Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen

Historisches Ortslexikon

Wallau (Lahn)

Stadtteil · 300 m über NN
Gemarkung Wallau, Gemeinde Biedenkopf, Landkreis Marburg-Biedenkopf 
Siedlung | Statistik | Verfassung | Besitz | Kirche und Religion | Kultur | Wirtschaft | Nachweise | Zitierweise
Siedlung

Ortstyp:

Dorf

Lagebezug:

4,5 km nordwestlich Biedenkopf.

Lage und Verkehrslage:

Geschlossenes Dorf mit regelhaften Grundrissmerkmalen in einem weiten Talkessel der Lahn. Kernbereich der Siedlung mit regellosem Grundriss und dichter Gehöftanordnung auf einem von Nordosten über der Einmündung des Hainbachtals nach Südwesten auslaufenden Sporn. Kirche in Ortsmitte. Jüngerer Ausbau nach Planschema im Nordosten, Südwesten sowie abgesetzt nach Süden im Bereich von Bahnhof und Industrieansiedlung. Moderne Bebauung vorwiegend im Norden und Südwesten.

Durch Wallau führt die B 62; südwestlich vom Bahnhof abzweigend die B 253. Durch den Ort führte die alte Niederrheinische Landstraße Köln - Leipzig im Zuge der heutigen Kreisstraße von Niederlaasphe nach Westen.

Endbahnhof der Eisenbahnlinie Dillenburg – Biedenkopf/Wallau ("Scheldetalbahn") (Inbetriebnahme der Strecke 1.5.1911) bis Stilllegung der Strecke am 30.5.1987.

Siedlungsentwicklung:

Umlegung: 1904/06. Älteste Gemarkungskarte: 1832. In der Gemeinde: Hof Bellinghausen. Auf eine Wüstung deutet der Flurname Mudershausen südlich von Wallau an der Einmündung der Perf in die Lahn

Historische Namensformen:

Siedlungsplätze innerhalb der Gemarkung:

Koordinaten:

Gauß-Krüger: 3463068, 5643850
UTM: 32 U 463008 5642033
WGS84: 50.92874138° N, 8.473631178° O OpenLayers

Statistik

Ortskennziffer:

534004080

Flächennutzungsstatistik:

  • 1854 (Morgen): 5881, davon 1429 Acker (= 24.30 %), 703 Wiesen (= 11.95 %), 3489 Wald. (= 59.33 %)
  • 1885 (Hektar): 1472, davon 285 Ackerland (= 19.36 %), 170 Wiesen (= 11.55 %), 880 Holz. (= 59.78 %)
  • 1961 (Hektar): 1482, davon 915 Wald (= 61.74 %)

Einwohnerstatistik:

  • 1577:45,1630:48 Hausgesesse. 1677: 36 Männer, 4 Witwen, 9 Jungmannschaften, 21 ledige Mannschaften 1742: 83 Haushalte 1834: 748, 1885: 1202, 1925: 1883, 1939: 2315, 1950: 3165, 1961: 3424 Einwohner. 1830: 698 evangelische, 3 römisch-katholische Einwohner. 1961: 2803 evangelische, 444 römisch-katholische Einwohner. 1630: 1 dreispänniges, 13 zweispännige, 15 einspännige Ackerländer, 20 Einläufige. 1867 (Erwerbspersonen): 105 Landwirtschaft, 2 Forstwirtschaft, 30 Bergbau und Hüttenwesen, 23 Gewerbe und Industrie, 11 Verkehr, 3 Kirche und Gottesdienst, 4 Gemeindeverwaltung. 1961 (Erwerbspersonen): 222 Land-und Forstwirtschaft, 982 produzierendes Gewerbe, 255 Handel und Verkehr, 170 Dienstleistungen und sonstiges.
  • 1885: 1189 evangelisch, 7 katholisch, 6 andere Christen
  • 1961: 3424, davon 2803 evangelisch (= 81.86 %), 444 katholisch (= 12.97 %)

Diagramme:

Wallau (Lahn): Einwohnerzahlen 1834-1967

Datenquelle: Historisches Gemeindeverzeichnis für Hessen: 1. Die Bevölkerung der Gemeinden 1834-1967.
Wiesbaden : Hessisches Statistisches Landesamt, 1968.

Verfassung

Verwaltungsbezirk:

  • Seit ca. 1500 und später: Gericht (Amt) Grund Breidenbach
  • 1327: Gericht Wallau
  • 1413 gehörte Wallau unterm Weg zum gleichnamigen Gericht, während der andere Teil des Ortes (1575: Wallau im Heimbach) zum Erb- (Samt-) Gericht Breidenbach gehörte
  • 1787: Landgrafschaft Hessen-Darmstadt, Amt Blankenstein, Gericht Melsbach
  • 1821: Großherzogtum Hessen, Provinz Oberhessen, Landratsbezirk Battenberg
  • 1832: Großherzogtum Hessen, Provinz Oberhessen, Kreis Biedenkopf
  • 1848: Großherzogtum Hessen, Regierungsbezirk Biedenkopf
  • 1852: Großherzogtum Hessen, Provinz Oberhessen, Kreis Biedenkopf
  • 1867: Königreich Preußen, Provinz Hessen-Nassau, Regierungsbezirk Wiesbaden, Kreis Biedenkopf (Umbenennung)
  • 1932: Freistaat Preußen, Provinz Hessen-Nassau, Regierungsbezirk Wiesbaden, Landkreis Dillenburg
  • 1933: Freistaat Preußen, Provinz Hessen-Nassau, Regierungsbezirk Wiesbaden, Kreis Biedenkopf
  • 1945: Groß-Hessen, Regierungsbezirk Wiesbaden, Kreis Biedenkopf
  • 1946: Land Hessen, Regierungsbezirk Wiesbaden, Kreis Biedenkopf
  • 1968: Land Hessen, Regierungsbezirk Darmstadt, Kreis Biedenkopf
  • 1974: Land Hessen, Regierungsbezirk Kassel, Landkreis Marburg-Biedenkopf

Altkreis:

Biedenkopf

Gericht:

  • Das 1327 erstmals genannte Gericht Wallau (1413: Schmittgericht) dürfte aus der Teilung einer älteren Gerichteinheit des Breidenbacher Grundes hervorgegangen sein. Die Gerichtherrschaft wird ursprünglich den von Breidenbach allein zugestanden haben; im 14. Jahrhundert begegnen mehrere (verwandte) Familien im Besitz von Gerichtrechten: 1327 verkaufen die von Selbach ererbte Gerichtrechte an Friedrich von (Bicken-) Kesterburg und Eckehard von Bicken, wobei es sich möglicherweise nur um eine Verpfändung handelte, die die von Selbach bis Ende des 14. Jahrhundert wieder eingelöst hätten (Lennarz S. 215). 1380 verkauft Johann Rump von Hohenfels seinen Gerichtanteil den von Breidenbach. 1386 verkauft Gerhard genannt Wolf von Selbach seine Gerichtsrechte dem Wilhelm von Selbach, 1402 dem Johann von Breidenbach. 1413 werden die Erben Arnolds von Breidenbach durch ihre Lehnsherren, die Grafen von Sayn-Wittgenstein mit dem Schmittgericht Wallau belehnt. Im Unterschied zum Erb-(Samt-) Gericht Breidenbach wurde das Schmittgericht Wallau nach einer zwischen 1359 und 1387 anzusetzenden Teilung aller Gerichtrechte der von Breidenbach im Breidenbacher Grund nicht ganerbschaftlich verwaltet, sondern war dem so genannten Arnoldstamm des Geschlechts allein zugeteilt worden. Die Lehnsauftragung der Gerichtherrschaft an Sayn-Wittgenstein dürfte erstmals nach 1350 erfolgt sein. Nach einem Weistum von 1483 waren die von Breidenbach alleinige Gerichtsherren mit Gebot und Verbot, hoher und niederer Gerichtsbarkeit. Als eigenständige Gerichteinheit hat das Schmittgericht bis ca. 1500 bestanden; seitdem waren alle Gerichte des Breidenbacher Grundes in Breidenbach zusammengefaßt. Vor 1590: Schultheiß zu Wallau genannt.
  • 1821: Patrimonialgericht Grund Breidenbach
  • 1823: Landgericht Biedenkopf
  • 1867: Amtsgericht Biedenkopf

Gemeindeentwicklung:

Zum 31.12.1971 wurden Wallau (Lahn) und Weifenbach im Zuge der hessischen Gebietsreform zu Wallau (Lahn) zusammengeschlossen und am 1.7.1974 als Stadtteil der Stadtgemeinde Biedenkopf eingegliedert.

Besitz

Grundherrschaft und Grundbesitzer:

  • 1355 und 1357 verkaufen die von Hohenfels den von Breidenbach ein Gut und eine Wiese zu Wallau. 1367 verkaufen die von Hohenfels ihre Gefalle und Rechte im Breidenbacher Grund an die von Breidenbach, ausgenommen ein kleines Gut und die Wiese unter dem Dorf. 1457 verkauft Arnold von Hohenfels seine Besitzanteile in Wallau den Kindern des Heinz Henkel zu Dautphe und dem Biedenkopfer Bürger Henne Nasemann. 1386 verkaufen Gerhard genannt Wolf von Selbach und seine Frau ihre Rechte und Besitz in Wallau an ihren Neffen und Schwager Wilhelm von Selbach. 1410 verkaufen Damme von Bellinghausen und seine Frau mit Zustimmung von Dammes Schwester Katharina der Witwe des Biedenkopfer Bürgers Heinz Pintzier, und der Hette von Bellinghausen ihren Anteil am Gut zu Wallau. 1414 verkauft Katharina von Bellinghausen mit Zustimmung ihres Bruders Damme an Wilhelm von Leun und seine Erben ihren Teil am Gut zu Wallau. Zugleich verkauft Johannes von Laasphe dem Wilhelm Leun seinen Anteil am Gut zu Wallau. 1453 überträgt Gertrud von Biedenkopf, Witwe des Wilhelm Leun, Einkünfte zu Wallau an die Kartause Eppenberg. 1457 wird das Gut zu Wallau von Eppenberg an den Marburger Bürger Magister Heinrich Imhof genannt Rode verkauft. 1436 verkaufen die von Breidenbach genannt Breidenstein eine Rente aus einem Gut in Dorf und Gemeinde Wallau dem Kloster Georgenberg. 1493 verzichten die von Breidenbach genannt Breidenstein zugunsten des Kloster auf das Oberlehnsrecht an dem so genannte Georgenberger Gütchen. 1598 ist das Georgenberger Gut zu Wallau landgräfliches Lehen der von Breidenbach; Lehnserneuerungen bis 1662. 1537 vertauscht das Spital Biedenkopf an die von Breidenbach das so genannte Radergut in Wallau für 3 Morgen Land im Gunzhäuser Feld, eine Wiese im Hobgen und eine Wiese im Gunzheimer Grund (alles Gemeinde Biedenkopf; vgl. Wüstung Guntershausen). 1577 wird der Güterbesitz der von Breidenbach genannt Breidenbach in Wallau von 3, der Güterbesitz der von Breidenbach genannt Breidenstein von 6 Beständern bewirtschaftet. 1339 ist der Zehnte in Wallau nassau-dillenburgisches Lehen der von Hohenfels; Neubelehnungen bis 1517
Kirche und Religion

Ortskirchen:

  • 1339: Kirchsatz genannt (Heldmann Nr. 91);
  • 1486: plebanus

Pfarrzugehörigkeit:

1339 als Pfarrkirche zu erschließen; vor 1551 zwischenzeitlich Filiale von Breidenbach. Seit 1551: Pfarrei mit Weifenbach

Patronat:

1339 nassau-dillenburgisches Lehen der von Hohenfels. Mit der Wiedererrichtung der Pfarrei (1551) übernehmen die Landgrafen von Hessen.

Bekenntniswechsel:

Da bis 1551 Filial von Breidenbach, Einführung der Reformation vermutlich unter dem Breidenbacher Pfarrer Balthasar Kleinhenn ab 1528.

Erster eigener evangelischer Pfarrer: Jost Kleinhenn 1551ff.

Reformierter Bekenntniswechsel: 1605(?), 1624 wieder lutherisch

Kirchliche Mittelbehörden:

15. Jahrhundert: Erzbistum Mainz, Archidiakonat St. Stephan, Dekanat Christenberg, Sendbezirk Breidenbach

Juden:

Jude 2. Hälfte 18. Jahrhundert genannt. Der einzige ortsansässige Jude wanderte 1854 nach Amerika aus.

Wirtschaft

Mittelpunktfunktion:

1413 umfaßte das Schmittgericht Wallau: Wallau unterm Weg, Breidenbach hinterm Kirchhof, Wolzhausen und Roth

Wirtschaft:

1436 verkauft Kloster Georgenberg den von Breidenbach die so genannte Edelmühle bei Wallau mit allem Zubehörechts 1515: Errichtung einer Mahlmühle an der Lahn südlich abgesetzt vom damaligen Ortsbereich; 1785 zu einer Papiermühle umgebaut. Papierfabrikation seit 1898 auf die Produktion von Filtermasse umgestellt. 1834 betrug die Belegschaftsstärke der Fabrik 33 Beschäftigte. Neben der Papiermühle bestanden in Wallau 1854 2 Mahlmühlen. Ritter'sche Dampfziegelei seit 1888. Seit 1900 Stanz- und Prägewerk, seit den 1920er Jahren Ansiedlung von 3 noch bestehenden Modell- und Formenbau-Fabriken. Mitte des 19. Jahrhundert förderte die Gewerkschaft Concordia (Gießen) in den Gruben Hollenstein, Hahnrot und Faule Seite Manganerz

Nachweise

Literatur:

Zitierweise
„Wallau (Lahn), Landkreis Marburg-Biedenkopf“, in: Historisches Ortslexikon <https://www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/ol/id/9558> (Stand: 16.10.2018)
 
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