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Kurfürstentum Hessen 1840-1861 – 64. Neukirchen

Ottrau

Ortsteil · 340 m über NN
Gemeinde Ottrau, Schwalm-Eder-Kreis 
Siedlung | Statistik | Verfassung | Besitz | Kirche und Religion | Kultur | Wirtschaft | Nachweise | Zitierweise
Siedlung

Ortstyp:

Dorf

Lagebezug:

8 km südöstlich von Neukirchen

Lage und Verkehrslage:

Geschlossenes Dorf mit regellosem Grundriss an der Einmündung des Pfaffenbachs in die Otter. Kernbereich der Siedlung rechts der Otter. In Spornlage Kirche mit ummauertem Kirchhof. Nördlich angehängt Gutshof und ehemalige Burg. Jüngerer Ausbau auf dem linken Otter-Ufer. Moderne Bebauung im Nordwesten und Nordosten.

Straßenverbindungen nach Berfa, Immichenhain, Kleinropperhausen, Schorbach bzw. Weißenborn und Görzhain, Gehau bzw. Lingelbach.

2 km nordöstlich von Ottrau Bahnhof der Eisenbahnlinie Bad Hersfeld - Schwalmstadt/Treysa von 1907 bis zur Stillegung der Strecke am 10. September 1984 (Bahnhof Ottrau).

Ersterwähnung:

782 bzw. 775/786

Historische Namensformen:

Siedlungsplätze innerhalb der Gemarkung:

  • Ortsteil Bahnhof Ottrau,
  • Forsthaus Ottrau,
  • Wüstung Gerlachsdorf,
  • Wüstung Grenf,
  • Wüstung Gunzelrode,
  • Wüstung Rommerode,
  • Wüstung Scheuersrode,
  • Wüstung Westheim (?)

Burgen und Befestigungen:

Umlegung der Flur:

1936/1940

Älteste Gemarkungskarte:

1712

Koordinaten:

Gauß-Krüger: 3527331, 5630047
UTM: 32 U 527246 5628235
WGS84: 50.80520578° N, 9.386669182° O OpenLayers

Statistik

Ortskennziffer:

634020040

Flächennutzungsstatistik:

  • 1838 (Kasseler Acker): 1216 stellbares Land, 344 Wiesen, 90 Gärten, 30 Triesche, 9 Wald.
  • 1885 (Hektar): 595, davon 373 Acker (= 62.69 %), 149 Wiesen (= 25.04 %), 24 Holzungen (= 4.03 %)
  • 1961 (Hektar): 1341, davon 790 Wald (= 58.91 %)
  • Zu den beiden Vorwerken bzw. adligen Burgsitzen vgl. Besitz.

Einwohnerstatistik:

  • 1585: 45 Hausgesesse.
  • 1639: 8 hausgesessene Eheleute, 2 Witwer, 8 Witwen, 10 wüst liegende Güter.
  • 1681: 27 Hausgesesse, 2 Ausschuss, 1 Junggeselle.
  • 1750: 2 Maurer, 4 Krämer, 2 Schreiner, 2 Zimmerleute, 5 Wagner, 2 Schmiede, 2 Ziegler, 4 Schneider, 14 Leineweber, 1 Wirt, 2 Branntweinbrenner, 1 Bender, 8 Tagelöhner, 7 Handelsjuden.
  • 1750: 63 Wohnhäuser mit 350 Einwohnern.
  • 1834: 535, 1885: 518 Einwohner.
  • 1838 (Familien): 31 Ackerbau, 36 Gewerbe, 67 Tagelöhner.
  • 1861: 488 evangelisch-reformierte, 7 Mitglieder abweichender Sekten, 32 Juden.
  • 1885: 518, davon 479 evangelisch (= 92.47 %), 1 katholisch (= 0.19 %), 5 andere Christen (= 0.97 %), 33 Juden (= 6.37 %)
  • 1925: 577, 1939: 659, 1950: 942, 1961: 769 Einwohner.
  • 1961 (Erwerbspersonen): 173 Land- und Forstwirtschaft, 112 produzierendes Gewerbe, 33 Handel und Verkehr, 41 Dienstleistungen und Sonstiges.
  • 1961: 769, davon 733 evangelisch (= 95.32 %), 23 katholisch (= 2.99 %)

Diagramme:

Ottrau: Einwohnerzahlen 1834-1967

Datenquelle: Historisches Gemeindeverzeichnis für Hessen: 1. Die Bevölkerung der Gemeinden 1834-1967.
Wiesbaden : Hessisches Statistisches Landesamt, 1968.

Verfassung

Verwaltungsbezirk:

  • 9. Jahrhundert: Hessengau (vgl. Namensformen)
  • 1343 und später: Gericht Ottrau
  • 1585 und später: Gericht Ottrau im Amt Neukirchen
  • 1807-1813: Königreich Westfalen, Departement der Werra, Distrikt Hersfeld, Kanton Oberaula
  • 1814-1821: Kurfürstentum Hessen, Grafschaft Ziegenhain, Amt Neukirchen
  • 1821: Kurfürstentum Hessen, Provinz Oberhessen, Kreis Ziegenhain
  • 1848: Kurfürstentum Hessen, Bezirk Fritzlar
  • 1851: Kurfürstentum Hessen, Provinz Oberhessen, Landkreis Ziegenhain
  • 1867: Königreich Preußen, Provinz Hessen-Nassau, Regierungsbezirk Kassel, Landkreis Ziegenhain
  • 1945: Groß-Hessen, Regierungsbezirk Kassel, Kreis Ziegenhain
  • 1946: Land Hessen, Regierungsbezirk Kassel, Kreis Ziegenhain
  • 1974: Land Hessen, Regierungsbezirk Kassel, Schwalm-Eder-Kreis

Altkreis:

Ziegenhain

Gericht:

  • a) Gericht Ottrau:
  • Gerichtherrschaft auf der Grundherrschaft des Kloster Hersfeld erwachsen.
  • 1343 wird den von Rückershausen 1 Drittel des Gerichts Ottrau vom hersfeldischen Manngericht zuerkannt. Lehnsverhältnis aber wohl schon 1302 bestehend (Brauer, Ziegenhain, S. 78).
  • Seit 1366 ist das gesamte Gericht Ottrau hersfeldisches Mannlehen der beiden Linien von Rückershausen. Es wird zeitweise ganerbschaftlich, zeitweise auch in getrennten Hälften verwaltet.
  • 1551 stirbt mit Helwig von Rückershausen eine der beiden Linien aus.
  • 1552 erreicht Hartmann Schleier als dessen Schwiegersohn von Hersfeld die Belehnung mit der bisherigen Hälfte des Helwig von Rückershausen.
  • Als 1576 die andere Linie der von Rückershausen ausstirbt, werden Dorothea, die Tochter des letzten von Rückershausen, und ihre männlichen Nachkommen (von Schwertzell) belehnt.
  • 1606 verkauft Christian Schleier seine Gerichthälfte an die Landgrafen. Bis dahin wurde die Gerichtsbarkeit von den Schultheißen der Schleier und von Schwertzell gemeinsam ausgeübt.
  • Seit 1606 wird zunächst der bisherige Schultheiß der Schleier vom Landgraf mit der Weiterführung seiner Funktion in hessischen Diensten betraut, seit 1632 wird das Amt in Personalunion vom Schultheißen des Amtes Neukirchen versehen.
  • Das Gericht Ottrau war von 12 Schöffen besetzt (4 aus Ottrau, 2 aus Kleinropperhausen, 6 aus Berfa und [Wüstung] Sachsenhausen).
  • Den Vorsitz im Gericht führte bis 1632 abwechselnd der Schultheiß der von Schwertzell und der der Schleier (seit 1606 in landgräflichen Diensten), seit 1632 allein der landgräfliche Schultheiß.
  • Die Kompetenz des Gerichts umfasste offenbar bis um 1580 die hohe und niedere Gerichtsbarkeit (Blutgerichtsbarkeit durch die Junker 1569 letztmals belegt). Seit dieser Zeit übten die Gerichtsjunker nur noch die Patrimonialgerichtsbarkeit, die Landgrafen die Blutgerichtsbarkeit aus.
  • b) Spätere Gerichtszugehörigkeit von Ottrau:
  • 1822: Justizamt Neukirchen.
  • Seit 1867: Amtsgericht Neukirchen.

Gemeindeentwicklung:

1928: Eingemeindung von Teilen der aufgelösten Gutsbezirke Forst Immichenhain und Ottrau.

Am 01.04.1972 schloss sich die Gemeinde Ottrau im Zuge der hessischen Gebietsreform mit den umliegenden Gemeinden Görzhain, Immichenhain, Kleinropperhausen, Schorbach und Weißenborn zu einer neuen (Groß-)Gemeinde Ottrau zusammen, deren Gemeindeverwaltungssitz in Ottrau verblieb. Zu deren weiterer Entwicklung s. Ottrau, Gemeinde. Sitz der Gemeindeverwaltung ist Ottrau.

Besitz

Grundherrschaft und Grundbesitzer:

  • Vor der Erhebung Kloster Hersfelds zum Reichskloster (775) erhält dieses von liberi homines insgesamt 18 Hufen und 18 Mansen in den Orten Kirchheim (Altkreis Hersfeld), Lispenhausen (Altkreis Rotenburg) [fälschlich Historisches Ortslexikon Ziegenhain, S. 145: Lautenhausen], Ottrau und (Wüstung) Grenf (beide Altkreis Ziegenhain).
  • Später ist Ottrau Mittelpunkt einer hersfeldischen Grundherrschaft (siehe Mittelpunktfunktionen).
  • 1302 verkauft Antonia, Witwe Dietmars von Cruspen, Kloster Immichenhain Güter in Ottrau und (Wüstung) Runderode (Rommerode).
  • 1350 erwirbt das Kloster das Gut der Kalkburner zu Ottrau.
  • 1364/67 verpfändet Kloster Hersfeld als Teil der klösterlichen Grundherrschaft Einkünfte von 8 Gütern in Ottrau dem Kloster Immichenhain.
  • 1388 verpfänden die von Gleimenhain dem Kloster ihre Güter zu Ottrau.
  • Mit dem Aussterben der beiden Linien der von Rückershausen in Ottrau gelangen deren Vorwerke bzw. adlige Burgsitze an die Schleier bzw. Schwertzell (vgl. Gericht):
  • Mit dem Hof Herwigs von Rückershausen sind 1551-1608 die Schleier belehnt; danach herrschaftlich-landgräfliche Domäne, die 1750 aus Haus, Scheuer und Stallung mit 145 Kasseler Acker Land, 93 Acker Wiesen und 1 Acker Gartenland sowie einer Ziegelhütte besteht. 1785-1851: herrschaftliches Erbleihegut, danach in 2 freie Bauerngüter umgewandelt.
  • Der 1576 an die Schwertzell gefallene Hof der von Rückershausen bestand 1750 aus einem adligen Burgsitz nebst Meierei und umfaßte damals ca. 111 Kasseler Acker Land, 60 Acker Wiesen, 5 Acker Gartenland und 957 Acker Wald. 1895 umfaßte dieses sogenannte Rittergut der von Schwertzell zu Ottrau. 51 Hektar Ackerland, 15 Hektar Wiesen, 1 Hektar Hute.

Zehntverhältnisse:

1057 verzichtet der Mainzer Erzbischof zugunsten des Abts von Hersfeld auf die von der Mainzer Kirche geforderten Sendabgaben von den Zehnten u.a. in Ottrau.

Kirche und Religion

Ortskirchen:

  • aecclesia 1057
  • Pfarr- und Archipresbyteratskirche, die infolge ihrer Mittelpunktfunktion vielleicht älter ist als das im Erzpriestersprengel gelegene Kloster Hersfeld (Classen S. 221 f.).

Pfarrzugehörigkeit:

Seit Mitte 13. Jahrhundert ist der Sitz der Pfarrei in Neukirchen, das auf Dauer die Nachfolge von Ottrau antrat.

Nach der Reformation wird in Ottrau eine neue Pfarrei für das zum Gericht Ottrau gehörige Gebiet errichtet;

Pfarrei 1535 erstmals erwähnt (Hütteroth S. 531).

Eingepfarrt 1569: Filiale Görzhain und Filiale Berfa.

1579 konnten sich die Einwohner von Görzhain wahlweise auch nach Oberaula wenden.

1585 ist Görzhain als Pfarrei bezeichnet (Zimmermann II, S. 97).

Neben Berfa ist 1747 auch Kleinropperhausen bei Ottrau eingepfarrt.

Berfa 1837 gegen Görzhain als Kirchgemeinde ausgetauscht.

Patronat:

Den Patronat der alten Pfarrkirche von Ottrau hatte 1057 und später Kloster Hersfeld.

Den Patronat der nachreformatorischen, neu gegründete Pfarrei besaßen als hersfeldisches Lehen 1580 die von Rückershausen und die Schleier, später die Schleier und die Schwertzell.

Bekenntniswechsel:

Erster evangelischer Pfarrer: Valentinus [Nachname unbekannt] ca. 1535

Reformierter Bekenntniswechsel: 1607

Kirchliche Mittelbehörden:

15. Jahrhundert: Archipresbyterat Ottrau im Archidiakonat St. Peter zu Fritzlar.

Juden:

Provinzial-Rabbinat Marburg

1662: Erste Erwähnung eines Juden.

1744: 8 Familien.

1750: 7 Handelsjuden.

1835: 52; 1861: 32 Juden; 1905: 32; 1932/33: 17 Juden (5 Familien)

Als Berufe 1824 Vieh- und Kleinhandel sowie Schlachterei angegeben.

Kleines Synagogengebäude, 1938 nicht zerstört, später wurde das Gebäude verkauft. Nach 1945 abgerissen.

Die Toten wurden auf dem jüdischen Friedhof in Oberaula bestattet.

Wirtschaft

Mittelpunktfunktion:

a) Hersfeldische Grundherrschaft Ottrau:

1364/67 umfasst die hersfeldische Grundherrschaft zu Ottrau Besitz und Einkünfte in den Orten Ottrau, Riebelsdorf, Nausis, (Wüstung) Sachsenhausen. Kleinropperhausen, (Wüstung) Rommerode, Niederberf (Gülte zum Sebbel, Brauer, Ziegenhain, S. 129).

b) Gericht Ottrau:

Das Gericht Ottrau umfasste 1569: Ottrau, Berfa, Kleinfopperhausen, Konrode (zum Teil); 1579 auch die Wüstung Sachsenhausen und Rommerode.

c) Archipresbyterat Ottrau:

Zum Archipresbyterat Ottrau zählten im 15. und beginnenden 16. Jahrhundert die Pfarrkirchen von Asbach, Frielingen (nur 1518 und 1521 bezeugt), Hersfeld, Kirchheim, Niederaula, Obergeis (alle Altkreis Hersfeld), Eudorf (Altkreis Alsfeld) sowie Ottrau, Schönberg und Schrecksbach.

Nachweise

Literatur:

Zitierweise
„Ottrau, Schwalm-Eder-Kreis“, in: Historisches Ortslexikon <https://www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/ol/id/4696> (Stand: 16.10.2018)
 
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