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Kurfürstentum Hessen 1840-1861 – 62. Neustadt

Wiera (Kirchwiera, Oberwiera)

Stadtteil · 230 m über NN
Gemarkung Wiera, Gemeinde Schwalmstadt, Schwalm-Eder-Kreis 
Siedlung | Statistik | Verfassung | Besitz | Kirche und Religion | Kultur | Wirtschaft | Nachweise | Zitierweise
Siedlung

Ortstyp:

Dorf

Lagebezug:

7,5 km südwestlich von Ziegenhain.

Lage und Verkehrslage:

Dorf mit komplexem Grundriss beiderseits der Wiera. Hauptbestandteil der Siedlung mit Kirche auf der Niederterrasse des kesselartig erweiterten rechten Flußufers. Von Osten und Süden einmündend 2 Seitentälchen. Jenseits der Wierabrücke jüngere Bebauung, vornehmlich entlang der Bundesstraße 454.

Die Bundesstraße 454 führt durch Wiera im Zuge eines nördlichen Zweiges der alten Landstraße durch die Langen Hessen.

Ein früher Höhenweg aus dem Vogelsberg nach Westfalen kreuzte bei Wiera die Langen Hessen.

Haltepunkt der 1850 erbauten Eisenbahnlinie Kassel - Frankfurt am Main ("Main-Weser-Bahn").

Ersterwähnung:

1197

Siedlungsentwicklung:

Die bestehende Siedlung Wiera ist gleichzusetzen mit dem früheren Kirch- bzw. Ober-Wiera (vgl. Namensformen), das erstmals 1316 als eigenständige Siedlung erscheint.

Historische Namensformen:

  • Wirahin (1197) (Urkunden A II Kloster Spieskappel vgl. auch Mittel-, Nieder-Wiera)
  • Wirahe (1238) (Kopiar)
  • Wiraha (1240)
  • Wira (1260)
  • Kirchwirahe (1316)
  • Obernwyra (1360/67)
  • Wira (1585)
  • Kirchwiera
  • Kirch-Wiera
  • Wiera, Kirch-
  • Oberwiera
  • Ober-Wiera
  • Wiera, Ober-

Siedlungsplätze innerhalb der Gemarkung:

Umlegung der Flur:

1906/1908

Älteste Gemarkungskarte:

1771

Koordinaten:

Gauß-Krüger: 3509829, 5638488
UTM: 32 U 509751 5636672
WGS84: 50.88164298° N, 9.138608846° O OpenLayers

Statistik

Ortskennziffer:

634022120

Flächennutzungsstatistik:

  • 1838 (Kasseler Acker): 1184 stellbares Land, 317 Wiesen, 54 Gärten, 41 Triesche, 925 Wald.
  • 1885 (Hektar): 795, davon 310 Acker (= 38.99 %), 75 Wiesen (= 9.43 %), 356 Holzungen (= 44.78 %)
  • 1961 (Hektar): 993, davon 436 Wald (= 43.91 %)

Einwohnerstatistik:

  • 1502: 20 Männer. 1585: 37 Hausgesesse.
  • 1639: 16 Männer, 3 Witwen. 1681: 16 Hausgesesse, 3 Ausschuss.
  • 1747: 3 Schneider, 2 Wagner, 1 Bender, 3 Müller, 2 Schmiede, 4 Wirte, Branntweinbrenner und -schenken, worunter 1 schon als Schneider gezählt, 8 Tagelöhner.
  • 1747: 35 Wohnhäuser einschliesslich 3 Mühlen, 191 Einwohner.
  • 1834: 390, 1885: 432 Einwohner.
  • 1838 (Familien): 34 Ackerbau, 4 Gewerbe, 39 Tagelöhner.
  • 1861: 407 evangelisch-reformierte Einwohner, 4 evangelisch-lutherische, 7 römisch-katholische Einwohner.
  • 1885: 432, davon 413 evangelisch (= 95.60 %), 17 katholisch (= 3.94 %), 2 Juden (= 0.46 %)
  • 1925: 539, 1939: 603, 1950: 933, 1961: 742 Einwohner.
  • 1961 (Erwerbspersonen): 160 Land- und Forstwirtschaft, 153 produzierendes Gewerbe, 47 Handel und Verkehr, 19 Dienstleistungen und Sonstiges.
  • 1961: 742, davon 716 evangelisch (= 96.50 %), 26 katholisch (= 3.50 %)

Diagramme:

Wiera (Kirchwiera, Oberwiera): Einwohnerzahlen 1834-1967

Datenquelle: Historisches Gemeindeverzeichnis für Hessen: 1. Die Bevölkerung der Gemeinden 1834-1967.
Wiesbaden : Hessisches Statistisches Landesamt, 1968.

Verfassung

Verwaltungsbezirk:

  • 1360/67: Gericht auf den Wasen (Amt Ziegenhain)
  • 1585 und später: Amt Ziegenhain
  • 1807-1813: Königreich Westfalen, Departement der Werra, Distrikt Marburg, Kanton Treysa
  • 1814-1821: Kurfürstentum Hessen, Grafschaft Ziegenhain, Amt Ziegenhain
  • 1821: Kurfürstentum Hessen, Provinz Oberhessen, Kreis Ziegenhain
  • 1848: Kurfürstentum Hessen, Bezirk Fritzlar
  • 1851: Kurfürstentum Hessen, Provinz Oberhessen, Landkreis Ziegenhain
  • 1867: Königreich Preußen, Provinz Hessen-Nassau, Regierungsbezirk Kassel, Landkreis Ziegenhain
  • 1945: Groß-Hessen, Regierungsbezirk Kassel, Kreis Ziegenhain
  • 1946: Land Hessen, Regierungsbezirk Kassel, Kreis Ziegenhain
  • 1974: Land Hessen, Regierungsbezirk Kassel, Schwalm-Eder-Kreis

Altkreis:

Ziegenhain

Gericht:

Herrschaft:

1367 sind Ober-, Mittel- und Nieder-Wiera sowie Biedenbach von den Grafen von Ziegenhain zur Hälfte an die Kuppel und die von Gleimenhain versetzt.

Bereits 1356 hatten die Grafen die Herbstbeede in den Dörfern zu Wiera an die Kuppel versetzt.

1386 sind die genannten Dörfer zur Hälfte an die von Erfurtshausen versetzt.

Gemeindeentwicklung:

1928: Eingemeindung eines Teils des aufgelösten Gutsbezirks Forst Mengsberg.

Am 31.12.1971 erfolgte im Zuge der hessischen Gebietsreform die Eingliederung in die Stadtgemeinde Schwalmstadt, deren Stadtteil Wiera wurde.

Besitz

Grundherrschaft und Grundbesitzer:

  • Zusammenfassung aller auf die 3 Siedlungen Wiera bezüglichen besitzgeschichtlichen Nachrichten:
  • a) Kloster Spieskappel:
  • 1197 hat Kloster Spieskappel Einkünfte in Wiera.
  • 1250 bekommt das Kloster durch Bruder Konrad von Haina mit Einwilligung Kloster Hainas Zinseinkünfte, bei deren eventuellem Verkauf aber allein Haina erwerbsberechtigt sein soll.
  • 1522 besitzt Spieskappel 1 Hufe Land mit Zubehör in Wiera.
  • b) Kloster Haina:
  • Um 1240 vertauscht Kloster Haina das für 7 Pfund angekaufte Erbteil des Konversen Emmerich von Wiera, nämlich die Hälfte eines Gutes am Kirchhof zu Wiera, an Emmerichs Neffen Dietmar.
  • 1260 bekundet Gräfin Eilika von Ziegenhain, dass die von Obenrod den schon früher vereinbarten Tausch ihrer Güter in Winterscheid gegen 2 Vorwerke (allodia) des Klosters in Wiera zunächst widerrufen, nach einiger Zeit aber doch bestätigt hätten.
  • 1283 verkauft Heinrich von Treysa Kloster Haina eine Hufe zu Wiera, die er vordem von Kunigunde von Langenstein erworben hatte.
  • 1311 vermacht der Neustädter Bürger Ludwig Hane Kloster Haina seine Güter in Dorf und Gemarkung Mittel-Wiera.
  • 1316 erwirbt das Kloster weiteren Güterbesitz in Kirch-Wiera.
  • 1345 übereignen die von Urff ihre Güter zu Kirch-Wiera mit weiteren dortigen Einkünften an Haina.
  • c) Grafen von Ziegenhain:
  • 1360/67 verfügen die Grafen von Ziegenhain über 9 Pflüge in Ober-Wiera und über je 3 Pflüge in Mittel- und Nieder-Wiera.
  • d) Kloster Immichenhain:
  • 1371 hat Kloster Immichenhain ein Gut zu Wiera, nachdem das Kloster bereits 1368 über eine Pfandschaft aus der Herbstbeede verfügte.

Zehntverhältnisse:

Zusammenfassung aller auf die 3 Siedlungen Wiera bezüglichen zehntgeschichtlichen Nachrichten:

1238 übertragen die Grafen von Ziegenhain auf Bitten der bisherigen Lehnsträger, der Kuppel, den Zehnten zu Wiera Kloster Haina;

1240: Zustimmung Kloster Hersfelds als Oberlehnsherr.

Vor 1367 erwirbt Graf Gottfried VII. von Ziegenhain die Hälfte des Zehnten zu Mittel- und Nieder-Wiera.

1487: Zehntstreitigkeiten betreff der Abgrenzung der Zehnten von Mengsberg und Wiera (Klosterarchiv VI Nr. 1130).

1391 war der Rottzehnte zu Wiera hainisch und damals auf Lebenszeit an den Pfarrer von Wiera verkauft.

1500 wird der Streit zwischen Haina und dem Pfarrer zu Wiera über den Zehnten in und um Wiera, namentlich den Rottzehnten, in der Weise entschieden, dass hinfort der Rottzehnte Haina ganz zustehe, der Pfarrei aber für den Verzicht auf seine Ansprüche mit Zehntrechten aus Gütern am Ort entschädigt wird.

Kirche und Religion

Ortskirchen:

  • Pleban 1229 (Klosterarchiv V Nr. 50).
  • 1231 behauptet der Pleban von Wiera, Hof Ransbach sei früher ein Dorf gewesen und habe zu seiner Pfarrei gehört (Klosterarchiv V Nr. 68).
  • Um 1240 Gut am Kirchhof zu Wiera erwähnt (vgl. Besitz).
  • 1316 wurde Wiera als Kirchwirahe erwähnt (vgl. Namensformen und Besitz).
  • Katholische Seelsorgestelle nach 1945,
  • seit 1964 Pfarrkuratie Wiera.

Pfarrzugehörigkeit:

Spätestens seit der Reformation ist die Pfarrei zu einer Filialkirche herabgesunken, denn 1547 und später wird Wiera von Mengsberg aus versehen.

1747 und später: Filiale von Mengsberg.

Patronat:

1366/68 ist der mit einem Vorwerk am Ort verbundene Patronat hersfeldisches Lehen des Johann Kuppel.

1569 und später: landgräflicher Patronat.

Bekenntniswechsel:

Einführung der Reformation in der Landgrafschaft Hessen ab 1526.

Kirchliche Mittelbehörden:

15. Jahrhundert: Sendbezirk Treysa.

Wirtschaft

Mühlen:

1747: 3 Mühlen mit 3 Müllern (vgl. Einwohnerstatistik).

Nachweise

Literatur:

Zitierweise
„Wiera (Kirchwiera, Oberwiera), Schwalm-Eder-Kreis“, in: Historisches Ortslexikon <https://www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/ol/id/4799> (Stand: 16.10.2018)
 
Hessisches Landesamt für Geschichtliche Landeskunde