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Kurfürstentum Hessen 1840-1861 – 52. Ziegenhain

Treysa

Stadtteil · 240 m über NN
Gemeinde Schwalmstadt, Schwalm-Eder-Kreis 
Siedlung | Statistik | Verfassung | Besitz | Kirche und Religion | Kultur | Wirtschaft | Nachweise | Zitierweise
Siedlung

Ortstyp:

Stadt

Lagebezug:

3,4 km westlich von Ziegenhain.

Lage und Verkehrslage:

Stadt mit komplexem Grundriss am Westrand des Ziegenhainer Beckens an der Einmündung der Wiera in die Schwalm. Auf einem nach Nordwesten in die Schwalmniederung spornartig vorspringenden Höhenrücken (Igelsheide) die mittelalterliche Ober- und Unterstadt mit regelhaften Grundrissen.

Oberstadt als unregelmäßiges, sich nach Nordwesten erweiterndes Viereck ausgebildet. Am Nordost-Rand der Oberstadt, auf der zur Schwalmniederung stark abfallenden Bergkante, fast auf höchstem Punkt, die sogenannte Totenkirche. Südwestlich daran anschließend der bebaute, annähernd dreiecksförmige Markt. Die von der West-Ecke des Marktes in nordwestliche Richtung hangabwärts führende altstädtische Hauptstraße (Steingasse) bildet die Siedlungsachse. In diesem nordwestlichen Oberstadtbereich regelhafte Bebauung, ansatzweise nach Rippenschema ausgebildet. Am Westrand der Oberstadt, angelehnt an die frühe Stadtummauerung, das ehemalige Dominikanerkloster.

Nordwestlich bzw. westlich an die Oberstadt anschließend die Unterstadt. Hauptsiedlungsachse der weitgehend regelhaften Bebauung dieses Stadtteils bildet die Wagnergasse, die vom Wieraübergang im Südwesten isohypsenparallel nach Nordosten führt und auf die als weitere Siedlungsachse anzusehende Fortsetzung der Steingasse aus der Oberstadt stößt. Neben der Steingasse (am ehemaligen oberen Steintor) sind Ober- und Unterstadt durch den Neuen Weg (ehemals Dippelstor) und die Gasse Am Angel (ehemals Angeltor) verbunden. Dazwischen liegen zwei größere Freiflächen, von denen die südlich zwischen Neuenweg und Am Angel gelegene den Namen Neustadt führt.

Westlich der beiden alten Stadtteile von Treysa, auf dem linken Wieraufer, der Siedlungskomplex der Anstalt Hephata (s. d.) mit umliegender jüngerer Bebauung.

Moderne Wohnsiedlungen ferner südöstlich der Oberstadt jenseits der Main-Weser-Bahn sowie nördlich der Oberstadt jenseits der Schwalm an der Bundesstraße 454.

Zwei der Hauptstränge der aus dem Rhein-Main-Gebiet kommenden alten Landstraße durch die Langen Hessen aus Richtung Kirchhain bzw. Grünberg vereinigten sich in Treysa, um sich dann in drei Strängen Richtung Fritzlar, Richtung Homberg (Efze) und Richtung Hersfeld [= Bad Hersfeld] zu verzweigen. Der nach Hersfeld [= Bad Hersfeld] und von dort nach Mitteldeutschland führende Straßenzug der Langen Hessen war zugleich Teilstück der alten Messestraße Köln-Leipzig, die bei Amöneburg auf die Langen Hessen traf.

Teilweise im Zuge dieser alten Messestraße verläuft die heutige Bundesstraße 454, die auch Treysa mit Ziegenhain verbindet.

Darüber hinaus bestehen Straßenverbindungen mit allen umliegenden Orten.

Bahnhof der Eisenbahnlinie Bebra - Kassel und Kassel – Frankfurt am Main ("Main-Weser-Bahn") (Inbetriebnahme der Strecke 2.1.1850, 4.3.1850) (heutiges Bahnhofsgebäude von 1908).

Endbahnhof der Eisenbahnlinien Eschwege/Niederhone – Schwalmstadt/Treysa ("Kanonenbahn III") (Inbetriebnahme der Strecke 1.8.1879) (heute nur noch bis Homberg (Efze) und Bad Hersfeld – Schwalmstadt/Treysa (Inbetriebnahme der Strecke 1.8.1907) bis zur Stilllegung der Strecke am 10.9.1984.

Bahnhof 1907/08 an heutigen Standort verlegt.

Ersterwähnung:

775

Siedlungsentwicklung:

Karolingerzeitliche und jüngere Siedlungsspuren, vor allem des 10./11. Jahrhunderts, im Bereich zwischen der ehemaligen Pfarrkirche (Totenkirche) und Burggasse deuten auf eine frühe Besiedlung der westlichen Oberstadt. Weiterhin befindet sich eine karolingerzeitliche Siedlungsgrube neben dem Treysaer Bahneinschnitt unterhalb der Oberstadt.

Die um 1180/90 zu erschließende Markt- und spätere Stadtsiedlung Treysa im Bereich des südwestlich unterhalb der Pfarrkirche gelegenen Marktes zu vermuten. Von dem wohl ursprünglich großräumigeren Dreiecksmarkt führen strahlenförmig die ehemaligen Ausfallstraßen der Stadt ab: Steingasse Richtung Oberes und Unteres Steintor nach Norden, Burggasse Richtung Burgtor nach Osten, Mainzer Gasse Richtung Mainzer Tor nach Süden und Strauchgasse bzw. Am Angel Richtung Angeltor nach Westen.

Von der ehemaligen Befestigung der Oberstadt hat sich der Mauerring größtenteils erhalten, wenn auch nicht in seiner ursprünglichen Höhe. Zum Zeitpunkt der Errichtung des Dominikanerklosters um 1278, dessen Bau sich im Westen unmittelbar an den Mauerring anlehnt, muss die Oberstadt bereits ummauert gewesen sein. 1311 wird die (Weiden-)Mühle als vor den Mauern der Stadt gelegen bezeichnet (Klosterarchiv VI Nr. 186). Von den 5 ehemaligen Stadttoren der Oberstadt Burgtor und Mainzer Tor 1362 erstmals erwähnt; beide 1826 abgerissen. Oberes Steintor 1365 erwähnt; 1640 zerstört, 1660 wieder errichtet, Anfang 19. Jahrhundert abgerissen. Angeltor 1736 beseitigt. Das Dippels- oder Neuweger Tor im Nordwesten erst nach der Befestigung der Unterstadt als Verbindung zur Oberstadt in die Mauer eingebrochen (Anfang 19. Jahrhundert beseitigt). Außer den ehemaligen Tortürmen 3 weitere Türme bzw. Mainzer Tor und Burgtor nachgewiesen. 1532/1555 war die Befestigung der Stadt so vernachlässigt, dass Landgraf Philipp für eine bestimmte Frist zur Wiedererrichtung der niedergefallenen Stadtmauern seine Einkünfte aus dem Weinschank der Stadt überließ.

Die der Oberstadt nordwestlich vorgelagerte Unterstadt wurde im 15. Jahrhundert in die Stadtbefestigung miteinbezogen; Wierator 1475 genannt; 1830 abgerissen. Unteres Steintor (erbaut 1592); Keilstor im Westen, beide ca. 1830 abgerissen. Hexenturm am Unteren Steintor erhalten geblieben. Mauern der Unterstadt im 19. Jahrhundert abgetragen.

Von Mühlen und vereinzelten Gewerbebetrieben sowie den im Zuge der Erbauung der Main-Weser-Bahn und der späteren Eisenbahnlinien errichteten Bahnhofsgebäuden abgesehen, griff die städtische Siedlung erst in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts über den Bereich des ehemaligen ummauerten Stadtgebietes hinaus; vor allem durch die Entstehung der Anstalt Hephata (s. d.).

Historische Namensformen:

Bezeichnung der Siedlung:

Siedlungsplätze innerhalb der Gemarkung:

Burgen und Befestigungen:

  • Das 1258 genannte Schloss (Burg), das 1233 offenbar noch nicht vorhanden war (vgl. Codex dipl. Sax. 1,3 Nr. 490) und vermutlich im Sternerkrieg zerstört wurde, am Süd-Rand des Marktes, auf den Kellergewölben der 1827 erbauten Apotheke oder auf dem Gelände zwischen Burggasse und Mainzer Gasse vermutet.
  • Ein 1403 in der Stadt beim Mainzer Tor geplanter Bau einer Burg durch Graf Johann von Ziegenhain nicht zur Ausführung gekommen (Urkunden H Grafschaft Ziegenhain).
  • Burgsitz der von Berlepsch 1594 anstelle zweier alter Häuser errichtet und seit 1601 von allen bürgerliche Pflichten befreit; diente zuweilen als Tagungsort hessischer Landtage (vgl. Mittelpunktfunktionen);
  • 1642 zerstört und abgebrannt.

Umlegung der Flur:

1905/1907

Älteste Gemarkungskarte:

1755/1771

Koordinaten:

Gauß-Krüger: 3513403, 5642078
UTM: 32 U 513323 5640261
WGS84: 50.91384203° N, 9.189524276° O OpenLayers

Statistik

Ortskennziffer:

634022100

Flächennutzungsstatistik:

  • 1838 (Kasseler Acker): 3708 stellbares Land, 1330 Wiesen, 432 Gärten, 569 Triesche, 909 Wald
  • 1885 (Hektar): 1747, davon 915 Acker (= 52.38 %), 315 Wiesen (= 18.03 %), 258 Holzungen (= 14.77 %)
  • 1961 (Hektar): 1732, davon 292 Wald (= 16.86 %)

Einwohnerstatistik:

  • 1567/68: Pest (542 Tote).
  • 1571: 426 Hausgesesse mit 1836 Einwohnern.
  • 1584: Pest (528 Tote).
  • 1610/11: Pest (569 Tote).
  • 1639: 103 eheliche Hausgesesse, 29 hausgesessene Witwen.
  • 1642: 146 Häuser, dazu 217 verbrannte, 97 verfallene Häuser.
  • 1681: 170 Hausgesesse, 25 Ausschuss.
  • 1705: 229 Haushaltungen. 1778: 286 Häuser, 1740 Einwohner.
  • 1778: 1 Apotheker, 16 Krämer, 23 Bäcker, 16 Metzger, 31 Schuhmacher, 12 Schneider, 12 Lohgerber, 4 Weißgerber, 6 Schmiede, 4 Schlosser, 1 Sattler, 20 Leineweber, 13 Wolltuchmacher, 17 Strumpfweber, 13 Sockenstricker, 3 Wollkämmer, 5 Hutmacher, 2 Färber, 2 Posementierer, 1 Knopfmacher, 2 Seiler, 8 Schreiner, 3 Drechsler, 3 Wagner, 5 Böttner, 1 Zimmermann, 9 Maurer, 4 Weißbinder, 2 Schieferdecker, 1 Ziegler, 1 Buchbinder, 2 Bader, 1 Tabakspinner, 1 Nadelmacher, 1 Kannengießer, 3 Wirte, 4 Branntweinbrenner, 7 Branntweinschenker, 2 Müller, 6 Handelsjuden, 1 Musikant, 39 Tagelöhner(-innen), 37 Spinnerinnen, 3 Näherinnen, 1 Wäscherin, 2 Stickerinnen, 8 Hirten und Schäfer.
  • 1834: 2499, 1885: 2413 Einwohner.
  • 1838 (Familien): 62 Ackerbau, 235 Gewerbe, 108 Tagelöhner.
  • 1861: 2345 evangelisch-reformierte, 9 evangelisch-lutherische, 27 römisch-katholische Einwohner, 1 Mitglied abweichender Sekten, 125 Juden.
  • 1885: 2413, davon 2201 evangelisch (= 91.21 %), 52 katholisch (= 2.15 %), 160 Juden (= 6.63 %)
  • 1925: 4207, 1939: 4294, 1950: 7350, 1961: 7813 Einwohner.
  • 1961 (Erwerbspersonen): 139 Land- und Forstwirtschaft, 1177 produzierendes Gewerbe, 771 Handel und Verkehr, 828 Dienstleistungen und Sonstiges.
  • 1961: 7813, davon 6461 evangelisch (= 82.70 %), 1191 katholisch (= 15.24 %)

Diagramme:

Treysa: Einwohnerzahlen 1834-1967

Datenquelle: Historisches Gemeindeverzeichnis für Hessen: 1. Die Bevölkerung der Gemeinden 1834-1967.
Wiesbaden : Hessisches Statistisches Landesamt, 1968.

Verfassung

Verwaltungsbezirk:

  • 9. Jahrhundert: Hessengau (Urkundenbuch Hersfeld Nr. 38).
  • 1807-1813: Königreich Westfalen, Departement der Werra, Distrikt Marburg, Kanton Treysa
  • 1814-1821: Kurfürstentum Hessen, Grafschaft Ziegenhain, Amt Treysa
  • 1821: Kurfürstentum Hessen, Provinz Oberhessen, Kreis Ziegenhain
  • 1848: Kurfürstentum Hessen, Bezirk Fritzlar
  • 1851: Kurfürstentum Hessen, Provinz Oberhessen, Landkreis Ziegenhain
  • 1867: Königreich Preußen, Provinz Hessen-Nassau, Regierungsbezirk Kassel, Landkreis Ziegenhain
  • 1945: Groß-Hessen, Regierungsbezirk Kassel, Kreis Ziegenhain
  • 1946: Land Hessen, Regierungsbezirk Kassel, Kreis Ziegenhain
  • 1974: Land Hessen, Regierungsbezirk Kassel, Schwalm-Eder-Kreis

Altkreis:

Ziegenhain

Gericht:

  • a) Stadtgericht Treysa:
  • Ursprüngliche Gerichtszugehörigkeit von Treysa unbekannt (Gericht auf den Wasen?).
  • Mit der Stadtwerdung von Treysa entsteht ein eigenes Gericht, auf das wohl der 1245 genannte Schultheiß und die 1254 genannten 6 Schöffen zu beziehen sind (Klosterarchiv V, S. 451 bzw. Nr. 237).
  • 1364/67 stehen den Grafen von Ziegenhain 3 ungebotene Dinge in Treysa zu.
  • 1557 übt die Stadt die Zivil-, Buß- und Rügegerichtsbarkeit in Konkurrenz mit dem (landgräflichen) Landesherrn aus.
  • 1557 und später sind die Ratsschöffen von Treysa davon befreit, im peinlichen Gericht zu sitzen. Diese peinliche Gerichtsbarkeit muss den Ratsschöffen vorher zugestanden haben, da noch 1556 die Schöffen der Ämter Schönstein und Gemünden bei zwiesprüchigen Urteilen des peinlichen Gerichts ihren Oberhof beim Rat zu Treysa haben (Brauer, Ziegenhain, S. 69 f.). Nach 1557 werden alle Kriminalsachen in Ziegenhain verhandelt, während die niedere Gerichtsbarkeit bei der Stadt bleibt.
  • Seit Mitte 16. Jahrhundert versieht der Schultheiß der Stadt Treysa in Personalunion zugleich die Funktion des Amtsschultheißen des Amtes Schönstein (Amt Treysa).
  • Um 1240 wird ein Gütergeschäft in Treysa auf dem Markt (in foro) abgeschlossen (Klosterarchiv V, S. 458),
  • 1264 wird ein solches auf dem Friedhof,
  • 1267 vor der Kirchentür (ante ostium ecclesie),
  • 1368 wiederum auf dem Pfarrkirchhof abgeschlossen.
  • Auf eine ehemalige Urteilsstätte weisen die Flurnamen Galgenberg (1530) und Galgenweg (1488) östlich der Wasenberger Straße dicht oberhalb der Stadt.
  • Beauftragte der Herrschaft vgl. Herrschaft.
  • b) Spätere zentrale Gerichtsfunktionen Treysas:
  • Seit 1822: Justizamt Treysa.
  • Seit 1867 Amtsgericht Treysa.

Herrschaft:

Die um 1180/90 bestehende Marktsiedlung (vgl. Münze) im Laufe des 13. Jahrhunderts zur Stadt ausgebildet. Stadtwerdung im einzelnen ungeklärt. Sofern die Anfang 15. Jahrhundert überlieferte Nachricht von einer planmäßigen Stadtgründung durch Graf Friedrich von Wildungen und Ziegenhain, Sohn Landgraf Ludwigs II. von Thüringen und Gemahl der Lukardis von Ziegenhain, auf zuverlässiger Quelle beruht (Joh. Rothe, Thüring. Chronik, Brauer, Ziegenhain, S. 68 Anm. 188), wäre mit einer möglicherweise zunächst erfolglos gebliebenen Stadtgründung zwischen 1186 und ca. 1207 zu rechnen.

1229 wird Treysa als villa bezeichnet (siehe Siedlungsbezeichnung), und auch in dem 1233 abgeschlossenen thüringisch-ziegenhainischen Sühnevertrag (Codex dipl. Sax. I, 3 Nr. 490) fehlt jeder Hinweis auf den Stadtcharakter Treysas.

Gegen Mitte des 13. Jahrhunderts und später verdichten sich allerdings die Indizien für das Bestehen einer Stadt.

Für den 1231 genannten ziegenhainischen villicus Meingot (oder einen namensgleichen Nachfolger) findet sich 1240 die Bezeichnung scultetus.

1254 werden 6 Schöffen genannt (Klosterarchiv V, S. 451, 458; Nr. 237).

1270 das älteste Stadtsiegel überliefert (Demandt-Renkhoff Nr. 134).

Vor 1215 waren die an der Marktsiedlung haftenden Hoheitsrechte (Münze), wohl als Folge der landgräflich-thüringischen Einheirat in das ziegenhainische Grafenhaus, geteilt.

Seit 1233 waren sie aber wieder ausschließlich ziegenhainisch wie auch die spätere Stadtherrschaft.

1449: Ältestes Stadtrecht (Kulenkamp, Geschichte der Stadt Treyßa, S. 87).

1450: Mit dem Anfall der ziegenhainischen Erbschaft landgräfliche Stadt.

Neben dem schon genannten Schultheißen und Schöffen begegnen 1306 Bürgermeister und Ratsherren (Klosterarchiv VI Nr. 87). Soweit aus späterer Zeit bekannt, bestand der Rat aus 12, seit Anfang 19. Jahrhundert aus 6 Mitgliedern; Ergänzung durch Kooptation. Wahl des Bürgermeisters aus seiner Mitte, Bestätigung durch den Stadtherrn.

Ausschuss zur Verwaltung der städtischen Finanzen seit 1449, bestehend aus je 3 von Rat und Gemarkung gewählten sogenannten Vorstehern, von denen seit 1530 je 2 das Schoß-, Zäpfer- und Bauamt bekleideten.

Unterrat, bestehend aus je 1 Vertreter der 8 Zünfte, den diese präsentierten, und 4 aus der Gemeinde bestimmten Personen 1535 (Zwölfer) eingerichtet. Zuwahl des Rats aus Mitgliedern des Unterrats.

Gemeindeentwicklung:

Am 31.12.1970 erfolgte im Zuge der hessischen Gebietsreform der Zusammenschluss mit der Stadt Ziegenhain und anderen Gemeinden zur neu gebildeten Stadtgemeinde Schwalmstadt, deren Stadtteil Treysa wurde.

Besitz

Grundherrschaft und Grundbesitzer:

  • Vor 775 erwirbt Erzbischof Lull von Mainz in Treysa, Grüsen und Wohra insgesamt 13 Hufen und 12 Mansen, die er dem Kloster Hersfeld überträgt.
  • 1248/49 belehnt Landgräfin Sophie Graf Berthold von Ziegenhain mit einigen Gütern zu Treysa und Wohra (Grotefend-Rosenfeld Nr. 13 mit 13a, S. 296).
  • 1286 verkauft Graf Gottfried von Ziegenhain Kloster Haina seinen Hof zu Treysa, den vordem Gottfrieds verstorbene Großmutter Eilika, geborene Gräfin von Tecklenburg, bewohnt hatte (Klosterarchiv V, Nr. 754). Dieser dann sogenannte Hainaer Hof (Burggasse 6) wurde Mittelpunkt und Sammelstelle des hainischen Besitzes und der klösterlichen Gefälle des Schwalmgebietes.
  • Seit 1540 wurden diese Einkünfte durch Landgraf Philipp für die Ausstattung der Universität Marburg eingezogen, die Gebäude aber an den Rentmeister von Ziegenhain teils verkauft, teils verschenkt.
  • Burgsitz der von Berlepsch 1594 anstelle zweier alter Häuser errichtet und seit 1601 von allen bürgerliche Pflichten befreit; diente zuweilen als Tagungsort hessischer Landtage (vgl. Mittelpunktfunktionen);
  • 1642 zerstört und abgebrannt.

Zehntverhältnisse:

1400 befreit Graf Engelbert von Ziegenhain die Stadt Treysa von der Entrichtung der Zehnten der vor den Toren der Stadt gelegenen Gärten und Anspannen.

Ende des 18. Jahrhunderts war der Zehnte von Treysa herrschaftlich.

Kirche und Religion

Ortskirchen:

  • a) Allgemeine Kirchengeschichte:
  • sacerdos 1209 (Westf. Urkundenbuch IV Nr. 34),
  • Pleban 1226 (Klosterarchiv V Nr. 37 [personengleich]).
  • Pfarr- und Sendkirche, der 1569 und später Ascherode eingepfarrt war.
  • Schon im Mittelalter bestand in Treysa eine zweite Pfarrstelle;
  • Vizepleban 1269, dieselbe Person auch als Vikar bezeichnet (Klosterarchiv V Nr. 543, 698).
  • b) Hospitalkapelle:
  • 1386 genannt (Urkunde II Grafschaft Ziegenhain), von Bürgern der Stadt Treysa gestiftete Kapelle des 1367 eingerichteten städtischen Hospitals (vgl. Hospitäler).
  • Patronat: Bürgermeister und Rat der Stadt.
  • c) Siechenkapelle:
  • 1494 erweiterte Kapelle des vor der Stadt uf den Sand an der Schwalmbrücke errichteten Siechenhauses (vgl. Hospitäler).
  • Patrozinium: St. Wendel.
  • Patronat: 1494 landgräflich.
  • d) Hugenotten im 18. Jahrhundert:
  • Seit 1700 bestand in Treysa eine französisch-reformierte Gemeinde (Hugenotten);
  • Prediger 1703 genannt.
  • Gottesdienste fanden anfangs zusammen mit den Gemeindemitgliedern der Kolonie Frankenhain in der Hospitalkapelle statt, bis 1746 in Frankenhain eine Kirche gebaut wurde.
  • e) Katholiken in der Neuzeit:
  • Bis 1904 waren katholische Einwohner von Treysa nach Neustadt, seitdem nach Ziegenhain eingepfarrt.
  • Katholische Seelsorgestelle 1946; 1964 zur Pfarrkuratie erhoben.
  • Heilige Geist-Kirche 1959 geweiht.

Patrozinien:

  • Martin (1383).

Pfarrzugehörigkeit:

Pfarr- und Sendkirche, der 1569 und später Ascherode eingepfarrt war.

1810 wurde die reformierte Pfarrei Frankenhain dem Diakon zu Treysa beigegeben,

seit 1827 war sie dem ersten Pfarrei zu Treysa beigegeben;

1900 nach Rommershausen ausgepfarrt.

Patronat:

1323 und später präsentieren die Grafen von Ziegenhain,

seit 1450 die Landgrafen.

Klöster:

Bekenntniswechsel:

Erster evangelischer Pfarrer: Nikolaus Ulner (Ulifex), predigte um 1523 evangelisch

Reformierter Bekenntniswechsel: 1605, unter hessen-darmstädtischer Herrschaft 1627-1628 lutherisch, nach 1628 wieder reformiert.

Kirchliche Mittelbehörden:

Sendbezirk Treysa:

15. Jahrhundert: Sedes im Dekanat Amöneburg, Archidiakonat St. Stephan zu Mainz.

Als Stadt war Treysa vom Sendgericht eximiert.

Juden:

Provinzial Rabbinat Marburg

Erste Hinweis auf Juden finden sich in Urkunden aus dem Jahr 1320 der Grafschaft Ziegenhain.

Jude 1482 genannt (Klosterarchiv VI Nr. 1106).

1557/58 wohnte der Jude Elias Bobenhausen in der Burggasse; sein Vater Lazarus war landgräflicher Leibarzt gewesen.

1667: 2 jüdische Familien.

1744: 4 Juden.

1773/78: 6 Familien bzw. 1778: 6 Handelsjuden (vgl. Einwohnerstatistik).

1805: 35, 1835: 111, 1861: 125, 1895: 193 Juden, um 1900: 182; 1905: 160; 1925: 130 Juden. 1932/33: 130 Juden. 1933 - 1938: Auswanderung von 59 Juden; viele männliche Juden wurden bis 1938 nach Buchenwald deportiert. 1942 leben noch 15 Juden im Ort.

1817 wird der Bau einer Synagoge beantragt, diese wird am Neuen Weg 1819 eingeweiht. Vorbild für den Bau war die Synagoge von Witzenhausen. Ende der 1950er Jahre wird das Gebäude abgerissen. Bereits für die Jahre 1481 und 1483 finden sich in den Klosterakten Hinweise auf eine Synagoge im Ort.

Israelitische Elementarschule seit 1835 bestehend; Schulräume und Lehrerwohnung wurden auch im Neuen Weg eingerichtet. Die Schule wurde vor 1922 aufgehoben.

Ein Judenbad war in einem kleinen separaten Bau am Keilstor eingerichtet, direkt am Fluß Wiera. Der einstöckige Fachwerkbau wurde 1941 verkauft.

Berufe: Wollindustrie; Kleinhandel; Viehhandel, Schlächter

Bis 1850 wurden die Toten in Ziegenhain beerdigt. Seitdem eigener Friedhof an der Wasenberger Straße. (alemannia-judaica)

Kultur

Schulen:

Klosterschule der Dominikaner bis zur Reformation Parochialschule ("Kinderschule"),

seit ca. 1530 zur Lateinschule umgewandelt.

Oberschulmeister: Johann Scheibler 1578-1580

Unterschulmeister: Hiob Hermann von Sankt George (Scherer, Tonsort) ca. 1572

Handwerksschule seit 1852/59.

Städtische "Höhere Schule" seit 1909, seit 1955 unter dem Namen "Schwalmschule".

Hospitäler:

a) Hospital zum Hl. Geist:

Städtisches Hospital, 1367 bestehend.

1386 vermacht der Treysaer Altarist und Kaplan Konrad Vogelsänger seinen Besitz dem Hospital, zu dessen Vormund und Rektor er bestellt wird.

Seitdem war das Amt des Hospitalvorstehers mit dem des Kaplans der Hospitalkapelle (vgl. Ortskirche) verknüpft.

Hospitalmeister 1467 genannt.

Nach der Reformation unterstand die Hospitalverwaltung dem Ersten Pfarrer der Stadt, dem Bürgermeister und Rat;

Mitglied war 1637/38 ferner der herrschaftliche Schultheiß zu Treysa (bis 1821).

Ältester Teil des Hospitalkomplexes die Kapelle, 1560 erneuert, 1640 abgebrannt, dann wiedererrichtet.

Sogenannter Hinterbau 1563 errichtet, 1718/19 erneuert.

Hospitalscheune 1661 genannt, im 19. Jahrhundert zu Wohnzwecken umgebaut.

Neubauten seit Anfang 19. Jahrhundert.

Hospitalstiftung 1964 aufgelöst.

b) Städtische Sieche (Siechenhaus):

1494 bestehende, vor den Toren der Stadt uf dem Sande an der alten Schwalmbrücke errichtete Sondersieche (vgl. M. Merian, Treysa 1640), zu der eine 1494 erwähnte Kapelle gehörte (vgl. Ortskirche).

Sieche angeblich 1667 abgebrochen und zum Schwalmberg verlegt (Flurname Siegenbeltz).

Zur Sieche gehörte neben der Siechenkapelle ein eigener Friedhof.

Verwaltet wurde die Sieche vom Hospital in Treysa.

Bestand bis etwa 1713/15; Gebäude dann abgerissen.

Historische Ereignisse:

1567/68, 1584 und 1610/11: Pest (vgl. Einwohnerstatistik).

1640 größter Teil der Stadt verbrannt (vgl. Einwohnerstatistik).

Im 16. und 17. Jahrhundert war Treysa häufiger Tagungsort hessischer Landtage und Synoden.

Wirtschaft

Mittelpunktfunktion:

a) Wirtschaftsmittelpunkt Treysa:

Dank seiner zentralen Verkehrslage entwickelte sich Treysa bereits im 12. Jahrhundert zum wirtschaftlichen Mittelpunkt der Grafschaft Ziegenhain; bezeichnend dafür die Einrichtung einer Münzstätte (vgl. Münze).

Treysa behielt diese Funktion auch mit dem Ausbau der nahegelegenen Residenz Ziegenhain, der dieser wirtschaftliche Faktor stets gefehlt hat.

b) Sendbezirk Treysa:

Im 15. Jahrhundert gehörten zum Sendbezirk von Treysa: Allendorf an der Landsburg, Appenhain, (Wüstung) Breitenbach, Dittershausen, (Wüstung) Emelshausen, Fischbach, Frankenhain, (Wüstung) Fronrode, (Wüstung) Heckershausen, (Wüstung) Holzhausen, (Wüstung) Knechtbach, Loshausen, Mengsberg, Merzhausen, Michelsberg, (Wüstung) Mittelleimbach, Niedergrenzebach, (Ober-)Leimbach, Rörshain, Rommershausen, Sachsenhausen, Salmshausen, Schönborn, Wasenberg, (Wüstung) Wehnhausen (?), Wiera, Willingshausen, (Wüstung) Witgenhain, Zella.

Als Städte waren Ziegenhain (mit Ascherode) und Treysa vom Sendgericht eximiert.

Als zugehörig zum Sendbezirk sind ferner die Höfe Bellnhausen, Gungelshausen, Itzenhain und Ransbach anzusehen.

Wirtschaft:

Wichtigstes Gewerbe im Mittelalter Leineweberei und Tuchherstellung;

1360/70: 3200 Tuche jährlich (Fowler, Kirchen in Treysa, S. 28).

Zunftbrief für die Leineweber 1364 (Urkunden H Grafschaft Ziegenhain);

1558, 1576 und 1600 gab es in Treysa 8 Zünfte: Hansegreben (Kaufleute), Bäcker, Leineweber, Schuhmacher, Schneider, Lohgerber, Schmiede und Metzger.

Die Treysaer Sockenstricker erhielten 1720 einen Zunftbrief; ihr Gewerbe stand Mitte 18. Jahrhundert in Blüte.

Ziegelbrennerei vor der Stadt nach 1528.

Nach Zuzug zahlreicher Hugenotten besonders seit 1699 (vgl. auch Frankenhain) Gründung einer Fabrik für Wolltuch- und Strumpfherstellung im ehemaligen Klostergebäude der Dominikaner (1700).

Seit 1701 stand der Betrieb unter Leitung des wallonischen Kaufmanns M. Hestermann, seit 1716 von A. Danneberg, dann von J. L. Moses betrieben.

Bis 1714 lieferte der Betrieb Uniformstoffe für das hessische Heer.

Fabrik kurz nach 1740 eingegangen.

Landmaschinenfabrik seit 1906.

Brauerei 1910.

Zentralstelle für Flachsbearbeitung 1930.

Fabrik für Holzmodelle 1948.

Konfektionsbetrieb 1950.

Mühlen:

Hopfenmühle, ursprünglich im Besitz des Hospitals, um 1730 landgräfliche Mühle.

Walkmühle, 1608 bei der Weidemühle in der Bleichgasse gelegen, noch 1806 mit Lohmühle bestehend.

Weitere Mühlen siehe unter Siedlungsplätze.

1778: 2 Müller (vgl. Einwohnerstatistik).

Münze:

Die um 1180/90 in Treysa einsetzenden Münzprägungen (zweiseitiger Pfennig auf Kölner Schlag) belegen für diese Zeit einen geregelten Marktverkehr am Ort.

Vor 1215 setzen Prägungen von Brakteaten mit Darstellung zweier Münzherren, der Grafen von Ziegenhain und der thüringischen Landgrafen ein (Heß, Städtegründungen, S. 34, vgl. auch Herrschaft). Doppelherrschaft aber nur von vorübergehender Natur.

Gegen Ende 13. Jahrhundert finden sich Brakteaten oberhessischen (Marburger) Schlages.

Ein von den Münzherren, den Grafen von Ziegenhain, 1297 mit dem Erzstift Mainz abgeschlossener Vertrag verpflichtete Mainz, wie Treysa zu prägen, falls von diesem in dem benachbarten Neustadt eine Münzstätte errichtet werden sollte.

Unter Graf Johann II. von Ziegenhain Prägung von hohlen Pfennigen.

Nach Übergang der Grafschaft Ziegenhain an Hessen wurde Treysa als landgräfliche Münzstätte weiter geführt. Geprägt wurden Sternleinspfennige.

Landgräflicher Münzer noch bis Ende 15. Jahrhundert belegt.

Ungewiss, wann die Treysaer Münzstätte erlosch.

Der Vorschlag Landgraf Ludwigs von Hessen-Marburg (1567-1604), Treysa zur gemeinsamen Münzstätte der hessischen Landgrafen zu machen, scheiterte am Widerspruch Landgraf Wilhelms IV. von Hessen-Kassel.

Zoll:

Erstbelege für den gräflich-ziegenhainische Tuch-, Wein- und Salzzoll in Treysa 1367/71 (S 635 ZU III).

1401 und später sind die Einnahmen aus dem Weinzapf wiederholt verpfändet,

1537 sind sie von Landgraf Philipp befristet der Stadt für notwendige Baumaßnahmen (Wasserleitung und ähnliches) überlassen und später dann ganz in städtischer Hand.

Nachweise

Literatur:

Zitierweise
„Treysa, Schwalm-Eder-Kreis“, in: Historisches Ortslexikon <https://www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/ol/id/4769> (Stand: 16.10.2018)
 
Hessisches Landesamt für Geschichtliche Landeskunde