretende (Unter-)Schultheiß als Vorsitzender des Stadtgerichts. In der städtischen Verwaltung löst den Amtmann der seit 1284 nachweisbare Bürgermeister ab. Das Amt eines Rentmeisters 1316 zu erschließen.

Gräfliche (landgräfliche) Amtsherrschaft seit Anbeginn.

1311 wird Bischof Ludwig von Münster für seinen Verzicht auf die niederhessische Erbschaft seines Bruders, Landgraf Johanns, unter anderem mit Burg, Amt und Stadt Marburg abgefunden.

1353 und 1357 ist das Amt an die Ritter Wigand von Sichertshausen und Johann von Breidenbach verpfändet.

Nach 1357 wieder in landgräflich Besitz.

1388 trägt Landgraf Hermann Papst Urban VI. Burg und Stadt zu Lehen auf.

Burgmann 1122 zu erschließen;

villicus 1214;

scultetus, castellani 1228.

1259-1274 wird der Amtmann Senand von Buseck wechselweise scultetus, villicus, scultetus sive iudex genannt.

Seit 1284 vereinzelt, seit 1313 ständig officialis statt scultetus;

amitmann 1343.

Rentmeister 1351 erwähnt.

Landgräfliche Stadtgründung in Anlehnung an die Burg um 1180.

civitas, burgenses 1222;

universitas civium 1252.

Ältestes Stadtrecht von 1311;

Stadtsiegel von 1249 (nach älterem Vorbild).

Stadtherrschaft stets landgräflich geblieben (siehe Verwaltungsbezirk und Gericht).

An der Spitze der städtischen Verwaltung stehen bis vor 1284 der Schultheiß und das aus 12 Mitgliedern bestehende Schöffenkollegium, das sich durch Kooptation ergänzte.

Einführung der Ratsverfassung vielleicht 1284 (Bürgermeister).

Nach dem Stadtrecht von 1311 stand neben dem Schöffenkollegium ein aus 12 Mitgliedern zusammengesetzter Rat, der jährlich von den Schöffen zu wählen war (6 Ratsleute aus der Altstadt, 4 aus Weidenhausen, 2 aus der Neustadt).

Das Stadtrecht Landgraf Heinrichs II. (1357) erhöht die Zahl der Ratsleute auf 24, von denen die Hälfte jährlich neu gewählt wurde; Amtsdauer: 2 Jahre; bei Abstimmungen zählte die Stimme eines Schöffen doppelt; 2 Bürgermeister, von denen der 1. aus dem Kreis der Schöffen durch den Rat zu wählen war, der 2. Bürgermeister aus dem Kreis des neuen Rates durch die Schöffen.

Einfluss des Stadtherrn auf das Stadtregiment seit dem letzten Viertel des 14. Jahrhunderts spürbar verstärkt.

1385/91 Neuerung der Stadtverfassung (auf Grund des Stadtrechts von 1428 zu erschließen); Rat damals abgeschafft, an dessen Stelle der Vierer tritt, welcher von der Gemeinde jährlich in direkter Wahl zu berufen war.

1414 (Stadtrecht) Wiedereinsetzung des Rates anstelle der Vierer.

1428 (Stadtrecht) Wiedereinführung der Vierer; Ratsmitgliedschaft auf Lebenszeit festgesetzt (ohne künftige Nachwahl); Ratsleute begegnen jedoch noch 1464/65. Im Schöffenkollegium sollte künftig jeweils nur 1 Angehöriger einer Familie vertreten sein.

Modifiziertes Stadtrecht von 1523, das den landgräflichen Einfluss weiter verstärken sollte.

1807-1813: Einführung der Mairieverfassung.

1834-1897: Kurhessische Gemeindeordnung.

Nach 1897 preußische Städteordnung.

scultetus 1222;

scabini 1233 (vgl. auch Amt und Stadtgericht).

magister burgensium 1284;

rathmannen, gemeyne 1311;

Vierer 1428.

1255/56: Mitgliedschaft im Rheinischen Städtebund.

Gemeindeentwicklung:

1928: Eingemeindung von Teilen des aufgelösten Gutsbezirks Staatsforst Marburg.

1.1.1931: Eingemeindung von Ockershausen.

Zur Entwicklung der im Zuge der hessischen Gebietsreform neu gebildeten Stadtgemeinde s. Marburg.

Im Zuge der hessischen Gemeindereform der 1970er Jahre wurden zum 1.7.1974 die Landkreise Biedenkopf und Marburg sowie die bis dahin kreisfreie Universitätsstadt Marburg zum Landkreis Marburg-Biedenkopf zusammengelegt.

Besitz

Grundherrschaft und Grundbesitzer:

  • a) Frühzeit:
  • Die 1214 zu erschließende landgräfliche Villikation in Marburg ist auf gisonischen Ursprung zurückzuführen (vgl. Verwaltungsbezirk).
  • Das 1228 gegründete Franziskus-Hospital war mit einer Hofstätte (area) und umliegenden Ländereien aus landgräflich-thüringischem Eigengut ausgestattet.
  • 1234 bestätigt Kaiser Friedrich II. auf Bitten Landgraf Konrads den Besitzstand des Hospitals mit der Hofstätte, auf der sich das Hospital befand, mit dem Zehnten und allen Einkünften von Novalland zwischen dem Weg nach Ockershausen bis zur Kassenburg.
  • b) Deutscher Orden Marburg:
  • Mit der 1234 erfolgten Übertragung des Franziskushospitals an den Deutschen Orden erwirbt dieser sämtlichen landgräflichen Allodialbesitz um Marburg. 1291 und später befindet sich der ursprünglich wohl landgräfliche Fronhof (an der Weidenhäuser Brücke) im Besitz des Deutschen Ordens; er wurde ebenso wie der Wirtschaftshof auf der Deutsche Orden-Niederlassung bis ins 15. Jahrhundert in Eigenwirtschaft betrieben; 1370/75 führt die Stadt Marburg Beschwerde darüber, dass der Deutsche Orden der Pfarrkirche den Fronhof entzogen habe, zu deren Ausstattung dieser seit alters gehört hätte.
  • 1250 gestattet Landgräfin Sophie dem Deutschen Orden während ihrer Abwesenheit die Nutznießung der landgräflichen Fischerei in der Lahn bei Marburg von der Elwinsmühle bis zur Mühle an der steinernen Brücke (Herrenmühle).
  • 1265 überlassen Landgräfin Sophie und Landgraf Heinrich dem Deutschen Orden und der ihm unterstellten Pfarrei den Novalzehnten im Pfarrbezirk sowie den Ertrag des älteren, bis 1264 angerodeten Novallandes, während sie sich selbst den Ertrag des neueren und künftigen Novallandes vorbehalten.
  • 1284 überlässt Landgraf Heinrich dem Deutschen Orden gegen Zins die Inseln in der Lahn mit Ausuahme des Kämpfrasens.
  • 1315 überlässt Agnes, verwitwete Burggräfin von Nürnberg, mit Zustimmung ihres Bruders, Bischof Ludwigs von Münster, dem Deutschen Orden den vollen Besitz der auf des Ordens Grund und Boden gelegenen Gebäude; nach ihrem Tod ist der in der Ketzerbach gelegene sogenannte Nürnberger Hof (vgl. auch Flurnamen hinter den Höfen) Ausstattung des Deutsche Orden-Hospitals.
  • In der 1. Hälfte des 14. Jahrhunderts erwirbt der Deutsche Orden zahlreichen Häuser- und Gartenbesitz in der Stadt Marburg. Innerhalb der Stadtgemarkung konzentrierte sich der Deutsche Orden-Besitz im wesentlichen auf das an die Niederlassung südlich anschließende Gebiet bis zum Ortenberg und dem anschließenden Weinberg; hinzu kommt das sogenannte Fronhofer Feld als größerer Komplex auf dem linken Lahnufer südlich des Kämpfrasens.
  • Mit der Auflösung des Deutschen Ordens (1809) geht der Wirtschaftshof beim Deutschen Haus in den Besitz des letzten Pächters über;
  • 1860: Ökonomiehof mit (Kasseler Acker): 356 Land, 621/2 Wiesen, 161/2 Gärten, 106 Triesche.
  • Anfang 20. Jahrhundert aufgelöst.
  • c) Stadthöfe auswärtiger Klöster:
  • Stadthäuser der Zisterzienserklöster Arnsburg und Haina seit 1230 bzw. 1265 genannt.
  • Vor 1328 übertragen der Marburger Schöffe Arnold von Gambach und seine Ehefrau den beiden Klöstern unter Vorbehalt lebenslänglichen Einsitzes das sogenannte Steinerne Haus am Markt (1321 erbaut); dem Kloster wird ein Herbergsrecht eingeräumt;
  • 1333 ist das Haus aber schon wieder der Verfügungsgewalt der Klöster entzogen.
  • Im 15. Jahrhundert befindet sich der Arnsburger Hof in der Barfüßerstraße (Nr. 13);
  • 1528 von Landgraf Philipp dem Reformator Adam Krafft geschenkt.
  • Haus des Klosters Altenberg 1258 genannt;
  • 1477 vertauscht das Kloster sein Haus in dem Gäßchen gegenüber dem Barfüßerkloster dem Magister Heinrich Imhof.
  • 1280 erwirbt Kloster Caldern ein Haus in Marburg, 1 Hofstätte unter dem Kirchhof und 1 Garten in der Neustadt;
  • Später befindet sich der Klosterhof in der Wettergasse auf der Neustadt;
  • 1417 an Eckardt Kannegießer verkauft.
  • Vor 1324 erwirbt Kloster Hachborn Haus und Hofstätte auf der Gosse neben der Judenschule;
  • Später befindet sich der Klosterhof am Viehmarkt (Hofstatt).
  • Hof der Frankfurter Karmeliter;
  • 1374: hus by dem Kerner;
  • noch 1493 genannt (Nähe Kugelhaus).
  • Hof der Alsfelder Augustiner (Augustinergasse 2) 1414 genannt;
  • 1528 vom Landgraf eingezogen.
  • Haus der Grünberger Antoniter 1528 genannt (neben dem Dörnberger Hof am Renthof); damals vom Landgraf eingezogen und verkauft.
  • d) Adlige Burgsitze (Auswahl):
  • Forsthof (Ritterstraße 15 und 16): 1504 landgräfliches Lehen des Eberhard Rode, das vor ihm sein Vater Dietrich (gestorben vor 1447) und sein Bruder Johann (gestorben 1501/02) besessen hatten;
  • 2 Burgsitze der Rode schon 1414 erwähnt.
  • Der im 16. Jahrhundert zweigeteilte Roden-(Forst-)Hof im letzten Drittel des 16. Jahrhunderts mit Aussterben der Familie an die Landgrafen heimgefallen;
  • Hauptgebäude 1598 abgebrannt;
  • um 1600 neu erbaut;
  • bis 1604 im Besitz des landgräflichen Hofmeisters Ludwig von Baumbach;
  • seit 1604 Wohnsitz des Landvogts an der Lahn;
  • seit 1646-1800 Wohn- und Amtssitz des Oberforstmeisters an der Lahn;
  • seitdem in Privatbesitz.
  • Berlep'scher Hof (16. /17. Jahrhundert: Löwenburg, seit 19. Jahrhundert: Wolfsburg genannt; Landgraf Philipp-Straße 2):
  • Ende 14. Jahrhundert adlig-freie Hofstatt der von Bicken;
  • 1381: Hof ober dem Kerner;
  • 1386 an die Hose von Ockershausen verkauft;
  • seit 1525 im Besitz der von Berlepsch;
  • 1647 werden die auf dem Grundstück befindlichen 2 Häuser abgerissen;
  • 1861 neu erbaut.
  • Hosenhof der Hose von Ockershausen auf dem Grundstück der späteren Neuen Kanzlei (Landgraf Philipp-Straße 4):
  • 1415 wird Siegfried Hose vom Landgrafen mit der steinernen Kemnate am Burgberg belehnt;
  • 1509 bestehen 3 steinerne Gebäude, von denen eines von der Familien von Treisbach eingebracht worden war.
  • Seit 1541 ist der landgräfliche Kanzler Johann Feige vom Landgrafen mit dem Burgsitz belehnt;
  • 1572 wegen des Baues der Neuen Kanzlei abgetragen.
  • Am Hosenhof angrenzend der 1573 wegen des Baues der Neuen Kanzlei vom Landgrafen aufgekaufte Burgsitz der von Weitershausen;
  • seit 1514 im Besitz der Familie nachweisbar.
  • Scheuernschlosser Hof (Ritterstraße 11 und 12):
  • 1525 im Besitz der Familie als Lehen der Nordeck von Rabenau;
  • 1582 an den landgräflichen Leibmedikus Johann Wolff verkauft;
  • 1. Hälfte 18. Jahrhundert: von Baumbach.
  • Milchling-Hof (Ritterstraße 13):
  • um 1538 im Besitz der von Schutzbar genannt Milchling;
  • 1574 im Besitz der Ganerben von Rollshausen und von Schutzbar;
  • später von Linsingen.
  • Hühnerhof (Ritterstraße 14):
  • bis 1571 im Besitz der Huhn von Ellershausen;
  • 1630: Rau von Holzhausen.
  • Burgsitz der Kalb von Weitershausen (Ritterstraße 20, am Kalbstor):
  • 1343 erwähnt;
  • 1476 im Besitz der von Nordeck zu Rabenau;
  • im 16. Jahrhundert gemeinsamer Besitz der Nordeck zu Rabenau und der Rau von Nordeck.
  • Dernbacher Hof (Barfüßerstraße 4):
  • 1452 und später landgräfliches Mann- und Burglehen der von Dernbach.
  • Dörnberger Hof (Am Renthof 6).
  • Breidenbacher Hof (Gemalter Gaden) Steinweg 12;
  • Haus 1500 bestehend.

Zehntverhältnisse:

1234 bestätigt Kaiser Friedrich II. auf Bitten Landgraf Konrads den Besitzstand des Hospitals mit der Hofstätte, auf der sich das Hospital befand, mit dem Zehnten und allen Einkünften von Novalland zwischen dem Weg nach Ockershausen bis zur Kassenburg.

1265 überlassen Landgräfin Sophie und Landgraf Heinrich dem Deutschen Orden und der ihm unterstellten Pfarrei den Novalzehnten im Pfarrbezirk sowie den Ertrag des älteren, bis 1264 angerodeten Novallandes, während sie sich selbst den Ertrag des neueren und künftigen Novallandes vorbehalten.

Ortsadel:

1138/39-1351.

Kirche und Religion

Ortskirchen:

  • Lutherische Pfarrkirche: maior ecclesia 1222 (Chronica Reinhardsbrunnensis, MG SS 30, S. 598).
  • Elisabethkirche: Grundsteinlegung 1235 (Wyss, Urkundenbuch der Deutschordens-Ballei 1, 1 Nr. 53); Weihe 1283. Deutsche Orden-Kirche ("Hauspfarrei") und Wallfahrtskirche; Grabeskirche der hl. Elisabeth sowie Grablege der ersten Landgrafen. Seit 1686 beständig vom Oberpfarrer der (Stadt-)Pfarrkirche versehen, seit der Aufhebung des Deutschen Ordens Vikariatkirche, seit 1954 Pfarrkirche

Patrozinien:

  • Maria (Lutherische Pfarrkirche, 1318)
  • Maria (Elisabethkirche, 1258)
  • Elisabeth (Elisabethkirche, Nordkonche des Chores)
  • Kilian (Kilian, 1319)

Pfarrzugehörigkeit:

Pfarrkirche: Bis 1227 Filiale von Oberweimar; 1227 zur Pfarrkirche erhoben. 1577 und später: Marbach und Ockershausen eingepfarrt

seit 1856 gehört Marbach zum Vikariat der Elisabethkirche.

Patronat:

Pfarrkirche: Ursprünglich landgräflich. 1231 bestätigt Papst Gregor IX. die landgräfliche Übertragung des Patronats an das Franziskus-Hospital; mit dem Übergang des Hospitals an den Deutschen Orden wird dieser 1234 Patron (bis 1809).

St. Kilian: wie Pfarrkirche.

Klöster:

Bekenntniswechsel:

1525 forderte die Stadt vom Landgrafen die Einsetzung eines evangelischen Pfarrers.

Einführung der Reformation durch Adam Krafft, erste evangelische Predigt in der Pfarrkirche am Himmelfahrtstag (30.5.) 1527

Pfarrkirche: Erster evangelischer Pfarrer: Johannes Rosenweber 1527-1554. Der Einführung des reformierten Bekenntnisses nach 1605 vermochte sich die Pfarrkirche erfolgreich zu widersetzen.

Elisabethkirche: Seit 1539 versuchten die Landgrafen gegen den Widerstand des Deutschen Ordens die Kirche zu reformieren. Evangelische Gottesdienste seit 1545.

Reformierter Bekenntniswechsel: 1605, 1624 wieder lutherisch.

Die reformierte Gemeinde nutzte nach 1648 zunächst die Schlosskapelle, ab 1650 die Kugelkirche. Seit 1658 diente die ehemalige Dominikanerkirche, die zuletzt als landgräfliches Kornhaus genutzt wurde, als reformierte und Universitätskirche.

Kirchliche Mittelbehörden:

Dekanat Amöneburg.

Juden:

Provinzial-Rabbinat Marburg, Cölbe und Elnhausen, sowie Ockershausen und Wehrda angeschlossen

1317: domus aut scola judaeorum.

1325: domus, sita super gozzam iuxta scholas Judeorum.

Judengasse 1367 (heute: Schloßsteig).

1333: Scolae judaeorum erwähnt; diese wird 1452 zerstört und die Steine für den Bau des St. Kilianskirchhofs verwendet.

1349 wurden die Juden vorübergehend aus Marburg vertrieben;

1364 erstmals Ansässigkeit von Juden nach der Verfolgung bezeugt.

auch 1542 scheinen Juden die Stadt verlassen zu haben.

Anfang 17. Jahrhundert: 12 Schutzjuden (Familien), vermutlich in Judengasse und Wettergasse wohnhaft.

1744: 6 Familien, 1809 werden die Judenabgaben aufgehoben

1812: 16 Familien 1818: 13 Familien; 1835: 98 Juden

Seit 1823 war Marburg Sitz des Provinzialrabbiners;

1861: 74 jüdische Einwohner (vgl. Einwohnerstatistik); 1905: 382; 1925: 354; 1932: 325; 1936: 170; 1938: 149; Januar 1945: 7 Juden.

Starker Zuzug von Juden, überwiegend Händlern und Kaufleuten seit Ende des 19. Jahrhunderts; 3 Bankhäuser (Wertheim, Strauß, Eichelberg).

Synagoge: im 14. Jahrhundert bereits ein Betlokal, 1818 in einem Hinterhaus in der Barfüßergasse; 1818: kleine Synagoge in der Ritterstraße;

Neubau in der Universitätsstraße 1896 Baubeginn, Einweihung 1897; 1938 zerstört. Nach 1945 Einweihung eines Synagogenraums in der Landgraf-Philipp-Straße; 1950 in der Schulstraße 5

seit 1867 jüdische Elementarschule, an 1939 Unterricht in einem Privathaus in der Untergasse 15.

Berufe: Handel; Bankwesen; Kaufleute; Handwerk

Flurname Juddenkirchhof (Ende 15. Jahrhundert);

Friedhof am Alten Kirchhainer Weg, besteht seit Mitte des 19. Jahrhunderts. Der alte Friedhof lag vor Weidenhausen bei der Männersieche und wurde vermutlich schon 1375 nicht mehr genutzt. (alemannia-judaica)

Kultur

Schulen:

a) Universität:

1527 als erste deutsche protestantische Universität durch Landgraf Philipp gegründet (universale studium Marpurgense). Als Ausstattung dienten Gebäude und das Vermögen der säkularisierten Klöster.

Marburg blieb auch nach der Erbteilung von 1567 zunächst einzige hessische Landesuniversität.

Nach Einführung des reformierten Bekenntnisses unter Landgraf Moritz finden die aus Marburg vertriebenen lutherischen Professoren Aufnahme in der 1607 gegründeten (hessen-darmstädtischen) Universität Gießen.

1625-1650: Verlegung der Universität Gießen nach Marburg.

1786 wird das Collegium Carolinum (1709 in Kassel gegründet) mit der Universität Marburg vereinigt.

Erheblicher Ausbau der Universität vor allem in preußischer Zeit sowie nach dem 2. Weltkrieg.

b) Schulen:

scolaris 1235;

magister scolarium 1274;

rector scolarum in M. 1295;

älteste Schulordnung der Stadt von 1431 (städtische Elementarschule).

Schule im Deutschhaus 1388 genannt; diente vermutlich der Heranbildung von Priesternachwuchs.

Schule der Kugelherren um 1500 eröffnet; 1527 aufgelöst.

Pädagogium 1529 begründet; seit 1833 Gymnasium (Gymnasium Philippinum);

Städtische Realschule seit 1838 (Martin-Luther-Schule).

Private Höhere Töchterschule seit 1869; seit 1879 städtische Höhere Schule (Elisabethschule).

Seit 1917 Deutsche Blindenstudienanstalt.

Dr. Schellenbergs wissenschaftliches Institut seit 1888; 1913 fortgeführt als Dr. Müllers Privatlehranstalt (mit Schülerheim); 1945 nach der Steinmühle verlegt.

Freie Waldorfschule seit 1945.

Mehrere Berufs- u. Berufsfachschulen.

Hospitäler:

a) Franziskus-Hospital:

1228 durch Elisabeth, Witwe Landgraf Ludwigs IV. von Thüringen, auf Betreiben ihres Beichtvaters, des päpslichen Kommissars Konrad von Marburg auf dem Gelände der späteren Deutsche Orden-Niederlassung gegründet. Erbaut und ausgestattet mit Mitteln, die Elisabeth von der Iandgräflichen Familie als Abfindung für das ihr unrechtmäßig vorenthaltene Wittum zugestanden worden waren. Diese Abfindung schloss auch die lebenslängliche Nutzung Iandgräflicher Ländereien ein, auf denen der - verhältnismäßig bescheidene - Hospitalkomplex errichtet worden war.

Bruderschaftliches Hospital für Arme und Kranke aus Stadt und Umland, in dem Elisabeth selbst als Hospitalschwester wirkte und dem Konrad von Marburg als hospitalis provisor vorstand; ihm zur Seite standen 2 weltliche Hospitalvorsteher; Priester (sacerdos) 1233 genannt.

Nach dem Tod der Elisabeth (1231) waren Bestand und Selbständigkeit des Hospitals zunächst gefährdet. Elisabeth hatte es in letztwilliger Verfügung dem Johanniterorden vermacht, ungeachtet der dem Iandgräflichen Hause allein zustehenden Verfügungsgewalt über Grund und Boden. Auf Bitten Konrads von Marburg beließen die Landgrafen dem Hospital seine Selbständigkeit; Zurückweisung jeglicher Ansprüche des Johanniterordens 1232 durch päpstlichen Schiedsspruch; Konrad von Marburg von Papst Gregor IX. zum Defensor des Hospitals bestellt. Seit 1233 befand es sich unter päpstlicher Schutzherrschaft.

Charakter und Aufgaben des Hospitals erfahren schon unmittelbar nach dem Tode der Elisabeth durch die einsetzenden Wallfahrten zu ihrem Grabe in der Hospitalkirche einen grundlegenden Wandel. Hauptaufgabe wird die Betreuung und Versorgung der Pilger. Mit dem Ausbau zur Wallfahrtsstätte macht Konrad von Marburg das Hospital zugleich zum Mittelpunkt seiner Predigertätigkeit als Ketzerrichter. Nach seiner Ermordung (1233) überträgt Papst Gregor IX. auf Betreiben der Landgrafen das Hospital 1234 dem Deutschen Orden (vgl. Ortskirche, Klöster). Verlegung und Neubau des Hospitals in das Gelände südlich der Ketzerbach um 1250 (102 Betten im 15. Jahrhundert); 1809/11 zur Universitätsklinik umgewandelt; 1888/91 abgebrochen.

Ein eigener Hospitalbau für Deutsche Orden-Angehörige (Firmanei) um 1250 erbaut.

b) Siechen:

Untere Sieche St. Jost im 14. Jahrhundert außerhalb der Vorstadt Weidenhausen für leprakranke Frauen errichtet; 1502: städtische Sieche für arme Frauen; 1578 neu erbaut; später als Altersheim benutzt.

Oberhalb davon die vielleicht jüngere, ebenfalls im 14. Jahrhundert erbaute Sieche für leprakranke Männer (Ecke Kirchhainer Weg); 1502: städtische Sieche für arme Männer; 1611 neu erbaut; später als Altersheim benutzt.

c) St. Jakobshospital in Weidenhausen:

Ehemalige Pilgerherberge;

im 15. Jahrhundert Armen-Hospital der St. Jakobsbrüderschaft.

1569-72 neu erbaut.

d) Krankenhäuser:

Landeskrankenhaus 1813 im Elisabeth-Hospital eingerichtet; dort auch erste Universitätsklinik. In ihrer Mehrzahl sind die bestehenden Universitätskliniken gegen Ende des 19. Jahrhunderts entstanden.

Landesheilanstalt (Psychiatrische Klink) seit 1875.

Klinik St. Elisabeth (Haus der barmherzigen Schwestern vom hl. Vinzenz und Paul) seit 1932.

Tuberkulosen-Krankenhaus "Sanatorium Sonnenblick" seit 1934.

e) Sonstiges:

Verschiedene Anstalten des Deutschen Diakonie-Gemeinschaftsverbandes seit 1888.

Frauenheim Elisabethenhof seit 1911.

Kultur:

Kulturelle Einrichtungen:

Hessisches Staatsarchiv seit 1870, seit 1949 mit (westdeutscher) Archivschule.

Universitätsbibliothek.

Staatsbibliothek Stiftung preußischer Kulturbesitz seit 1946.

Johann-Gottfried-Herder-Institut (Erforschung der Länder und Völker Ostmitteleuropas) seit 1950.

Historische Ereignisse:

1235: Heiligsprechung Elisabeths von Thüringen, nach deren Tod (1231) Marburg binnen kurzem zu einem der bedeutendsten Wallfahrtszentren des Abendlandes wird.

1236: Erhebung der Gebeine der hl. Elisabeth durch Kaiser Friedrich II. im Beisein des Deutsche Orden-Hochmeisters Hermann von Salza, der Erzbischöfe von Mainz, Köln, Trier und Bremen, Bischof Konrads von Hildesheim und weiterer geistlicher und weltlicher Fürsten des Reiches.

1236/37 finden in Marburg 2 Generalkapitel des Deutschen Ordens statt;

Stadtbrände 1261 und 1319.

1357 besucht Kaiser Karl IV. das Grab der hl. Elisabeth.

Innere Unruhen und Verfassungskämpfe zwischen Schöffenfamilien und Zünften bzw. Gemeinde 1410, 1414, 1428, 1446 und 1514.

1529 findet auf Veranlassung Landgraf Philipps auf dem Schloss das Marburger Religionsgespräch statt, das namhafte protestantische Theologen, darunter Luther und Zwingli zusammenführte. Der Versuch einer Verständigung in den differierenden Glaubensfragen scheiterte an der Kernfrage des Abendmahls.

Im Verlaufe des Dreißigjährigen Krieges litt Marburg unter wechselnden Einquartierungen und Kontributionslasten.

1623/24 kampflose Einnahme der Stadt nach der Abdankung des Landgrafen Moritz durch die mit Hessen-Darmstadt verbündeten kaiserlichen Truppen Tilly's.

Im sogenannten Hessenkrieg in der Schlussphase des Dreißigjährigen Krieges Belagerung und Eroberung von Stadt und Schloss durch niederhessische Truppen unter General von Geiso (1645/46).

Im Gegenzug 1647 Belagerung und Einnahme der Stadt durch kaiserliche Truppen unter Melander; Abzug nach erfolgloser Belagerung des Schlosses 1647; Sprengung aller Stadttore.

Im Siebenjährigen Krieg wechselte die Besatzung des zur modernen Festung ausgebauten Schlosses häufig.

Nach Kriegsende Schleifung der Festungswerke durch Landgraf Friedrich II.

Blutige Aufstände unter der französischen Besatzung 1806 und 1809;

1807 Sprengung der letzten Befestigungswerke des Schlosses, das seitdem bis 1867 als Strafanstalt diente.

Politische Unruhen um 1830 (1833: Sturm der Marburger Hauptwache) und nach 1848.

Wirtschaft

Mittelpunktfunktion:

a) Herrschaftsmittelpunkt und Residenz:

Mit dem Anfall des gisonischen Erbes an die Grafen (seit 1131: Landgrafen) von Thüringen wird Marburg zum Mittelpunkt ihrer Besitzungen und Herrschaftsrechte im oberhessischen Raum.

Nach dem Aussterben der thüringischen Landgrafen mit der Nachfolge des Hauses Brabant in Hessen Aufstieg Marburgs zur bevorzugten, zeitweilig ständigen Residenz der hessischen Landgrafen: 1264-1275 unter Herzogin Sophie von Brabant, 1308-1311 unter Landgraf Otto I., 1458-1500 unter den Landgrafen Heinrich III. und Wilhelm III.

Seit etwa 1524 tritt Kassel als landgräfliche Residenz an die Stelle Marburgs.

Nach der Teilung der Landgrafschaft 1567 wird Marburg noch einmal bis 1604 Residenz der das sogenannte Oberfürstentum umfassenden Landgrafschaft Hessen-Marburg.

Mit dem 1500 eingerichteten, seit 1524 als ständiger Behörde arbeitenden Hofgericht blieb Marburg auch nach dem Verlust des Hofes Sitz einer Zentralbehörde der Landgrafschaft; nach der Landesteilung (1567) als Samthofgericht für alle 4 hessischen Landesteile neu konstituiert.

b) Sitz des Landvogts an der Lahn:

Seit Ende des 14. Jahrhunderts ist Marburg mit Unterbrechung Amtssitz des Landvogts (seit 1500: Statthalters) an der Lahn, der vor allem militärische und richterliche Funktionen besaß;

1446 als Vorsitzender des Landgerichts an der Lahn,

seit 1500 Leiter des Hofgerichts.

Der Amtsbereich dieser Provinzialbehörde umfasste die oberhessischen Städte, Ämter und Gerichte.

Mit der Bildung des Oberfürstentums Hessen-Marburg und der Schaffung einer neuen Zentralbehörde aufgehoben.

1604-1613 Neukonstituierung des Amtes des Landvogts an der Lahn als Provinzialbehörde.

1613 tritt an ihre Stelle die Kanzlei für das Oberfürstentum; später die Hessen-Kassel'sche Regierung zu Marburg (bis 1867).

c) Amtssitz:

Das im 13. Jahrhundert gebildete Amt Marburg umfasste 1400 und später die Gerichte Caldern, Ebsdorf, Frauenberg (-Wittelsberg), Kirchhain sowie die Eigenleute im Gericht Reizberg;

1526 wird auch das Gericht Schenkisch-Eigen (-Roth) als Amtszubehör beansprucht;

1577 und später werden ferner die Gerichte Frauenberg, Goßfelden, Rauischholzhausen, Reizberg und (Groß-)Seelheim (Großseelheim) dem Amt zugerechnet;

seit ca. 1700: die den Schenken zustehende Stadt Schweinsberg.

1766: Erwerbung der restlichen, bislang den von Radenhausen zustehenden Hälfte des Gerichts (Groß-)Seelheim (Großseelheim).

1803: Erwerbung von Rauischholzhausen.

d) Halsgerichtssitz:

Das aus dem Marburger Landgericht hervorgegangene Halsgericht ist 1570 auch zuständig für die Ämter Rauschenberg und Wetter; 1571 für das Amt Gemünden (Wohra).

1574 wird das Halsgericht für die Ämter Alsfeld und Romrod entweder in Marburg oder in Alsfeld gehegt.

1591 ist das Marburger Halsgericht auch für das Amt Rosenthal zuständig.

e) Deutsche Orden-Kommende:

Die 1234 gegründete Deutsche Orden-Kommende Marburg dürfte schon um 1258 zur Landkommende (Ballei Hessen) erhoben worden sein, wenn auch als solche erst 1362 ausdrücklich bezeugt;

Ihr unterstellt waren im 14. Jahrhundert die Kommenden Reichenbach (im 16. Jahrhundert der Marburger Kommende inkorporiert), Griefstedt, Flörsheim, Wetzlar und Schiffenberg. Kastnereien: Alsfeld, Felsberg, Friedberg, Fritzlar, Gelnhausen, Kirchhain, Obermöllrich, Reichenbach (seit der Inkorporation in die Marburger Kommende), Seibelsdorf.

1358 umfasste der Güterbesitz der Deutsche Orden-Kommende 142 Höfe mit 7220 Morgen Ackerland und mehr als 716 Morgen Wiesen an 65 Orten;

Güterbestand der Pietanz: weitere 14 Höfe mit 402 Morgen Ackerland und 36 Morgen Wiesen.

f) Verwaltungszentrum im Königreich Westfalen (Département, Distrikt, Kanton):

1807-1813 ist Marburg Hauptstadt des Werra-Départements des Königreiches Westfalen (Distrikte Marburg, Hersfeld [=Bad Hersfeld], Eschwege).

Der Distrikt Marburg umfasste die Kantone: Marburg, Amöneburg, Ebsdorf, Frankenberg und Frankenau, Gemünden (Wohra), Caldern, Kirchhain, Neustadt, Rauschenberg, Rosenthal, Wetter, Treysa und Jesberg (Lenswindehusen).

g) Kreisstadt:

Seit 1821 Sitz der Kreisverwaltung des neugebildeten Kreises Marburg (1848-51: Bezirk Marburg) mit dem Landgericht Marburg und den Justizämtern Wetter und Fronhausen.

Der Umfang des Landgerichts Marburg entsprach den folgenden ehemaligen Ämtern bzw. Gerichten: Amt Marburg mit Gericht Schönstadt, Amt Caldern und Reizberg (ohne Brungershausen); Gericht Ebsdorf (aus dem Amt Treis an der Lumda), Gericht Frauenberg (-Wittelsberg) (aus dem Amt Kirchhain), den Gemeinden Bauerbach und Ginseldorf (aus dem Amt Amöneburg) sowie Bauerbach (aus dem Amt Wetter).

Der Umfang des Justizamtes Wetter entsprach dem bisherigen Amt Wetter (ohne Sarnau) sowie der Gemeinde Brungershausen (aus dem Amt Caldern und Reizberg).

Der Umfang des Justizamtes Fronhausen (mit Assistenzamt Treis an der Lumda) entsprach dem bisherigen Amt Fronhausen und dem bisherigen Amt Treis an der Lumda mit Gericht Nordeck.

1866 wird die Gemeinde Treis an der Lumda aus dem Kreis Marburg aus- und in den Kreis Gießen eingegliedert;

1886: Ausgliederung der Gemeinde Schröck in den Kreis Kirchhain.

1929 wird die Stadt Marburg aus dem Landkreis Marburg ausgegliedert und zu einem selbständigen Stadtkreis erklärt.

1932: Auflösung des Kreises Kirchhain und Eingliederung in den Landkreis Marburg.

h) Gerichtszentrum:

Seit 1821: Sitz eines Obergerichts,

seit 1866: Kreisgericht,

seit 1879: Landgericht,

seit 1954: Sozialgericht,

seit 1964: Arbeitsgericht.

Das 1821 gebildete Landgericht Marburg wird 1850 in 3 Justizämter aufgegliedert, die 1853 zu 2 Justizämtern, 1867 zum Amtsgericht Marburg zusammengelegt werden.

i) Militärstandort:

Schon Ende des 17. Jahrhunderts war auf dem Marburger Schloss eine Garnison stationiert;

seit 1815 nurmehr als Wachmannschaft für das zum Zuchthaus umgewandelte Schloss dienend.

Garnisonstadt im engeren Sinne wird Marburg 1866 mit der Stationierung der Jägergarnison;

seit 1956 Bundeswehrgarnison.

Wirtschaft:

Marktsiedlung um 1140 zu erschließen (Münze);

Kaufhaus (am Markt ?) und Bruderschaft (Kaufmannsgilde?), Wollweber und Tuchhändler im Stadtrecht von 1311 genannt.

Das Stadtrecht von 1411 führt 12 Marburger Zünfte auf: Wollweber, Metzger, Bäcker, Schuhmacher, Schneider, Lohgerber, Krämer, Vorhöcker (Kleinhändler), Büttenbender, Kannengießer, Spengler und Leineweber.

Das bei weitem wichtigste Gewerbe in Marburg war die Wollweberei:

Marburger Tuch wurde bis Basel, Solothurn, München, Wien, Ofen und Krakau exportiert; Hauptumschlagplatz waren die Frankfurter Messen, wo Marburger Tuche seit 1343, Marburger Wollweber oder Kaufleute seit 1364 bezeugt sind.

1421 mieteten die Marburger Wollweber in Frankfurt für die Dauer der nächsten 20 Messen ein Haus mit 52 Betten, woraus sich eine Belegschaftsstärke von ca. 100 erschließen lässt.

Wohl mehr als die Hälfte der Wollweber und Weber in Marburg war in den Vorstädten Weidenhausen und Grün ansässig; das Zunfthaus der Wollweber befand sich an der Weidenhäuser Brücke; älteste genossenschaftliche Zunftordnung der Wollweber zu Weidenhausen von 1365.

Eine gewisse Bedeutung besaß neben der Wollweberei noch die Marburger Töpferzunft.

Die wirtschaftliche Blüte des städtischen Gewerbes während des Spätmittelalters endet mit der Verlegung des landgräflichen Hofes (endgültig 1604) nach Kassel; die Universität allein blieb als Wirtschaftsfaktor relativ unbedeutend.

Nur wenige Industriebetriebe wurden seit dem 19. Jahrhundert in Marburg ansässig;

1860: Rauch- und Schnupftabakfabrik (12 Arbeiter), Tuchfabrik (18 Arbeiter), 2 Branntweinbrennereien mit Hefefabriken, 2 größere Bierbrauereien.

Ostheimische Maschinenfabrik 1867-1890,

Marburger Tapetenfabrik seit 1879 (1949 nach Kirchhain verlegt),

Brauerei Bopp seit 1870.

Marburger Stempelerzeugung seit 1946 (1960: 80 Beschäftigte).

Deutsche Fernsprech-Gesellschaft (1914 in Chemnitz gegründet) seit 1947 (1960: 276 Beschäftigte).

Monette-Werk (Spezialkabel und -leitungen (1921 in Berlin gegründet) seit 1951 (1969: ca. 500 Beschäftigte).

Temmler-Werke (Pharmazeutische Erzeugnisse) seit 1960 (1960: ca. 160 Beschäftigte).

Mühlen:

a) Herrenmühle (bei der Weidenhäuser Brücke auf dem rechten Lahnufer):

1250: molendinum super pontem lapideum.

Vermutlich identisch mit der 1307 erwähnten neuen Mühle, an der damals der Deutsche Orden Rechte erwarb;

1363 verpfändet der Landgraf dem Deutschen Orden seine Gülte aus der Neumühle, löst sie aber 1370 wieder ein.

Bis 1496 ist die Mühle in Deutsche Orden-Besitz (Zubehör des Fronhofes); seitdem landgräflich Mühle;

1486: staitmolen,

1610 und später: Herrenmühle genannt;

1582 neu erbaut.

Die Mühle hatte 1630 und 1823 11 Mahlgänge sowie 1 Schneide- und 1 Walkgang;

1860: 10 Mahlgänge sowie Schneide- und Walkmühle;

1905/07 zum Elektrizitätswerk umgebaut.

b) Mühle am Grün (auf dem rechten Lahnufer):

1248: molendinum, quod dicitur Grient.

1249 kauft der Deutsche Orden die Hälfte der auf Hospitalland befindlichen Mühle am Grün;

1264 wird die zwischen dem Deutschen Orden und der Müllerin Bertha von Grün strittige Mühle dem Orden zugesprochen.

1320 gibt Landgraf Otto die dem Deutschen Orden vorenthaltene Mühle zurück.

Bis 1496 als Zubehör des Fronhofes in Deutsche Orden-Besitz; seitdem landgräfliche Mühle.

1584 lässt der Landgraf an der Grünmühle die neue Wasserkunst für das Schloss anlegen.

1570: Errichtung einer Papiermühle;

1630: Kupfermühle mit 1 Gang, Papiermühle mit 2 Gängen;

1750 wird der obere Teil des Mühlengehöfts Wasserkunst, der untere Papiermühle, später auch Ölmühle genannt;

1823: Mühle mit 2 Mahlgängen und 1 Schlaggang;

1860: Schlagmühle mit 2 Gängen; zuletzt betrieb die Mühle ein Sägewerk.

c) Elwinsmühle:

1234 schenken die Landgrafen dem Deutschen Orden die Mühle beim Hospital;

1250 und später: Elwinsmühle;

1630: St. Elisabeth-Mühle.

1530 abgebrannt und neu erbaut; bis 1809 in Deutsche Orden-Besitz verblieben, dann in Erbleihe der Familien Lotz (Lotzenmühle).

1496 befindet sich auf der Lahninsel bei der Elwinsmühle eine Schlag- und Schneidemühle im Besitz des Deutschen Orden.

Ausstattung des Mühlenkomplexes 1630: 5 Mahlgänge und 1 Schlagmühle;

1823: 5 Mahlgänge, 1 Schlag- und Schneidegang;

1860: 2 Mühlenhäuser mit 5 Mahlgängen bzw. 3 Gängen (Mahl-, Schneide-, Schlaggang).

d) Deutsche Orden-Mühle bei (der heutigen Wüstung) Ibernshausen.

e) Unsicher die Zuordnung eines 1364 erwähnten Mühlenneubaues des Deutschen Orden (Wyss, Urkundenbuch der Deutschordens-Ballei 1II Nr. 1046); vielleicht identisch mit der bei der Elwinsmühle auf der Lahninsel 1496 befindlichen Mühle.

f) Hirsenmühle (gegenüber der Grünmühle unterhalb des Wehrs):

Vielleicht identisch mit einer 1630 genannten Pulvermühle;

1750 trägt der Mühlgraben der ca. 1720 genannten Hirsenmühle die Bezeichnung Pulvergraben.

Die Mühle verfügte 1823 über 1 Gang,

1860 über 1 Gang mit Schlaggang.

g) Lohmühle:

1370/75 genannt;

1496 befindet sich die vom Deutschen Orden an den Landgrafen vertauschte Mühle (am Mühlgraben) zwischen Herrenmühle und Grünmühle; vermutlich schon am späteren Standort hinter Weidenhausen (1750).

1630 verfügte die Mühle über 1 Gang;

1860 als Mühle nicht mehr bestehend.

h) Walkmühle:

1334 genannt;

1496 vom Deutschen Orden an den Landgrafen vertauscht;

die ehemals beim Kleinen Wehr am Kupfergraben gelegene Mühle nach dem 2. Weltkrieg abgebrochen.

i) Wäschemühle:

1496 vom Deutschen Orden an den Landgrafen vertauscht; die Mühle befand sich am Mühlengraben zwischen Herrenmühle und Grünmühle.

j) Ölmühle:

1456/57 besteht im Stadtgebiet von Marburg eine neuerbaute Ölmühle (vgl. Grünmühle).

k) Pulvermühle:

Die Anlage einer Pulvermühle an der Hiltwinspforte von seiten der Stadt 1526/27 geplant.

Markt:

1836 bestanden in Marburg 6 Krammärkte und 8 Viehmärkte.

Münze:

Marburger Pfennige seit 1194 bezeugt; das Bestehen einer Münze jedoch schon für die Zeit um 1140 durch Gepräge belegt;

bereits im 12. Jahrhundert dürfte das Währungsgebiet des Marburger Pfennigs, das im 13. und 14. Jahrhundert große Teile der heutigen Altkreise Marburg, Biedenkopf, Frankenberg und Alsfeld umfasste, in seiner Nord-Süd-Ausdehnung bestanden haben; der Marburger Pfennig war gemeinsame Währungsbezeichnung für Münzstätten in Marburg, Frankenberg, Biedenkopf, Homberg (Ohm), Amöneburg, Rauschenberg, Battenberg (Eder) und Wetter.

Die Marburger Münze mit dem Eindringen der Hellerwährung im ausgehenden 13. Jahrhundert stillgelegt; Gegenstempelungen fremden Geldes bis 1420.

Während der Regierung Landgraf Ludwigs des Älteren wurde in Marburg 1590-1604 noch einmal eine Münzstätte eingerichtet (Verlegung der Gladenbacher Münze).

Währungspolitisch spielte Marburg in der Folgezeit eine Sonderrolle durch die Zugehörigkeit zum Frankfurter Währungsgebiet; erst 1760 teilweise Anbindung an das Kasseler Münz- und Rechnungssystem.

Marburger Gulden als Rechnungseinheit 1590-1760.

Zoll:

Landzoll 1363 erstmals erwähnt.

Nachweise

Literatur:

Zitierweise
„Marburg, Landkreis Marburg-Biedenkopf“, in: Historisches Ortslexikon <https://www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/ol/id/9223> (Stand: 16.10.2018)
 
Hessisches Landesamt für Geschichtliche Landeskunde