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Kurfürstentum Hessen 1840-1861 – 39. Frankenau

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Grüsen

Stadtteil · 270 m über NN
Gemeinde Gemünden (Wohra), Landkreis Waldeck-Frankenberg 
Siedlung | Statistik | Verfassung | Besitz | Kirche und Religion | Kultur | Wirtschaft | Nachweise | Zitierweise
Siedlung

Ortstyp:

Dorf

Lagebezug:

12 km südöstlich von Frankenberg (Eder)

Lage und Verkehrslage:

Kleines Dorf mit einfachem Grundriss am Schweinfe-Bach im Nordosten des Burgwaldes. Kirche in zentraler Lage. An der Verbindungsstraße L 3073 (Gemünden-Frankenberg bzw. Haina)

Ersterwähnung:

vor 775

Historische Namensformen:

Bezeichnung der Siedlung:

  • villa (1240/50)
  • Dorf (1577)

Siedlungsplätze innerhalb der Gemarkung:

Koordinaten:

Gauß-Krüger: 3496601, 5651775
UTM: 32 U 496528 5649954
WGS84: 51.00115275° N, 8.950521519° O OpenLayers

Statistik

Ortskennziffer:

635012030

Flächennutzungsstatistik:

  • 1885 (Hektar): 368, davon 228 Acker (= 61.96 %), 39 Wiesen (= 10.60 %), 0 Holzungen
  • 1961 (Hektar): 383, davon 44 Wald (= 11.49 %)

Einwohnerstatistik:

  • 1577: 20 Hausgesesse
  • 1747: 19 Haushaltungen
  • 1885: 328, davon 273 evangelisch (= 83.23 %), 0 katholisch, 55 Juden (= 16.77 %)
  • 1961: 336, davon 299 evangelisch (= 88.99 %), 37 katholisch (= 11.01 %)

Diagramme:

Grüsen: Einwohnerzahlen 1834-1967

Datenquelle: Historisches Gemeindeverzeichnis für Hessen: 1. Die Bevölkerung der Gemeinden 1834-1967.
Wiesbaden : Hessisches Statistisches Landesamt, 1968.

Verfassung

Verwaltungsbezirk:

  • Vor 775: in pago Hassorum
  • Um 1223-1285: Vogtei Grüsen
  • 1240/50: Gericht Bulenstrut
  • 1346/55: wird das Gericht zu Grüsen gehalten
  • 1354: Erzstift Mainz, Gericht Bulenstrut (direkt dem Erzbischof unterstellt)
  • 1464: Kloster Haina, Gericht Bulenstrut
  • 1530: Gericht Bulenstrut
  • 1577: Landgrafschaft Hessen-Marburg, Amt Rosenthal
  • 1604: Landgrafschaft Hessen-Kassel, Amt Rosenthal
  • 1787: Landgrafschaft Hessen-Kassel, Oberhessen, Amt Rosenthal
  • 1803-1806: Kurfürstentum Hessen, Oberhessen, Amt Rosenthal
  • 1807-1813: Königreich Westphalen, Werradépartement, Distrikt Marburg, Kanton Gemünden
  • 1814-1821: Kurfürstentum Hessen, Oberhessen, Amt Rosenthal
  • 1821: Kurfürstentum Hessen, Provinz Oberhessen, Kreis Frankenberg
  • 1848: Kurfürstentum Hessen, Bezirk Marburg
  • 1851: Kurfürstentum Hessen, Provinz Oberhessen, Kreis Frankenberg
  • 1867: Königreich Preußen, Provinz Hessen-Nassau, Regierungsbezirk Kassel, Landkreis Frankenberg
  • 1945: Groß-Hessen, Regierungsbezirk Kassel, Kreis Frankenberg
  • 1946: Land Hessen, Regierungsbezirk Kassel, Kreis Frankenberg
  • 1974: Land Hessen, Regierungsbezirk Kassel, Landkreis Waldeck-Frankenberg

Altkreis:

Frankenberg

Gericht:

  • 1821: Justizamt Rosenthal
  • 1867: Amtsgericht Rosenthal
  • 1932: Amtsgericht Jesberg
  • 1933: Amtsgericht Gemünden
  • 1945: Amtsgericht Kirchhain [Zweigstelle Gemünden (Wohra)]
  • 1973: Amtsgericht Frankenberg

Herrschaft:

Ursprünglich zum Kloster Hersfeld gehörig, verzichtet der Mainzer Erzbischof 1057 auf die Rechtsansprüche seiner Kirche in Grüsen. Die um 1223 nachweisbare Vogtei Grüsen ist ein hersfeldisches Lehen der Grafen von Ziegenhain, das diese wiederum an Niederadlige als Lehen weitergeben. 1301 verkauft Graf Gottfried von Ziegenhain dem Kloster Haina die Vogtei Grüsen mit Zustimmung des Abtes von Hersfeld (Klosterarchive 6: Kloster Haina, Bd. 2,1, S. 3-4, Nr. 2, 3). Der Mainzer Erzbischof reklamiert im 14. Jahrhundert die Gerichtshoheit, Grüsen ist zeitweise Gerichtssitz in der Bulenstrut. Bis zur Reformation und der Umwandlung Hainas in ein Hospital hielt sich die eng an Mainz angelehnte Herrschaft des Klosters in Grüsen. Die Tatsache, dass Grüsen 1464 weder bei der Versetzung zahlreicher Städte durch den Mainzer Erzbischof an den Landgrafen noch bei dem unmittelbar darauf erfolgten Verkauf des Gerichts Bulenstrut an das Kloster Haina explizit genannt wird, zeigt den Sonderstatus des Ortes an.

Gemeindeentwicklung:

Seit dem 31.12.1971 gehört Grüsen als Stadtteil zur Stadtgemeinde Gemünden (Wohra).

Besitz

Grundherrschaft und Grundbesitzer:

  • Vor 775 erwirbt Erzbischof Lull von Mainz von freien Leuten für das Kloster Hersfeld in Treysa, Grüsen und Wohra insgesamt 13 Hufen und 12 Mansen.
  • 1211/1216 erwirbt Kloster Haina im Tausch mit dem Stift Wetter ein Gut in Grüsen, das eine Rente von 4 Schilling bringt. In der Folge kann das Kloster seinen Besitz vermehren. 1276 bestätigt die Gräfin und Graf von Ziegenhain dem Kloster Haina den Besitz seiner durch Kauf, Tausch, Vermächtnis oder andere Art erworbenen Güter in der Vogtei Grüsen. 1308 erwirbt Haina alle Güter von denen von Westerburg, die 1374 auch auf die Lehnshoheit über das Münchhäuser Gut verzichten, das Haina von den Münchhausen zu Frankberg erworben hat.

Zehntverhältnisse:

1057 verzichtet der Mainzer Erzbischof zugunsten des Abts von Hersfeld auf die von der Mainzer Kirche geforderten Sendabgaben von den Zehnten u.a. in Grüsen.

Kirche und Religion

Ortskirchen:

  • 1057: Pfarrkirche (aecclesia) erschließbar.
  • 1341: ecclesia (Klosterarchive 6: Kloster Haina, Bd. 2,1, S. 197, Nr. 509)
  • Der Kirchbau von 1494 ersetzt einen spätgotischen Vorgängerbau. 1718 durch Chor erweitert. Heutiger klassizistischer Saalbau 1833-1837 errichtet.

Pfarrzugehörigkeit:

1577 sind Bockendorf, Halgehausen, Herbelhausen, Lehnhausen, Mohnhausen, Nieder-, Oberholzhausen, Römerhausen, Sehlen eingepfarrt, 1613 kommt Ellnrode (vorher Klosteramt Haina) hinzu. Mohnhausen ist später (spätestens seit 1835 und nach 1950) Filialort, zu dem Halgehausen, Römershausen und Oberholzhausen

Patronat:

1057: Kirche gehört zur Hersfeld

1341: Haina zahlt Wachzins dem Domkapitel zu Mainz für die Inkorporation der Pfarreien Grüßen und Löhlbach (Klosterarchive 6: Kloster Haina, Bd. 2,1, S.197, Nr. 509)

1577: Klosterverwaltung besetzt Pfarrei

Bekenntniswechsel:

Erster evangelischer Pfarrer: Adam Emmerich 1527-1556, ehemaliger katholischer Pfarrer und Mönch im Kloster Haina

Reformierter Bekenntniswechsel: 1609, 1624 wieder lutherisch.

Kirchliche Mittelbehörden:

15. Jahrhundert: Erzbistum Mainz, Archidiakonat St. Stephan, Dekanat Christenberg, Sendbezirk Grüßen

Juden:

Keine dauerhaft eigenständige Gemeinde in Grüsen; gehört zu Gemünden (Wohra)

Statistik: 1835: 24; 1861: 34; 1905: 44 Juden

1770 und 1785 jüdische Geburten im Ort verzeichnet; Schutzjudenfamilien

Synagoge: 1883 Synagogenneubau, damit eigene Gottesdienste im Ort; 1895 Trennung von Gemünden, Grüsen wird damit eigenständige Gemeinde. 9 Steuerzahler im Ort; 10. Januar 1896 Statut der Synagogen-Gemeinde Grüsen erlassen

Berufe: Landwirtschaft, Viehhandel, Manufakturwarenhandel; einzige Gastwirtschaft des Ortes von Juden betrieben

1933: Grüsen wieder an Gemünden angeschlossen; die meisten Bewohner sind in die USA oder nach Palästina ausgewandert; 7 Personen wurde deportiert und sind umgekommen.

Friedhof: eigener jüdischer Friedhof in Grüsen, an der Straße Oberdorf gelegen, neben dem allgemeinen Friedhof; Erstbelegung 1918 alemannia-judaica

Wirtschaft

Mittelpunktfunktion:

Zum Sendbezirk Grüßen gehörten im 15. Jahrhundert: Albshausen, Allendorf, Bockendorf, Dainrode, Dodenhausen, Geismar, Haddenberg, die Mühle in Halgehausen, Halsdorf, Hancüls, Heimbach, Herbelhausen, Herwin, Herzhausen, Hettingshausen, Holzbach, Langendorf, Lehnhausen, Lischeid, Löhlbach, Mohnhausen, Niederholzhausen, Oberholzhausen, Römershausen, Schiffelbach, Schönau, Sebbeterode, Sehlen, Treisbach, Willingshausen, Winterscheid, Wohra. Hierher zu rechnen ist ferner Battenhausen, das zur Abfassungszeit des Registers wüst lag, sowie Ellnrode, Hüttenrode und möglicherweise Altenhaina und Kirschgarten, die als Hainaer Klosterhöfe zu fehlen scheinen.

Mühlen:

1363 wird Mühlenstätte oberhalb des Dorfes erwähnt (Klosterarchive 6: Kloster Haina, Bd. 2,1, S.268, Nr. 682)

Nachweise

Literatur:

Zitierweise
„Grüsen, Landkreis Waldeck-Frankenberg“, in: Historisches Ortslexikon <https://www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/ol/id/1151> (Stand: 16.10.2018)
 
Hessisches Landesamt für Geschichtliche Landeskunde